Verbissen entschlossen schaut er drein, aber zugleich doch auch ein bisschen schelmisch. Für das Pressefoto zu seinem neuen Kabarettsolo „Maximo Lieder“ hat sich Christof Spörk entsprechend in Szene gesetzt. Gleichsam selbst ein „Big Leader“ sitzt er da im weißen Uniformrock, die rechte Hand – wie weiland Napoleon persönlich – in die Knopfleiste gesteckt. Daneben prangt sein Nachname in einem Schriftzug, der sehr stark an das „SPQR“ („Senatus Populusque Romanus“) der antiken römischen Republik erinnert.
Eigentlich drückt schon dieses Pressebild so viel aus, weil Spörk hier das Konzept des „größten Führers“ gleich mehrfach bricht. Steht doch das „SPQR“ für das genaue Gegenteil, nämlich eine republikanische Demokratie (oder was man halt im Antiken Rom darunter verstand, bevor sich ein gewisser Julius Caesar zum Diktator und ersten Kaiser aufschwang) und nicht für das, was die mächtigen Männer von Donald Trump bis Viktor Orban gerne hätten. Kubas 2016 verstorbener „Máximo Líder“ Fidel Castro als Namenspate für das neue Programm ist bei Spörk aufgelegt. Schließlich hat der gebürtige Steirer, der heute im Südburgenland lebt, ein ganz besonderes Naheverhältnis zu der Karibikinsel, auf der er während seiner Studien der Politikwissenschaft seine spätere Ehefrau kennenlernte.
Im Interview spricht der Musiker und Kabarettist darüber, welche Rolle sein Blick auf den sogenannten Hinterhof der USA in seinem neuen Programm spielt. Außerdem geht es um seine Wahrnehmung von Wokeness und Rassismus sowie um den Song Contest in Kiew, bei dem er Österreich vor 21 Jahren vertreten hat.
Christof Spörk: So war es geplant. Und so ist es. Das vorige Programm „Eiertanz“ war eher wortlastig. Jetzt bin ich zu meinen Wurzeln zurückgekehrt. Und sehr glücklich damit.
Genau, damals habe ich als Journalist gekündigt und dieses Bandprojekt gegründet, zeitgleich mit „Global Kryner“. Damals ist auch das Wortspiel mit dem „Maximo Lider“ Fidel Castro auf Kuba entstanden, der da noch gelebt hat.
Man hatte damals auch schon das Gefühl, man lebt in einer Krise. Aber das ist menschlich, dass man immer dorthin schaut, wo es gefährlich werden könnte. Das, was sich seither wirklich geändert hat, ist die Schnelligkeit der Informationsweitergabe. Deshalb, glaube ich, sind wir heute noch mehr im Alarmmodus. Daran müssen wir uns wohl gewöhnen, an diesen Dauer-Alarmismus. Aber einen Dritten Weltkrieg will in Wahrheit niemand, weder Donald Trump noch Wladimir Putin.
Mich hat die Politikwissenschaft stärker geprägt, als mir lange bewusst war. Deshalb tue ich mir auch so schwer, mit gewissen rechts-, aber auch linkspopulistischen Tendenzen, wenn ich mir denke: Hallo, das haben wir doch längst ausdiskutiert. Dahin müssen wir nicht mehr zurück.
Venezuelas früherer Präsident Hugo Chávez war kein Guter, und sein Nachfolger Nicolás Maduro ist ein noch viel Schlechterer. Auch was auf Kuba passiert, ist furchtbar. Das System dort nennt sich Kommunismus, ist aber eine mafiöse Struktur, in der einige Familienclans Macht und Reichtum unter sich aufteilen. Man sieht ja, wie viele Menschen aus Kuba flüchten, die Bevölkerung ist von elf auf neun Millionen geschrumpft. Die Situation ist katastrophal, und in Venezuela ist es nicht viel besser. Insofern freut man sich, wenn sich etwas ändert. Auf der anderen Seite: Wenn jetzt der mächtigste Akteur der Welt nach Gutdünken einen Regierungschef entführen lässt, dann ist das ein Präzedenzfall, wo ich mir nicht ausrechnen will, wo es hingeht.
Ich bin damals, als Saddam gestürzt wurde, gerade von Kuba zurückgekommen, und habe mir auch gedacht: Es ist moralisch tatsächlich ein Dilemma, wenn den Menschen unter der Knute eines Militärregimes nicht geholfen wird. Da gibt es zwar viele, die sagen, die Unterdrückten müssen sich von den Unterdrückern selbst befreien. Aber wenn man sich anschaut, was jetzt im Iran passiert mit den tausenden Toten. Da ist es zynisch, zu sagen: Das geht uns nichts an. Die Frage ist natürlich immer, wer was und vor allem mit welcher Begründung macht. Wenn das ein Donald Trump ist, dessen Einwanderungsbehörde gleichzeitig eine Mutter von drei Kindern erschießt, weil sie mit dem Auto reversiert, und das mit „inländischen Terrorismus“ begründet, dann bin ich schon sehr skeptisch.
Das kann sie auch gar nicht. Allerdings muss man der EU zugestehen, dass sie das erfolgreichste politische Projekt der vergangenen Jahrzehnte ist, das zu Unrecht oft schlechtgeredet wird. Es ist nirgendwo so viel positiv weitergegangen wie im europäischen Raum. Nur sehen wir in Europa das oft nicht. In meinem Programm „Maximo Lieder“ geht es auch um den Trend zum Autoritären, den ich stark kritisiere. Die jetzige Situation lässt viele ratlos zurück. Dabei leben wir historisch nach wie vor auf dem höchsten Level. Uns geht es in Summe so gut wie keiner Generation vor uns: Wir leben so lang wie noch nie, haben ein tolles Gesundheitssystem, können uns frei bewegen und unsere Meinung frei äußern. Trotzdem kippt ein Teil unserer Gesellschaft ab, aus Panik, irgendwas zu verlieren. Da stellt sich dann schon die Frage: Was bringt eigentlich Wirtschaftswachstum, was bringt Wohlstand, wenn es beim ersten Knacksen im Gebälk eine politische Entwicklung gibt, die es früher in Zeiten gegeben hat, als es wirklich schwierig war, in den 1920ern und 1930ern? Heute hingegen ist es nicht wirklich schwierig – wir haben nur Angst, den Vorrang zu verlieren. In Europa macht man sich Sorgen, wenn wir mit sieben Prozent der Weltbevölkerung nicht mehr ein Viertel des globalen BIP generieren. Gerecht wäre die Welt, wenn in jedem Land die Wirtschaftsleistung in etwa der Bevölkerung entspräche. Aber wenn wir uns darüber beschweren, dass wir nur noch fünfmal so reich sind wie andere Staaten, dann frage ich mich: Wo ist das Problem?
Nein, leider. Ich war damals sehr beeindruckt von dieser Stadt. Das ist auch wieder so typisch. Wir schauen hier in Mitteleuropa immer nur nach Westen. Aber dass es im Osten solche Städte gibt wie Kiew, das zurecht auch das Paris des Ostens oder das Jerusalem des Nordens genannt wird, mit wunderschönen Kirchen, ist vielen nicht bewusst. Im Zuge des Ukraine-Krieges ist das im deutschen Feuilleton selbstkritisch diskutiert worden: Wie nehmen wir die Ukraine wahr? Man hat zum Beispiel immer so ein Schuldgefühl gegenüber Russland wegen der NS-Verbrechen in der Sowjetunion. Und dabei vergisst man, dass sehr viele Gräuel in der Ukraine stattgefunden haben.
Genau. Wo ich überhaupt nicht mitkomme, sind Diskussionen, wo es eigentlich nur um Einflusssphären geht. Also was gehört den USA und was gehört Russland – und es wird ausgeblendet, dass die Ukraine ein eigenständiger Staat ist, der ja wohl bitte selbst entscheiden kann, ob er zum Beispiel der EU oder der Nato beitreten will. Warum sollte sie da einen großen Bruder fragen müssen?
Es war ein Höhenflug, der dann mit dem Ausscheiden im Halbfinale abrupt geendet ist. Man wird medial in die Höhe gehoben und hat das Gefühl, das ist alles normal so – nein, es ist natürlich nicht normal. Die Stimmung vor Ort war jedenfalls echt toll. Auch wenn ich den Song Contest bis dahin nicht so verfolgt hatte.
Der Song Contest ist rein musikalisch gesehen sicher von manchmal zweifelhafter Qualität. Aber er ist einfach ein Fest der Liebe, der Freude, der Belanglosigkeit, des Menschseins. Am Song Contest geht die Welt jedenfalls nicht zugrunde.
Das nicht, aber diese Banalität des friedlichen Zusammenseins und Feierns hat in Zeiten wie diesen schon an Relevanz gewonnen, finde ich.
Jede ernstzunehmende Person in der Kunst hat einmal eine Krise, und meine war nach dem Song Contest 2005. Da habe ich gute drei Jahre lang schon sehr daran gekiefelt.
Jaja, da kommt halt vieles zusammen. Weil wenn du so hinaufgehoben wirst, und dann lieferst du nicht – es ist zwar ein Musikfestival, aber letztendlich ist es wie beim Skirennen: Als 27. gehörst du zwar zu den 30 Besten der Welt, aber es zählen halt nur die ersten drei. Das spürt man dann schon.
In der ersten Zeit habe ich ihn völlig ignoriert. 2014 war es dann lustig. Da habe ich mir am Computer den Song Contest angeschaut, weil es geheißen hat, Österreich könnte gewinnen – und sehe, dass auf ORF III gerade parallel die Wiederholung von „Christof Spörk – Sommerkabarett“ läuft. Das hat an diesem Abend wirklich kein einziger Mensch geschaut. Nicht einmal ich selbst.
Ja. Insgesamt war die Teilnahme eine schöne Erfahrung. Ich durfte bei einer der größten Fernsehshows der Welt mitmachen. Und ich darf immer noch auf der Bühne sein, und zwar mit etwas, das mir Spaß macht. Das ist auch ein Privileg.
Sehr viel. Ich merke einfach: Was man als junger Mensch als Ausbildung macht, prägt einen fürs ganze Leben. Ich habe mir früher immer gedacht: Warum schreibt man bei einem 60-Jährigen dazu, was er studiert hat? Das ist doch Jahrzehnte her. Jetzt verstehe ich es. Mich hat die Politikwissenschaft stärker geprägt, als mir lange bewusst war. Deshalb tue ich mir auch so schwer, mit gewissen rechts-, aber auch linkspopulistischen Tendenzen, wenn ich mir denke: Hallo, das haben wir doch längst ausdiskutiert. Dahin müssen wir nicht mehr zurück.
Ja, leider, und er wird meiner Beobachtung nach schlimmer.
Ich habe zwei Kinder im jungen Erwachsenenalter und zwei, die um die zehn Jahre jünger sind. Und da muss ich sagen: Der Alltagsrassismus an den Schulen ist im vergangenen Jahrzehnt in meiner Wahrnehmung eklatant gestiegen. Ich will nicht sagen, dass die Leute rassistischer geworden sind, aber die Rassisten und Rassistinnen halten sich nicht mehr zurück. Man kann wohl von dem, was Kinder sagen, darauf schließen, was zuhause gesprochen wird. Und da hat sich etwas verschoben.
Ich glaube, den Höhepunkt der Wokeness haben wir längst überschritten. Vermutlich erleben wir gerade einen Backlash, weil gewisse Diskussionen und Differenzierungen sich so losgelöst haben, dass sich „normale“ Menschen abgehängt und unverstanden fühlten. Und die sind teils mit offenen Armen aufgefangen worden von Ideologen und Ideologinnen und Politikern und Politikerinnen, die es nicht so gut meinen. Es sind auch nicht alle, die jetzt nach rechts abdriften, schlechte Menschen. Sie arbeiten fleißig, engagieren sich zivilgesellschaftlich, ob bei der Feuerwehr oder der Rettung, helfen ihren Nachbarn und Nachbarinnen – also eigentlich Bürger*innen, wie man sie sich nur wünschen kann. Aber sie fühlen sich unverstanden und bevormundet. Und bei denen schlägt jetzt das Pendel in eine andere Richtung aus. Ich will der Wokeness-Bewegung nicht unterstellen, dass sie schuld an Donald Trump ist. Aber es ist halt leider ein dialektischer Prozess.
Nein, im Gegenteil: Ich bedaure, dass es überhaupt diesen Kampfbegriff „Gutmensch“ gibt. Wenn man einen Heuchler meint, dann kann man ihn ja auch Heuchler nennen. Aber dass man Menschen, die Gutes wollen, und nur manchmal ein bisserl naiv und patschert daherkommen, denunziert, finde ich nicht gut. Ich habe unlängst gelesen, dass die neue Denkart, die von Trump und den rechtspopulistischen Personen ausgeht, lautet: Alle Menschen sind schlecht. Die Einzigen, die gut sind, sind diejenigen, die zugeben, dass sie schlecht sind. Und jeder Versuch, moralisch zu leben, wird hinweggefegt. Das finde ich schlimm. Diese neue Geopolitik, die wir jetzt erleben, ist ja genau das. Trump gibt ja selbst zu, dass es ihm in Venezuela nicht um die Demokratie geht, sondern ums Öl. Das kann man ehrlich nennen, aber ich finde es vor allem katastrophal.
Christof Spörk wurde 1972 in Voitsberg (Steiermark) geboren. Nach der Matura studierte er Politikwissenschaften und gründete nebenbei 1992 die Band „Die Steirische Landstreich“. Es folgten ein Erasmus-Aufenthalt in Spanien, ein Chile-Aufenthalt für seine Diplomarbeit mit dem Titel „Zivil-militärischen Beziehungen in der chilenischen Transition“ sowie ein Kuba-Aufenthalt für seine Dissertation zu „Musik & Politik in Kuba 1959 bis 1999“. Auf der Karibikinsel lernte Spörk seine spätere Ehefrau kennen. Beruflich widmete er sich kurz dem Journalismus, ehe er komplett auf Musik (vor allem mit „Global Kryner“) und Kabarett umsattelte. Der Erfolg – in Form von „Salzburger Stier“, „Österreichischem Kabarettpreis“ und anderen Kleinkunstauszeichnungen – gibt ihm Recht. Mit „Maximo Lieder“ bringt Spörk nun sein bereits achtes Kabarettprogramm auf die Bühne. Premiere ist am 28. Jänner 2026 im Wiener Stadtsaal.


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