Es ist der bereits fünfte Kabarettpreis innerhalb von fünf Jahren für Chrissi Buchmasser: Nach dem Publikumspreis beim Grazer Kleinkunstvogel (2021), dem zweiten Platz bei der Ennser Kleinkunstkartoffel (2022) und dem Jurypreis sowie dem Publikumspreis beim Freistädter Frischling (2023) gewinnt die Steirerin mit ihrem aktuellen Programm „Zugzwang“ nun den Förderpreis beim Österreichischen Kabarettpreis 2026.
Im Gespräch mit funk tank spricht Chrissi Buchmasser, die 1989 in Straden geboren wurde und heute mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Graz lebt, über ihre Anfänge als Kabarettistin, ihre ersten zwei Programme und die Unterschiede, die auf der Bühne noch immer zwischen den Geschlechtern gemacht werden.
Chrissi Buchmasser: Ich kann bis heute nicht genau sagen, was mich da geritten hat. Aber ich hatte ganz lang im Hinterkopf die Idee, einmal Kabarett auszuprobieren. Irgendwann hab ich mir dann gedacht: In Graz gibt es den Kleinkunstvogel und ich schreib doch gern, vielleicht könnte das was sein. Ich hatte aber keinerlei Bühnenerfahrung – außer hobbymäßig bei der Blasmusik.
Ja, und das war wohl ausschlaggebend. Ich habe auch im Fernsehen sehr intensiv Comedy-Formate angeschaut und zum Beispiel bei „Was gibt es Neues?“ in der TVthek auf Pause gedrückt und überlegt, was für lustige Sager mir einfallen würden. Dann habe ich all meinen Mut zusammengenommen und mich für 2021 beim Grazer Kleinkunstvogel angemeldet. Da kann jede*r mitmachen. Die Anmeldung war im Dezember 2020.
Genau. Und dann ist das zweimal wegen Corona verschoben worden. Das Lustige dabei war: Bei der Anmeldung war ich noch nicht einmal schwanger, aber als dann der Bewerb im Oktober 2021 stattgefunden hat, war das Baby schon da. Ich war also mit meinem ersten Kind gleichzeitig schwanger wie mit meinem Kabarettstart. Und bis einen Tag vor dem Auftritt war gar nicht sicher, ob das funktioniert mit dem zwei Monate alten Baby. Aber es hat ganz gut hingehaut. Ich glaube, die ganze Situation rundherum hat mir eine gewisse Leichtigkeit gegeben, weil dieses Debüt nicht das Ärgste war, was mir in dem Jahr passiert ist.
Ja. Da ist es um das Baby und meine neue Mutterrolle gegangen, dazu ein paar gesellschaftskritische Sachen. Beim Kleinkunstvogel braucht man ja eine Viertelstunde Programm. Ich habe damit den Publikumspreis gewonnen – und die Siegprämie war, dass ich im Grazer Theatercafé ein abendfülliges Programm aufführen durfte.
Das hat ein gutes Jahr gedauert. In dieser Zeit hab ich sehr viele Mixed Shows gespielt, da zehn Minuten, dort zehn Minuten und immer etwas anderes ausprobiert. Aus diesen Nummern hab ich dann das Programm zusammengestellt. Die Karenz war da ein Vorteil, weil ich mir die Zeit gut einteilen konnte. Und ich habe das Glück, dass auch mein Mann recht flexible Arbeitszeiten hat. Dadurch ist es leichter, wenn ich einmal am Abend weg bin oder mich zum Schreiben hinsetze.
Nach den zwei Jahren Karenz – damals ist „Braves Kind“ schon ein Jahr gelaufen – bin ich dann vor der Entscheidung gestanden: Gehe ich zurück in meinen Bürojob oder starte ich voll als Kabarettistin durch?
Ja, weil es sich gut entwickelt hat. Zeitlich und finanziell war es dann schon wie ein kleiner Teilzeitjob und im Büro hätte ich auch nicht mehr gemacht. Gleichzeitig hab ich gewusst: Wenn ich zurück ins Büro gehe, dann kann ich das Kabarett nicht in der Intensität weitermachen zusätzlich zum Kind. Da hätte mir einfach die Energie dafür gefehlt. So funktioniert es jetzt gut, weil wir uns die Kinderbetreuung gut aufteilen können.
Es ist halt eine ständige Abstimmung. Ich war aber auch schon einmal länger in Tirol, da war meine Oma mit dem Baby mit. Und das war schon cool. Da sind wir für drei Tage mit dem Zug hingefahren und während des Auftritts hat die Oma aufs Kind aufgepasst. Es ist echt ein Teamprojekt. Schwieriger finde ich das Fokussieren zwischen Kindern und Arbeit.
Genau. Wobei das auf der Bühne weniger ein Problem ist. Aber wenn ich daheim eigentlich schreiben sollte, fallen mir alle möglichen Sachen ein: Arzttermine, die ich ausmachen muss, oder Dinge, die ich für den Kindergarten besorgen muss. Und wenn ich bei den Kindern bin, denke ich wiederum oft über neue Gags nach.
Ich glaube nicht, dass Kinder kriegen oder Kinder haben ein Grund für wenige Frauen im Kabarett ist. Ich glaube, das liegt eher daran, dass es lange keine Vorbilder gegeben hat. Bei mir war es tatsächlich so, dass ich lange gedacht hab: Als Kabarettist*in musst du so ein*e grantige*r Wiener Künstler*in sein, jemand, der ein Sakko trägt und im Kaffeehaus seine Texte in ein Notizbuch schreibt. Das war ganz weit weg von meiner Welt. Aber irgendwann hab ich dann mehr Frauen auf der Bühne gesehen und das hat mich bestärkt.
Was mir auch auffällt: Ich habe früher kaum je einen männlichen Kabarettisten über seine Kinder reden gehört. Die Kollegen in meiner Altersgruppe machen das jetzt schon zum Thema, sodass man merkt, dass sie das beschäftigt.
Das ist ein wichtiger Punkt. Es ist ja in anderen Bereichen genauso. Als Jugendliche bin ich auf Konzerte gegangen, da haben Mädchen im Publikum Burschen auf der Bühne zugejubelt. Oder schau dir den Sport an. Das hat sich einfach historisch so entwickelt, dass Frauen Männern zuschauen. Ich bin sehr froh, dass sich das jetzt langsam anders entwickelt.
Aber was ich schon merke, und da geht es vielen Kolleginnen ähnlich: Wenn du als Frau auf der Bühne lustig sein willst, dauert es länger, bis die Leute akzeptieren, dass das Absicht ist und nicht versehentlich passiert. Und ich lese oft auf Facebook Kommentare wie: „Die mag ich nicht, die ist so laut und schrill.“ Und mich reden nach Auftritten öfter einmal Frauen mittleren Alters an und sagen mir: „Das hat mir gefallen. Das war so angenehm, weil du bist nicht so schrill.“
Offenbar sind wir nur lustige Männer gewohnt, aber keine lustigen Frauen. Wenn eine Frau auf der Bühne etwas sagt, was objektiv lustig ist, dann kriegt sie nicht denselben Applaus wie ein Mann.
Das ist auch so eine Sache. Es wird oft gesagt: „Frauen haben so einen derben Humor.“ Aber Humor lebt ja von einem gewissen Bruch. Und wie willst du den erzeugen, wenn du dich brav und lieb gibst? Männer gehen da manchmal ins Tollpatschige, „Unmännliche“.
In meinem ersten Programm hab ich auch über Schwangerschaft und Menstruation geredet. Ein Kritiker hat dann sowas geschrieben wie: „Manchmal geht es in Richtung too much information.“ Das hat halt ein Mann geschrieben, der offenbar nicht gewohnt ist, dass über diese Dinge geredet wird – schon gar nicht von einer Frau.
Wenn du als Frau auf der Bühne lustig sein willst, dauert es länger, bis die Leute akzeptieren, dass das Absicht ist und nicht versehentlich passiert.
Natürlich tausche ich manches aus, das nicht so gut funktioniert oder wo mir was Besseres einfällt. Und ich habe auch Dinge wieder weggelassen, bei denen ich gemerkt habe, dass sie nicht so zu mir passen. Am Anfang sammelst du ja einmal alles Mögliche zusammen, was witzig sein könnte. Aber dann musst du deinen persönlichen Stil finden. Am Anfang fühlt sich alles ein bissl komisch und gestellt an – weil es ja auch gestellt ist.
Es ist ein spannender Prozess, wenn du dann mit der Zeit merkst: Was bist echt du, was spricht echt aus dir? Und wo hast du geglaubt, dass du es sagen könntest? Das sind dann Nummern, die ein*e andere*r Kabarettist*in super machen könnte, aber das bin nicht ich.
„Braves Kind“ war so das erste Ausschütten von allem, was ich einmal gesagt haben wollte in dieser Phase meines Lebens. Ich habe sehr stark ausprobiert in alle Richtungen. Und es war sehr feministisch und gesellschaftskritisch und politisch.
Bei „Zugzwang“ habe ich die Erfahrungen aus dem ersten Programm so einbauen können, dass dieses zweite Programm genau so ist, wie ich es haben will. Es passt jetzt genau zu mir. Ich wollte nicht die Message verlieren, aber es ist insgesamt ein bissl leichtfüßiger. Die kritischen Sachen sind etwas besser verpackt. Und es ist abwechslungsreicher. Das hab ich vom ersten Programm mitgenommen. Ich wollte, dass im zweiten Programm voll viel passiert.
Das ist eine tolle Frage (lacht). Das werde ich mir bis Februar 2028 überlegen. Ich bin auf dem Stand, dass wir ungefähr wissen, wann Premiere sein soll. Da ist alles, was bis jetzt fürs dritte Programm existiert.
Der Österreichische Kabarettpreis wird seit 1999 vergeben. Ins Leben gerufen hat ihn Wolfgang Gratzl, der damalige Leiter der Wiener Kleinkunstbühne Vindobona. 2010 übernahm ein eigens gegründeter Verein unter dem Vorsitz der Kabarett-Agenturchefin Julia Sobieszek die Verantwortung für den Preis, der mittlerweile in sechs Kategorien vergeben wird:
- Der Hauptpreis geht an herausragende Künstler*innen.
- Der Förderpreis ist Nachwuchstalenten gewidmet.
- Der Programmpreis wird unter allen Kabarettist*innen vergeben, die in den vergangenen zwölf Monaten ein neues Programm auf die Bühne gebracht haben.
- Der Sonderpreis ist eine Art Würdigung des Lebenswerks: Die Jury widmet ihn Personen oder Institutionen, die sich besonders um das Kabarett im deutschsprachigen Raum verdient gemacht haben.
- Mit dem Fernsehpreis zeichnet das Publikum in einem öffentlichen Voting die beliebteste Satire-/Comedy-/Kabarettshow im deutschsprachigen TV aus – Streaming-Formate eingeschlossen.
- Mit dem Online-Preis würdigt das Publikum die beliebtesten Content-Creator im deutschsprachigen Raum.
Die ersten vier Preisträger*innen bestimmt eine Fachjury aus rund einem Dutzend Kulturjournalist*innen gemeinsam mit zwei Bühnenbetreiber*innen als Gastjuror*innen.
Heuer geht der Förderpreis an Chrissi Buchmasser („Zugzwang“), der Programmpreis an David Scheid („The Kabarettist“), den Hauptpreis bekommt Severin Groebner („Ich bin das Volk!“). Der Sonderpreis für besondere Verdienste um den Humor im deutschsprachigen Kabarett erhält ein ganz besonderes Duo: Robert Steiner und die Radio-Ratte Rolf Rüdiger (gespielt und gesprochen von Stefan Gaugusch). Bis zur Verleihungsgala am 13. Oktober im Globe Wien werden im August die Sieger*innen der Publikumspreise via Online-Voting gekürt. Mehr dazu auf www.kabarettpreis.at


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