Severin Groebner blickt in „Ich bin das Volk!“ mit gewohnt scharfem Humor auf eine Gegenwart, die ihm manchmal wie eine schlechte Neuauflage einer alten Serie erscheint. Der Kabarettist beschäftigt sich darin mit politischen Stimmungen, gesellschaftlichen Veränderungen und der Frage, wer eigentlich für „das Volk“ sprechen darf. Im funk tank-Interview erzählt Groebner von seinem Programm, biografischen Katastrophen und den Widersprüchen des Lebens.
Severin Groebner: Ich hab im Jahr 2025, als ich das Programm geschrieben habe und Premiere hatte, mein 30-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. 1995 bin ich zum ersten Mal auf einer echten Kabarettbühne gestanden. Im Wiener Kabarett Niedermair natürlich. Normalerweise sollte ich zu so einem Anlass ein Best-of-Programm machen, das ... in Wahrheit niemanden interessiert. Nicht einmal – und das war ausschlaggebend – mich selbst. Das war mir einfach zu langweilig. Deshalb hab ich ein Programm gemacht, bei dem ich lauter Dinge mache, die ich immer schon auf einer Bühne machen wollte. Und die teilweise auch ein bisschen – von den ungeschriebenen Gesetzen der Kleinkunst – „verboten“ sind. Also zum Beispiel: den Text ablesen, sich selbst applaudieren, im Bademantel auf die Bühne (Das durfte nur Udo Jürgens).
Ich war einfach neugierig, ob man das nicht machen kann, und zwar so, dass es trotzdem als Abend funktioniert. Dazu wollte ich immer schon mal einen einzigen Charakter einen Abend lang durchspielen und ein Manifest verfassen. Und tja, plötzlich hat das alles zusammengepasst.
Ich wollte das einfach mal alles loswerden. Und zwar so, dass es einfach und verständlich ist. Und das wollte ich auch schon immer mal: die Perspektive wechseln. Also in eine Figur schlüpfen, die nicht auf der politischen Seite steht, auf der ich mich verorte. Nur ab und zu durchzuckt diese Person ja zwischendurch die Erkenntnis, dass das ein Blödsinn ist, was sie da redet. Aber wie das so ist mit den Momenten der Wahrheit: Es sind eben nur Momente. Genau da, glaub ich, treff ich die Menschen im Publikum am meisten. Bei den Widersprüchen. Wir sind ja alle gebaut aus Widersprüchen.
Wenn man ihnen nicht ständig widerspricht und sagt: „Das ist falsch! Das stimmt nicht! Du hast überhaupt keine Ahnung, wovon du redest!“. Dann schon. Und dieses ständige Widersprechen ist ja anstrengend. Es geht eigentlich darum, wer länger durchhält.
Am wichtigsten ist es, den Humor zu behalten.
Willkommen im Club! Anders gesagt, mich hat auch interessiert: Wie ticken eigentlich all die alten weißen Männer, die überraschenderweise so alt sind wie ich, eine ähnliche Hautfarbe haben und auch ein ganz ähnliches Geschlecht? Sind die von Grund auf „böse“? Oder sind die nur gnadenlos enttäuscht? Traurig? Zynisch? Und ist Zynismus nicht nur die böse Maske des frustrierten, naiven Romantikers?
Naja, so halt: Tik tok tik tok tik tok. Wobei man aber nicht weiß, ob wie Uhren, die die Zeit messen? Oder wie Zeitbomben?
So sehr man will. Das ändert sich aber auch von Programm zu Programm. Manchmal möchte man etwas von sich erzählen, dann bietet sich das an. Ein anderes Mal geht’s um was anderes. Da ist es dann auch naheliegend, in eine, oder mehrere, Rolle(n) zu schlüpfen.
Eine dunkle Verkettung biografischer Katastrophen. Einerseits. Andererseits war es anfangs für mich schwierig, mit dem Zeug, was ich mache, in Österreich ausreichend Auftritte zu bekommen, damit ich davon leben kann. Da war es dann logisch zu versuchen, das Spielfeld (die steirische Grenzstadt ist nicht gemeint) bei erster Gelegenheit zu vergrößern. Die Gelegenheit hatte ich und habe sie genutzt. Der Rest ist … eine dunkle Verkettung biografischer Katastrophen.
Aber wie das so ist mit den Momenten der Wahrheit: Es sind eben nur Momente.
Irgendein schlauer Mensch hat mal gesagt: „Die Leute sind überall dieselben, nur die Landschaft ändert sich.“ Ich würde ergänzen: Und die Architektur. Und die Küche. Und der Dialekt. Und die Vegetation. Und die Religion. Und das Klima. Überhaupt alles! Aber die Leute … nicht so sehr.
Schöner. Eindeutig. Und bevor es zu schön wird, fahr ich dann wieder hierher, um mir von der herrschenden Realität den Kopf geraderichten zu lassen. Was aber wirklich bemerkenswert ist, wenn ich in Österreich bin: Wie schön Deutschland plötzlich wird!
Nein. Bleibt so. Anders würde das gar nicht funktionieren. Allein schon aus dem Grund, dass ich überhaupt kein Hessisch kann.
Ja, bitte. Allein deshalb, weil es „den“ deutschen Humor gar nicht gibt. Das Land ist zu groß und mentalitätsmäßig zu zerklüftet und kleinteilig, als dass man hier alle über einen Kamm scheren könnte. Und dass die Deutschen, die uns vom Schmäh her am ähnlichsten sind, die Bayerinnen und Bayern (also die Alt-Bayerinnen und Alt-Bayern, nicht die bayerischen Schwäbinnen und Schwaben oder gar die Fränkinnen und Franken) sind, ist jetzt auch nicht wirklich so eine Überraschung. Wohnen ja gleich nebenan.
Das einzige, was ich ändere, sind die Namen der Fußballklubs, die im Text vorkommen. Womit, glaube ich, die Frage beantwortet wäre. Sagen wir so: Als Österreicher, der den Aufstieg (und Abstieg und Wiederaufstieg und Wiederabstieg und Wiederwiederaufstieg) der FPÖ seit 1986 miterleben durfte, hab ich den Deutschen gegenüber einen Erfahrungsvorsprung. Für die ist das alles neu, ich kenn das schon. Ich hab vielmehr ständig das Gefühl, als wäre ich in einem schlechten Remake einer Serie gefangen, die ich schon im Original überhaupt nicht mochte.
Ich mach keine Witze über die Deutsche Bahn, weil das endloses Drama ist. Und ich bin Teil davon. Verspätung von 137 Minuten? Ich sitz mittendrin. Wagen 23, Sitz 69. Im Ruhebereich. Können Sie lesen? „Ruhebereich“ steht da! Also stecken Sie sich Ihre Bluetooth-Box in den … Ja, ich fahr mit der Bahn. Immer.
Ins Regal. Gut sichtbar für mich, um jeden Tag daran vorbeizugehen und dadurch an den sich langsam in mir aufbäumenden Ansprüchen innerlich zu zerbrechen.
Apropos zerbrechen: Den letzten Preis hat meine damalige Freundin – unabsichtlich – kaputt gemacht. Jetzt bin ich Single. Ich hoffe also, der hält länger.
Severin Groebner ist seit 1993 Kabarettist, damals tingelte er im Duo mit dem Pianisten Klaus Gröll durch Wiener Kaffeehäuser. 1995 hatte er sein erstes Engagement als Schauspieler beim „Sparverein die Unzertrennlichen“ und wurde noch im selben Jahr beim Grazer Kleinkunstvogel ausgezeichnet. Bis 1999 spielten Gröll & Groebner insgesamt vier Programme, danach stand Groebner alleine auf verschiedenen Bühnen in Österreich und Deutschland. Neben mehreren Soloprogrammen schrieb er jahrelang für die „Wiener Zeitung“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und die „taz – die tageszeitung“ und machte Radiobeiträge für WDR, BR und ORF. Anfang der 2000er Jahre zog der in Wien aufgewachsene Groebner zunächst nach München um, später nach Mainz und aktuell lebt er in Frankfurt am Main.
Der Österreichische Kabarettpreis wird seit 1999 vergeben. Von den heurigen Gewinner*innen stehen – neben Hauptpreisträger Severin Groebner – auch schon Chrissi Buchmasser (Förderpreis für „Zugzwang“), David Scheid (Programmpreis für „The Kabarettist“) und das Radio-Duo Robert Steiner & Rolf Rüdiger (gespielt von Stefan Gagausch) fest. Die Publikumspreise werden bis zur Verleihungsgala am 13. Oktober im Globe Wien online via Abstimmung auf www.kabarettpreis.at gekürt.


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