Skip to content

„Slow Fashion bedeutet für mich vor allem Achtsamkeit und Geduld“

Was bleibt, wenn Mode mehr sein soll als ein Trend? Hinter dem Wiener Label Ibby and Puzz von Danielle Dahlstrom stehen persönliche Erinnerungen, traditionelle Techniken und die Überzeugung, dass Gestaltung nicht von Schnelligkeit leben muss.
Warum gute Dinge Zeit brauchen: Danielle Dahlstrom über ihr Wiener Label Ibby and Puzz, besondere Materialien und den Wert von Handarbeit.
Danielle Dahlstrom © Marion Ida

Manche Materialien erzählen ihre Geschichte schon, bevor sie verarbeitet werden. Für Danielle Dahlstrom sind genau diese Stoffe der Ausgangspunkt von Ibby and Puzz. Das Wiener Label fertigt Haarreifen und textile Accessoires in kleinen Serien aus handgewebtem usbekischem Ikat, Kaschmir und Samt. Jedes Stück entsteht in sorgfältiger Handarbeit und trägt im Inneren die Botschaft „Don’t worry, I love you“ – ein Satz aus den Liebesbriefen ihrer Großeltern, der bis heute das Herz der Marke bildet.

Im funk tank-Interview erzählt Danielle Dahlstrom, warum sie bewusst in kleinen Auflagen produziert, was sie an traditionellen Textilien fasziniert und weshalb für sie gerade die Unregelmäßigkeiten eines Stoffes seinen besonderen Wert ausmachen.

funk tank: Wie ist Ibby and Puzz entstanden und warum war der Haarreifen der Anfang?

Danielle Dahlstrom: Die Idee dazu kam mir, weil ich nach etwas gesucht habe, das ich selbst tragen wollte, aber nirgends finden konnte. Ich wollte einen ausdrucksstarken Haarreifen, der selbst das schlichteste Outfit besonders macht. Gefertigt aus Stoffen, die ich seit jeher liebe, insbesondere Kaschmir, Samt und handgewebtem usbekischem Ikat. Die erste Idee habe ich spontan skizziert und kurz darauf gemeinsam mit einer Kunsthandwerkerin in Wien das erste Stück angefertigt.

Der Haarschmuck war von Anfang an der naheliegende Ausgangspunkt, weil er – an guten wie an schlechten Haartagen – ein Outfit sofort verändern kann. Es ist eines dieser seltenen Accessoires, das mühelos wirkt und dennoch jeden Look aufwertet. Genau das ist bis heute das Herzstück unserer Marke.

Sie stammen ursprünglich aus den USA und leben heute in Wien. Wie hat das Ihren Blick auf Mode und Handwerk geprägt?

Obwohl ich aus den USA komme, lebe ich seit mehr als zwanzig Jahren in Wien und habe lange für internationale Unternehmen gearbeitet. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, viele Länder zu bereisen und außergewöhnliche Textilien sowie die Geschichten dahinter kennenzulernen. Mein Blick auf Mode wurde deshalb ebenso von Kulturen und Reisen geprägt wie von Design.

Was ich an Österreich besonders schätze, ist die Wertschätzung für traditionelles Handwerk. Dirndl und Tracht sind weit mehr als Kleidung. Sie erzählen von Identität, Herkunft und Geschichte. Das spricht mich sehr an.

Mich haben immer schon Textilien fasziniert, die von ihrer Herkunft erzählen. Deshalb liebe ich es, unterschiedliche textile Traditionen miteinander in Dialog zu bringen. Genau deshalb fühlte sich usbekischer Ikat für mich so selbstverständlich an. Seine lebendigen Muster und seine handwerkliche Tradition ergänzen die österreichische Kultur auf wunderbare Weise.

Was macht diesen Stoff so besonders?

Das Besondere an usbekischem Ikat ist vor allem seine Herstellung. Anders als bei den meisten Stoffen werden nicht erst die fertigen Gewebe bedruckt oder gefärbt, sondern bereits die einzelnen Fäden, bevor sie überhaupt gewebt werden. Das ist ein langsamer, sehr bewusster und handwerklich anspruchsvoller Prozess.

Mich begeistert vor allem seine Ehrlichkeit. Echten handgewebten Ikat erkennt man an kleinen Unregelmäßigkeiten, an feinen Abweichungen im Muster oder kleinen Stellen, an denen der Stoff auf dem Webstuhl weitergezogen wurde. Für mich sind das keine Fehler, sondern Spuren der menschlichen Hand. Sie erinnern daran, dass Schönheit nicht perfekt sein muss.

Neben Ikat verwenden Sie auch Kaschmir und Samt. Wann ist ein Stoff für Sie nicht nur schön, sondern genau der richtige?

Ein Stoff ist für mich dann der richtige, wenn er nicht nur schön aussieht, sondern auch ein Gefühl vermittelt. Ich möchte, dass man Freude daran hat, ihn zu tragen und seine besondere Haptik zu spüren.

Kaschmir bringt Wärme und Weichheit mit. Samt verleiht Tiefe und Struktur. Handgewebter Ikat wiederum besitzt eine ganz besondere Haptik und Persönlichkeit, die sich nicht künstlich nachahmen lässt.

Am schönsten finde ich das Zusammenspiel dieser Materialien. Jedes bringt etwas Eigenes mit und gemeinsam entsteht eine Harmonie, die zeitlos und besonders wirkt.

Sie produzieren nur in kleinen Serien. Welche Vorteile und Herausforderungen bringt das mit sich?

Ich arbeite ganz bewusst in kleinen Serien, weil auch die Stoffe nur in begrenzten Mengen existieren. Von jedem Muster und jeder Farbe gibt es nur eine bestimmte Anzahl an Metern. Und wenn sie aufgebraucht sind, sind sie aufgebraucht. Mir gefällt der Gedanke, dass gute Dinge Zeit brauchen und nicht unbegrenzt reproduziert werden.

Außerdem ist jedes Stück von Ibby and Puzz einzigartig. Selbst wenn zwei Haarreifen aus demselben Stoff entstehen, unterscheiden sie sich durch den Zuschnitt. Dadurch gleicht kein Stück dem anderen. Natürlich bedeutet das auch, dass ein Design irgendwann ausverkauft ist und sich nicht einfach nachproduzieren lässt. Aber genau darin liegt für mich auch der Zauber.

Ibby and Puzz
© Sigrid Mayer

Mir gefällt der Gedanke, dass gute Dinge Zeit brauchen und nicht unbegrenzt reproduziert werden.

Jedes Stück trägt die Botschaft „Don't worry, I love you“ im Inneren. Welche Bedeutung hat sie?

Das ist das Herz unserer Marke. Ibby und Puzz waren die Spitznamen meiner Großeltern füreinander. Sie schrieben sich ihr Leben lang Liebesbriefe und meine Großmutter beendete sie immer mit den Worten: „Don't worry, I love you.“

Heute sind genau diese Worte – in ihrer eigenen Handschrift – Teil jedes Labels und in jedes unserer Stücke eingenäht. Für mich ist das etwas sehr Persönliches. Jedes Mal, wenn ich diese Worte sehe, denke ich an die Liebe meiner Großeltern. Ich hoffe, dass jeder Mensch, der eines unserer Stücke besitzt, ein kleines Stück dieser Liebe mit sich trägt. Darum geht es bei uns.

Mode wird oft von Perfektion und Druck geprägt. Was bedeutet Mode für Sie?

Unsere Botschaft „Don't worry, I love you“ erinnert daran, dass das, was wir tragen, mehr sein kann als nur ein Trend. Kleidung kann auch Liebe, Erinnerungen und Bedeutung in sich tragen. Wenn wir davon ein kleines bisschen in den Alltag eines Menschen bringen können, dann haben wir etwas Wertvolles geschaffen.

Apropos Wert. Was bedeutet Slow Fashion für Sie?

Slow Fashion bedeutet für mich vor allem Achtsamkeit und Geduld. Das sind zwei Eigenschaften, die heute leicht verloren gehen. Jeder einzelne Schritt bei der Herstellung unserer Stücke verlangt beide. Die bewusste Färbung der Garne, das langsame Weben, der Zuschnitt in unserem Wiener Atelier und schließlich die sorgfältige Verarbeitung von Hand, all das braucht Achtsamkeit und Geduld. Und nichts davon lässt sich überstürzen.

Ich habe immer daran geglaubt, dass die schönsten Dinge im Leben Zeit brauchen. Das gilt auch für das, was wir tragen. Wenn etwas mit Sorgfalt, Geduld und Hingabe entstanden ist, spürt man den Unterschied.

Was ist für Sie das perfekte Stück für warme Sommertage und lange Sommerabende?

Für mich darf der Sommer vor allem Farbe haben. Ein farbenfrohes Accessoire kann selbst den schlichtesten Look verändern, ganz gleich, ob zum Badeanzug, zum Leinenkleid oder nach einem Tag am Meer mit salzigen Haaren. Je farbenfroher, desto besser. Sommer ist die perfekte Zeit dafür. Ein schönes Textil verändert nicht nur ein Outfit, sondern oft auch das eigene Gefühl.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft von Ibby and Puzz und was wünschen Sie sich für die Modewelt?

Auch in Zukunft wird der Haarreifen das Herzstück von Ibby and Puzz sein, ergänzt durch weitere Accessoires. Schals, Haarspangen und Einstecktücher haben wir ja schon, alle aus denselben besonderen Stoffkombinationen. Tatsächlich leiht sich sogar mein 17-jähriger Sohn regelmäßig unsere Schals aus.

Vor allem wünsche ich mir, dass kleinere Manufakturen und unabhängige Kunsthandwerker*innen noch mehr Wertschätzung bekommen. Ich hoffe, dass Menschen sich nicht nur für Modetrends entscheiden, sondern für Stücke mit Geschichte, für echte Handwerkskunst und sorgfältige Verarbeitung. Denn genau solche Stücke begleiten uns oft ein Leben lang.

Ibby and Puzz
© Sigrid Mayer

Ibby and Puzz ist ein in Wien ansässiges Label der Designerin Danielle Dahlstrom, das handgefertigte Haarreifen und textile Stücke in kleinen Serien entwickelt. Im Zentrum stehen usbekische Ikat-Seidenstoffe, die mit Kaschmir und Samt kombiniert werden und durch ihre vor dem Weben angelegte Musterstruktur jedes Stück zum Unikat machen.

Jedes Accessoire trägt im Inneren ein eingenähtes Label mit der Botschaft „Don’t worry, I love you“. Ein Satz aus der Familiengeschichte von Danielle Dahlstrom.

Ibby and Puzz

funk tank Herausgeberin und Chefredakteurin Alicia Weyrich
Alicia Weyrich
arbeitet als Journalistin, Texterin und PR-Beraterin in Wien. Neben dem geschriebenen Wort liebt sie die Musik, das Meer, gutes Essen sowie Zeit mit ihren Lieblingsmenschen.

Noch kein Kommentar, Füge deine Stimme unten hinzu!


Kommentar hinzufügen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Artikel teilen oder drucken

Artikel aus anderen Ressorts

15. Juli 2026
  / Kabarett
Kabarettist Severin Groebner auf der Bühne und im funk tank Interview, er spricht über sein politisches Programm „Ich bin das Volk!“, Demokratie, Populismus, Österreich, Deutschland und seinen Kabarettpreis

„Ich hab das Gefühl, als wäre ich in einem schlechten Remake einer Serie gefangen, die ich schon im Original nicht mochte“

10. Juli 2026
  / Kabarett
Kabarettistin Chrissi Buchmasser gewinnt den Förderpreis beim Österr. Kabarettpreis 2026. Im Interview spricht sie über Bühne, Feminismus und ihr Soloprogramm.

Kabarettpreis 2026: Gewinnerin Chrissi Buchmasser im Interview

30. Juni 2026
  / Musik
Cécile Nordegg: Musik als universelle Sprache

„Musik ist die universelle Sprache, die alle verstehen!“

29. Mai 2026
funk tank Merch Drop #2: Sinnflut & Sonnenbrand

funk tank Merch Drop #2: Sinnflut & Sonnenbrand

20. Mai 2026
  / Musik
Simone Kopmajer und Viktor Gernot

Vom Fanboy zum Duettpartner

12. Mai 2026
  / Kabarett
Mit dem Lucky Punch Comedy Club hat Michael Mittermeier unter dem Café Prückel eine neue Bühne für Stand-up-Comedy in Wien eröffnet

Michael Mittermeier: „Ich gehe immer gern dahin, wo man etwas aufbauen kann“

1. Mai 2026
  / Musik
Zwischen Klassik und Jazz: Kristina Miller lässt Oscar Peterson neu aufleben

Zwischen Klassik und Jazz: Kristina Miller lässt Oscar Peterson neu aufleben

21. Apr. 2026
funk tank Merch Drop #1: Mein Zyklus ist politisch

funk tank Merch Drop #1: Mein Zyklus ist politisch

31. März 2026
  / Kabarett
Ybbsiade-Intendantin Eva Zemanek

„Kabarett muss für alle leistbar bleiben“

Der funk tank Newsletter​

Wir versorgen dich 1x im Monat mit einer exklusiven Vorschau auf unsere kommenden Stories und Gewinnspiele. Garantiert spannend und inspirierend. Also einfach eintragen und part of funk tank werden!

Secret Link