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Zwischen Klassik und Jazz: Kristina Miller lässt Oscar Peterson neu aufleben

Ein Zufallsfund im Archiv, eine lebenslange Liebe zum Jazz und ein mutiges Projekt: Die international angesehene Pianistin Kristina Miller bringt mit „Miller’s Peterson“ eine legendäre Aufnahme zurück auf Platte und Bühnen. Und erschafft dabei etwas völlig Eigenes …
Zwischen Klassik und Jazz: Kristina Miller lässt Oscar Peterson neu aufleben
© Susanne Stuppacher

Manchmal entstehen die spannendsten Kunstprojekte nicht aus Planung, sondern aus Begegnungen. Bei Kristina Miller war es ein Treffen im Café, das den Anstoß gab, eine historische Aufnahme neu zu interpretieren. Im funk tank-Gespräch erzählt sie über ihre intensive künstlerische Reise zwischen Werktreue, Improvisation, Präzision und jazziger Freiheit.

funk tank: Was mich sehr interessiert: Wie seid ihr auf die Aufnahme gestoßen und wie wurde daraus ein gemeinsames Projekt?

Kristina Miller: Niki Neuspiel, mit dem ich das Projekt realisiert habe, habe ich ganz zufällig kennengelernt – obwohl ich nicht wirklich an Zufälle glaube. Es war im Café Brückel. Niki saß dort mit einem sehr guten Freund von mir, mit dem Dirigenten Andreas Stöhr.

Wir haben uns unterhalten und Andreas hat gesagt, dass Nikis Vater ein großer Liebhaber von Oscar Peterson ist. Und ich habe sofort reagiert, weil ich selbst mit dieser Musik aufgewachsen bin. Ich liebe Oscar Peterson seit meiner Kindheit.

Wieso das?

Mein Vater war klassischer Konzertmeister im Orchester, aber zu Hause lief immer Jazz. Er hat das gebraucht – für die Seele, zur Entspannung. Ich bin mit Peterson, Ella Fitzgerald und vielen großartigen Jazzmusiker*innen aufgewachsen. Ich habe es quasi im Blut.

Als ich etwa acht oder neun Jahre alt war, stand schon die Frage im Raum: Klassik oder Jazz? Meine Eltern haben gesagt, die klassische Ausbildung ist die Basis. Ohne diese Schule kann man nicht wirklich frei sein. Das hat übrigens auch Peterson selbst gesagt. Also bin ich bei der Klassik geblieben, aber Jazz war immer im Herzen da.

Irgendwann wollte ich unbedingt Peterson spielen. Es gab aber oft keine Noten, also hat mein Vater gesagt: „Dann mach die Transkription selbst.“ So hat es angefangen. Ich habe Dinge herausgehört, aufgeschrieben und gespielt. Das war zuerst nur für mich, dann für Freund*innen.

Eines Tages hat ein Freund gesagt: „Spiel doch etwas.“ Wir haben das aufgenommen und auf Facebook gestellt und plötzlich hatte das Video über 60.000 Aufrufe. Danach kamen Anfragen von Dirigent*innen und Veranstalter*innen, ob ich das als Zugabe spielen kann. So entwickelte sich das langsam weiter.

Und dann kam dieses Treffen mit Niki. Wir beide hatten diese Liebe zu Peterson. Sein Vater hat 1968 ein Konzert von Oscar Peterson im Wiener Konzerthaus aufgenommen. Diese Aufnahme lag bei ihm zu Hause im Archiv. Er meinte, er hat 25 Jahre darauf gewartet, daraus ein Projekt zu machen und er möchte das mit mir umsetzen. Ich war sofort begeistert. Aber uns war auch klar: Es gibt keine Noten. Alles muss transkribiert werden.

Das klingt nach einer enormen Herausforderung.

Absolut. Solo ist eine Sache, aber Trio-Transkription ist viel schwieriger. Manchmal ist das Schlagzeug sehr laut oder der Bass sehr präsent. Man hört nicht alles klar.

Ich habe gesagt: Es ist eine Challenge, aber ich mache es. Wie genau, wusste ich am Anfang nicht. Ich springe gerne ins kalte Wasser.

Als ich die Aufnahme zum ersten Mal gehört habe, musste ich weinen. Das war so genial gespielt. Peterson war damals Anfang 40, in einer unglaublichen Phase seines Lebens.

Ich musste auswählen, weil ein ganzes Konzert nicht auf eine Platte passt. Also habe ich meine Lieblingsstücke herausgenommen und angefangen zu arbeiten. Niki war damit einverstanden.

Und wie habt ihr die passenden Musiker gefunden?

Das war entscheidend. Peterson hat nur mit Topmusiker*innen gespielt, zum Beispiel mit Bobby Durham und Sam Jones, also mussten wir auch Musiker*innen auf diesem Niveau haben.

Ich bin mit einem der besten Drummer befreundet, Gergö Borlai. Und irgendwo in mir war immer der Wunsch, einmal mit ihm zu spielen. Ich habe ihn angerufen und gefragt und er hat sofort zugesagt. Er hat dann seinen Bassisten Tibor Fonay mitgebracht.

Beide haben eine unglaubliche Fähigkeit: Sie hören etwas ein- oder zweimal und können es sofort nachspielen. Auch technisch das Schwierigste.

Ich habe die Transkriptionen gemacht, sie haben sich die Aufnahmen angehört und dann sind wir ins Studio gegangen.

Wie war die Arbeit im Studio?

Sehr intensiv. Jede*r war perfektionistisch. Der Klang musste stimmen, es sollte möglichst nah an Peterson sein. Aber gleichzeitig muss man auch loslassen und den anderen vertrauen. Jede*r weiß, was er tut. Und dann saßen wir da und haben gespielt und plötzlich haben wir geweint. Vor Freude. Wir haben da sehr viel Liebe reingesteckt. Es ist nicht identisch mit dem Werk von Peterson. Es ist unsere Version.

Wie seid ihr mit der Improvisation umgegangen?

Die Idee war, ein „Replay“ zu machen. Ich habe seine Improvisationen herausgehört und das herausgeschrieben, was nötig war. Gleichzeitig haben meine Kollegen ihre eigenen Improvisationen eingebracht. Wir haben auch andere Tempi gewählt.

Ich habe großen Respekt vor dem Original. Aber es gibt Stellen, wo ich auch eigene Entscheidungen getroffen habe. Manchmal hört man etwas nicht ganz klar. Dann versucht man zu verstehen, was er musikalisch wollte. Wenn man seine Sprache kennt, kann man das nachvollziehen.

Du kommst aus der Klassik. Ist dieser Wechsel schwierig?

Nein, für mich ist das wie zwei Sprachen sprechen. Man schaltet einfach um. Das passiert auch innerhalb der Klassik – Bach, Mozart, Rachmaninoff – das sind alles unterschiedliche musikalische Sprachen.

Wie reagiert das Publikum darauf?

Sehr positiv. Ich bekomme mittlerweile Nachrichten vor Konzerten, ob ich etwas von Peterson spielen kann. Es kommen Dirigent*innen, Veranstalter*innen, Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Diese Musik verbindet.

Was hast du persönlich aus dieser Arbeit gelernt?

Sehr viel. Vor allem Respekt. Wenn man sich so intensiv mit einem Künstler beschäftigt, merkt man, wie tief diese Musik wirklich ist.

Und ich bin Bösendorfer Artist dadurch geworden, weil Bösendorfer das Lieblingsklavier von Peterson war. Ich weiß genau, wieso – wegen dieser phänomenalen Mechanik, die sie haben. Ich war in der Manufaktur von Bösendorfer und dort habe ich zum Spaß Peterson auf einem Flügel gespielt. Plötzlich kam das ganze Team und hat zugehört, auch die Marketingleitung und der Geschäftsführer. Und kurz darauf haben sie mich gefragt, ob ich Bösendorfer Artist werden will. Wieder hat sich alles gefügt.

Was glaubst du, würde Peterson zu eurer Version sagen?

Das ist schwer zu sagen. Aber ich hoffe, er würde spüren, wie viel Liebe darin steckt. Wir wollten ihn nicht kopieren, sondern seine Musik weitertragen.

Kristina Miller und Band
Tibor Fonay, Gergö Borlai, Kristina Miller © Susanne Stuppacher

Nichts kann meine Liebe zur Musik verändern.

Musstest du für deine Karriere auf Dinge verzichten?

Ja, natürlich. Aber ich sehe das nicht als Opfer. Es ist eine bewusste Entscheidung. Ich weiß, dass ich ohne Musik nicht glücklich wäre.

Gibt es trotzdem Ausgleich?

Ja, aber anders. Ich brauche keinen langen Urlaub. Ich habe wirklich schon alles gemacht und bin schon sehr viel gereist, aber drei Tage Urlaub reichen oft schon. Mein Traum wäre ein Haus mit Pool. Ein bisschen Ruhe, ein bisschen Musik, ein bisschen Bewegung.

Du hast vorher auch von großen Vorbildern gesprochen. Was bedeutet dir das Lernen von ihnen?

Sehr viel. Ich denke, wenn man lernen möchte, sollte man von den Besten lernen. Das sind Menschen, die ihr ganzes Leben der Musik gewidmet haben.

Ich sehe Peterson als meinen Mentor, auch wenn ich ihn nicht persönlich gekannt habe. Man kann durch Aufnahmen unglaublich viel lernen. So wie man auch von großen klassischen Pianisten lernt – von Rachmaninoff, Horowitz oder Richter. Das sind Geschenke an die Menschheit. Wenn man sich damit beschäftigt, versteht man erst, wie groß diese Kunst ist.

Es sind oft Männer, die in diesem Bereich genannt werden. Spielt das für dich eine Rolle?

Für mich persönlich nicht. Für mich war das nie Thema. Ich glaube, jede*r versteht, wie schwer diese Musik ist. Und wenn man sich wirklich damit beschäftigt, zählt das Geschlecht nicht mehr, sondern das, was man kann und was man ausdrückt.

Hörst du auf Kritik von außen?

Ja, aber nur auf bestimmte. Ich höre auf Menschen, die wirklich Erfahrung haben und selbst in diesem Beruf stehen.

Aber grundsätzlich weiß ich selbst am besten, wo meine Fehler sind. Nach jedem Konzert gehe ich alles im Kopf durch – wo etwas nicht ganz gestimmt hat, wo ich noch besser sein kann. Das ist automatisch da. Niemand muss mir das sagen.

Ist das nicht auch belastend?

Vielleicht ein bisschen, aber es gehört dazu. Ich denke, wir sind oft unsere größten Kritiker*innen. Aber gleichzeitig weiß ich: Nichts kann meine Liebe zur Musik verändern.

Du hast vorhin gesagt, dass sich Dinge im Leben „fügen“. Glaubst du daran?

Ja, sehr. Ich glaube, dass sich Kreise schließen. Dass Begegnungen nicht zufällig sind. Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel dafür. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so etwas mache, mit so wunderbaren Musikern.

Und wie geht es weiter mit dem Projekt?

Wir planen einen zweiten Teil, weil noch viel Material übrig ist. Und ich habe ständig neue Ideen. Ich höre jeden Tag Musik, die mich inspiriert.

Und ich träume viel. Das hilft mir auch beim Einschlafen (lacht).

Inwiefern?

Ich habe die beste Methode gefunden einzuschlafen: Du musst träumen. Du liegst da und dann träumst du einfach, was du wirklich, wirklich willst. Es dürfen freche und scheinbar unmögliche Sachen sein. Weil wenn wir etwas wirklich wollen, wenn unser Herz wirklich dabei ist, dann kann man es auch realisieren. Und dann schläfst du mit diesen Gedanken ein und wachst mit der besten Stimmung wieder auf.

Kristina Miller ist klassische Pianistin und verbindet in ihrem Projekt „Miller’s Peterson“ ihre Ausbildung mit einer tiefen Verwurzelung im Jazz. Gemeinsam mit Niki Neuspiel interpretiert sie eine historische Live-Aufnahme von Oscar Peterson aus dem Jahr 1968 aus dem Wiener Konzerthaus neu, basierend auf eigenen Transkriptionen.

Mit ihrer Band ist sie mit dem Projekt bereits international auf Tour und spielt unter anderem am 11. Juli in der Helmut List Halle in Graz bei der Styriarte. Parallel dazu ist sie weiterhin als Solistin in der internationalen klassischen Konzertszene tätig und gastiert regelmäßig in renommierten Konzerthäusern und Festivals in Europa und darüber hinaus.

Alle Infos und Termine:

Kristina Miller

funk tank Herausgeberin und Chefredakteurin Alicia Weyrich
Alicia Weyrich
arbeitet als Journalistin, Texterin und PR-Beraterin in Wien. Neben dem geschriebenen Wort liebt sie die Musik, das Meer, gutes Essen sowie Zeit mit ihren Lieblingsmenschen.

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