Wir rennan nebeneinand’ so wie Hooligans.“ Nein, Paul Pizzera und Otto Jaus sind natürlich keine brutalen Schläger. Aber mit ihrem Lied aus dem Jahr 2017 haben sie eine Freundschaft beschrieben, die ihren Ausgang vier Jahre zuvor ganz zufällig bei einer Rauchpause in der „Langen Nacht des Kabaretts“ in Leoben genommen hatte. Eine Begegnung, die nicht nur das Leben der beiden nachhaltig verändern sollte, sondern auch die österreichische Musiklandschaft.
Denn schon damals, an diesem 21. November 2013, versprachen sie einander, gemeinsam etwas zu machen. Der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt. Und das letzte Kapitel dieser Geschichte rund um das Projekt Pizzera & Jaus ist noch lange nicht geschrieben. Im Gegenteil: Gerade hat wieder ein neues begonnen. Soeben haben die beiden ihre vierte gemeinsame Tour gestartet.
Zum Start der „Jetz’ kummst ma auf de Tour“ treffe ich Paul wieder einmal zu einem Gespräch. Darin erzählt er, dass er Otto auch abseits der Bühne immer noch so oft wie möglich trifft – wenngleich es zeitlich nicht mehr ganz so einfach ist wie früher. Otto hat eine Familie gegründet und im Corona-Jahr 2020 sein erstes Kind bekommen – ein paar Monate, nachdem Paul ein weiteres Langzeitprojekt gestartet hat: Woche für Woche sitzt er seit mittlerweile ziemlich genau sechs Jahren für den Plauder-Podcast „Hawi D’Ehre“ mit Gabi Hiller und Philipp Hansa vor dem Mikrofon.
Außerdem hat er mit Otto zwei Filme gedreht und zwei Bücher geschrieben – zusätzlich zu bisher drei Live-Touren als Pizzera & Jaus sowie zahlreichen Studio-Sessions für Alben, Singles und Musikvideos. 2023 hat Paul dann auch noch gemeinsam mit Christopher Seiler und Daniel Fellner die Band AUT of ORDA gegründet.
„Auf der Bühne bin ich allein für alles verantwortlich“
Sein absoluter Lieblingsort, sagt Paul, ist die Bühne. „Das Podcasten ist total schön. Nora Spitzer – die Frau von EAV-Mastermind Thomas Spitzer – hat uns einmal als Seele-Novela bezeichnet, weil die Leute einfach dazugehören. Wir sind schon so etwas wie ein sozialer Ankerpunkt für eine coole, offene, inklusive, wertschätzende Community.“ Auch seine Ausflüge aufs Filmset für „Pulled Pork“ (2023) und „Neo Nuggets“ (2025) hat er sehr genossen. „Aber wenn du nicht selber das Drehbuch schreibst oder Regie führst, ist es kein wahnsinnig kreativer Beruf. Du wirst in der Früh abgeholt, dann wirst du geschminkt und angezogen, dann sagt dir die Regieassistenz, wie die nächste Szene gewünscht ist, dann probst du sie, dann schießt du sie – und wenn’s nicht passt, kannst du es noch einmal machen. Du bist einfach ein Zahnrädchen, und das ist auch cool, weil du in so einem Angestelltenverhältnis bist. Wenn ich jetzt auf die Bühne gehe – mit dem Otto bei Pizzera & Jaus, mit dem Daniel bei AUT of ORDA oder mit der Gabi und dem Philipp bei ‚Hawi D’Ehre live‘ –, dann bin ich allein für alles verantwortlich.“
Bei Pizzera & Jaus ist die Aufgabenverteilung klar: Seit der Gründung des Duos, das 2016 mit seinem dritten Song „Jedermann“ so richtig durchgestartet ist, komponiert und schreibt Paul alle Lieder, „und der Otto singt auf der Bühne und spielt wie ein Gott Klavier“. Ja, der studierte Germanist aus der Steiermark, der mit zehn Jahren Klavier spielen gelernt hat, um eine Playstation zu bekommen, und mit fünfzehn auf Gitarre umgestiegen ist, weil das bei den Mädels mehr Eindruck machte, bewundert seinen Bühnenpartner, der bei den Wiener Sängerknaben groß geworden ist und später nicht nur das Konservatorium der Stadt Wien, sondern auch die Royal Academy of Music in London sowie Meisterklassen bei Angelika Kirchschlager, Bobby McFerrin und Herman van Veen besucht hat.
Altbekanntes für treue Fans
Auf der aktuellen Tour haben sie diesmal kaum neue Nummern im Gepäck, auch wenn Paul jede Menge Novitäten in Arbeit hat. Warum? Erstens will er sie sich für das nächste Album aufheben, und zweitens wünschen sich die Fans sowieso meist die altbekannten Lieder. Aber braucht man nicht für eine neue Tour eine neue Setliste? „Ich finde es immer spannend, wenn Künstler*innen sich wichtig nehmen und sagen: Das mag ich nicht mehr spielen“, meint Paul. „Ganz ehrlich: Sei dankbar für deine Fans! Du kannst dir alle zehn Finger abschlecken, wenn es Leute gibt, die zum Konzert kommen und deine Musik hören wollen. Da gehört es sich, dass man ihnen gibt, was sie wollen.“
Mit Rücksicht auf Ottos Familie – er ist mittlerweile zweifacher Vater – haben sie beschlossen, dass sie bei dieser Tour weniger Termine machen, diese aber größer. Das erinnert mich an Bruce Springsteen, der einmal scherzhaft (?) gesagt haben soll: „Ich spiele lieber in großen Stadien als in kleinen Klubs, weil ich da für dieselbe Leistung mehr Geld kriege.“ Bei diesem Vergleich muss Paul lachen, spielt doch „The Boss“ finanziell noch einmal in einer ganz anderen Liga als Pizzera & Jaus. Musikerkollege Daniel Fellner von AUT of ORDA hat ihm erzählt, dass ein Springsteen-Konzertticket in New York 1.800 Euro kostet. „Das ist dann schon ein bisserl weit weg von der Working Class, die er besingt. Bei uns ist man um einen Vierziger dabei“, meint Paul schmunzelnd.
„Wir sind die fadesten Leute“
Eine Parallele gibt es allerdings: Pizzera & Jaus sind ebenso weitgehend skandalfrei wie „The Boss“. „Wir sind die fadesten Leute“, meint Paul mit einem Augenzwinkern, „weil wir vor und nach dem Auftritt nix trinken.“ Im Gegensatz zu seinen frühen Zwanzigern, als er nach Soloauftritten gerne noch sitzen blieb und es da nicht bei einem Bier geblieben ist, wie er einst im ORF-Interview verraten hat. Ein Jahrzehnt später fährt Paul sogar auf Gesundheitskuren. Was natürlich nicht bedeutet, dass der durchtrainierte Hüne das restliche Jahr asketisch und abstinent lebt. Aber Eskapaden und öffentliche Sexgeschichten gibt es bei ihm nur auf der Leinwand – in Form von heißen Szenen mit Schauspielkollegin Silvia Schneider – und in seinen Musikvideos (2021 haben Pizzera & Jaus den US-Pornostar Riley Reid für ihren Song „Shotgun“ engagiert).
Überhaupt schützen Paul und Otto ihr Privatleben. So wenig sie darüber verraten, so gern erzählt Paul, dass sie immer noch regelmäßig gemeinsam Urlaub machen. Zwar nicht mehr wochenlang wie früher, sondern meist nur für ein langes Wochenende, aber diese gemeinsame Zeit mit seinem Freund Otto ist Paul wichtiger als alles Berufliche. „Wenn ich vor der Entscheidung stünde zwischen Pizzera & Jaus und Paul & Otto, dann auf jeden Fall Paul & Otto!“ Und er zitiert den Dichter Robert Frost: „Das Glück macht durch Höhe wett, was ihm an Länge fehlt.“
Es gehört sich, dass du freundlich und höflich durch die Welt gehst. Das hat mir meine Mama beigebracht. Und ich schaue jetzt noch mehr, dass es allen am Tisch gut geht.
Zwischen Höhenflügen und Tälern der Tränen
Er wäre nicht Paul Pizzera, würde er nicht auch selbst philosophisch werden: „Das Leben ist immer eine Sinuswelle. Dir kann es nicht immer gut gehen, selbst wenn du auf der Donauinsel spielst, die Wiener Stadthalle füllst oder einen Nummer-eins-Hit landest. Du musst dich damit abfinden: Egal, was du erreichst, es wird dir immer auch schlecht gehen.“ Und das war in den vergangenen Jahren mehrmals der Fall, trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – seiner Erfolge. Ein Leben zwischen Höhenflügen und Tälern der Tränen, das auch Otto kennt. Und das beide in Interviews immer wieder ganz offen ansprechen – um im selben Atemzug zu betonen, wie wichtig es für sie ist, sich professionelle Hilfe zu holen. Der Gang zur Psychotherapie darf kein Tabu mehr sein, findet Paul, der dem Thema deshalb bereits zwei Bücher gewidmet hat.
Im Rückblick auf die bald zwanzig Jahre, die er auf der Bühne unterwegs ist – seine ersten Gehversuche machte er ab 2007 als Poetry-Slammer, 2011 gewann er mit seinem ersten Kabarettsolo „Zu wahr, um schön zu sein“ auf Anhieb den Grazer Kleinkunstvogel –, stellt er fest: „Ich bin schon einmal entspannter in die Nebelwand reingerannt, nach dem Motto: Was soll schon sein? Aber wenn du dann etwas hast, auf das du nicht unstolz bist, dann hast du natürlich mehr Angst, es zu verlieren.“
„Nicht unstolz“ kann der Mittdreißiger schon sein: Er hat mit Pizzera & Jaus bisher dreimal Platin eingeheimst, auf der vergangenen „Comedian Rhapsody“-Tour (der dritten mit Otto) mehr als 170.000 Konzerttickets verkauft, als Hauptdarsteller in „Pulled Pork“ (112.000 Kinobesucher*innen) und „Neo Nuggets“ (fast 75.000) an den jeweils zweiterfolgreichsten österreichischen Filmen der Jahre 2023 und 2025 mitgewirkt und mit dem wöchentlichen Plauder-Podcast „Hawi D’Ehre“ (gemeinsam mit dem Ö3-Gespann Gabi Hiller und Philipp Hansa) in sechs Jahren mehr als zehn Millionen Downloads erreicht.
Demut statt Starallüren
Starallüren sucht man bei ihm aber vergeblich – sagt zumindest Paul. Und es klingt glaubhaft, wenn er klarstellt, dass der Satz aus einem Gespräch im Jahr 2019 immer noch stimmt: „Wir sind der Ottl und der Pauli, die Musik machen.“ Heute, meint er, achtet er sogar noch mehr darauf, bloß nicht abgehoben zu wirken. Denn: „Es gehört sich, dass du freundlich und höflich durch die Welt gehst. Das hat mir meine Mama beigebracht. Und ich schaue jetzt noch mehr, dass es allen am Tisch gut geht.“
Deswegen gibt es für Paul und Otto auch dasselbe Catering wie für das Dutzend Crewmitglieder, das mit ihnen auf Tour geht. „Manche Künstler*innen wollen sich da ein paar hundert Euro sparen. Aber wir essen alle immer gemeinsam und haben eine coole, 14-köpfige Truppe, in der jeder jeden gut kennt – und das ist unser Rückzugsbereich und wirklich lustig und schön.“ Nach so vielen gemeinsamen Jahren fühlt es sich fast an wie eine Familie.
Und wie ist das mit lästigen Fans? „Ich kann immer noch in Ruhe beim Spar ums Eck einkaufen gehen“, sagt Paul. „Zu 99 Prozent sind die Leute respektvoll und freundlich und super. Wenn du um vier in der Früh auf dem Heimweg vom Auftritt in eine Polterrunde gerätst, kann es mühsam werden. Aber das liegt vor allem am Alkohol.“ Schlimm findet er es jedenfalls nicht, weltberühmt in Österreich zu sein, wie man so schön sagt. „In Österreich, Bayern und der Schweiz kennt man mich – aber schon ein paar hundert Kilometer weiter in Budapest interessiert sich keine Sau für mich.“
Musikkabarett oder Dialekt-Pop? Eigentlich egal
Umso dankbarer ist Paul, „dass ich meinen kreativen Tuscher auf so vielen Ebenen ausleben kann“. Und das mit prominenten Partner*innen. So auch zum Beispiel mit Michael Niavarani, der mit Paul seine beiden Psychotherapie-Dialogromane „Der hippokratische Neid“ und „Der König der Möwen“ als Hörbücher eingelesen hat. „Der Nia“, wie man ihn in der Szene nennt, kennt Otto schon lange, war dieser doch schon Ensemblemitglied im Kabarett Simpl und hat dort den Petzi in „Krawutzi Kaputzi“ gespielt, als Paul noch gar nicht Kabarett gemacht hat. Und ob als Romeo oder als Amor – bis heute gehört er zum Stammpersonal, wenn Nia eine neue Komödie auf eine seiner Bühnen bringt.
Die Verbundenheit zeigt sich auch darin, dass sie ihre neue Tour am 14. März in Nias Globe begonnen haben, auch wenn selbst dieses als eine der größten Bühnen Wiens mit rund 1.500 Sitzplätzen eigentlich nicht mehr ihrer Dimension entspricht.
Das Projekt der beiden Kabarettisten ist diesem Genre mittlerweile entwachsen. Auf ihrer Website bezeichnen sich Paul und Otto heute als „Österreichs Dialekt-Pop-Duo“, und eigentlich machen sie schon seit 2019 kein Musikkabarett mehr, stellt Paul fest. „Es sind in Wahrheit Konzerte, halt mit humoristischen Einlagen.“ Aber die künstlerische Einordnung ist ihm „tatsächlich egal“, erklärt der Musiker, Kabarettist, Filmschauspieler, Buchautor und Podcaster. „Ganz schön viel – ich bin ein echter Tausendsassa, gell? Eigentlich ein komisches Wort.“ Und da blitzt er schon wieder durch, der sprachverliebte „Magister, aufg’spritzt auf die Halbe“, wie sich der Germanistik-Bachelor selbst ironisch bezeichnet.
Fad wird ihm jedenfalls noch länger nicht werden, dazu hat er zu viele Projekte am Start. Zum Beispiel ist auch ein drittes Buch über mentale Gesundheit und Psychotherapie in Planung. Der Arbeitstitel steht schon fest: „Die Angst vor dem schönen Leben“. Ob es wieder ein Dialog wird, den er dann erneut mit Nia einliest, kann Paul noch nicht sagen. Jetzt ist erst einmal die Konzerttour dran, und parallel dazu arbeitet er an zwei Alben: Im September 2026 soll das neue Album von AUT of ORDA erscheinen, im September 2027 dann das nächste von Pizzera & Jaus. Auch weitere Filmprojekte schließt Paul nicht aus, allerdings wird es sicher keinen dritten Teil zu „Pulled Pork“ und „Neo Nuggets“ geben: „Diese Geschichte ist auserzählt.“
Paul Pizzera ist ein österreichischer Kabarettist, Musiker und Schauspieler, der als Teil des Dialekt-Pop-Duos Pizzera & Jaus große Erfolge feiert. Außerdem ist er auch als Podcaster, Autor und Filmschauspieler aktiv.
Momentan ist Paul Pizzera mit Otto Jaus musikalisch auf Tour, unter anderem am 21. März im Pitztal, am 26. und 27. Mai in Wien, am 30. Mai in Salzburg, am 21. Juni in Gloggnitz, am 25. Juni in München, am 2. Juli in Eisenstadt, am 8. Juli in Linz und am 12. Juli in Klagenfurt.


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