Eigentlich wollte Bernhard Paul vor 50 Jahren nur einen kleinen Wanderzirkus gründen. Ausbrechen aus dem bürgerlichen Bürojob als Werbegrafiker und einfach gemütlich durch die österreichischen Urlaubsorte tingeln. Heute ist der 79-Jährige Herr über ein logistisches Großprojekt mit bis zu 1.000 Mitarbeiter*innen im Roncalli-Imperium, von denen rund 100 mit auf Tournee sind. Denn seit der Premiere am 18. Mai 1976 ist das Circus-Theater Roncalli enorm gewachsen. Und hinter der Poesie und scheinbaren Leichtigkeit, die seit 16. September das Publikum der „50 Jahre Roncalli“-Jubiläumsvorstellungen auf dem Wiener Rathausplatz verzaubern soll, steckt ein nüchterner Ablaufplan.
Es sind beeindruckende Zahlen: 107 Zirkuswagen aus dem vorigen Jahrhundert sind auf einem 1,1 Kilometer langen Sonderzug mit 52 Waggons nach Wien angereist. Die 1.800 Tonnen Material umfassen neben Wohn- und Materialwagen auch ein Karussell, ein Riesenrad, natürlich das Zelt samt Drumherum, 4,5 Kilometer Kabel, 5 Kilometer Wasserschläuche und 10.000 LED-Lampen.
„Zuhause ist dort, wo die Blumenvase steht“
„Wir sind ja sozusagen eine Stadt auf Rädern“, sagt Roncalli-Geschäftsführer Patrick Philadelphia. Eine Stadt, die anlässlich des runden Jubiläums von einem ganz besonderen Zugfahrzeug gezogen wird: der elektrischen Zippo-Lok, die nach jenem Clown benannt ist, in dessen Rolle Bernhard Paul seit 50 Jahren in der Manege schlüpft. Allerdings nicht mehr jeden Tag, sondern nur noch dann, wenn er Lust dazu hat. Diese Freiheit kann er sich herausnehmen, der gebürtige Lilienfelder, der nicht in Österreich erfolgreich geworden ist, sondern in Deutschland. Der Lebensmittelpunkt des Circus Roncalli liegt in Köln – wenn man diesen Begriff überhaupt verwenden kann bei einem Unternehmen, das die meiste Zeit des Jahres irgendwo unterwegs ist. „Zuhause ist dort, wo die Blumenvase steht“, hat Bernhard Paul einmal gesagt.
Diese Vase steht zwar jetzt für knapp vier Wochen in Wien, wird dann aber wieder weiterziehen. Und zwar auf der Schiene, weil das zwar nicht billiger ist als ein Lkw-Konvoi, aber besser fürs Klima, bequemer und auch sicherer. „Es ist schon sehr viel Geld, das wir dafür aufbringen müssen“, sagt Patrick Philadelphia. Aber dafür hat man immer alles beisammen und erspart sich eine über Hunderte Kilometer verteilte Kolonne von Lastwagen, die das Risiko birgt, dass ein Fahrzeug mit einem unersetzlichen Bauteil liegen bleiben könnte. Freilich birgt die Nutzung des Schienennetzes andere Herausforderungen: Strecken müssen bestellt, Zeitfenster koordiniert und Baustellen beachtet werden. Nicht ohne Grund ist insbesondere die Deutsche Bahn für ihre Unpünktlichkeit berüchtigt – und Züge abseits des regulären Personenverkehrs haben es noch einmal schwerer.
Ein Leben im Zirkus ist eben das, was wir wollen und was wir uns auch wünschen und was auch immer Spaß macht.
Der letzte Zirkus auf Schienen
Und trotzdem ist Roncalli laut eigenen Angaben der letzte Zirkus der Welt, der fast ausschließlich mit der Bahn fährt. So, wie man es aus alten Zirkusfilmen kennt. Und so treffen 120 Jahre alte Holzwagen auf moderne Technik des 21. Jahrhunderts.
Schon 1976 griffen Bernhard Paul und sein Compagnon André Heller auf Bilder des Zirkus zwischen der Jahrhundertwende und den 1930er-Jahren zurück. Die vermeintlich alte Optik wurde jedoch mit moderner Bühnentechnik verbunden. Bernhard Paul, selbst gelernter Hoch- und Tiefbauer und Spross einer Handwerkerfamilie, engagierte einen Beleuchter der Royal Shakespeare Company, entwickelte technische Konstruktionen weiter und sorgte dafür, dass das Zelt nicht wie eine ausgeleuchtete Baustelle wirkte. Was später selbstverständlich erschien, galt 1976 als Revolution.
Gleichzeitig sollte Roncalli so aussehen, als hätte es diesen Zirkus schon immer gegeben. Dazu gehörte auch ein klingender, möglichst italienischer Name – den sie bei Peter Hajek fanden, der ein Drehbuch „Sarah Roncalli, Tochter des Mondes“ betitelt hatte. Dass der 1963 verstorbene Papst Johannes XXIII. mit bürgerlichem Namen Angelo Giuseppe Roncalli geheißen hatte, kam den beiden Zirkusgründern nur recht. Raiffeisen fand das allerdings weniger lustig und sprang als Sponsor ab.
„Wir hatten kein Geld und aus nichts einen Zirkus gemacht“
Es war eine wilde Zeit zu Beginn, aber auch eine, in der oft aus der Not eine Tugend gemacht wurde. „Wir hatten hinten und vorne kein Geld und aus nichts einen Zirkus gemacht“, erinnerte sich Bernhard Paul später. Genau aus dieser Not heraus wurde der Zirkus neu gedacht. So verzichtete Roncalli weitgehend auf Tiere, zumal auf Wildtiere (die 2005, also Jahrzehnte später, in Österreich in der Manege verboten wurden). Im Rückblick war es visionär, nicht bloß eine exotische Nummer hinter die andere zu setzen, „bei der die Scheinwerfer gedimmt werden, wenn der Löwe durch den brennenden Reifen springt“, wie es Bernhard Paul einmal formuliert hat, sondern etwas völlig Neues zu schaffen: eben ein echtes Zirkus-Theater. Damit wurde Roncalli zum Vorbild für andere Projekte wie etwa den weltberühmten Cirque du Soleil (gegründet 1984).
Und so wurden auch nicht zwangsläufig Künstler*innen aus bekannten Zirkusdynastien engagiert, sondern er ließ neue Formen in der Manege zu und kombinierte alte Clownstraditionen mit zeitgenössischer Artistik. Ein Beatboxer konnte in diese Welt ebenso passen wie ein Clown, der ursprünglich aus dem Maschinenbau kam. Entscheidend war nicht die Herkunft einer Nummer, sondern ob sie sich in Roncallis Kosmos verwandeln ließ.
Nicht kompatibel waren die beiden Gründer: Bernhard Paul und André Heller gingen nach nur wenigen Monaten getrennte Wege und führten danach sogar einen Rechtsstreit. Doch ihre gemeinsame Idee wurde in den vergangenen 50 Jahren stetig weiterentwickelt.
Der Zirkus als historischer Bote der Moderne
Für Bernhard Paul bedeutete die nostalgische Oberfläche dabei nie, dass sein Zirkus selbst ebenfalls in der Vergangenheit leben sollte. Schließlich war für ihn gerade der Zirkus seit jeher ein historischer Bote der Moderne: Elektrisches Licht, Reklameformen und andere technische Sensationen wurden oft zuerst in der Manege oder auf dem Zirkusplatz einem großen Publikum präsentiert. Auch viele Stars des frühen Kinos kamen aus dem Zirkus. Roncalli setzt diesen Gedanken fort. Und der Erfolg gibt dem Gründer recht.
Das Jubiläumsprogramm zum 50-jährigen Bestehen soll die Geschichte Roncallis zeigen, aber keine reine Rückschau sein, erläutert Patrick Philadelphia, der sich selbst als „waschechtes Zirkuskind“ bezeichnet und seit 31 Jahren bei Roncalli engagiert ist. Seine eigenen Kinder sind dort aufgewachsen und wirken ebenso wie jene von Bernhard Paul in der Manege mit. „Es ist immer ganz schwer, ein Leben ohne das Zirkusspektakel zu bestreiten“, meint der Geschäftsführer. „Ein Leben im Zirkus ist eben das, was wir wollen und was wir uns auch wünschen und was auch immer Spaß macht.“
Neben dem Blick zurück gibt es auch einen in die Zukunft. Diese werden vermehrt Vivian, Lilli und Adrian Paul bestreiten, denn der Zirkusgründer übergibt die Zügel immer mehr an die nächste Generation. Wie stark sich Roncalli dabei verändern wird, bleibt offen. Wahrscheinlich wird das Circus-Theater nach außen hin aussehen wie immer – und doch weiter mit der Zeit gehen. Ganz zurückziehen wird sich Bernhard Paul aber sicher nicht. Zumindest seine Lebensrolle als Zippo wird er noch öfter ausleben. Denn: „Ein Zirkus ohne Clowns ist möglich, aber sinnlos.“
Der Roncalli-Circus verbindet seit 50 Jahren nostalgische Zirkusästhetik mit moderner Technik und einem zeitgemäßen Blick auf Nachhaltigkeit. Zum Jubiläum gastiert das Circus-Theater noch bis 11. Oktober 2026 auf dem Wiener Rathausplatz.


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