Etwas stimmt nicht mehr. Mit mir. Und ich schäme mich dafür. Vor mir. Sehe zu, jeden Tag. Sehe mich mit immer weniger zufriedengeben, bin dabei aber unzufrieden und zugleich unfähig, es zu ändern. Und leider betrifft es nicht den Plunder rundum, von dem ich gefühlt nur zehn Prozent brauche, wenn überhaupt. Den Keller noch gar nicht mitgerechnet.
Vor gar nicht so lange Zeit nämlich lagen sie noch zuerst in meinem Briefkasten, danach auf dem Esstisch, dem Sofa, neben dem Ohrensessel, die Beilagen auf der Toilette: Tageszeitungen. Abonniert waren sie Teil meines Tages. Immer wieder gelesen zwischendurch. Genutzt. Für Notizen. Als Untersetzer, Unterlagen, Verpackungsmaterial, Bastelbedarf, Reinigungsmittel – Fensterputzen mit Zeitung, streifenfrei, bestes Fensterputzen überhaupt. Nasse Schuhe wurden damit ausgestopft, kalte Füße gewärmt, Wiesenblumen, Gartenkräuter eingewickelt und verschenkt.
Irgendwann kamen die Apps. Ich war süchtig. News-Junkie. War darin längst schon körperlich anwesend, bevor sich mein Geist dafür entschieden hatte. Artikeln lesen und erst nach ein paar Zeilen d’raufgekommen: Ui, kenn ich ja bereits. Gedruckte Tageszeitungen wurden umgeblättert. Was vorne stand, war gelesen. Die Infos in den Apps aber jagen sich selbst, holen sich ständig vorne wieder ein. Permanente Neugierde. Ohne Abschluss. Nie wirst du fertig. Nie.
All die geliebten Print-Ausgaben lagen also nur noch herum, denn wenn die Zeitung kam, hatte ich den Inhalt tags zuvor online schon gelesen – beziehungsweise überflogen, der Daumen will ja weiter. Aus Print- wurden schließlich Digital-Abos. Von Papiersparen aber kann keine Rede sein. Kommt ja Reklame ohne Abo und ohne Ende. Bunte Flugblätter. Mehrfach-Ausgabe gleichen Inhalts. Spar, Spar Gourmet, Interspar, Eurospar, Billa, Billa Plus, Lidl, Hofer, Penny … usw. Auf den Titelseiten meist Bier-, Wein-, Schaumwein-Angebote. Sich das Leben billigsaufen. Und Prozentpickel sammeln natürlich – statt Infos und Wissen.
Und jetzt? Scrolle ich durch soziale Medien, überfliege dort die Schlagzeilen „meiner“ Zeitungen und ertappe mich immer öfter dabei, sogar schon auf den Link in der Bio, auf das Öffnen der Apps zu pfeifen. Dafür bleib ich kurz hängen bei Irgendwem, der Irgendwas kann, kocht, tanzt, singt, putzt, bastelt, quasselt, coacht, um dann ein paar Werbungen weiter, wieder hängen zu bleiben bei Irgendwem, der Irgendwas kann, kocht, tanzt, singt, putzt, bastelt, quasselt, coacht …
Aus mir, einem Menschen, der einst halbwegs informiert war, Tageszeitung Teil des Tages, ist ein Trottel geworden, der bestenfalls mit Schlagzeilenwissen um sich schmeißen kann, dafür aber weiß, auf wieviel Arten ich meine Schnürsenkel einfädeln kann und wer grad Eisbaden geht – und ich hasse mich dafür. Für das Scrollen als neue Art der Fortbewegung – Fort von mir selbst, Bewegung keine mehr. Für das gefährlich Wenige mit dem ich mich zufriedengebe. Für die wachsende Unfähigkeit, konzentriert zu bleiben, längere Texte (wie diesen) zu lesen oder Texte mit längeren Sätzen. Über die „Nachrichten in einfacher Sprache“ schmunzle ich längst nicht mehr. Ich, der bei einfacher Sprache ohne Nachrichten gelandet ist.
All die bösen Anderen, die unsere Medien ruinieren, die Print und anspruchsvolle online-Magazine ums Überleben kämpfen lassen, die dafür verantwortlich sind, wie aus Dummheit Programm wird und Populismus die Norm unserer Demokratie, all diese Anderen – bin längst ich.
Und so will ich nicht sein.
Thomas Raab wurde bekannt mit seinem Debütroman „Der Metzger muss nachsitzen“, der 2007 den Auftakt zu seiner erfolgreichen „Metzger“-Reihe bildete. Davor hat er Mathematik und Sport studiert, zehn Jahre am Wiener Gymnasium unterrichtet und parallel als Musicaldarsteller und Singer-Songwriter gearbeitet.
Heute ist Raab freischaffender Schriftsteller, Drehbuchautor und Musiker. Seine Bücher verbinden psychologische Tiefe mit trockenem Humor und präziser Beobachtung – ausgezeichnet unter anderem mit dem Leo-Perutz-Preis, dem Österreichischen Krimipreis und 2025 dem Fine Crime Award.


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