Zürich – eine Stadt in Bestform

Zürich ist momentan die beste Version von sich selbst“, sagt Spitzenköchin Zizi Hattab bei meinem Besuch in ihrem veganen Restaurant Kle. Ein Satz, der meine ersten Eindrücke der Stadt widerspiegelt: freundliche Menschen, kreative Viertel, viel Kunst und Kultur sowie ein Gefühl von Freiheit, vermutlich auch wegen der Nähe zu Wasser und Bergen.

Aber beginnen wir von vorne. Mein letzter Besuch hier liegt 20 Jahre zurück. Ich habe vor allem Klischees im Kopf behalten: schön, aber teuer, konservativ, Banken an jeder Ecke, präzise Uhren. Und ich erinnere mich noch an den Geschmack von Luxemburgerli, den Schweizer Makronen, die ich damals zum ersten Mal probierte.

Heute wirkt Zürich auf mich anders. Schon die Anreise ist besonders: Mit dem Nachtzug direkt von Wien nach Zürich, inklusive Sonnenaufgang über dem Zürichsee und die Ankunft mitten im Zentrum zum Frühstück. Mit den Öffis finde ich mich schnell zurecht, denn obwohl Zürich mit über 450.000 Einwohnerinnen und Einwohnern die größte Stadt der Schweiz ist, sind Innenstadt und Umland überschaubar und unkompliziert zu erkunden.

Geheime Fenster und verwinkelte Gässchen

Beim Streifzug durch die Altstadt fallen mir die Archäologischen Fenster auf. Kleine Öffnungen in Mauern oder im Boden, oft hinter unauffälligen Türen, geben Einblicke in die Geschichte Zürichs. Manche sind frei zugänglich, andere liegen in Innenhöfen oder Kellern, für einige muss man einen Schlüssel im Stadthaus abholen. Man sieht hier Pfahlbauten, römische Mauern oder mittelalterliche Kanäle. Das Betreten eines Fensters ist ein eigenartiges Erlebnis: Man öffnet eine Türe, tritt in einen engen Gang und steht plötzlich allein zwischen alten Mauern und Relikten. Die Zugänge sind nicht immer leicht zu finden, die Schnitzeljagd der Geschichte bringt also nicht nur Spaß, sondern auch viele Schritte.

Einfahrt mit dem Zug nach Zürich in der Früh
Sonnenaufgang im Zug mit Zürichsee © Alicia Weyrich

Von Museum zu Museum

Wien hat ja schon umfangreiche und beeindruckende Museen, aber Zürich toppt diesbezüglich alles. Besonders faszinieren mich das Museum für Gestaltung und das Kunsthaus Zürich. Die gesamte Gegend um das Museum für Gestaltung wirkt sehr urban und kreativ – liebevoll kuratierte Läden, lässige Hostels, Bars und Restaurants.

Im Museum für Gestaltung, das aus drei Standorten besteht, wird Design lebendig – unter anderem mit 2.500 Objekten aus Grafik, Typografie und Produktdesign. Die Ausstellung „Junge Grafik Schweiz!“ zeigt aktuelle Positionen junger Designerinnen und Designer. Die digitalen Projekte im Stammhaus an der Ausstellungsstrasse sind herausragend: Hier kann man selbst mit den Objekten interagieren, dabei wird auch viel mit KI experimentiert.

Danach führt mich mein Weg ins Kunsthaus Zürich, das aus zwei Hauptgebäuden und einem unterirdischen Verbindungsgang besteht. Die Dimensionen des Hauses, die Weite der Räume und die Menge an bekannten Werken aus alter und zeitgenössischer Kunst beeindrucken sofort. Gerade sind Arbeiten der Südamerikanerin Lygia Clark zu sehen, deren begehbare Installationen den Raum auf ungewöhnliche Weise erfahrbar machen. Ich merke schnell: Wer hier alles anschauen will, muss viel Zeit einplanen. Zum Abschluss des Tages reicht es dennoch für den Museumsshop, der interessante Kunstbücher und spezielle Mitbringsel anbietet.

Vegetarische Geschichte und vegane Gerichte

Kunst ist toll, aber ein Städtetrip wäre nichts ohne genügend Zeit, um in Cafés zu sitzen, in Lokalen zu essen und Menschen zu beobachten. Was ich vorher nicht wusste: Die Veggie- und Plant Based-Küche wird hier zelebriert wie in kaum einer anderen Stadt. In der Sihlstrasse befindet sich das Haus Hiltl, das älteste vegetarische Restaurant der Welt (Gründung 1898!). Zur Mittagszeit ist mir das Gewusel dort ein bisschen zu viel, doch das riesige, rein vegetarische Buffet ist definitiv sehenswert.

Am Abend habe ich ein Date mit mir selbst in einem ausgezeichneten Restaurant, geführt von der Top-Gastronomin Zizi Hattab. Sie begrüßt mich freundlich im Kle. Mittlerweile betreibt sie drei Lokale im Stadtteil Wiedikon. Im Kle wird vegane Gourmetküche mit marokkanischen und mexikanischen Einflüssen serviert.

Hattab kommt ursprünglich aus der Tech-Branche. Für die Gastronomie hat sie sich jedoch schon früh interessiert, nicht zuletzt, weil sie privat häufig Freundinnen, Freunde und Familie bekocht hat und die Rolle der Gastgeberin liebt. „Ich wollte einfach ausprobieren, ob ich es mit einem eigenen Restaurant schaffen könnte – und es hat funktioniert.“ Der Start des mittlerweile mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Kle war spontan, mit Unterstützung der Familie und ohne große Partner*innen.

Zizi erzählt mir, dass es ihr von Beginn an wichtig war, einen Safe Space für die Frauen, die mit ihr arbeiten, zu schaffen – etwas, das in dieser Branche bis heute Mangelware ist. „Ich habe in Graubünden gewohnt, in New York gearbeitet. Diese Stadt hat sich als perfekte Lösung zwischen Stadt und Land erwiesen: weniger stressig als New York, aber dennoch mit einem offenen und diversen Publikum“, so die 36-Jährige. 

Ich bin wieder alleine mit meinem Sechs-Gang-Menü und frage mich bei jedem Bissen, ob diese Köstlichkeiten wirklich alle vegan sind. Sind sie. Die Nachspeise mit weißer Schokolade aus Pistazien und Macadamia hat es mir besonders angetan. Ich bin satt und glücklich.

Freundliche Menschen, kreative Viertel, viel Kunst und Kultur sowie ein Gefühl von Freiheit, vermutlich auch wegen der Nähe zu Wasser und Bergen.

Handwerk und Innovation

Am nächsten Tag widme ich mich einer anderen Zürcher Disziplin: durchdachtem Design und nachhaltigem Konsum. Die Marke QWSTION setzt seit ihrer Gründung auf funktionale Taschen und Rucksäcke, produziert in Europa und Asien unter transparenten Lieferketten. Ein zentrales Material ist Bananatex®, ein textiles Gewebe aus den Fasern von Bananenstauden, die in den Philippinen angebaut werden. Die Pflanzen benötigen weder Pestizide noch künstliche Bewässerung, die Fasern sind biologisch abbaubar und besonders widerstandsfähig.

Der Weg führt mich weiter zum Eisenbahnviadukt Im Viadukt, einer ehemaligen Eisenbahntrasse aus dem 19. Jahrhundert, die heute als urbaner Nutzraum dient. Unter den gemauerten Bögen befinden sich rund 40 Geschäfte, Ateliers, Gastronomiebetriebe und eine Markthalle. Das Areal verbindet zeitgenössisches Design, lokale Produktion und Alltag. Statt klassischer Einkaufsmeile findet man hier einen Ort, an dem Konsum, Architektur und öffentlicher Raum bewusst zusammenspielen – ein schönes Beispiel für nachhaltige Stadtentwicklung.

Kunsthaus Zürich
Kunsthaus Zürich © Alicia Weyrich

Badi geht immer

Auf meiner To Do-Liste steht noch ein zentraler Punkt: Badi! Baden gehört in Zürich zum Alltag. An der Limmat und am Zürichsee treffen sich morgens Jogger*innen, Schwimmer*innen und Spaziergänger*innen. In den Bädern (genannt Badis) wird gespielt, geplanscht, Kaffee getrunken. Selbst im Winter steigen noch Menschen in den See, manchmal nur kurz, manchmal länger. Saunen und kleine Spas direkt am Wasser sind daher zu jeder Jahreszeit geöffnet. Ich beobachte das Treiben im Seebad Utoquai, entscheide mich dann aber doch gegen das Winterschwimmen.

Denn für mich geht es nach drei sehr vielseitigen Tagen retour in die Heimat. Am Flughafen in Zürich erfülle ich mir einen letzten Wunsch der Reise: Ich kaufe Luxemburgerli zum Abschied – der Tradition wegen. Nächstes Mal dann Zürich mit Badi, versprochen!

Zürich ist die größte Stadt der Schweiz, mit rund 436.000 Menschen in der Stadt und über 1,4 Millionen im urbanen Umfeld. Auf kleinstem Raum trifft hier Finanzkraft auf kreative Viertel, Altstadt auf Seeufer – und trotzdem wirkt alles überraschend entspannt.

Anreise und vor Ort: Von Wien fährt der ÖBB Nightjet direkt über Nacht nach Zürich, aus Deutschland gibt es Nachtzüge aus Städten wie München, Frankfurt oder Hamburg.

Direktflüge nach Zürich gibt es mehrmals täglich von Wien und vielen Städten in Deutschland.

Die Zürich Card für 24 oder 72 Stunden macht das Leben in der Stadt noch leichter: unbegrenzte Fahrten mit Tram, Bus, Zug, Schiff und Seilbahn, Rabatte und oft freier Eintritt in die wichtigsten Museen.

Unterkünfte: Ruhige Boutique-Hotels wie das Alma, bunt-verspielte Häuser wie das Mama Shelter oder zentral gelegene, chic eingerichtete Unterkünfte wie das The Home Hotel.

Kulinarik: Hiltl für Veggie, Kle für kreative Pflanzenküche, Frau Gerolds Garten mit Container-Flair, Bar am Wasser für Cocktails, BANK für Brunch, Monocle für internationalen Touch, ViCafe für Espresso, Buchmann für Backwaren, die Markthalle im Viadukt für regionale Vielfalt und Sprüngli für Süßes. Außerdem: BarMünster für einen Absacker, Roter Delfin für Toasts der Extraklasse, slurp. für hippe Drinks und The Artisan für Bio-Küche.

Kunst & Kultur: Das Kunsthaus Zürich, Museum für Gestaltung, der Pavillon Le Corbusier, das Löwenbräukunst-Areal, die Shedhalle und die Archäologischen Fenster zeigen, wie Zürich Geschichte und Gegenwart miteinander mixt.

Shopping: Nachhaltige Taschen bei QWSTION, Concept Stores in der Europaallee oder im Viadukt, zeitlose Mode bei Slow Goods und kuratiertes Design bei Fleuve und einzigart.

Erholung: Seebad Utoquai, Hürlimannbad mit Dachpool und Seebad Enge sind die Spots, um nach dem Stadtbummel Beine und Gedanken baumeln zu lassen – bei jedem Wetter.

Compliance-Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung von Zürich Tourismus.

Zürich Tourismus

Kolumne Thomas Raab: Nachrichten in einfacher Sprache

Etwas stimmt nicht mehr. Mit mir. Und ich schäme mich dafür. Vor mir. Sehe zu, jeden Tag. Sehe mich mit immer weniger zufriedengeben, bin dabei aber unzufrieden und zugleich unfähig, es zu ändern. Und leider betrifft es nicht den Plunder rundum, von dem ich gefühlt nur zehn Prozent brauche, wenn überhaupt. Den Keller noch gar nicht mitgerechnet.

Vor gar nicht so lange Zeit nämlich lagen sie noch zuerst in meinem Briefkasten, danach auf dem Esstisch, dem Sofa, neben dem Ohrensessel, die Beilagen auf der Toilette: Tageszeitungen. Abonniert waren sie Teil meines Tages. Immer wieder gelesen zwischendurch. Genutzt. Für Notizen. Als Untersetzer, Unterlagen, Verpackungsmaterial, Bastelbedarf, Reinigungsmittel – Fensterputzen mit Zeitung, streifenfrei, bestes Fensterputzen überhaupt. Nasse Schuhe wurden damit ausgestopft, kalte Füße gewärmt, Wiesenblumen, Gartenkräuter eingewickelt und verschenkt.

Irgendwann kamen die Apps. Ich war süchtig. News-Junkie. War darin längst schon körperlich anwesend, bevor sich mein Geist dafür entschieden hatte. Artikeln lesen und erst nach ein paar Zeilen d’raufgekommen: Ui, kenn ich ja bereits. Gedruckte Tageszeitungen wurden umgeblättert. Was vorne stand, war gelesen. Die Infos in den Apps aber jagen sich selbst, holen sich ständig vorne wieder ein. Permanente Neugierde. Ohne Abschluss. Nie wirst du fertig. Nie.

All die geliebten Print-Ausgaben lagen also nur noch herum, denn wenn die Zeitung kam, hatte ich den Inhalt tags zuvor online schon gelesen – beziehungsweise überflogen, der Daumen will ja weiter. Aus Print- wurden schließlich Digital-Abos. Von Papiersparen aber kann keine Rede sein. Kommt ja Reklame ohne Abo und ohne Ende. Bunte Flugblätter. Mehrfach-Ausgabe gleichen Inhalts. Spar, Spar Gourmet, Interspar, Eurospar, Billa, Billa Plus, Lidl, Hofer, Penny … usw. Auf den Titelseiten meist Bier-, Wein-, Schaumwein-Angebote. Sich das Leben billigsaufen. Und Prozentpickel sammeln natürlich – statt Infos und Wissen.

Und jetzt? Scrolle ich durch soziale Medien, überfliege dort die Schlagzeilen „meiner“ Zeitungen und ertappe mich immer öfter dabei, sogar schon auf den Link in der Bio, auf das Öffnen der Apps zu pfeifen. Dafür bleib ich kurz hängen bei Irgendwem, der Irgendwas kann, kocht, tanzt, singt, putzt, bastelt, quasselt, coacht, um dann ein paar Werbungen weiter, wieder hängen zu bleiben bei Irgendwem, der Irgendwas kann, kocht, tanzt, singt, putzt, bastelt, quasselt, coacht …

Aus mir, einem Menschen, der einst halbwegs informiert war, Tageszeitung Teil des Tages, ist ein Trottel geworden, der bestenfalls mit Schlagzeilenwissen um sich schmeißen kann, dafür aber weiß, auf wieviel Arten ich meine Schnürsenkel einfädeln kann und wer grad Eisbaden geht – und ich hasse mich dafür. Für das Scrollen als neue Art der Fortbewegung – Fort von mir selbst, Bewegung keine mehr. Für das gefährlich Wenige mit dem ich mich zufriedengebe. Für die wachsende Unfähigkeit, konzentriert zu bleiben, längere Texte (wie diesen) zu lesen oder Texte mit längeren Sätzen. Über die „Nachrichten in einfacher Sprache“ schmunzle ich längst nicht mehr. Ich, der bei einfacher Sprache ohne Nachrichten gelandet ist.

All die bösen Anderen, die unsere Medien ruinieren, die Print und anspruchsvolle online-Magazine ums Überleben kämpfen lassen, die dafür verantwortlich sind, wie aus Dummheit Programm wird und Populismus die Norm unserer Demokratie, all diese Anderen – bin längst ich.
Und so will ich nicht sein.

Portraitfoto Schriftsteller Thomas Raab
© Simone Heher-Raab

Thomas Raab wurde bekannt mit seinem Debütroman „Der Metzger muss nachsitzen“, der 2007 den Auftakt zu seiner erfolgreichen „Metzger“-Reihe bildete. Davor hat er Mathematik und Sport studiert, zehn Jahre am Wiener Gymnasium unterrichtet und parallel als Musicaldarsteller und Singer-Songwriter gearbeitet.

Heute ist Raab freischaffender Schriftsteller, Drehbuchautor und Musiker. Seine Bücher verbinden psychologische Tiefe mit trockenem Humor und präziser Beobachtung – ausgezeichnet unter anderem mit dem Leo-Perutz-Preis, dem Österreichischen Krimipreis und 2025 dem Fine Crime Award.

Thomas Raab

Sarajevo: Heißes Pflaster, kalter Winter

Als privat Reisende*r und Reisejournalist*in ist man normalerweise gut auf die geplante Destination vorbereitet. Handy-Roaming, Offline-Karten, Kreditkarten, Fremdwährung, Ladegerät, Steckeradapter und so weiter. Und natürlich liest man sich auch in die Geschichte ein, merkt sich zu besuchende Orte vor, studiert den Wetterbericht – kurz: man stellt sich auf Land und Leute ein. Pustekuchen. Bei meiner Reise nach Sarajevo, in die berühmte Metropole in Bosnien-Herzegowina, zelebrierte ich nicht nur meine 50. besuchte Nation, sondern wurde gleich mehrfach auf dem falschen Fuß erwischt. Und machte das Beste draus.

Wetterkapriolen

Gleich nach der Ankunft am Sarajevo Airport entpuppte sich der in der Wettervorhersage als Nieselregen angekündigte Niederschlag tatsächlich als Kategorie „Schusterbuben“. Nicht optimal für einen Städtetrip, aber mit festem Schuhwerk und Schirm normalerweise kein Problem. Doch kaum nach einer zähen Taxifahrt durch den Freitagnachmittagsverkehr im Hotel angekommen, änderte sich der Aggregatszustand des mittlerweile von starkem Wind in horizontale Richtung angetriebenen Regens in fluffige Schneeflocken. Und das blieb für die nächsten zwölf Stunden so. Ans Ausrücken zwecks Stadtrundgang war somit nicht mehr zu denken, stattdessen: Wellnessbereich im Hotel, dann Netflix am Zimmer und Nachtruhe.

Am Morgen präsentierte sich die Stadt dann tiefwinterlich – gut 20 Zentimeter Neuschnee hatten Sarajevo in eine weiß angezuckerte (umliegende Hügel und Häuser) bzw. graue, schneematschige (Straßen und Gehwege) Kulisse verwandelt. Auf Nachfrage beim Concierge musste ich daher einen Punkt von meiner Erkundungsliste streichen: die Tour zu den Überresten der Anlagen für die Olympischen Winterspiele 1984, die in und um Sarajevo stattfanden. Übrigens ein Tiefpunkt für die Alpenrepublik: Gerade einmal eine (!) Bronzemedaille durch Jimmy Steiner war damals die Ausbeute. Diese Anlagen – von der Bobbahn bis zur Sprungschanze – sind heute komplett verfallen und nicht zuletzt eine Folge des Bosnienkrieges, in dem sie als Stellungen für die Belagerung Sarajevos durch serbische Einheiten dienten und teilweise vermint sind. Eine Besichtigung wird daher nur mit Guide empfohlen – aber bitte nicht bei Sauwetter.

Sebilj in Sarajevo
Sebilj in Sarajevo © Markus Höller

Dunkles Vermächtnis

Stichwort Bosnienkrieg. Dieses vermutlich längste, grausamste und verlustreichste Kapitel der Jugoslawienkrise in den 1990er Jahren belastet speziell in Sarajevo immer noch ganze Generationen und wirkt sich auch heute noch auf die Republik aus. Hier kommen wir auch gleich zum nächsten überraschenden, in den Reisevorbereitungen übersehenen Fakt: zufälligerweise fiel der Tag meiner Ankunft exakt auf das 30-jährige Jubiläum des Friedensabkommens von Dayton, das offiziell das Ende des Bosnienkrieges und den Grundstein der heutigen Republik markierte. Eigentlich markierte es auch das Ende der Belagerung Sarajevos, faktisch endete diese jedoch erst ein paar Monate später. Und wurde so mit 1.425 Tagen die längste Belagerung einer Hauptstadt in der Neuzeit. Mit mehr als 10.000 Toten, darunter viele Zivilisten und Zivilistinnen, und erheblichen strukturellen Schäden, liegt immer noch ein dunkler Schatten über der Stadt.

Im historischen Zentrum und rund um moderne Infrastruktur freilich ist davon kaum noch was zu sehen, aber an den Fassaden von Altbauten und Plattenbauten der Peripherie sind die Narben des Krieges noch immer nicht verheilt. Bauwerke wie die UNITIC-Zwillingstürme, das einstige Holiday Inn – damals Nervenzentrum der internationalen Berichterstattung – oder die Brücke von Suada und Olga mahnen trotz Restaurierung immer noch stumm an die schweren Zeiten. Die ewig lange Straße Zmaja od Bosne ist heute eine belebte Hauptverkehrsader, nichts erinnert mehr an ihr berüchtigtes Pseudonym „Sniper Alley“, der durch Heckenschützen-Feuer einst gefährlichste Ort der Stadt.

In der Vijećnica, einst Rathaus und Nationalarchiv und eines der schönsten Gebäude der Region überhaupt, befindet sich heute eine Dauerausstellung zur Landesgeschichte, dem Bosnienkrieg und zum Massaker von Srebrenica sowie dessen juristische Aufarbeitung. Definitiv ein Must-See, architektonisch wie inhaltlich!

Vijećnica in Sarajevo
Vijećnica in Sarajevo © Markus Höller

Wenn man durch das historische Viertel mit Bazar und dem historischen Sebilj, einem hölzernen Brunnen aus dem 18. Jahrhundert, spaziert und dabei einen Blick auf die umliegenden Hügel wirft, wird einem die einzigartige Lage und Schönheit der Stadt bewusst.

Markt in Sarajevo
Markt in Sarajevo © Matej Pribanic/Unsplash

Dunkles Vermächtnis II

Wenn man von der Vijećnica nur knapp 400 Meter Richtung Stadtzentrum geht (oder so wie ich durch den Schnee stapft), kommt man an den wahrscheinlich bedeutsamsten Ort der Stadt, und das auf einer globalen Skala. Denn an einer unscheinbaren Hausecke, gegenüber der osmanischen Lateinerbrücke über den Stadtfluss Miljacka, stand am 28. Juni 1914 der junge Student Gavrilo Princip und tötete mit zwei Schüssen den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie – und löste somit in weiterer Folge den Ersten Weltkrieg aus. Der Rest der Geschichte ist hinlänglich bekannt.

Buntes Treiben

Man ist natürlich ob der vielfältigen historischen Last versucht, mit einer gewissen Schwermut durch die Stadt zu spazieren, dafür gibt es aber als Bosnier*in oder als Tourist*in keinen Grund. Denn wenn man durch das historische Viertel mit Bazar und dem historischen Sebilj, einem hölzernen Brunnen aus dem 18. Jahrhundert, spaziert und dabei einen Blick auf die umliegenden Hügel wirft, wird einem die einzigartige Lage und Schönheit der Stadt bewusst. Villen und Häuser, die sich an die Hänge schmiegen, die Gelbe Festung, die majestätisch drüber thront; aber auch die vielen Minarette der unzähligen kleinen Moscheen ergeben eine interessante Mischung, die sich so gesehen als der uns am nächsten liegende Schnittpunkt zwischen Okzident und Orient entpuppt. Nicht zuletzt auch daher, weil man statt dem angenommenen Bild der klimatisch milden Balkanmetropole ganz schnell in alpine Moods kommen kann, wie ich jetzt weiß. Hätte ich mir aber auch denken können, wenn hier mal für ein paar Wochen in den 1980ern das Highlight des Wintersports stattfand. Das Maskottchen von damals, Vučko, findet sich übrigens auch heute noch oft im Stadtbild: auf Souvenirs und Graffitis.

Ausblick Sarajevo
© Darcey Beau/Unsplash

Sarajevo liegt nur eine Flugstunde von Wien entfernt und verbindet auf einzigartige Weise osmanisches Erbe, österreichisch-ungarische Geschichte und moderne Balkanmetropole. Trotz der sichtbaren Spuren des Bosnienkrieges präsentiert sich die Stadt heute lebendig, vielschichtig und voller Kontraste.

Reiseinfos: Die Austrian Airlines fliegen täglich direkt von Wien nach Sarajevo und retour. Vom Flughafen ist man mit dem Taxi oder Bus je nach Verkehrslage in rund 20 Minuten im Stadtzentrum, hier lassen sich die meisten interessanten Orte zu Fuß oder per Tram erkunden. Während Kontaktlos- bzw. Kartenzahlung in Shops und Hotels durchaus funktionieren, empfiehlt es sich, gleich am Flughafen ein paar Bosnische Mark Bargeld abzuheben, z. B. fürs Taxi. Vor der Heimreise rechtzeitig zurück tauschen, in Österreich kann man kaum wo wechseln! Bosnien-Herzegowina ist darüber hinaus nicht Teil der EU oder Schengenzone, man benötigt zwar kein Visum, aber ein entsprechendes Roaming-Paket für das Handy.

Hoteltipp: Das sehr zentral gelegene Swissôtel Sarajevo liegt unübersehbar ideal für einen Städtetrip. Das Fünfsternhaus verfügt über spektakuläre Panoramalifte und bietet von den oberen Stockwerken einen tollen Rundumblick über die Stadt. Großzügige Zimmer sowie ein schicker Wellnessbereich machen auch bei Schlechtwetter den Aufenthalt sehr angenehm, ein kompetenter und freundlicher Front Desk sowie ein üppiges Frühstücksbuffet runden den erstklassigen Eindruck ab. Direkt angeschlossen befindet sich die Shopping Mall SCC mit knapp 50.000 m2 und rund 180 Shops plus Foodcourt auf mehreren Etagen. Das Hotel und die Mall sind dry areas, d. h. Alkohol wird im Komplex nicht ausgeschenkt oder verkauft.

Compliance-Hinweis: Der Aufenthalt in Sarajevo von unserem Redakteur Markus Höller erfolgte auf Einladung von Swissôtel Sarajevo, der Flug wurde selbst bezahlt.

Sarajevo Tourismus

Last Minute Weihnachtsgeschenke 2025

Weihnachten steht vor der Tür – und du hast noch nichts für deine Herzensmenschen? Keine Sorge, du bist nicht allein. Über 60 % der Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz kaufen ihre Geschenke erst in den letzten zwei Wochen vor Weihnachten. In all dem Weihnachtsgeschenkewahnsinn sollten wir nicht vergessen, dass es beim Schenken vor allem um Aufmerksamkeit, Zeit und Gemeinschaft geht. Besonders, nachhaltig und sinnvoll zu schenken heißt, bewusst zu wählen. Wer so schenkt, verschenkt nicht nur Freude, sondern Erinnerungen, Momente und ein gutes Gefühl – für die Menschen, die wir lieben und für die Welt, in der wir leben. Wir haben für euch Last Minute-Ideen gesammelt, die genau das möglich machen.

Einen Esel schenken

Über die Caritas kann man ein Tier symbolisch verschenken und damit Menschen in Not unterstützen. Die Spende fließt in nachhaltige Landwirtschafts‑ und Hilfsprojekte, die Familien und Gemeinschaften in armutsbetroffenen Regionen stärken. So wird das Geschenk für die Liebsten gleichzeitig ein Geschenk für die Welt.

Moodbild Xmas Geschenk Esel Caritas
© Zachary Kadolph/Unsplash

Emotionen für Ohren und Herz

Mit dem Album „Lights And A Slight Taste Of Death“ kehren Naked Lunch rund um Mastermind Oliver Welter nach zwölf Jahren eindrucksvoll zurück und beweisen, warum diese Band nie ganz verschwunden war. Das neue Album verbindet existenzielle Tiefe, songwriterische Reife und jene emotionale Dringlichkeit, für die Welter seit den 90ern steht. Ein ideales Weihnachtsgeschenk für alle, die Musik mit Haltung, Geschichte und Nachhall schätzen.

Moodbild Xmas Geschenk Naked Lunch Album 2025
© Michelle Rassnitzer

Bling Bling aus der Dose

Mit der goldveredelten Sonderedition des Nuri Sardinenhebers wird aus Alltagskultur ein stilvolles Statement. Das elegante Set aus 24-Karat-Hebel und Jahrgangssardinen verbindet portugiesische Tradition, Designbewusstsein und Genuss auf charmante Weise.

Moodbild Xmas Geschenk Nuri Sardine mit Gabel
© Florence Metzler

Weich bleiben in harten Zeiten

Feminismus als Superpower des 21. Jahrhunderts – das Buch „Resist!“ von Laura Lucas, Katrin Rönicke und Lena Sindermann macht genau das greifbar. Zwischen Beziehungsgleichberechtigung, Gefühlsmut und intersektionalen Fragen serviert es kluge Gedanken mit Haltung und Humor. Das perfekte Weihnachtsgeschenk für alle, die Lust auf Empowerment statt Einheitsbrei haben.

Moodbild Xmas Geschenk Buch Resist Leykam
© Leykam

Prickelnde Naturschönheit

Tiefgründig, elegant und frei von Make-up – „L’Autrichienne Vintage 2018 Zero Dosage“ ist die österreichische Antwort auf französische Champagnerkunst. Marion und Manfred Ebner-Ebenauer vereinen St. Laurent, Welschriesling und Zweigelt zu einer Cuvée, die Herkunft, Finesse und Persönlichkeit in jedem Schluck spürbar macht.

Moodbild Xmas Geschenk L’Autrichienne Vintage 2018 Zero Dosage
© Ebner-Ebenauer

365 Tage Kultur

Mit der neuen Bundesmuseen Card gibt es für 99  Euro ein ganzes Jahr lang unbegrenzten Eintritt zu über 25 Top-Adressen im Wiener Kultur-Bereich – von der Albertina über das Kunsthistorische Museum bis zum mumok und dem Naturhistorischen Museum. Inklusive Fast-Lane-Zutritt und Sonderausstellungen!

Moodbild Weihnachtsgeschenke Bundesmuseencard Wien
© Bundesmuseencard.at

Besonders, nachhaltig und sinnvoll zu schenken heißt, bewusst zu wählen.

Grüner geht’s nicht

Click A Tree macht aus einem Geschenk ein kleines Umweltwunder: Für jede Bestellung wird ein Baum gepflanzt, der CO₂ bindet, Lebensraum für Tiere schafft und lokale Gemeinschaften unterstützt. Ein personalisiertes Zertifikat zeigt, wo der Baum steht, und macht sichtbar, dass dieses Geschenk weit über die Feiertage hinaus Wirkung entfaltet.

Moodbild Xmas Geschenk Click A Tree
© Click A Tree

Abenteuer unter der Erde

Von tanzenden Mistkäfern bis zu pupenden Schnecken: Elisabeth Etz und Nini Spagl öffnen Kindern die Augen für die geheime Welt unter unseren Füßen. Humorvoll, interaktiv und voller überraschender Fakten zeigt das Buch „Wo die wilden Würmer wohnen“, wie Regenwürmer, Maulwürfe & Co. unseren Planeten am Laufen halten – ein Geschenk, das Wissen lebendig macht und kleine Entdecker*innen begeistert.

Moodbild Xmas Geschenk Buch Wo die wilden Würmer wohnen Leykam
© Leykam

Geschenke mit Sinn findet man unter anderem online bei der Caritas, bei Click A Tree und im Handel des Vertrauens. 

Noch mehr Tipps, die Freude bereiten und (fast) nichts kosten: 

  • Zeit schenken: Einen Nachmittag oder Abend bewusst miteinander verbringen.
  • Fotocollage: Gemeinsame Bilder mit besonderen Momenten.
  • Playlist: Erinnert musikalisch an gemeinsame Highlights.
  • Wunschglas: Darin werden Vorschläge für gemeinsame Aktivitäten gesammelt.
  • Naturaktion: Müllsammeln im Park oder einen Baum pflanzen verbindet Zeit mit Sinn.

Kanadas Manitoba entdecken: Urbanes Leben und Eisbär-Abenteuer

Denkt man an eine Reise nach Kanada, kommen meist bekannte Destinationen wie Toronto, Vancouver, Nationalparks wie Banff oder die Niagarafälle in den Sinn. Kanadas Mitte allerdings kommt weniger oft in typischen Reiserouten vor. Winnipeg beispielsweise. Die Hauptstadt der Provinz Manitoba ist oft nur durch ihre Kälterekorde bekannt, die manchmal die Minus-40-Grad-Marke knacken. Wer die Stadt, die von ihren Bewohner*innen scherzhaft als „das oft übersehene mittlere Kind Kanadas“ bezeichnet wird, besucht, stellt bald fest: Winnipeg ist zwar tatsächlich keine klassische Schönheit, doch steckt sie voller Überraschungen.

Eine Stadt der vielen Wurzeln

Winnipeg steckt voller kurioser Anekdoten und Popkultur. Nicht viele kennen z. B. die Verbindung zu einem der berühmtesten Bären weltweit: Als ein kanadischer Soldat aus Winnipeg während des Ersten Weltkriegs einen kleinen Schwarzbären adoptierte, nannte er ihn „Winnipeg“ – kurz „Winnie“ – und brachte ihn später in den Londoner Zoo. Dort inspirierte er Autor A. A. Milne, der hier regelmäßig mit Sohn Christopher Robin herkam, zu einer Geschichte. Schon erraten, wie diese hieß? Richtig, Winnie-the-Pooh. Und genauso wie Poohs Heimat, der Hundertsechzig-Morgen-Wald, ist auch Winnipeg ein bunter Schmelztiegel verschiedenster Charaktere. Manitoba war ursprünglich die Heimat der Algonkin-Völker. Heute stellen indigene Einwohner*innen – First Nations und Métis – rund 14 Prozent der Bevölkerung. Neben ihnen prägen Menschen aus Frankreich, England, Deutschland, Schottland, Island und der Ukraine das kulturelle Gefüge. Diese Mischung ist spürbar in Sprache, Musik, Kunst und vor allem in der Küche.

Hippe Szene auf uraltem Treffpunkt

Winnipeg ist Heimat lebendiger, diverser Viertel und einer der vielfältigsten kulinarischen Szenen des Landes. Der Hotspot: The Forks. Am Zusammenfluss von Red und Assiniboine River trafen sich bereits vor über 6.000 Jahren indigene Völker zum Handel, zu Zeremonien und Austausch. Noch heute ist es das Herz der Stadt: Eine Markthalle mit Streetfood, Bars, Cafés, Galerien und kleine Bühnen schafft eine Atmosphäre, in der Geschichte und Gegenwart nebeneinander existieren. Besucher*innen können geführte Touren buchen oder einfach selbst über das Gelände streifen, vorbei an Kunstwerken renommierter Künstler*innen wie Ai Weiwei. Und selbst bei besagten Kälterekorden kommt hier das urbane Leben nicht zum Erliegen. Dann verwandelt sich der Fluss nämlich in die längste Natureislaufbahn der Welt, man pendelt per Langlaufski oder Schlitten zur Arbeit und Cafés und Restaurants leuchten noch viel einladender in der Winterlandschaft. Gefragt nach den eisigen Temperaturen, zuckt man hier nur kurz mit den Schultern. Minus fünf oder minus vierzig, das sei auch schon wurscht.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Auch in Sachen Kultur kann Winnipeg mit überraschenden Superlativen aufwarten. Das Canadian Museum for Human Rights, das weltweit erste nationale Museum dieser Art, ist ein architektonisches Statement, entworfen von Antoine Predock. Es widmet sich der Geschichte der Menschenrechte, von indigenen Perspektiven bis zu globalen Bewegungen. Gänge aus leuchtendem Alabaster führen durch interaktive Galerien, die vom Dunkel ins Licht verlaufen, inklusive kleinen Verschnaufpausen fürs Gemüt – eine bewusst gewählte Dramaturgie, die Gänsehaut erzeugt. Die Winnipeg Art Gallery beherbergt das weltweit größte öffentliche Archiv zeitgenössischer Inuit-Kunst. Und auf dem Weg dorthin stößt man außerdem auf die Statue von Sir William Stephenson, einem gebürtigen Winnipeger, der als Spion dem britischen Geheimdienst diente. Dort traf er einen gewissen Ian Fleming, der von seinen Fähigkeiten und Manierismen zu einem bis heute berüchtigten Geheimagenten mit der Rufnummer 007 inspiriert wurde.

Der Reiz dieser Stadt liegt wahrlich nicht gleich auf der Hand. Er entsteht viel mehr beim Entdecken, Zuhören und Schmecken. Wer hierherkommt, sollte Zeit mitbringen – für Gespräche mit Köchen und Köchinnen, Künstlern und Künstlerinnen sowie Handwerkern und Handwerkerinnen, für Spaziergänge entlang des Red River. Nicht zu vergessen, dass Winnipeg der Ausgangspunkt ist für eine Reise nach Churchill, einer kleinen Stadt im Norden, in der Menschen und wilde Eisbären gelernt haben, zusammenzuleben.

Jenni Koutni in Manitoba in Kanada
© Jenni Koutni

Willkommen im Reich der Eisbären

Nach Churchill zu reisen, ist ein Abenteuer. In diese Stadt am Rand der Hudson Bay im Norden Kanadas führen keine Straßen, der Flughafen wird ab Winnipeg nur ein paar Mal die Woche von einer Airline angeflogen. Oder man fährt mit dem Zug, der zweieinhalb Tage durch boreale Wälder rumpelt, vorbei an Seen, die gar nicht enden wollen. Den Flieger teilt man sich mit wenigen Leuten, denn gut ein Drittel der Sitze ist mit alltäglichen Waren besetzt, die man im abgeschiedenen Churchill, das lediglich einen Supermarkt hat, dringend braucht. Dennoch: Es gibt Hotels, Restaurants, Streetart, kleine Bars. Eine Mikrogärtnerei, die Churchills Bewohner*innen das ganze Jahr über mit frischem Gemüse und Kräutern versorgt. Schneehasen huschen zwischen den Häusern, Gänse ziehen über den Himmel. Je nach Saison tanzen nachts Polarlichter über der Bucht, während sich im Meer Belugawale tummeln. Aber: noch irgendetwas ist hier anders. Haustüren und Autos werden grundsätzlich nie versperrt, Mülltonnen fehlen, das öffentliche Leben findet drinnen statt. Nicht wegen Kriminalität oder Kälte – sondern wegen der Nachbarschaft. Denn hier lebt man Seite an Seite mit den größten Landraubtieren der Erde.

Leben mit den weißen Riesen

Churchill liegt mitten auf der Migrationsroute von Eisbären. Schilder weisen darauf hin, vorsichtig zu sein oder gewisse Plätze ganz zu meiden. Touris sind angewiesen, nur mit offiziellen Tourguides unterwegs zu sein. Denn, wenn im Frühjahr das Eis der Hudson Bay schmilzt, müssen die Tiere an Land, um zu warten, bis das Meer im Winter erneut zufriert. In dieser Zeit fasten sie und verlieren Gewicht – bis zu ein Kilogramm pro Tag. Sie essen zwar sporadisch Eier oder knabbern an angespülten Walkadavern, doch das ersetzt nicht die fettreichen Robben, auf die sie angewiesen sind. So kommt es, dass die weißen Riesen manchmal auch in der Stadt nach Essbarem suchen, vor allem nachts. Wer großes Glück hat, bekommt sie auch zu sehen, wie sie im Wasser spielen, wittern oder einfach nur stundenlang zwischen den bemoosten Steinen schlafen. Ein unglaublicher Moment, in dem man begreift, dass Bären keine Bestien sind, die Menschen grundlos angreifen. „Dennoch, wir halten Augen und Ohren jederzeit offen, denn zu nahe wollen wir diesen zwei bis drei Meter langen Tieren nicht kommen. Vor allem nicht, wenn sie sich bedroht fühlen“, erklärt Ranger Dave, der für den Touranbieter Discover Churchill mehrmals die Woche Besucher*innen in die Nähe dieser erstaunlichen Tiere bringt. „Wir werden es nie schaffen, dass die Bären uns nicht wahrnehmen, auch wenn wir noch so weit weg sind. Sie wittern uns lange bevor wir sie sehen. Aber wir müssen respektvoll sein, bedrängen sie nicht. Dies hier ist kein Zoo. Es ist auch für uns immer wieder ein Privileg, einen Blick auf Eisbären zu erhaschen.“ Laut Vorschrift muss auch Dave stets ein Gewehr mitführen, wenn er sich mehr als 60 Meter vom Fahrzeug entfernt. Einsetzen musste er es noch nie. Und auch sonst kam es durch die „Benimmregeln“, die alle Menschen hier einhalten müssen, das letzte Mal in den 1980er zu einem Unfall zwischen Mensch und Eisbär.

Indigene Einwohner*innen in Manitoba in Kanada
© Travel Manitoba

Churchill ist ein Ort der Kontraste: zwischen Zivilisation und Wildnis, zwischen Mensch und Tier. Es ist kein Ort für flüchtige Besuche und übergriffigen Tourismus.

Ein Fall fürs Bear Jail

Macht es sich ein Tier doch zu gemütlich in der Stadt, wählt man die Bären-Notfallnummer, und dann heißt es für ihn ab ins sogenannte Bärengefängnis am Stadtrand. „Obwohl wir lieber ‚Bärenauffangstation‘ sagen“, wirft Dave ein. „Früher wurden solche Tiere ‚Problembären‘ genannt und erschossen. Heute wissen wir besser, dass so ein Eisbär nur seinen Instinkten folgt und wir müssen ihn so behutsam, wie es eben geht von unserer 900-Seelen-Gemeinde fernhalten.“ Die Tiere werden dafür betäubt und verbringen dann 30 Tage in der Bärenauffangstation. Dort ist es dunkel, es gibt nur Wasser – ein Bild, das brutal klingt, tatsächlich aber den Alltag eines Eisbären spiegelt. „Eisbären essen nicht täglich, sie müssen dafür ja eine Robbe erwischen. Schwangere Weibchen fasten sogar bis zu acht Monate lang und das während sie die Jungen gebären und säugen! Die meiste Zeit also dösen oder schlafen sie, um wertvolle Energie zu sparen“, sagt Dave. „Es geht ihnen hier nicht schlecht, aber dennoch ist es lang genug, damit sie es nicht zu gemütlich finden.“ Besonders hartnäckige Stadtbesucher werden dann per Helikopter bis zu 50 km entfernt, entlang ihrer natürlichen Route wieder ausgesetzt.

Ein Ort mit Erinnerung

Doch Churchill ist mehr als nur Eisbärenromantik. In Kanada ist es üblich und notwendig, sich zu fragen, auf wessen Land man sich bewegt. Churchill liegt auf dem Territorium der Cree, Dene und Inuit. Die Aufarbeitung der Geschichte der Residential Schools, jener Internate, in denen indigene Kinder ihrer Sprache und Kultur beraubt wurden, ist noch im Gange. Schilder, Gedenktafeln und offizielle Anerkennungen sind ein Anfang, aber sie wiegen nicht auf, was an Schmerz und Verlust geblieben ist. Wer verstehen will, was das bedeutet, sollte eine Tour mit Dene Routes buchen. Florence Hamilton, Nachfahrin der Sayisi Dene, führt Besucher*innen durch ihre Geschichte, erzählt von Jagdmethoden, nomadischem Leben und der Verbundenheit ihres Volkes mit der Tundra. Sie zeigt Werkzeuge, Perlenarbeiten und alte Tagebücher in Dene-Sprache – Zeugnisse einer Kultur, die beinahe ausgelöscht wurde. Die Geschichte ihres Volkes ist eine von Enteignung und Zwangsumsiedlung, aber auch eine von Würde, Vergebung und Überleben. Wer Florence zuhört, erfährt mehr über Nachhaltigkeit und natürliche Kreisläufe als in so manchem Studium.

Zwischen Tradition und Verantwortung

Doch dieses Gleichgewicht ist brüchig. Die Diskussion um die Eisbärenjagd, die einzig für indigene Völker noch legal ist, zeigt beispielsweise das Spannungsfeld zwischen Tradition und Artenschutz. Denn obwohl die Lage der Eisbären in dieser Region noch nicht besorgniserregend ist, zeugen Statistiken von Veränderungen durch den Klimawandel. Laut der in Churchill ansässigen Organisation Polar Bears International wurden in den 80ern noch ca. 1.200 Bären gezählt – 2021 waren es nur noch 618. Die Eisdecke, für die Eisbären das wichtigste Jagdgebiet, ging mittlerweile so weit zurück, dass die Raubtiere einen Monat früher auf Wanderung gehen müssen. Also: Dürfen Außenstehende indigenen Gemeinschaften sagen, dass sie keine Bären mehr jagen sollen, wenn diese Jagd seit Generationen Teil ihrer Kultur ist? Und wer entscheidet, was „Schutz“ bedeutet – jene, die im Süden Gesetze schreiben, oder jene, die im Norden mit den Folgen leben? Die Antwort ist heikel und liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Organisationen wie Polar Bears International arbeiten deshalb eng mit lokalen Gemeinschaften zusammen, um Forschung, Monitoring und Bildungsprogramme zu verbinden – und gleichzeitig jene Stimmen einzubeziehen, die lange übergangen wurden.

Tourismus hin oder her

Churchill ist ein Ort der Kontraste: zwischen Zivilisation und Wildnis, zwischen Mensch und Tier. Es ist kein Ort für flüchtige Besuche und übergriffigen Tourismus. „Natürlich gibt es auch hier bereits Touranbieter, die sich für meinen Geschmack zu nahe an die Bären wagen. Einmal wollte man mir sogar Geld zustecken, damit wir näher rangehen – nur wegen eines Fotos!“, erzählt Ranger Dave nachdenklich. „Das soll nicht die Zukunft von Churchill sein, Tourismus hin oder her.“ Wer hierherkommt, betritt eine Landschaft, die so empfindlich ist wie die Beziehungen, die sie prägen. Es gibt hier so viel mehr als den perfekten Eisbären-Schnappschuss: Eine hohe Chance auf Polarlichter zum Beispiel, oder neugierige Belugawale, die nicht mit Touristenbooten gejagt werden müssen. Das faszinierende Ökosystem von Taiga und Tundra. Und nicht zu vergessen: einzigartige Kulturen, herzliche Menschen und Geschichten vom Zusammenleben, aus denen wir viel lernen können.

Polarlichter in Churchill in Kanada
© Travel Manitoba

Winnipeg überrascht mit einer lebendigen Mischung aus indigener Kultur, kreativer Kulinarik und einer offenen Szene, die ihre raue Winterkulisse mit Humor, Wärme und Erfindungsgeist füllt.

Kulinarische Hotspots in Winnipeg:

  • Resto Gare – französisch-kanadische Küche im alten Eisenbahnwaggon
  • Clementine – beliebte Brunch-Adresse in der Innenstadt
  • Restaurant Nola – kreative Küche von Chefköchin Emily Butcher
  • Feast Café Bistro – indigene Gerichte wie Bison & Bannock (ein einfaches Brot, eingeführt durch schottische Siedler*innen) 

  • Café Sharecuterie – lokale Zutaten, Handwerk & soziale Begegnung
  • Nonsuch Brewing Co. – preisgekrönte, lokale Biere & Workshops

Churchill ist ein abgelegener, intensiver Ort, an dem Menschen und Eisbären Seite an Seite leben – ein einzigartiges Zusammenspiel aus Wildnis, Tradition und Verantwortung.


Indigene Tourenanbieter*innen:

  • Nanuk Operations – natur- und kulturverbundene Erlebnisse
  • Dene Routes – Touren mit tiefen Einblicken in Dene-Geschichte und Tradition

Tourismus Manitoba

Obstbaumschule Fruchttrieb: Alte Obstsorten, neu gedacht

Schon einmal von Pomologie gehört? Hinter dem Wort, das es eher selten in den alltäglichen Sprachgebrauch schafft, steckt ein wichtiges Handwerk, das in Sachen Biodiversität nicht wegzudenken ist: die Lehre vom Obst. Und genau dieser haben sich zwei junge Idealist*innen im Süden Österreichs verschrieben, mit einem Projekt, das nicht nur uralte Sorten vor dem Aussterben rettet, sondern auch unseren Geschmackssinn aufweckt.

Zurück zu den Wurzeln – im wahrsten Sinne

Es summt und brummt, wohin man auch geht. Bunte Blüten bilden Farbkleckse mitten im Gemüsebeet, auf den Wiesen tummeln sich die verschiedensten Arten von Fauna und Flora. Was in Zeiten perfekt geplanter Kunstrasenlandschaften und Schottergärten etwas wild und chaotisch wirkt, ist eigentlich ein perfektes System. Hier, oberhalb des Ortes Kötschach-Mauthen, mitten in der Kärntner Bergwelt auf knapp 1.000 Metern Seehöhe, bewirtschaften Eva Hinterbichler und Philipp Bodner ihre Obstbaumschule Fruchttrieb. Was hier noch so wächst? Über 200 fast vergessene Sorten von Äpfeln, Birnen, Marillen & Co., die so wohl kaum noch jemand kennt – geschweige denn im Supermarkt findet. Die Apfelsorte „Siebenschläfer“, die auch „Faulenzer“ genannt wird, zum Beispiel. „Schneiders Späte Knorpelkirsche“ und „Blumenbachs Butterbirne“. Oder die „Znaimer Ananas“, die eigentlich eine Marille ist.

Doch es geht hier nicht nur um lustige Namen und Nostalgie. Viele dieser alten Sorten sind deutlich bekömmlicher – sogar für Allergiker*innen geeignet – aromatischer und resistenter gegenüber Schädlingen. Perfekt gerüstet also, um den Problemen des Klimawandels zu trotzen. Sie brauchen auch noch weniger Chemie – was sowohl der Umwelt als auch unserer Gesundheit zugutekommt. „Im Supermarkt sehen wir nur einen Bruchteil des regionalen Obsts und Gemüses, das es bei uns eigentlich gibt. Wir dürfen nicht zulassen, dass wir diese enorme Vielfalt verlieren, weil wir uns nicht damit beschäftigen“, sagt Eva Hinterbichler, während sie auf ihre Schatzkammer blickt. Ruhig ist es hier, keine Spur von Verkehrslärm oder anderen Anzeichen des Großstadtalltags. Statt Scrollen am Smartphone streifen Eva und Philipp lieber stundenlang durchs Grüne und vergraben ihre Hände in der Erde. Ein Gegenentwurf zur modernen Welt, den sie sich gerade deshalb bewusst ausgesucht haben.

Streuobstwiesen statt Streaming

„Unsere Baumschule ist für uns die Gegenbewegung zu Großstadtstress, Social Media und Co. Es ist wie Meditation, wenn man stundenlang hier im Garten werkelt“, sagen Eva und Philipp unisono. Was nach entspanntem Zen-Lifestyle klingt, ist allerdings auch harte Arbeit. Denn: Beide haben noch Brotjobs, mit denen sie ihre Baumschule finanzieren. Ihre Freizeit verbringen sie damit, durch Täler und Berghänge zu reisen, immer auf der Suche nach alten Obstsorten. „Wir wissen von Obstbäumen, die wahrscheinlich nur noch in einem einzigen Garten einer alten Bäuerin existieren und sonst nirgends mehr!“, berichtet Philipp. Das Ziel von Fruchttrieb: Diese Sorten erhalten, vermehren und zurück in unsere Gärten bringen. Jede*r kann sich hier informieren und ein rares Stück mit nach Hause nehmen – passende Tipps zur Pflege inklusive. So sollen Streuobstwiesen in unserer Natur und auch im eigenen Garten wieder zum Alltag gehören, nicht nur in kitschigen Instagram-Feeds. Das erfordert allerdings Geduld und es dauert Jahre, bis man die ersten Früchte überhaupt ernten kann. Aber wie heißt es so schön: Für echte Nachhaltigkeit muss man Bäume pflanzen, in deren Schatten man nie sitzen wird.

Fruchttrieb in Kärnten
© Jenni Koutni

Slow Food: Der Konter zum Fast Food-Hype

Der Gedanke hinter Fruchttrieb ist eng verknüpft mit der weltweiten Slow Food-Bewegung, eine Art Gegenrevolution zum schnellen, standardisierten Essen. Angefangen hat alles 1986 in Rom, als Aktivist*innen rund um Journalist Carlo Petrini demonstrativ Spaghetti aßen, um gegen die Eröffnung der ersten McDonald’s-Filiale in Italien zu protestieren. Den Siegeszug von Fast Food-Ketten konnte man offensichtlich nicht stoppen. Aber ein Jahr später gründete Petrini offiziell die Non-Profit-Organisation Slow Food, die heute über 100.000 Mitglieder in mehr als 150 Ländern zählt. Die Grundidee ist nach wie vor dieselbe: Lebensmittel sollen gut, sauber und fair sein. Also: köstlich schmecken, umweltfreundlich hergestellt werden und Produzent*innen gerecht entlohnen.

In Kärnten geht man sogar noch einen Schritt weiter: Im Gail-, Gitsch- und Lesachtal sowie am Weissensee findet man die weltweit erste Slow Food Travel Region. Besucher*innen wohnen bei lokalen Gastgeber*innen, lernen Produzent*innen kennen und dürfen in Workshops selbst Hand anlegen. Wer hier urlaubt, nimmt also mehr mit nach Hause als nur ein paar Insta-Stories.

Comeback der Kletzenbirne

Ein Paradebeispiel für die Arbeit von Eva und Philipp für die Slow Food-Bewegung ist die Kletzenbirne. Diese kleine, nährstoffreiche Frucht war früher fixer Bestandteil der Streuobstwiesen im Dreiländereck Kärnten–Friaul–Slowenien. Manche kennen sie vielleicht auch noch als Snack, den die Großeltern gerne in der Weihnachtszeit aßen. Tatsächlich ist sie heute fast aus unserer Kulturlandschaft verschwunden. Philipp war maßgeblich daran beteiligt, dass die Kletzenbirne von Slow Food als „besonders schützenswert“ ausgezeichnet wurde. Der schlichte Grund für ihren Rückzug: Sie ist unpraktisch. Man muss warten, bis sie von selbst vom Baum fällt – unreife Exemplare taugen weder zur Lagerung noch zum Frischverzehr. Also dörrt man sie oder destilliert sie. Das ist mühsam und viele der alten Bäume werden heute gefällt, weil das Holz lukrativer ist als die Frucht selbst. „Wo früher pro Hof mehrere Kletzenbirnbäume zu finden waren, steht heute meist nur mehr einer“, erzählt Philipp. Gemeinsam mit Eva setzt er dem etwas entgegen: Sie ziehen junge Bäume nach, schneiden alte fachgerecht zurück und wollen den Menschen zeigen, wie viel regionale Vielfalt tatsächlich möglich ist – jenseits der drei gängigen Apfelsorten aus dem Supermarkt.

Eva Hinterbichler und Philipp Bodner und ihre Obstbaumschule Fruchttrieb
© Slow Food Travel/Martin Hofmann

Im Supermarkt sehen wir nur einen Bruchteil des regionalen Obsts und Gemüses, das es bei uns eigentlich gibt. Wir dürfen nicht zulassen, dass wir diese enorme Vielfalt verlieren, weil wir uns nicht damit beschäftigen.

Zukunft pflanzen – Baum für Baum

Mit Fruchttrieb leben die Millennials Eva und Philipp die Slow Food-Philosophie mit jeder Wurzel, jedem Trieb, jedem gepflanzten Baum. Sie zeigen: Nachhaltigkeit kann mehr als Verzicht. Sie kann auch wunderbar schmecken, Geschichte erzählen und unsere Zukunft bunter und wortwörtlich bekömmlicher machen, nicht nur kulinarisch gesehen. Die beiden Obstbaumzüchter*innen leben für ihr Herzensprojekt und stecken mit ihrer Leidenschaft hoffentlich noch viele an.

Eva Hinterbichler und Philipp Bodner und ihre Obstbaumschule Fruchttrieb stehen für gelebte Leidenschaft und aktiven Artenschutz. In ihrer kleinen, biologischen Baumschule auf 1.000 Metern Seehöhe in Kärnten widmen sie sich dem Erhalt seltener, fast vergessener Apfel-, Birnen- und Marillensorten. Ihr Ziel ist es, die Biodiversität zu fördern, altes Obstwissen vor dem Vergessen zu bewahren und ein klares Zeichen gegen uniforme Massenware im Supermarkt zu setzen – ganz im Sinne der internationalen Slow Food-Bewegung.

Fruchttrieb

Secondhand first – zwischen Stil und Statement

Was gestern noch ein modisches No-Go war, hängt morgen wieder an den begehrtesten Hüften. Bootcut-Jeans zum Beispiel: Anfang des Jahres trug der weltbekannte Rapper Kendrick Lamar ein Paar beim Super Bowl – und plötzlich ist der Jeans-Cut, der für gut zwei Jahre als unmodern galt, wieder zurück auf den Straßen, in den Stores, in den Feeds. Trends sind ein fragiles Konstrukt, zirkulär und heute quasi unvorhersehbar. Oft braucht es nur eine als besonders cool wahrgenommene Person, um bestimmte Kleidungsstücke wieder begehrt zu machen. Warum wird man also nicht gleich selbst zur Trendsetterin bzw. zum Trendsetter – und zwar mit dem, was längst im Schrank hängt?

Die Wahrnehmung verändern

Trend der Stunde ist Secondhand-Mode. Der Kauf von bereits getragener Kleidung hat in den letzten Jahren eine neue Selbstverständlichkeit bekommen. Secondhand-Stores oder Plattformen wie willhaben.at sind nicht mehr nur die Anlaufstelle für Vintage-Fans, sondern zählen zum ganz normalen Shopping. Den Triumph von Altem über das Neue kann man sowohl aus ethischer als auch ökologischer Sicht klar als Sieg verbuchen. Wo aber beginnt echte Veränderung? Norah Joskowitz, Gründerin des Wiener Labels Valle ō Valle und heute Beraterin in Sachen nachhaltiger Mode, beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Thema. Für ihr Label bedeutete das: umweltschonende Stoffe wie TENCEL™, zertifizierte Biobaumwolle, keine Überproduktion, keine ständigen neuen Kollektionen. Kleidungsstücke entstanden meist aus Deadstock-Materialien, so individuell wie die Menschen, die sie tragen. Secondhand ist auch heute als Kreativschaffende, Stylistin und Beraterin ein zentrales Thema.

Beim Styling-Workshop der MA 48 wurde Norah Joskowitz kürzlich eingeladen, aus Altkleiderbergen des „Tandlers 48“ neue Looks für Interessierte zu kreieren. Im Rahmen der „Orange Week“, einer Gegenbewegung zum Konsumfeiertag Black Friday, wühlte sich Norah mit viel Gespür für Material und Qualität durch und fand eine Auswahl an Kleidungsstücken, deren Zeit nach Dekaden in der Versenkung nun wiedergekommen war. Das Ergebnis waren viele neue Outfits aus alter Ware. Die Resonanz war überraschend groß und viele Kund*innen verloren dadurch erste Berührungsängste mit dem Thema Secondhand-Kleidung.

Neue Haltung durch Secondhand

Auch wenn Projekte wie das der MA 48 sich noch vorsichtig an eine mögliche Zukunft des Kleiderkonsums herantasten, zeigen Umfragen und Statistiken immer mehr, dass Secondhand nicht länger ein Geheimtipp für Vintage-Fans, sondern für viele Menschen die erste Wahl ist. Vor allem jüngere Generationen setzen auf gebrauchte Kleidung. Für sie geht es zuweilen aber nicht nur um Retro-Ästhetik oder günstige Preise – sondern um Haltung.

Der weltweite Markt für gebrauchte Kleidung wächst daher rasant. Laut dem „Resale 2025“-Bericht des US-amerikanischen Secondhand-Anbieters ThredUp wird das Marktvolumen bis 2029 auf rund 367 Milliarden US-Dollar ansteigen – das ist fast dreimal so schnell wie der erwartete Zuwachs der gesamten Modebranche. 2024 wuchs der Secondhand-Sektor um 15 Prozent und macht mittlerweile geschätzte neun Prozent der weltweiten Bekleidungsausgaben aus. Nicht zuletzt sorgt auch technologische Innovation für mehr Komfort beim Gebrauchtkauf: Künstliche Intelligenz hilft, die richtigen Größen und Stile schneller zu finden, Filterfunktionen werden präziser, und der Authentifizierungsprozess – besonders wichtig bei Luxusmode – läuft reibungsloser ab. So wird die Erfahrung immer mehr zum digitalen Shopping-Standard. Denn vor allem der Online-Wiederverkauf treibt das Wachstum voran. 88 Prozent der Ausgaben für Secondhand-Mode werden heute digital getätigt, auf Plattformen wie Vinted, Sellpy oder Vestiaire Collective.

Fashion-Expertin Norah Joskowitz
Fashion-Expertin Norah Joskowitz © Sophie Nawratil

Wenn wir wirklich groß umdenken wollen, darf es gar nicht so viel Secondhand am Markt geben.

Wert entsteht durch Perspektive

Das Kaufverhalten beginnt sich dabei tatsächlich zu verändern, glaubt man der Studie. Demnach sucht jede*r Zweite in der Altersgruppe 18 bis 44 zuerst nach gebrauchter Kleidung und erst dann nach Neuware. Die Motive sind vielfältig: Wer Secondhand kauft, tut das nicht nur aus Nachhaltigkeitsgründen – sondern auch, um sich von der Masse abzuheben. Es geht um Individualität und das bewusste Ausbremsen eines schnelllebigen Modetempos. Das hat sich auch beim Styling-Workshop der MA 48 bestätigt, wie Norah Joskowitz erzählt: „Je mehr Menschen aus so einem Haufen Bekleidung selektieren, desto wertvoller wird die Kleidung. Denn Secondhand bedient nicht nur eine einzige Ästhetik, da ist für jeden Geschmack und jede Körperform etwas dabei.“

Es ist ein Satz, der den Kern der Debatte trifft. Wert entsteht nicht durch das Preisschild oder das Label, sondern durch Kontext, Geschichte – und den Blick, der etwas erkennt, wo andere nur Überfluss sehen. Eine Philosophie, die Norah schon länger propagiert, zum Beispiel mit ihrem Projekt „Kleiderschrank-Kaleidoskop“: In individuellen Beratungen bei der Kundschaft zu Hause arbeitet sie mit dem, was schon da ist – oft über Jahre gesammelt, geliebt, dann vergessen. „Kleiderschränke sind heutzutage notorisch überfüllt, das ist leider die Wahrheit. Da den Überblick zu verlieren, über das, was man besitzt, ist leicht.“ Das Bewusstsein, wie viel man eigentlich besitzt und welches Potenzial bereits im eigenen Kleiderschrank steckt, ist für viele ein Aha-Erlebnis. „Meine Kundschaft hat danach nicht nur einen neu geordneten Kleiderschrank voller Möglichkeiten, sondern auch eine neue, zeitlose Perspektive darauf.“ Denn Modetrends, so Norah, sind schlussendlich ein Relikt vergangener Zeit, das uns ständig zum Kauf verführt. Ein viel zu enges Korsett, das viele Menschen, beispielsweise mit großen Größen, strukturell ausschließt. Sich dem Status quo des eigenen Kleiderschranks zu stellen und eine neue Zufriedenheit für das zu entwickeln, was man bereits hat, ist in der heutigen Zeit also fast rebellisch. Weniger Konsum und dafür das Gefühl von mehr Selbstwirksamkeit – das klingt nach einem fairen Deal.

Zwischen Hoffnung und Skepsis

Trotz allem bleibt Norah als Brancheninsiderin realistisch: „Ich hoffe, dass sich durch den Secondhand-Hype wirklich etwas verändert – aber sowohl Überkonsum als auch Überproduktion von Kleidung sind immer noch extrem.“ Auch im Secondhand-Markt. Denn die Textilien, die dort landen, sind das Resultat einer Industrie, die zu viel und zu billig produziert. Und selbst, wenn wir sie weitergeben, verschenken, weiterverkaufen – das Grundproblem bleibt bestehen. „Wenn wir wirklich groß umdenken wollen, darf es gar nicht so viel Secondhand am Markt geben“, sagt Norah. Denn auch Kreisläufe stoßen irgendwann an ihre Grenzen und es reicht leider nicht, den Modekonsum nur umzuleiten. Er muss sich grundsätzlich verändern. „Dieser individuelle Style, den Secondhand-Mode mit sich bringt, ist bereits so im Bewusstsein, dass er nicht einfach weggespült werden kann wie andere Trends, da bin ich sicher“, sagt sie abschließend. „Aber da muss noch einiges mehr kommen. Secondhand ist toll, ein totales Umdenken wäre aber besser. Wir müssen alle langsamer werden.“ Und vielleicht liegt genau darin die Chance: Kleidung als etwas zu verstehen, das nicht einfach nur da ist, sondern Bedeutung trägt. Das nicht gekauft wird, um dem Konsumimpuls zu folgen – sondern weil es etwas aussagt. So gesehen ist Secondhand eine Möglichkeit, mit dem zu arbeiten, was schon da ist und gleichzeitig zu überdenken, was oder wie viel wir wirklich brauchen.

Secondhand – kurzgefasst:

  • 88 % der Ausgaben für gebrauchte Mode erfolgen heute digital – Plattformen wie Vinted & Co. boomen.
  • Der weltweite Secondhand-Markt soll bis 2029 auf 367 Mrd. US-Dollar wachsen – fast dreimal so schnell wie die gesamte Modebranche.
  • In einer Branche, die sich zwischen Trendzyklen, Nachhaltigkeitsversprechen und Konsumkritik neu sortieren muss, setzen vor allem jüngere Generationen auf gebrauchte Kleidung.
  • Für viele Konsument*innen geht es bei Secondhand nicht nur um Stil, sondern um Haltung, Nachhaltigkeit und Individualität.
  • Überkonsum bleibt ein Problem – selbst im Secondhand-Markt. Echter Wandel beginnt beim bewussteren Umgang mit dem, was man bereits besitzt.

Norah Joskowitz lenkte ihren Karrierepfad kürzlich vom Modedesign hin zur Ästhetik-Beauftragten im Bereich Nachhaltigkeit. Denn ihrer Meinung nach liegt hier der Schlüssel, Fair Fashion, Kreislaufwirtschaft und Co. aus der Öko-Nische zu befreien. Norah unterstützt nun dabei, Projekte im Bereich Upcycling, Repair and Care sowie bewussten Konsum ästhetisch so zu gestalten, dass sie begeistern und endlich im Mainstream ankommen.

Norah Joskowitz

Von Recycling bis Kreislaufwirtschaft: Österreichs Start-ups

Wenn wir derzeit an ein globales Populationswachstum denken und wir bereits jetzt zu viel Land- und CO₂-Emissionen benötigen, als der Planet verträgt, kann es nicht der richtige Weg sein, noch mehr Rohstoffe auf neuer Fläche anzubauen.

Kreislaufwirtschaft, Recycling und nachwachsende Rohstoffe – diese Konzepte sind entscheidend für unsere Zukunft. Zahlreiche Ideen zeigen bereits, wie sie zu einer nachhaltigeren Welt beitragen könnten. Doch manche Unternehmen sind schon einige Schritte weiter: Sie setzen ihre Visionen bereits erfolgreich in die Praxis um und beweisen, dass selbst traditionelle Branchen neu gedacht werden können. Hätten Sie zum Beispiel gedacht, dass Lärmschutzwände auch als Insektenhotels dienen können? Aber lassen wir Österreichs innovativste Start-ups selbst erzählen, wie sie Nachhaltigkeit neu definieren.

Vom Marillenkern zum Superfood

Das Unternehmen Kern Tec beweist, dass selbst unscheinbare Nebenprodukte wahre Schätze sein können. Das Start-up verwandelt nämlich Kerne und Kernschalen von Obst wie Marillen und Pflaumen, die in der Saft- und Marmeladenproduktion als Abfall gelten, in hochwertige Produkte. Unter anderem sind das Snacks, Süßwaren, Peelings, Körperöle oder auch Mulch und Kies für die Garten- und Parkplanung. Sogar Milchalternativen lassen sich aus den ungewollten Kernen machen. „Der Marillenkern ist ein wertvolles Gut, mit hochwertigen und gesunden Ölen, einem hohen Anteil an Protein sowie Ballaststoffen und Vitaminen“, sagt Gründer Michael Beitl. „Deshalb können wir daraus Milchalternativen, wie zum Beispiel den Wunderkern-Kakao-Drink, Snacks, Nussmuse und Öle für Lebensmittel und Kosmetikprodukte gewinnen.“ Das ist gleich mehrfach sinnvoll, denn: Kerne sind ein Rohstoff, der in der Landwirtschaft nicht angebaut werden muss, deswegen entfällt dort auch der Wasser-, CO₂- und Landverbrauch. „Wenn wir derzeit an ein globales Populationswachstum denken und wir bereits jetzt zu viel Land- und CO₂-Emissionen benötigen, als der Planet verträgt, kann es nicht der richtige Weg sein, noch mehr Rohstoffe auf neuer Fläche anzubauen“, so Beitl. Der bessere Weg ist also, vorhandene Rohstoffe, die bislang ungenutzt blieben, zu Lebensmitteln zu verwerten. Ein echtes Paradebeispiel für eine ressourcenschonende Kreislaufwirtschaft.

Die Lärmschutzwand als Insektenhotel

Potenzial, um unsere Umwelt nicht unnötig zu belasten, steckt oft in ganz alltäglichen, wenn auch leicht übersehbaren Dingen. Lärmschutz beispielsweise ist wichtig für das Wohlbefinden der Menschen, die neben viel befahrenen Straßen wohnen – doch herkömmliche Lärmschutzwände verursachen hohe CO₂-Emissionen, giftige Abwässer und viel Sondermüll am Ende ihrer Lebenszeit. Hier setzt das Start-up REEDuce an: Die weltweit erste ökologische Lärmschutztechnologie nutzt Schilf aus dem Burgenland, Lehm und Thermoholz aus heimischen Quellen. „Die Idee zu dieser Technologie hatte man eigentlich schon vor ca. 20 Jahren durch ein EU-Forschungsprojekt“, erzählt Gründerin Birgit van Duyvenbode. „Seitdem gibt es auch eine Langzeitstudie, die sich bis heute sehr gut bewährt hat. Als ich vor ein paar Jahren durch Zufall davon erfuhr und das große Potenzial erkannte, die Welt ein Stück besser und nachhaltiger zu machen, hat mich das sehr motiviert.“ Die Vorteile sind enorm, wie van Duyvenbode erläutert: „Unsere Lärmschutzwände haben die fantastische Eigenschaft, CO₂ zu absorbieren, sind kreislauffähig und dienen gleichzeitig als Insektenhotel, was die Biodiversität fördert.“ Und neben dem nachhaltigen Aspekt hilft das Konzept auch noch, das Überwuchern von Schilf am Neusiedler See zu regulieren und so das Risiko von Bränden zu minimieren.

Sonja Zumpfe von BauKarussell
Sonja Zumpfe von BauKarussell © Daniel Hinterramskogler

Rückbau statt Abriss

Ist ein Haus recycelbar? Eine Frage, die man sich wohl selten stellt. Immerhin denkt man beim Hausbau nicht unbedingt daran, es irgendwann wieder abzureißen. Die Datenlage zeigt aber, dass es sinnvoll wäre, wenn Elemente eines Hauses wiederverwertbar wären: Allein in der Stadt Wien schätzt die Baupolizei MA 37, dass jährlich etwa 300 bis 400 Gebäude abgerissen werden, wobei die Dunkelziffer recht hoch sein dürfte. In alten Gebäuden steckt nämlich weit mehr als nur Bauschutt, sagt das österreichische Unternehmen BauKarussell. Das Team rund um Sonja Zumpfe hat sich auf den kreislauforientierten Rückbau spezialisiert, um verbaute Ressourcen bestmöglich weiterzunutzen. Geschäftsführerin Zumpfe erklärt das Konzept so: „Wir unterstützen Bauherr*innen und Planer*innen, um vorhandene Materialien eines alten Gebäudes sichtbar zu machen und in eine zweite Nutzung zu bringen.“ Statt Gebäude einfach abzureißen, werden Schadstoffe entfernt, Wertstoffe getrennt und Bauelemente sinnvoll weiterverwendet. „Ein Blick auf den Bausektor zeigt: Die Reserven nicht regenerativer Primärrohstoffe sind erschöpft und können den wachsenden Bedarf nicht auf Dauer decken. Auch das Nachwachsen von regenerativen Ressourcen braucht Zeit und sollte auf ein ökologisch verträgliches Maß reduziert werden. Gerade der Bausektor bietet dabei einen großen Hebel, immerhin ist er einer der größten Energie- und Ressourcenschlucker und produziert gleichzeitig über 75 % des heimischen Abfalls. Abfall, der keiner sein muss, wenn man ihn durchleuchtet und je nach Wiederverwendungsgrad weiter nützt“, so Sonja Zumpfe. Das Ergebnis ihres Einsatzes: Weniger Abfall, weniger Bedarf an neuen Rohstoffen und gleichzeitig neue Arbeitsplätze in der Kreislaufwirtschaft. Bislang hat BauKarussell 1.808 Tonnen Baumaterial bearbeitet, wovon 768 Tonnen direkt wiederverwendet wurden. Die beste Wiederverwendungsquote eines Projekts lag bisher bei 60 % – eine Zahl, die noch weiter steigen soll.

Grüne Abkühlung für heiße Städte

Grüne Dächer sehen nicht nur cool aus, sie entpuppen sich auch als echte Klimaheros. Im Sommer sind begrünte Dächer beispielsweise bis zu 70 % kühler als unbegrünte, reduzieren die Umgebungslautstärke um etwa 20 Dezibel und speichern pro Quadratmeter bis zu 30 Liter Wasser. Der Haken daran: Sie sind kompliziert anzubringen und nicht einfach zu warten. Das Wiener Unternehmen Plantika entwickelte dagegen modulare Gründach-Systeme, die auf nahezu jedem Dach angebracht werden können – egal ob Blech- oder Ziegeldach, Neubau oder Altbau. Das soll der Zahl der begrünten Dächer in Städten hoffentlich einen Wachstumsschub bescheren. Der Nutzen ist enorm: CO₂ wird gebunden, Feinstaub gefiltert und, wie schon erwähnt, städtische Hitzeinseln reduziert und damit den Stromverbrauch durch Klimaanlagen senken. Gleichzeitig wird das Dach vor extremen Wetterereignissen geschützt. „Durch ihre Fähigkeit, große Mengen Regenwasser zu speichern, entlasten begrünte Dächer zudem das Abwassersystem und sparen Abwassergebühren“, heißt es auch noch seitens des Unternehmens Plantika. Eine grüne Lösung also, die Wirtschaft und Umwelt gleichermaßen nützt.

Plantika
© Plantika

Wo Fische fröhlich wandern

Auch in der Wasserkraft tut sich was in Sachen Kreislaufwirtschaft. Als überraschende Helfer hierbei fungieren Fische: Das österreichische Unternehmen Fishcon hat eine innovative Fischwanderhilfe entwickelt, die es den Tieren ermöglicht, Wasserkraftwerke sicher zu passieren. Während herkömmliche Fischtreppen nämlich oft ineffizient für die Tiere oder schwer zu warten für die Menschen sind, setzt Fishcon auf ein patentiertes Schleusensystem, das Fischen eine natürliche und sichere Aufwärts- und Abwärtsbewegung ermöglicht. Dabei handelt es sich um eine Schleuse, die sich automatisch an den Wasserstand anpasst und somit den Durchgang erleichtert. Diese Technologie sorgt nicht nur für eine bessere ökologische Durchgängigkeit der Flüsse, sondern auch für eine effizientere Energiegewinnung durch Wasserkraftwerke. Denn solche Schleusen stören nicht selten den natürlichen Flusslauf. Das System wurde so entwickelt, dass es wenig Wartung erfordert und sich in bestehende Anlagen integrieren lässt. Damit trägt das Unternehmen aus Linz aktiv zur Erhaltung der Biodiversität und gleichzeitig zur Nutzung erneuerbarer Energie bei. Klar, dass sich Geschäftsführer Bernhard Mayrhofer stolz zeigt: „Wir beweisen, dass sich ökologischer Gewässerschutz und Wasserkraftnutzung auf nachhaltige Weise vereinen lassen!“

Fishcon
© Fishcon

Diese heimischen Start-ups denken Klimaschutz neu:

Kern Tec: Verwandelt Obstkerne aus der Lebensmittelproduktion in nachhaltige Snacks, Öle und Milchalternativen. Kern Tec

REEDuce: Entwickelt ökologische Lärmschutzwände aus Schilf, die CO₂ binden, Lärm reduzieren und als Insektenhotel dienen. REEDuce

BauKarussell: Setzt auf kreislauforientierten Rückbau, um Baumaterialien wiederzuverwenden und Abfall im Bausektor drastisch zu reduzieren. BauKarussell

Plantika: Bietet modulare Gründach-Systeme an, die Städte kühlen, CO₂ binden und Regenwasser speichern – einfach installiert und pflegeleicht. Plantika

Fishcon: Entwickelt innovative Fischwanderhilfen, die Wasserkraftwerke durchlässiger machen und zur Erhaltung der Biodiversität beitragen. Fishcon

Christoph Baumgartner: Tor zu einer besseren Welt

Gut, wir könnten erzählen, dass Christoph Baumgartner 2023 innerhalb der Deutschen Bundesliga um 25,5 Millionen Euro von der TSG Hoffenheim zu RB Leipzig gewechselt und damit bis heute Österreichs Rekordtransfer ist. Oder dass er 2024 gegen die Slowakei weltweit das schnellste Tor der Länderspielgeschichte erzielt hat. Oder dass der hoch veranlagte Niederösterreicher seit seinem 15. Lebensjahr alle österreichischen Nachwuchsauswahlmannschaften durchlaufen hat und im Kalenderjahr 2024 mit sieben Treffern (und sieben Assists) der torgefährlichste Spieler im ÖFB-Team war. Doch all das bewundern wir jetzt nur am Rande. Denn diese Geschichte dreht sich um einen jungen Mann, der sich seines privilegierten Lebens nur allzu bewusst ist. Und deshalb handelt, ohne darüber zu reden – normalerweise …

Chancen für junge Mütter

Vor zwei Jahren gründete „Baumi“, wie ihn Fans und Freund*innen nennen, in Kakule im Osten Ugandas eine Schule für junge Frauen; den Anfang machten Friseurinnen- und Schneiderinnenkurse für 77 Teilnehmerinnen. Die Region, in der rund 35.000 Menschen leben, ist einerseits stark vom Klimawandel betroffen, der an sich fruchtbare Boden leidet massiv unter der anhaltenden Trockenheit. Dazu kommt, dass die Getreidepreise infolge des Konflikts in der Ukraine immens gestiegen sind: „Gerade junge Frauen“, sagt Christoph Baumgartner, „haben oft riesige Schwierigkeiten, sich und ihre Kinder zu ernähren.“

Die ostafrikanische Republik Uganda hat 1962 ihre Unabhängigkeit vom United Kingdom erklärt. In den 1970er-Jahren erlebte der Binnenstaat unter Diktator Idi Amin eine blutige Gewaltherrschaft, der mindestens 300.000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Zu den größten Problemen der Gegenwart in dem Land mit seinen 48 Millionen Einwohner*innen, sagt Christoph Baumgartner, „gehört die Tatsache, dass es kaum Verhütungsmittel gibt und Frauen dadurch oft sehr früh schwanger werden, sich aber nicht auf finanzielle Unterstützung durch die Väter verlassen können. Die Folge ist, dass sie – sofern sie überhaupt zur Schule gehen konnten – die Ausbildung abbrechen müssen, um sich um die Kinder zu kümmern.“

Und daraus folgte bald der logische nächste Schritt der „Baumi Junior School“: „Unser Ziel ist es, Frauen eine Chance zu geben und ihnen die Möglichkeit zu einer Ausbildung zu bieten. Wir haben aber rasch erkannt, dass sie Unterstützung bei ihren Kindern brauchen. Also haben wir uns entschieden, qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer einzustellen und die Kinder selbst zu unterrichten.“ Und der Bedarf ist riesig, sagt Christoph Baumgartner: „Mittlerweile betreuen wir bereits 250 Kinder zwischen drei und acht Jahren. Sie stammen alle aus extrem armen Familien und bekommen bei uns nicht nur eine Chance auf Schulbildung, sondern oftmals auch die einzige richtige Mahlzeit des Tages.“

Ein unfassbar privilegiertes Leben

Doch warum engagiert sich Christoph Baumgartner ausgerechnet in Uganda, einem der ärmsten Länder der Welt? „Ich habe mich schon längere Zeit mit meiner Frau darüber unterhalten, dass ich mich irgendwo einbringen und helfen möchte. Als Fußballprofi führe ich ein unfassbar privilegiertes Leben und verdiene viel Geld. Aber wenn man ein bisschen über den Tellerrand hinausschaut, erkennt man, dass es nicht überall auf der Welt so schön ist und auch, dass es nicht allen Menschen so gut geht wie bei uns.“

Ein Freund habe ihn auf die Situation in Uganda aufmerksam gemacht: „Er war dort und hat mit einigen Leuten vor Ort gesprochen. Er hat mir im Detail erklärt, was benötigt wird und wie man so ein Hilfsprojekt praktisch umsetzen könnte. Ich war von Anfang an Feuer und Flamme und musste nicht lange nachdenken. ‚Okay‘, habe ich gesagt, ‚legen wir los!‘.“

Natürlich, in erster Linie besteht sein Engagement aus finanzkräftiger Unterstützung, sagt Christoph Baumgartner: „So ehrlich muss man sein. Aber ich habe von Anfang an gesagt: Ich schicke nicht einfach nur Geld hinunter. Ich bekomme regelmäßige Reports, ich möchte sehen, was mit dem Geld geschieht. Und ich bin in alle grundlegenden Entscheidungen eingebunden. Wir besprechen immer wieder, welche Schritte als nächstes gesetzt werden sollen. Und wenn diese Ideen umgesetzt werden und wir die positiven Effekte auf die Menschen sehen, macht das echt viel Freude.“

Fußballprofi Christoph Baumgartner
© ÖFB/Kelemen

Der Star im Hintergrund

Christoph Baumgartner spricht selten über sein Engagement, selbst auf seinem Instagram-Account teilt er nur sehr sporadisch Neuigkeiten aus Uganda: „Tatsächlich wollte ich das Projekt anfangs komplett für mich behalten. Und zwar aus einem einfachen Grund: Es geht Nullkommanull darum, mich irgendwie als super Typen hinzustellen. Es geht ausschließlich darum, anderen Menschen zu helfen.“

Dass er mittlerweile – selten, aber doch – ausgewählte Interviews wie jenes hier mit funk tank gibt, liegt an einem vorsichtigen Umdenken: „Ich weiß, dass ich als Fußballprofi eine gewisse Reichweite und vielleicht sogar eine gewisse Strahlkraft habe. Und die möchte ich nutzen, um Menschen in Österreich und Deutschland darauf aufmerksam zu machen, was anderswo geschieht und wie viel Glück wir eigentlich haben.“

Dabei verliert der 48-fache Teamspieler (Stand November 2024) aber die gesellschaftliche Realität in seiner Heimat keineswegs aus den Augen: „Mir ist bewusst, dass wir in Österreich und Deutschland momentan auch keine leichte Phase durchmachen. Aber ich glaube trotzdem, dass es uns hier in Mitteleuropa vergleichsweise sehr gut geht.“

Nächstenliebe ist nicht nur ein Wort

Christoph Baumgartner wurde 1999 in der Waldviertler Bezirkshauptstadt Horn geboren, sein Vater Alfons war selbst als Fußballer in Österreichs dritthöchster Spielklasse beim SV Horn aktiv (Bruder Dominik, 28, kickt heute beim Bundesliga-Verein WAC). Aufgewachsen ist er in St. Leonhard am Hornerwald, einer Marktgemeinde mit etwas mehr als 1.100 Einwohner*innen. „Dort kennt jede*r jede*n“, sagt Christoph Baumgartner. „Mich kennen alle, seit ich ein kleiner Knirps war. Ich habe jeden Sonntag in der Kirche ministriert. Ich bin zu Fuß in die Volksschule spaziert und habe am Weg kurz beim Bäcker reingeschaut und mir ein Weckerl geholt. Ich glaube, mein Leben war ganz normal und sehr entspannt.“

Der offensive Mittelfeldspieler gilt als ehrgeizig und zielstrebig: Im Sportgymnasium St. Pölten hatte er die 7. Klasse übersprungen, nach der Matura wechselte er aus der St. Pöltener Fußballakademie nach Deutschland und machte auch im Nachwuchs der TSG Hoffenheim auf sich aufmerksam. Was ihn als Kind besonders geprägt hat, war der Zusammenhalt im Dorf. „Wenn zum Beispiel irgendwer ein Haus gebaut hat, haben immer alle mitgeholfen, die Nachbar*innen, Freund*innen, Verwandte – einfach alle sind nach ihrer Arbeit noch für zwei, drei Stunden auf die Baustelle gekommen. Ich habe also früh gesehen, wie wichtig die Gemeinschaft und die Familie ist. Und daran halte ich auch in der großen, turbulenten Fußballwelt fest.“

Christoph Baumgartner ist ein gläubiger Mensch; bevor er das Spielfeld betritt, bekreuzigt er sich, nach erzielten Toren schickt er einen Gruß in Richtung Himmel. „Ich will mich mit meinem Engagement keinesfalls als heiliger Samariter hinstellen. Ich glaube aber auch, dass Nächstenliebe nicht nur ein Wort ist, sondern ein motivierender Faktor in meinem Leben. Sich gegenseitig zu unterstützen, ist unglaublich viel wert.“

© Christoph Baumgartner Training School

Als Fußballprofi führe ich ein unfassbar privilegiertes Leben und verdiene viel Geld. Aber wenn man ein bisschen über den Tellerrand hinausschaut, erkennt man, dass es nicht überall auf der Welt so schön ist und auch, dass es nicht allen Menschen so gut geht wie bei uns.

Engagierte Zukunftsvision

Er selbst, sagt Christoph Baumgartner, hat es bisher leider noch nicht geschafft, die „Baumi Junior School“ in Uganda zu besuchen. Denn so privilegiert das Leben eines Fußballprofis sein mag: Zeit ist letztendlich Mangelware. „Dazu kommt, dass die Anreise nach Kakule recht beschwerlich ist. Der internationale Flughafen Entebbe ist mehrere Autostunden entfernt – allerdings nicht über die Autobahn, sondern über Stock und Stein. Aber es ist definitiv mein Ziel, mit meiner Frau und meiner Familie hinzureisen und die Fortschritte mit eigenen Augen zu sehen.“

Und derer gibt es immer wieder neue zu feiern. Etwa die zwölf Brunnen, die im Frühjahr 2024 repariert werden konnten und den Menschen ständigen Zugang zu sauberem Trinkwasser ermöglichen. Die nächsten großen Schritte bestehen in einer Verbesserung der Infrastruktur der „Baumi Junior School“: „Aktuell haben wir uns in einem Gebäude eingemietet, das natürlich nichts von jenen Standards aufweist, die wir von Schulen in Österreich gewöhnt sind. Kurzfristig besteht das Ziel darin, die Sanitäranlagen auf Vordermann zu bringen.“

Das große, längerfristige Ziel ist tatsächlich ein eigenes Schulgebäude, sagt Christoph Baumgartner: „Wir stehen aktuell in Verhandlungen. Ein Grundstück würde man uns zur Verfügung stellen, schließlich sind auch die Verantwortlichen vor Ort sehr glücklich darüber, dass es jemanden gibt, der ihnen helfen möchte.“ Doch mit der Infrastruktur allein ist es nicht getan, sagt Christoph Baumgartner: „Wir bekommen immer mehr Anfragen von Müttern und Kindern. Also müssen wir die Kapazität an Lehrerinnen und Lehrern erhöhen. Es bringt ja nichts, wenn die Klassen komplett überfüllt sind und einzelne Kinder deshalb auf der Strecke bleiben.“

Die Fussballer Amadou Haidara und Christoph Baumgartner vom RB Leipzig beim Training
Amadou Haidara und Christoph Baumgartner vom RB Leipzig beim Training © RB Leipzig/Motivio

Charakterstarke Typen

Das Feedback, das Christoph Baumgartner bisher auf sein Engagement bekommen hat, sei durchwegs positiv. Nicht zuletzt von Mitspielern, die selbst unter unterschiedlichsten Umständen in verschiedenen Teilen Afrikas aufgewachsen sind – etwa von Amadou Haidara, einem aus Mali stammenden Teamkollegen bei RB Leipzig: „Er ist auf mich zugekommen und hat gesagt: ‚Baumi, was du machst, ist überragend. Es geht dich eigentlich nichts an und trotzdem unterstützt du die Menschen in Afrika!‘ Das sind Momente, in denen ich merke: Ja, es ist einfach richtig, was ich tue.“

Und tatsächlich glaubt Christoph Baumgartner, dass ihn seine Art zu helfen sogar zum besseren Fußballer macht: „Wir haben im österreichischen Nationalteam viele Jungs, die privat verschiedene Hilfsorganisationen unterstützen. Und das zeichnet uns auf dem Platz aus: dass jeder für den anderen da ist. Das macht uns menschlich reifer und lässt uns als Mannschaft wachsen.“

Christoph Baumgartner, geboren 1999 in Horn, ist Fußballprofi in Diensten des deutschen Topklubs RB Leipzig, sein Marktwert liegt (Stand Dezember 2024) bei 18 Millionen Euro. 2020 gab der offensive Mittelfeldspieler sein Debüt für das österreichische Nationalteam; im März 2024 stellte der Niederösterreicher einen Weltrekord auf: Im Testspiel gegen die Slowakei erzielte er 6,3 Sekunden nach Spielbeginn das 1:0, das schnellste Länderspieltor aller Zeiten.

Christoph Baumgartner – Instagram

Nachhaltig Schenken: Grüner als der Weihnachtsbaum

Wir könnten darüber jammern, wie komplex selbst das Schenken wurde, wenn man darum bemüht ist, nachhaltig jemandem eine Freude zu machen. Oder aber wir sagen: Schön, dass wir die Entscheidungsfreiheit haben, nachhaltig schenken zu können. Wir wissen aber auch: Nicht alles, was grün scheint, ist es auch – Stichwort „Greenwashing“.
In den vergangenen Jahren fand viel Umdenken statt, Re- und Upcycling wurden aus der Nische geholt und wer Secondhand kauft, liegt im Trend. Organisationen wie Humana oder Caritas – erst kürzlich eröffnete ein carla-Shop am Wiener Stephansplatz – sind sozusagen Routiniers auf diesem Gebiet, Freitag kreiert seit 30 Jahren Taschen und Co. aus alten Lkw-Planen.
In dieser Story möchten wir ein paar jüngere und auch kleinere Unternehmen und Initiativen vorstellen, die alten Produkten ein neues Leben einhauchen bzw. Materialien verarbeiten, die andernfalls womöglich im Müll gelandet wären.
Einiges davon ist Handarbeit, nicht alle haben einen eigenen Shop, den man physisch besuchen kann. Wird’s mit der Bestellung für Weihnachten zu knapp, sind Wertgutscheine, die per Post zugestellt werden, die Lösung. Denn auch das ist nachhaltig: Treffen die Beschenkten selbst die finale Entscheidung, verstaubt das Geschenk mit ziemlicher Sicherheit nicht im Regal.

Viele Newcomer bei refurbed

2017 von Peter Windischhofer, Kilian Kaminski und Jürgen Riedl in Wien gegründet, avancierte refurbed bis heute zu einem Unternehmen mit rund 300 Mitarbeiter*innen, das in bereits elf Ländern präsent ist. Wer schon einmal clever in ein refurbishtes, also professionell erneuertes Smartphone oder Laptop investiert hat, dem ist der Name vermutlich längst ein Begriff. Weniger bekannt ist hingegen, dass zu den mehr als 18.000 Produkten auch Haushaltsgeräte zählen. Als strahlende Newcomer gelten etwa der Thermomix von Vorwerk oder Dyson-Geräte, und zwar vom Akkustaubsauger bis hin zu Haarpflegeprodukten, die vom Hersteller selbst refurbisht werden. Die refurbed-Pros kurz gefasst: Man kauft rundum erneuerte Ware um bis zu 40 Prozent günstiger und erhält dafür mindestens zwölf Monate Garantie.

Moodbild refurbed
© refurbed

Wie wär’s mit einer Tasche aus Omas Pelz?

Das Modesegment, in dem sich Giorgia Adam-Richter und Patrick Adam heimisch fühlen, ist ganz schön sensibel. Es geht um Pelz, um echten Pelz. Doch bevor hier jemand seine Farbkübel holt, muss ein essenzielles „Aber“ vorausgeschickt werden: Das Ehepaar verarbeitet ausschließlich Pelz von bestehenden Modellen; sie schenken sozusagen Mamas und Omas alten Jacken und Mänteln ein neues Leben.
Das Paar machte sich 2016 mit Refurried selbstständig; ihr Shop und ihre Werkstatt befinden sich in Tulln an der Donau. Das Upcyceln von Pelzen funktioniert bei ihnen so: Kund*innen kommen mit ihren Erbstücken oder suchen sich aus dem Lagerbestand der beiden ein Teil aus, das umgearbeitet werden soll. Ist der mitgebrachte Pelz „in Ordnung“, kann daraus ein stylisches neues Stück entstehen, aber auch etwa ein Rucksack, eine Haube oder ein wärmendes Futter für einen Parka, denn Giorgia Adam-Richter studierte Modedesign in München. „Pelz ist ein sehr gutes Material: Es wärmt und ist atmungsaktiv, Löcher können repariert werden und er hat eine Lebenszeit von Jahrzehnten“, erklärt das Paar. Neuen Pelz verwenden sie nicht, aber alten wegzuwerfen, halten die beiden für respektlos.

Giorgia Adam-Richter und Patrick Adam von Refurried
Giorgia Adam-Richter und Patrick Adam von Refurried © Viktória Kery-Erdélyi

Kompromisslos: Unterwäsche von Ebenbild

Seit Jahren designen und nähen Jennifer und Sophie gemeinsam Unterwäsche. Mit einem kleinen Dachgeschoßatelier oberhalb einer Spenglerei legten sie los, mittlerweile betreiben die Freundinnen und Geschäftspartnerinnen einen zauberhaften Laden im siebten Wiener Gemeindebezirk. Einer ihrer Glaubenssätze: „Wir wissen, dass wir die perfekte Passform brauchen, um uns einen Platz in deinem Kleiderschrank zu verdienen.“
Ihre Idee entstand aus ihrer kritischen Auseinandersetzung damit, wie Körper bis heute gesehen oder dargestellt werden. Niemand sollte für Schönheit leiden müssen, finden sie, und ebenso, dass jeder Körper genauso schön ist, wie er ist: dünn und dick, mit kleinen und großen Brüsten, mit straffer Haut oder Cellulite.
Ihre Modelle schneidern sie mit hohem Anspruch an Ästhetik und Komfort und auch unserem Planeten möchten sie Leid ersparen: Die Ebenbild-Teile werden in Wien handgemacht und zwar aus nachhaltigen Materialien; dazu zählen etwa Spitze aus recyceltem Garn oder Jersey aus österreichischer Tencel-Faser. Schnelllebige Kollektionen kommen für Jennifer und Sophie nicht in Frage, manchmal macht der Stoff, den sie bekommen, die Musik. Ein Beispiel ist die Leo-Unterwäsche von ihnen: „Diese Teile haben wir aus Deadstock-Material genäht“, beschreibt Jennifer. Das bedeutet: Die beiden kaufen und verarbeiten auch Restbestände, mit denen große Unternehmen nichts anfangen könnten. Selbst das Thema Verpackung beackerten sie akribisch: Verschickt werden die Ebenbild-Teile in Graspapier und Papier aus Zuckerrohr.

Unterwäsche von Ebenbild
© Ebenbild

Wir wissen, dass wir die perfekte Passform brauchen, um uns einen Platz in deinem Kleiderschrank zu verdienen.

Robuste Unikate

Quasi mehrfach grün ist Mišo Čurčić de Jongs Label Beware of Mainstream: Seine Modelle haben die Farbe grün, weil sie aus Militärseesäcken hergestellt werden und sie eben aufgrund des robusten Materials nahezu unzerstörbar sind. Der in Perchtoldsdorf lebende zweifache Vater zäumte das Pferd sozusagen von hinten auf: Vor mehr als zehn Jahren entwickelte er mit dem Blink-Werbeagentur-Chef Michi Braun „Beware of Mainstream“ als Kampagnentitel für ein Unternehmen, das sich schließlich nicht drübertraute. Also ließ Mišo zunächst spaßhalber Sticker drucken, die sich mithilfe von Social Media verbreiteten, und lernte so die deutsche Kostümdesignerin Ulrike Janich kennen, die mit altem Militärstoff arbeitete. Als er sich von ihr einen Parka nach seinen Ideen schneidern ließ, legte er damit den Grundstein zu seinem heutigen Label „Beware of Mainstream“. Heute umfasst seine Kollektion Jacken, Röcke, Taschen und Hüte. Auch wagt sich Mišo immer wieder über neue Wege; so entstanden im vergangenen Sommer etwa Röcke und Kleider aus alten Hemden. Schnellentschlossene Schenker*innen könnten Glück haben: Zwar wird für gewöhnlich jedes Teil auf Anfrage handgeschneidert, die aktuelle Kollektion aus Militärseesäcken ist aber derzeit tatsächlich in einer kleinen Stückzahl vorrätig.

Forever blue

Mehr als 100 Jahre hat die Indigofärberei Koó im burgenländischen Steinberg bereits auf dem Buckel; Joseph Koó führt sie in dritter Generation gemeinsam mit seiner Frau, der Künstlerin Miriam Schwack. Der sogenannte Handblaudruck, den das Paar praktiziert, wurde kürzlich sogar in die internationale UNESCO-Liste für Immaterielles Weltkulturerbe aufgenommen. Eine Vielzahl an außergewöhnlichen Kooperationen bereichern die Erfolgsgeschichte und den idyllischen Shop neben der Werkstatt: mit Designerinnen wie Susanne Bisovsky und Lena Hoschek, der Hutmanufaktur Mühlbauer und mehreren Modeschulen. Parallel dazu blieben die Koós aber auch ihren Klassikern treu: Zum Sortiment gehören heute stets Schürzen, Dirndl, Tischtücher, Einkaufstaschen und Hemden. Wie langlebig ihre Produkte sind, erfahren die Koós beispielsweise auch dann, wenn nach vielen Jahren etwa das eine oder andere Hemd „zur Reparatur“ kommt. „Die Farbe und unsere Stoffe halten, da tauschen wir gerne den Kragen oder die Manschetten aus“, erklärt Joseph Koó.

Neue Chancen für Menschen und Produkte

Möbel, Taschen, Schmuck und mehr entstehen in den Werkstätten von gabarage, einer bemerkenswerten Initiative, die sich aufs Upcyceln spezialisiert hat, und Menschen beschäftigt, die es am Arbeitsmarkt schwerer haben: Menschen mit chronischen (Sucht)Erkrankungen, mit psychischen Erkrankungen, mit Migrationshintergrund und junge Menschen, die aufgrund ihrer herausfordernden Vergangenheit eine neue Perspektive brauchen.
Spektakulär ist die Vielfalt, die gabarage sowohl online als auch in den Stores in Wien, Neusiedl am See und St. Pölten anbietet: Man findet blitzblau-gelbe Sitzmöbel aus fehlerhaften Mülltonnen, eine Lampe aus ehemaligen Verkehrslichtern, ein Collier aus Zifferblättern alter Armbanduhren oder zeitlose Deko, die sich auch aktuell gut auf dem Weihnachtsbaum macht.

Moodbild gabarage
Deko von gabarage © A. Schroedl

Feurige Idee

Als der Begriff Upcyceln noch kaum bekannt war, nämlich bereits 2005, gründeten die Brüder Robert und Marin Klüsener in Köln ihr Label Feuerwear: Gebrauchte Feuerwehrschläuche werden zu Taschen, Rucksäcken und Accessoires verarbeitet. Der Online-Versand aus Deutschland könnte vor Weihnachten zeitlich knapp werden, über die Händlersuche auf der Website findet ihr aber auch einige Shops in Österreich, die „Feuerwear“ direkt zum Verkauf anbieten.

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© Feuerwear

Nachhaltige Geschenke finden sich u. a. bei den Unternehmen und Initiativen Humana, Caritas, carla, Freitag, refurbed, Refurried, Ebenbild, Beware of Mainstream, Koó, gabarage und Feuerwear.