Erstaunlicherweise haben dieses Jahr wieder gleich viele Filme den wichtigen Sprung von der gar nicht mal so kurzen Shortlist in die Nominiertenliste geschafft, nämlich 35. Dank der recht gleichmäßigen Verteilung über das Jahr war es auch nicht allzu stressig, in der Zeit zwischen Bekanntgabe und dieser Niederschrift diverse versäumte Filme nachzuholen. Ohne Kurzfilme – die beurteile ich nicht, aus Gründen. Der Unterschied zu 2025: Heuer haben wir keine so umstrittenen Filme wie „Emilia Pérez“ und „Anora“ am Start, dafür aber wieder ganz andere Problembären, cineastisch betrachtet. Ganz vorne dabei als mein persönlicher Ragebait Nummer eins sind die sage und schreibe 16 (in Worten: sechzehn) Nominierungen für „Sinners“. Dieser durchaus solide gemachte Gangster-Vampir-Kracher ist bei näherer Betrachtung zwar nur ein cleveres Mashup von „From Dusk Till Dawn“, „Crossroads“ und etwas „The Faculty“, schlägt aber mit mehr Nominierungen zu Buche als Filme wie „Titanic“, „La La Land“, „Gone with the Wind“ oder „Forrest Gump“. Und mehr als „Ben-Hur“. Ich lasse das mal wirken. „Sinners“ hat zwar in einigen Kategorien ernstzunehmende Chancen (dazu kommen wir noch), aber wirklich ärgerlich ist daran die Tatsache, dass dadurch viele andere Filme mit deutlich mehr berechtigtem Anspruch in einzelnen Kategorien komplett durch den Rost fallen (auch dazu kommen wir noch). Was mich außerdem aufregt, ist die Tatsache, dass ein zwar kurzweiliger und origineller, aber keineswegs herausragender Film wie „Marty Supreme“ vor allem dank cleverem Campaigning in Tinseltown mit neun Nominierungen sein tatsächliches Potenzial um zirka die Hälfte überzogen hat. Und was „F1“ im erlauchten Kreis der zehn Nominierten für Best Picture verloren hat, konnte mir bis heute niemand schlüssig erklären.
Zwischendurch ein kleiner Ausflug in die Arbeit hinter diesem Artikel. Letztes Jahr stellte sich – hochnotpeinlich für die Academy – heraus, dass viele Voter sich nicht die Mühe gemacht haben, tatsächlich alle Filme anzusehen und stattdessen nach Gefühl gestimmt haben. Großes Journalistenehrenwort daher: Ich habe mir alle nominierten Filme in voller Länge angesehen, um mir ein Urteil zu bilden. Und ich habe in die Einschätzung, wer die größten Chancen hat, die Wertungen der anderen wichtigen Filmpreise („Cannes“, „Golden Globes“, „SAG“, „BAFTA“ usw.) berücksichtigt. Was es noch schwieriger machte, denn die total unterschiedlichen Award-Ergebnisse in manchen Kategorien haben mir selbst schon so etwas wie Zweifel an meinem Bauchgefühl und Stimmungsschwankungen beschert. Und dann ist da noch die KI. Ich habe spaßhalber die gängigsten Modelle von ChatGPT, Perplexity, Gemini und Claude in meiner Rolle gegeneinander antreten lassen, und die Ergebnisse könnten unterschiedlicher und konfuser nicht sein. Das liegt daran, dass die KI Filme nicht tatsächlich ansehen und mit der Erfahrung aus vielen Jahrzehnten und tausenden Filmen vergleichen kann, sondern nur bereits veröffentlichte Meinungen anderer scannt und nach mathematischen Modellen gewichtet. Das macht den Unterschied zwischen Mensch und Maschine aus.
Amüsant finde ich die Tatsache, dass die Fortsetzung von „Wicked: Part I“, der letztes Jahr aus zehn Nominierungen immerhin zwei Goldmännchen lukrieren konnte, heuer mit null Nominierungen bedacht wurde. Die Gründe sind wahrscheinlich im ohnehin schon übermäßigen Hype des Vorjahres, der objektiv schlechteren Qualität und – vermutlich am ausschlaggebendsten – der bizarren bis verstörenden Pressearbeit von Cynthia Erivo und Ariana Grande zu verorten. Anyway. Wirklich schräg ist auch die Tatsache, dass Über-Songwriterin Diane Warren, die bisher bei 16 Academy Awards leer ausging und zumindest 2022 mit einem Lebenswerk-Oscar gewürdigt wurde, wohl auch im 17. kompetitiven Anlauf nicht gewinnen wird – und das noch dazu, jetzt kommt’s, in einer Doku über sie selbst. Oh Ironie! Von solchen Kuriositäten aber abgesehen war das Kinojahr 2025 durchaus abwechslungsreich bis lohnend und brachte ausnahmsweise recht viele frische Ansätze statt der ewigen Remake-/Sequel-/Superheld*innen-Suppe. Daher ist speziell in den kreativen und mimischen Fächern das Feld mitunter sehr dicht, und eine treffsichere Vorhersage ist sehr schwierig. Dazu zählt auch die dieses Jahr erstmals zur Wahl stehende Kategorie „Best Casting“. Auch wenn ich nach wie vor der gestrichenen Kategorie „Bester Tonschnitt“ nachweine, ist das eine erfreuliche Erweiterung um einen bisher in seiner Bedeutung sträflich vernachlässigten Baustein der Filmindustrie. Gerade in seinem Premierenjahr aber alles andere als einfach zu bewerten – alle fünf Kandidat*innen sind da wirklich top.
Last but not least sollen in den einleitenden Worten zwei meiner persönlichen Highlights des Jahres und hoffentlich gut abräumenden Streifen nicht unerwähnt bleiben: der stellare „One Battle After Another“, für mich definitiv der Film des Jahres und jetzt schon ein Klassiker. Und aus der immer wieder exquisiten Küche Norwegens hat mir (und hoffentlich auch der Academy) „Sentimental Value“ in vielerlei Hinsicht sehr gemundet.
In diesem Sinne: genug Vorspeise und Suppe – kommen wir zu den Hauptgängen, den Predictions in den einzelnen Kategorien, in der Reihenfolge der Verleihung vom letzten Jahr.
Bester Nebendarsteller
Und hier haben wir auch die erste knifflige Kategorie. Nicht nur, dass gleich zwei Herren aus „One Battle After Another“ nominiert sind, nämlich die beiden Kapazunder und Oscar-Preisträger Benicio del Toro und Sean Penn; nein, es muss ja natürlich auch der schwedische Gigant Stellan Skarsgård für das hochkarätige norwegische Drama „Sentimental Value“ dabei sein. Und dazu die Publikumslieblinge Jacob Elordi in seiner Monster-Rolle in „Frankenstein“ sowie Delroy Lindo für „Sinners“. Wie bitte soll man sich bei diesen durch die Bank erstklassigen Leistungen entscheiden?
Mein persönlicher Favorit ist Penn für seine grotesk komisch-bedrohliche Darstellung des Col. Lockjaw. Aber er ist einer der OG Bad Boys in Hollywood und hat in seiner Karriere schon zwei Goldmännchen (und für diese Rolle heuer Screen Actors Guild Award und British Academy Film Award) gesammelt, daher könnte die Academy etwas sentimental werden und den Veteranen Skarsgård erstmals adeln. Ich hätte gerne Sean, aber Stellan it is.
Bester Animationsfilm
Ok, das ist heuer einfach. Denn so, wie in dieser Kategorie früher Disney eine Bank war, ist es der Animationsgigant heuer nicht mehr. Wie schon seit Jahren übrigens – und das sogar gemeinsam mit Pixar gerechnet. Tatsächlich ist es schon vier Jahre her („Encanto“), ziemlich peinlich für den Krösus des Genres. Noch peinlicher ist nur die Tatsache, dass man 2026 mit sogar zwei Nominierungen, „Elio“ und „Zootopia 2“, vermutlich ebenso chancenlos ist. Filme mit äußerst schütterer Gagdichte und belangloser Musik (dazu kommen wir später noch), bei denen auch keiner so genau weiß, was das Zielpublikum ist.
Die thematisch komplexen und stilistisch hochinteressanten Kandidaten „Arco“ und „Little Amélie or the Character of Rain“ hätten normalerweise ähnlich gute Chancen wie der letztjährige Überraschungssieger „Flow“, aber dieses Jahr führt kein Weg an dem breitentauglichen sowie perfekt animierten, vertonten und geschriebenen „KPop Demon Hunters“ vorbei. Sicherer Sieg.
Bestes Kostümdesign
Dieses Jahr bietet die Fetzen-Kategorie einen bunten Strauß: typisches Theater-Drama à la „Hamnet“, eine Epochen-Studie wie „Sinners“, die schräge Komödie „Marty Supreme“ und die Fantasy-Abteilung von „Frankenstein“. Völlig daneben ist die Nominierung von „Avatar: Fire and Ash“ – was hat ein völlig computeranimierter Film mit der altehrwürdigen Nadel-&-Faden-Zunft Hollywoods zu tun?
Gutes „Stich“-Wort übrigens, denn nach eingehender Betrachtung sind zwar alle anderen Filme ob der perfekten Kostümausstattung wirklich gelungen, letztendlich hat aber „Frankenstein“ die Nase vorn: Hier ist nicht nur das legendäre Monster, sondern auch die Garderobe aller anderen Mitwirkenden am überzeugendsten und interessantesten zusammengeflickt. Ok, ich beende jetzt meine Knopfloch-Kalauer …
Bestes Originaldrehbuch
Original klingt so ähnlich wie originell, und diesbezüglich haben wir heuer in dieser Kategorie ein wenig mit inhaltlichen Scheren zu kämpfen. Mit „Blue Moon“ beispielsweise tue ich mir schwer, denn das fast zwei Stunden dauernde de-facto-Monologisieren des abseits der Branche kaum bekannten Librettisten Lorenz Hart (gespielt von Ethan Hawke) kann man kaum ruhigen Gewissens als Drehbuch bezeichnen, sorry. Auch der wirre Action-Klamauk „Marty Supreme“ lässt es trotz aller Dynamik spürbar an Struktur mangeln.
Da sind die beiden ausländischen Exoten „Sentimental Value“ und „It Was Just an Accident“ mit ihren historischen und soziologischen Ausgangssituationen sowie ihren fein gezeichneten und ausgefüllten Figuren schon um ein Eckhaus kompetenter. Unterm Strich hat aber am Ende wohl „Sinners“ das in Summe – trotz der eingangs erwähnten Anleihen – originellste, spannendste und rundeste Paket am Start.
Ryan Coogler ist hier als Screenwriter/Autor fast auf Augenhöhe mit Paul Thomas Anderson und „One Battle After Another“, was letztendlich den ganzen Abend spannend machen wird.
Ich habe spaßhalber die gängigsten Modelle von ChatGPT, Perplexity, Gemini und Claude in meiner Rolle gegeneinander antreten lassen, und die Ergebnisse könnten unterschiedlicher und konfuser nicht sein. Das liegt daran, dass die KI Filme nicht tatsächlich ansehen und mit der Erfahrung aus vielen Jahrzehnten und tausenden Filmen vergleichen kann. Sondern nur bereits veröffentlichte Meinungen anderer scannt und nach mathematischen Modellen gewichtet. Das macht den Unterschied zwischen Mensch und Maschine aus.
Bestes adaptiertes Drehbuch
Und da sind wir auch schon bei der „anderen“ Drehbuchkategorie. Hier kann der Sieger eigentlich nur „One Battle After Another“ heißen. Klar, „Hamnet“ und „Frankenstein“ bedienen sich, wenn auch grundverschieden, an hoch geschätzter Literaturklassik, „Train Dreams“ arbeitet sich gekonnt an der jungen Geschichte der USA und ihrer stillen Helden ab. Und „Bugonia“ ist einfach nur hinreißend durchgeknallt und mit hysterisch überzeichneten Charakteren besetzt. Formeller Protest an dieser Stelle aufgrund der Nicht-Nominierung von Jesse Plemons, geschätzte Academy!
Letztlich aber ist es der nach heutigen Maßstäben gar nicht sooo absurde Mix aus Plot und Personen mit ihren Schrullen bzw. Background-Storys, der das „One Battle After Another“-Script von Paul Thomas Anderson zur besten Filmvorlage macht, die uns eigentlich Tarantino seit Jahren schuldet.
Bestes Makeup und Haare
Eine Kategorie, in der neben den mehrfach nominierten Blockbustern „Sinners“ und „Frankenstein“ drei sehr, sehr unterschiedliche Solitär-Nominierte durchaus Beachtung verdienen – nicht nur wegen der Maske. „Kokuho“ ist ein absolutes Meisterwerk und hätte eigentlich auch in den Kategorien Bestes Kostümdesign und Bester Internationaler Film eine Nominierung verdient. Das Wrestling-Drama „The Smashing Machine“, wohl anfangs etwas zu enthusiastisch als awardwürdig für Dwayne Johnson gehyped, ist dennoch sein Career Best – und das nicht zuletzt dank der Künstler*innen am Schminktisch. Und „The Ugly Stepsister“, die superweirde Body-Horror-Interpretation des klassischen Aschenputtel-Märchens, zieht hier auch alle Register.
Unterm Strich schaut die Academy aber meist auf Massentauglichkeit am Heimatmarkt, und da ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen „Frankenstein“ und „Sinners“. Im Zweifel Münzwurf: Ersatzteil-Zombie vs. Vampire, Quadratkopf oder Zahn – ich sage „Frankenstein“.
Bester Schnitt
Eine der wichtigsten technischen Kategorien – und noch dazu eine mit enormer Bandbreite. Ob hektisch oder ruhig, chronologisch oder nicht-linear: Ein gewisser Schnittstil ist auch immer wie ein Fingerabdruck bei großen Filmemacher*innen verbunden. Schlag nach bei Hitchcock, Scorsese oder Nolan. Daher sind in diesem Jahr in dieser Kategorie auch hervorragende Exemplare nominiert.
„F1“ zum Beispiel, die platte Rennfahrer-Story, die auch in der Kategorie Bester Film nominiert ist – warum, weiß niemand. Die exzellenten Rennmontagen jedoch machen ihn im Fach Schnitt zu einem aussichtsreichen Kandidaten. „Sinners“ – musikgetrieben und spannungsgeladen –, „Marty Supreme“ mit der typisch quirligen Safdie-Handschrift und völlig diametral zum stoischen Schnitt von „Sentimental Value“ sind ebenfalls von Meister*innenhand.
Mein Favorit bleibt aber die Souveränität, mit der „One Battle After Another“ kompetent durch sämtliche Bereiche des Films navigiert, von Action bis Comedy, und stets die Story vorantreibt. Obacht: Gewisse Chancen muss man „F1“ trotzdem einräumen!
Beste Nebendarstellerin
Puh, eine echte Kopfnuss. Fängt schon mal damit an, dass auch hier zwei Schauspielerinnen aus demselben Film nominiert sind: Inga Ibsdotter Lilleaas und Elle Fanning, beide mit unaufgeregten, aber nuancierten Darstellungen, wobei Letztere fast schon etwas farblos wirkt. Hier hätte ich lieber Chase Infiniti aus „One Battle After Another“ gesehen, aber nun ja.
Teyana Taylor springt jedoch für den Film in ihrer Rolle als Perfidia Beverly Hills mehr als würdig ein, wofür sie auch einen Golden Globe einsackte. Der BAFTA in dieser Sparte wiederum ging an Wunmi Mosaku aus „Sinners“, und der prestigeträchtige SAG Award an Amy Madigan als boshafte Hexe in „Weapons“. Da haben wir den Salat – die drei wichtigsten Indikatoren auf die drei Favoritinnen aufgeteilt. Was tun?
Madigan hat sicher den Veteranin-ohne-Oscar-Bonus, aber was sagt das schon „hüstel“ Glenn Close „hüstel“? Taylor ist mein Favorit: jung, wild, charismatisch – und außerdem Schwarz, was in Zeiten vehement geforderter Diversity sicher hilft. Knappe Sache, in dem Fall aber gewinnen für mich die knapp 20 Minuten Screentime von Taylor gegen knapp 15 Minuten von Madigan.
Bestes Szenenbild
Production Design, der stille Held jedes Films. Vom Buttermesser bis zum Raumschiff muss alles aus einem Guss sein, damit sich ein Film „richtig“ anfühlt. Keine leichte Aufgabe, finden doch professionelle Nörgler*innen immer einen Fehler – und sei es nur ein nicht zum Filmjahr passender Kühlergrill.
Anyway, in dieser Kategorie haben wir jetzt erstmals alle „Big Five“ der heurigen Oscar-Saison beieinander, und das mit Recht. Was es nicht einfach macht. Ich sag mal so: Obwohl sowohl „Marty Supreme“, „One Battle After Another“ als auch „Hamnet“ hier alles richtig machen und die jeweiligen Regisseur*innen als extrem genau und detailverliebt gelten, fehlt ein wenig der finale, spektakuläre „Wow“-Faktor.
„Sinners“ und „Frankenstein“ hingegen sind auch ohne Schauspieler*innen im Bild immer eine Augenweide. Knappe Sache – ich sehe aber „Sinners“ hier vorne, da mir der Anteil und die Qualität der CGI bei „Frankenstein“ doch ein wenig zu bequem scheint.
Bester Song
Eine der Kategorien, wo es heuer gar keine Diskussion gibt. Klare Sache für „Golden“ aus „KPop Demon Hunters“. Wer davon noch immer keinen Ohrwurm hat, muss entweder unter einem Stein leben oder taub sein. Oder beides.
Davon abgesehen ist diese Kategorie aber – mit Ausnahme von vielleicht noch „I Lied To You“ aus „Sinners“ – heuer eher matt besetzt. Diane Warrens quasi schon obligatorischer Beitrag, diesfalls für „Diane Warren: Relentless“, ist, wie schon in der Einleitung erwähnt, enttäuschend beliebig. Disney lässt sowieso komplett aus, und „Train Dreams“ aus dem gleichnamigen Film sowie „Sweet Dreams of Joy“ aus „Viva Verdi!“ sind geradezu ermüdend unspektakulär, um nicht zu sagen uninspiriert.
Normalerweise tauchen im Lauf des Jahres zumindest zwei Songs aus dieser Rubrik auch im Radio-/Spotify-Alltag auf – heuer nicht. Irgendwie aber auch ein Zeichen der Zeit, dass im für die allgemeine Öffentlichkeit vermutlich zugänglichsten Segment die üblichen Musikgenres versagen und es der KPop rausreißen muss.
Bester Dokumentarfilm
Traditionellerweise findet sich bei den Dokumentarfilmen immer ein spannender Mix aus explosiven sozialen oder politischen Themen und zutiefst persönlicher Nabelschau. Wobei Letzteres, vertreten durch „Come See Me in the Good Light“, praktisch keine Chance hat. Die filmische Begleitung der letztlich lethalen Krebserkrankung einer non-binären Slam-Poet*in hat dann trotz aller Feels etwas zu wenig Berührungspunkte mit dem Publikum.
„The Alabama Solution“ prangert das unmenschliche, korrupte und profitorientierte Gefängnis-Business in den USA an. Durchaus bemüht, aber: jo, eh. „Mr. Nobody Against Putin“ rollt in einem sehr konservativen Doku-Stil die ideologische Indoktrinierung von Schüler*innen in Russland auf. Auch hier: jo, eh. Und noch dazu kümmert man sich in den USA deutlich weniger um Putin und die Ukraine als hier.
„Cutting Through Rocks“, ein Beitrag über das mühsame Aufbrechen patriarchischer Strukturen in abgelegenen Regionen, wäre wohl auch wenig chancenreich. Da es hier aber um eine Doku über und aus dem Iran geht, könnte die aktuelle Nahost-Situation einen kräftigen Push Richtung Platz Eins bewirken. Der gehört aber meiner Meinung nach „The Perfect Neighbor“. Die kreativ hauptsächlich aus Polizei-Bodycams, Überwachungskameras und privaten Handy- und Doorbell-Aufzeichnungen zusammengestellte Dokumentation über einen tragischen Todesfall legt bei regelmäßigen USA-Reizthemen den Finger in die Wunden: Rassismus, Entitlement und Waffengebrauch in Zusammenhang mit dem umstrittenen „Stand Your Ground“-Gesetz. Aufwühlend.
Bester Sound
Um diese Kategorie aussagekräftig beurteilen zu können, ist der Besuch eines modernen Kinosaals – zumindest aber ein kompetentes Heimkino-System – imperativ. „Sirat“, das nihilistische Roadmovie rund um eine Raver-Partie im marokkanischen Hinterland, baut auf wummernde Bässe. „Frankenstein“, klar: Gewitter, Schneesturm, Steampunk-Gerätschaft und ein mächtiger Score betten die Zuseher*innen und Zuhörer*innen perfekt in die dramatische Story ein. „Sinners“ ist sowieso zu einem satten Anteil um schweißtreibenden, hochenergetischen R&B-Score und Action im letzten Drittel herum konstruiert.
Detto „One Battle After Another“, wo es neben einem tollen Score auch jede Menge Bomben, Granaten und Auto-Verfolgungsjagden auf die Ohren gibt. Aber am Ende ist es dann doch der wenig originelle, aber in Bild und Ton unglaublich präzise geschnittene und mit viel Aufwand authentisch und druckvoll vertonte „F1“, der hier soundmäßig voll abliefert. Beeindruckend.
Beste visuelle Effekte
In einem Jahr, in dem James Cameron wieder einen seiner Blockbuster abliefert, ist das eigentlich ein unfairer Wettbewerb. Überhaupt, wenn wieder mal ein Teil der „Avatar“-Saga zur Wahl steht. Unbestreitbar geht hier der Oscar an „Avatar: Fire and Ash“, auch wenn der Film selbst außer perfektem 3D-Eyecandy wenig Neues zeigt.
Der Vollständigkeit halber seien hier die anderen Teilnehmer „F1“, „Sinners“ und „Jurassic World Rebirth“ noch erwähnt, wobei gerade letzterer im direkten Vergleich zu Camerons Vision fast schon hausbacken wirkt. Eine besonders lobende Erwähnung muss ich noch „The Lost Bus“ aussprechen: Selten sahen in einer mit vergleichsweise kleinem Geld produzierten Verfilmung einer realen Story Feuer und Rauch so realistisch aus. Ironie, dass dieser solide Streifen ausgerechnet im selben Jahr wie das Feuer-Kapitel von „Avatar“ nominiert ist – schade irgendwie.
Aber wer weiß: Vor drei Jahren hat die kleine Independent-Produktion „Godzilla Minus One“ auch die Big-Budget-Hollywood-Blockbuster ausgestochen …
Beste Kamera
Wenn wir gerade bei Eyecandy sind: Punkto Kameraarbeit gab es im verwichenen Kinojahr wieder einige Szenen für die Ewigkeit. Auch in dieser Kategorie sind die Big Five der aktuellen Oscarsaison vertreten – oder? Nein, denn „Hamnet“, der Film der visuell immer trittsicheren Chloé Zhao, fehlt hier; stattdessen schiebt sich die großteils unter dem Radar geflogene Erzählung „Train Dreams“ in den Kreis der Nominierten.
Und obwohl von links und rechts je nach Gusto die anderen Nominierten – „Marty Supreme“, „Frankenstein“, „Sinners“ und „One Battle After Another“ – proklamiert werden, lehne ich mich aus dem Fenster und votiere für den bisher kaum bekannten Brasilianer Adolpho Veloso für seine fast schon an Großmeister wie Deakins oder Lubezki reichende Kameraarbeit in „Train Dreams“. Was für ein wundervoller, Szene für Szene exzellent gefilmter und beleuchteter Augenschmaus.
Bester Internationaler Film
Eine notorisch schwierig vorhersagbare Kategorie. Hier hat man es mit ganz anderen Produktionen und dementsprechend Wahrnehmungen zu tun als bei Hollywoods Own. Zumal sich Filmemacher*innen aus Ländern außerhalb der USA oft wesentlich mehr trauen, was die Academy oft irritiert. „Sirat“ aus Spanien zum Beispiel, die tragikomische Geschichte um Raver auf Irrwegen in der Wüste, scheut nicht davor zurück – Spoilerwarnung – in einem Aufwasch gleich Kind und Hund zu killen. Irre!
Zwei Kandidaten, nämlich „It Was Just An Accident“ (Iran) und „The Voice of Hind Rajab“ (Tunesien), gehen sehr unterschiedlich, aber deutlich mit dem Iran respektive Israel ins Gericht – das könnte sich im Spiegel der aktuellen Ereignisse noch auf die Abstimmung auswirken. Unabhängig davon werden es sich aber wahrscheinlich „Sentimental Value“ (Norwegen) und „The Secret Agent“ (Brasilien) untereinander ausmachen. Wobei ich trotz allem Hype um die brasilianische Produktion und der zugegeben famosen Vorstellung von Hauptdarsteller Wagner Moura der überragenden Ensembleleistung von „Sentimental Value“ den Vorzug gebe.
Beste Filmmusik
Immer dann eine spannende Sache, wenn nicht die üblichen Granden wie Williams oder Zimmer mitmischen – so wie heuer zum Beispiel. Wobei allerdings mit Jonny Greenwood, Ludwig Göransson und Alexandre Desplat drei Schwergewichte der nächsten Generation in den Ring steigen, auch nicht von Pappe.
Der ausgesprochen experimentelle Score von „Bugonia“ (der bei diesen Oscars unabhängig davon weit unter seinem Wert repräsentiert ist) hat hier leider wenig Chancen. Auch die zwar gut passende, aber schon sehr verhaltene musikalische Untermalung von „Hamnet“ greift hier nicht in die Wertung ein. Die Musik zu „Frankenstein“ von Desplat macht zwar dramaturgisch alles richtig, lässt es aber im Vergleich zu Greenwoods Spritzigkeit und Dynamik in „One Battle After Another“ doch deutlich an Charakter vermissen.
Gold holt sich hier aber ziemlich sicher – und zum insgesamt schon dritten Mal – Ludwig Göransson, der entgegen seiner üblichen Brachial-Collagen für „Sinners“ den Blues neu interpretiert. Und wäre nicht der KPop, ginge er vermutlich mit zwei Oscars für Score und Song heim.
Bestes Casting
Bevor wir in die Zielkurve der wichtigsten Oscars des Abends biegen, schiebe ich hier die neue und erstmals vergebene Kategorie „Best Casting“ ein. Kurze Erklärung: Casting Directors und ihre Assistent*innen sind die Schnittstelle zwischen Regie/Produktion und den Schauspieler*innen. Sie kümmern sich darum, die Wunschkandidat*innen der Macher*innen zu gewinnen und in weiterer Folge die Auswahl für mitunter hunderte Nebenrollen zu treffen. Casting hat somit als entscheidender Faktor für die Qualität des Ensembles einen wesentlichen Einfluss auf den gesamten Film.
Und gleich im ersten Jahr haben wir mit den schon öfter bemühten Big Five dieser Saison eine exzellente Repräsentanz des Fachs. „Marty Supreme“ beispielsweise kann auch neben Timothée Chalamet einen ausgesprochen originellen Cast aufwarten, „The Secret Agent“ glänzt mit herrlich schrägen Charakterköpfen. „Hamnet“ bewies bereits mit der Besetzung von Jessie Buckley einen absoluten Goldgriff, und die Starpower von DiCaprio, Del Toro und Penn in „One Battle After Another“ ist für sich schon zum Niederknien.
Unterm Strich aber ist die gesamte Besetzung von „Sinners“ die wahrscheinlich stimmigste und perfekt gelungene. Schon der doppelte Michael B. Jordan ist ein Statement für sich.
Bester Schauspieler
Jetzt geht es ans Eingemachte: „Best Actor“, die begehrteste Auszeichnung für die Herren vor der Kamera. Oscar-Preisträger ist wie Olympiasieger – den Titel kann man das ganze Leben vor sich hertragen.
Ein dichtes Feld: Leonardo DiCaprio mit seiner insgesamt siebten Nominierung für die höchst unterhaltsame Vorstellung in „One Battle After Another“, der auch schon zum dritten Mal als Schauspieler (plus zwei Mal fürs Drehbuch) nominierte Routinier Ethan Hawke monologierend für „Blue Moon“, Michael B. Jordan mit seiner ersten Nominierung für die Doppelrolle in „Sinners“, everybody’s darling Timothée Chalamet mit seiner auch schon dritten Nominierung als halbseidener „Marty Supreme“ – wo er auch als Produzent um einen Oscar rittert – sowie der in seiner Heimat mit Preisen überschüttete, in Hollywood aber erstmals aufzeigende Brasilianer Wagner Moura für „The Secret Agent“.
Schwierig. Chalamet hat zu Beginn der Oscar-Campaign groß aufgezeigt, dann aber deutlich an Momentum verloren, vermutlich weil komische Rollen meist links liegen gelassen werden und er immer noch sehr jung ist. Hawke war von Anfang an kopflastiger Außenseiter und Moura kann seinen Latino-Exotik-Bonus wohl auch nicht breitenwirksam ausreizen.
Als bekennender Fanboy würde ich zwar gerne DiCaprio für seine brillante Slacker-Darstellung mit seinem zweiten Oscar sehen, aber es deutet alles auf Jordan hin. Und das ebenfalls durchaus verdient.
Beste Regie
Fünf Kandidat*innen, fünf Stile, fünf exzellente Filme. Man merkt: Hier hat man es mit beständigen Könner*innen zu tun. Zahlreiche Nominierungen in unterschiedlichen Fächern von Regie über Song und Drehbuch bis Produktion – davon gleich zwei Gewinne für Chloé Zhao – kann diese Supertruppe verbuchen.
Auch die Bandbreite ist verblüffend: Josh Safdies erste Regie-Nominierung (plus Produktion, Script und Schnitt) für „Marty Supreme“ steht insgesamt 14 Stück ohne Gewinn von Paul Thomas Anderson gegenüber. Aber wer macht das Rennen? Aller Voraussicht nach Paul Thomas Anderson für „One Battle After Another“.
Als absolute Fixgröße, unter dessen Anleitung sich Gigant*innen wie Daniel Day-Lewis, Joaquin Phoenix, Amy Adams, Philip Seymour Hoffman, Julianne Moore, Burt Reynolds oder Tom Cruise zu absoluten Bestleistungen aufschwingen konnten, ist er schon lange überfällig. Chloé Zhao, die 2021 mit „Nomadland“ gleich einen Oscar-Doppelschlag landete, muss sich mit „Hamnet“ diesmal hinten anstellen. Für Safdies „Marty Supreme“ gilt dasselbe wie für seinen Star Timothée Chalamet: Komödien haben immer das Nachsehen.
Kaum Chancen hat die durchaus tolle Arbeit von Joachim Trier für „Sentimental Value“, wenn man sich die Statistik ansieht. In 97 Oscar-Jahrgängen konnte sich nur ganze zwei Mal ein nicht-englischsprachiger Film den Regie-Oscar sichern: „Roma“ im Jahr 2018 und „Parasite“ im Jahr darauf. Und so sehr „Sinners“ in vielen Bereichen überzeugt – Paul Thomas Anderson hat Ryan Coogler in den letzten Monaten bei praktisch allen relevanten Regie-Awards ausgestochen. Warum sollte gerade jetzt der Lauf enden?
Beste Schauspielerin
Eine ähnlich klare Entscheidung wie beim besten Song wird es in dieser Kategorie für die außergewöhnliche Leistung von Jessie Buckley in „Hamnet“ geben. Damit krönt die zwar respektierte, aber bisher nicht wirklich im Bereich der A-Lister angekommenen Irin nicht nur ihre bisherige Karriere: Ein lupenreiner „Clean Sweep“ aus Golden Globe, Critics‘ Choice, BAFTA, SAG und nun Academy Award für eine Rolle ist wenigen Mimen vergönnt.
Für die übrigen Nominierten dumm gelaufen bei dieser Übermacht. Die schon mehrfach nominierte und zweimal siegreiche Emma Stone mit „Bugonia“ wird sich nicht arg kränken, auch Kate Hudson wird ihre zweite Nominierung für „Song Sung Blue“ ohne Groll abhaken. Zumal diese zwar unterhaltsam gespielte und gesungene Rolle schon eher dem leichten Fach zuzuordnen ist – Oscar-Rollen sehen normalerweise anders aus.
Ob Rose Byrne nach „If I Had Legs I’d Kick You“ oder Renate Reinsve nach „Sentimental Value“ noch einmal die Chance auf den goldenen Glatzkopf bekommen, bleibt fraglich. Ich hoffe schon – wenn nicht, bleibt nur zu sagen: schlechtes Jahr erwischt.
Bester Film
Finally, der Endboss. Die Academy und ich müssen sich unter zehn Nominierten für den besten Film des Jahres 2025 entscheiden. Eines vorweg: Alle haben ihre einzigartigen Qualitäten und sind sehenswert. Nur gibt es eben, so wie überall, relativ viele Inselbegabte und nur sehr wenige Universalgenies – und die gilt es zu finden.
Sieben wir mal aus: „F1“ ist technisch toll, aber kein wirklich guter Film. Weg. „Train Dreams“: schön und berührend, es bleibt aber wenig hängen. Weg. „Bugonia“ und „The Secret Agent“ sind schräg, spannend und toll gespielt, aber will man sie nochmal sehen? Nein. Auch weg. „Frankenstein“ ist trotz technischer Brillanz dann in Summe doch ein sehr übersättigter Stoff. Auch weg. Und weil wir gerade bei Stoff sind: Shakespeare kennen wir alle wirklich zur Genüge, auch wenn „Hamnet“ einen anderen Zugang liefert. Auch weg damit.
Für „Marty Supreme“ und „Sentimental Value“ gilt im Prinzip dasselbe wie für „Bugonia“ und „The Secret Agent“: Unterhaltsam bzw. herausfordernd, toll inszeniert und besetzt, aber am verregneten Sonntag in der Streamingauswahl gibt man dann doch eher dem drölften Rerun eines Bud Spencer-Klassikers den Vorzug. Wisch nach links.
Letztlich läuft es auf eine Entscheidung zwischen „Sinners“ und „One Battle After Another“ hinaus. Hier heißt es jetzt, objektiv zu bleiben: Obwohl ich aus meiner Begeisterung für „One Battle After Another“ keinen Hehl mache, muss ich in der Glaskugel auf andere Dinge achten. In meiner Einschätzung der unterschiedlichen Kategorien liegt „Sinners“ 5:4 vorne. „Sinners“ ist der Liebling einer jüngeren, progressiven Zielgruppe und nicht zu vergessen der POC-Community. „One Battle After Another“ wiederum begeistert ältere Cineast*innen jeder Hautfarbe sowie das Hollywood-Establishment.
Und letztlich hat „Sinners“ zwar in Summe quantitativ mehr Preise eingeheimst, „One Battle After Another“ dafür qualitativ mehr Gravitas am Kaminsims. Egal. Ich sage: „One Battle After Another“ macht das Rennen, und wenn am Ende doch „Sinners“ gewinnt, bin ich auch zufrieden. Mit 6 Siegen aus 16 Nominierungen bzw. 5 Siegen aus 13 Nominierungen hätten sich beide Filme erfolgreich und wacker geschlagen. Und so wie es aussieht, wird der neunfach nominierte „Marty Supreme“ mit null Oscars der große Verlierer des Abends.
Danke für die Aufmerksamkeit. Es war mir das Sichten, Grübeln, Recherchieren und Schreiben wie immer ein Fest – ich hoffe, der geneigten Leser*innen auch die Lektüre!
One more thing: die Liste der Filme der letzten 12 Monate, die es leider zu keiner einzigen Nominierung gebracht haben. Die sollte man auf jeden Fall auch gesehen haben, manchmal sogar dringlicher als den einen oder anderen Nominierten. Und los: „Warfare“, „Sorry Baby“, „Rental Family“, „Springsteen: Deliver Me from Nowhere“, „Eddington“, „Final Destination: Bloodlines“, „Last Breath“, „Companion“, „Caught Stealing“, „Black Bag“, „Honey Don’t!“, „Ballad of a Small Player“, „Anniversary“.
Wir lesen uns wieder, wenn die für 2026 antizipierten Filme hoffentlich die Erwartungen erfüllen, wie zum Beispiel „Project Hail Mary“, „The Devil Wears Prada 2“, „The Odyssey“, „Digger“, „Godzilla Minus Zero“, „Dune: Part Three“ und „The Adventures of Cliff Booth“.
Unsere Vorhersage auf einen Blick
Die 98. Oscar-Verleihung wird in der Nacht von 15. auf 16. März 2026 ab Mitternacht live auf ORF 1, ORF ON, ProSieben Austria, JOYN und Disney+ übertragen.


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