Jazzsängerin, Schauspielerin, Songwriterin, Produzentin und Werbegesicht – Cécile Nordegg bewegt sich seit Jahren zwischen Welten, die oft als Gegensätze verstanden werden. Mit „On Tour“ präsentiert sie jetzt ein Doppelalbum, das von Begegnungen lebt und sich bewusst einfachen Einordnungen entzieht. Anlass genug, um mit ihr über die Grenzen von Genres und Rollenbildern zu sprechen und über die Frage, ob Klasse und Masse tatsächlich Gegenspielerinnen sind.
Cécile Nordegg: Jedes Projekt beginnt mit Träumen, also mit Ideen, die im Geist entstehen, mit Gedanken, die sich entfalten, bis der Moment der Umsetzung kommt. Ich reise viel und das Wahrnehmen beginnt mit dem Sehen, Riechen und Hören. Es sind die Lieder, die zu mir kommen, mit Tönen und Farben, die Geschichten erzählen.
Ein Lied hat sein Gerüst, seinen Rahmen. In dieser Struktur entfaltet es sein eigenes Leben. Der Akkord, die Melodie – all das ist geschrieben. Und dann beginnt die Freiheit.
Mir ist es extrem wichtig, dass jede*r Musiker*in auch Solist*in sein kann und sich den eigenen Raum nehmen darf. Denn für mich entsteht Zusammenhalt erst dort, wo Freiheit gegeben wird. Aus dieser Freiheit wachsen Vertrauen, Offenheit und das gemeinsame Musizieren.
Jedes kulturelle Umfeld bringt seine eigenen Instrumente hervor. Und selbst jene Instrumente, die überall auf der Welt gespielt werden, tragen durch ihre Geschichte oft einen ganz eigenen Klang in sich. Momentan bin ich mit dem Programm von „On Tour“ gemeinsam mit fünf senegalesischen Musikern auf der Bühne in Dakar. Dort spürt man das Land – und plötzlich leben die Lieder auf eine neue Weise weiter.
So ist es auch mit dem Hören: Jeder Mensch nimmt ein Lied anders wahr, entdeckt andere Nuancen und verbindet etwas Eigenes damit. Selbst wenn man dasselbe Stück mehrmals hört, verändert sich die Wahrnehmung immer wieder. Nichts bleibt je ganz gleich.
Es treffen verschiedene musikalische Welten zusammen, aber Musik ist die universelle Sprache, die alle verstehen, weil sie die Sprache der Emotionen ist. So kommen unterschiedliche emotionale Welten auf die Bühne und plaudern über ihre Geschichten. Das bedeutet: sie verbinden sich in einem gemeinsamen Storytelling. Es ist ein musikalisches Gespräch – so treffen sich Musiker*innen, die einfach zusammen reden können.
Keineswegs! Die Schauspielerin in mir ist Medium für fremde Charaktere, ihre Arbeit besteht darin, einen Menschen zu erschaffen, der ein anderer ist. Bei Sänger*innen, die in eine vorgegebene Rolle schlüpfen, ist es ähnlich. Ich hingegen schreibe meine eigenen Texte, das heißt: Ich schreibe meine eigenen Emotionen, meine eigenen Wahrnehmungen. Deshalb schlüpfe ich hier in keine Rolle. Produzieren ist dann die Weiterführung meiner Arbeit, das Realisieren dessen, was wir beabsichtigen.
Klasse und Masse dürfen sich nicht ausschließen! Ich mache verschiedene Dinge, aber als Künstler*innen müssen wir die Demut haben, unser Publikum ernst zu nehmen. Wir stehen auf der Bühne oder in der Werbung, um Emotionen zu erzeugen und das ist mit Respekt und Ernsthaftigkeit zu erfüllen, weil wir der Gefühlswelt des Publikums nahekommen.
Keines von beidem! In der Werbung arbeite ich als Schauspielerin, die vermittelt – auch das ist eine Kunstform. Als Sängerin versuche ich, mein Publikum mit meinen Worten und Melodien aus seiner Welt zu entführen, um Entspannung oder Spannung zu erzeugen … Es sind eben nur verschiedene Kunstformen.
Wobei ich an dieser Stelle kurz etwas über das Wort „Kunst” sagen möchte: Kunst ist für mich in jeder Berufsform zu finden! Der Begriff „Kunst” wird meiner Meinung nach viel zu oft auf den goldenen Sockel gehoben. Jeder gute Bäcker ist ein Künstler, jede Person, die ihre Arbeit mit Liebe macht, ebenso.
Oh ja! Jeder Tag birgt Überraschungen: Du wachst auf und dann beginnt der Countdown zum Neuen, zum Ungeplanten.
Der Begriff „Kunst” wird meiner Meinung nach viel zu oft auf den goldenen Sockel gehoben. Jeder gute Bäcker ist ein Künstler, jede Person, die ihre Arbeit mit Liebe macht, ebenso.
Wir leben in unserer klassischen Wohnform! Wir haben uns entschlossen, den unvergleichlichen Luxus zu leben, Familie und Arbeit unter einem Dach zu vereinen – das bedeutet auch, nah bei unseren Kindern zu sein. Mein Mann Jonathan Berkh ist bildender Künstler und unser Zuhause ist sein Atelier und sein Atelier ist immer wieder mein Proberaum und mein Proberaum ist immer wieder Begegnungsort für alles Mögliche. Und all das war Spielraum für die Kinder.
Oh, da gibt es viele, an denen ich hänge. Aber trotzdem ist das Leben ein Kommen und Gehen. Meist geht auch ein Stück, wenn ein anderes kommt. Ich sammle Emotionen, die verändern sich …
Ich habe das unendliche Glück, mich bei meiner Familie erden zu dürfen.
Durch den Zauber der Musik verbindet sie, wo Verbinden schwer ist. Es sind auch Wellen, die viel tiefer in den Körper eindringen können, als man glaubt und auch unerwartet viel heilen können.
Ich wünsche mir, dass ich mein Publikum aus dem Alltag entführen kann und es gleichzeitig dadurch auch tiefer in seine eigene Welt wieder hineinführen kann. Und natürlich das oft Gesagte: „Just enjoy life!“
Cécile Nordegg ist eine österreichische Sängerin, Schauspielerin und Songwriterin. Sie arbeitet im Bereich Jazz und populärer Musik sowie als Produzentin und Schauspielerin für Bühne und Bildschirm. Einem breiten Publikum ist sie auch als „Frau Putz“ aus der Lutz-Werbung bekannt. Mit ihrem neuen Album „On Tour“ veröffentlicht sie eine Sammlung von Liveaufnahmen und musikalischen Begegnungen aus verschiedenen Ländern.


Noch kein Kommentar, Füge deine Stimme unten hinzu!