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Abdelkarim: „Schleichender Rassismus ist gefährlicher als offener“

Mit seinem aktuellen Soloprogramm „Plan Z – jetzt will er’s wissen!“ kommt der deutsche Comedian Abdelkarim auch nach Österreich. Vor seinem Gastspiel im Wiener Stadtsaal am 21. März spricht der 44-Jährige im funk tank-Interview über Rechte und Rassismus, die Gen Z, Begegnungen im Supermarkt und seinen deutschen Pass, den sich der in Bielefeld geborene Sohn marokkanischer Eltern erst im vergangenen Jahr geholt hat.
Moodbild Comedian Abdelkarim
© Moritz Mumpi Kuenster

Wenn Comedian Abdelkarim über das Scheitern spricht, klingt das nicht nach Resignation, sondern nach einer Kampfansage. Zwischen pointierten Alltagsbeobachtungen und klarer Haltung gegen Rassismus zeigt der 44-Jährige, warum Humor mehr sein kann als bloße Unterhaltung – nämlich ein Mittel, um gesellschaftliche Entwicklungen einzuordnen, Widersprüche offenzulegen und dem Publikum zugleich den Spiegel vorzuhalten.

Warum bei ihm selbst Plan Z noch Hoffnung macht, was ein Supermarkt-Missverständnis mit Identität zu tun hat und wieso Meinungsfreiheit keine Bühne für Menschenverachtung ist, hat er funk tank vor seiner Live-Tour erzählt …

funk tank: Dein neues Programm heißt „Plan Z“. Bezieht sich das auf die Gen Z oder darauf, dass alle anderen Optionen schon ausgeschöpft sind?

Abdelkarim: Warum kleine Pläne, wenn man auch mit großen scheitern kann? Das ist mein Lebensmotto. Plan Z zeigt, dass Scheitern im Leben dazugehört. Aber nach dem Scheitern geht’s weiter. Man macht kurz Pause, aber schaltet dann in den Rocky-Modus. Wenn Plan B scheitert, läuft sich Plan Z erst langsam warm.

Wer ist dein Zielpublikum: Migrant*innen, die sich verstanden und abgeholt fühlen, oder sogenannte autochthone Deutsche, die sich in ihrer positiven Einstellung gegenüber Menschen mit Migrationsgeschichte bestätigt fühlen können?

Ich erzähle seit meiner Kindheit gern lustige Geschichten und freue mich über jede*n, die oder der dabei ist. Völlig schnuppe, ob jemand hellweiß oder dunkelschwarz ist. Hauptsache, das Publikum nimmt sich selbst nicht zu ernst.

In Deutschland hat sich die AfD verdoppelt und Platz zwei erreicht, in Österreich ist die FPÖ sogar klar Erste geworden. In deiner Heimatstadt Duisburg kam der AfD-Kandidat in die Bürgermeister-Stichwahl. Machen dir solche politischen Entwicklungen Angst?

Angst allein wird genauso wenig bringen wie eine zu entspannte „Wir beruhigen uns“-Haltung. Wir sollten diese Entwicklungen nicht größer machen, als sie sind, aber auch nicht kleiner. Viel gefährlicher als der offene, laute Rassismus ist der schleichende Rassismus, den wir in die Mitte der Gesellschaft lassen.

Menschen, die Rassist*innen eine Plattform bieten, tun gerne so, als wären sie die letzten Power Rangers, die sich für Meinungsfreiheit einsetzen. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Meinungsfreiheit heißt nicht, dass jede menschenverachtende Position ein Publikum verdient. Rassismus wird nicht harmlos, nur weil er höflich formuliert ist.

Ich meine jetzt nicht Talkshows, die Rassist*innen inhaltlich stellen wollen, sondern Menschen, die freiwillig und stolz mit Rassist*innen rumkumpeln und sich dabei wie die Verteidiger*innen der Freiheit fühlen. Diese Menschen haben das Grundgesetz noch weniger verstanden als die Rassist*innen selbst.

Ein Thema, das sich durch deine Programme zieht, ist der Generationen-Gap: Alte verstehen Junge nicht mehr, Junge finden Alte peinlich. Was können wir Älteren (ich zähle mich mit meinen 44 Jahren dazu) von den Jungen lernen?

Einiges. Ich finde es zum Beispiel immer wieder bemerkenswert, wie junge Menschen es schaffen, Sachen auf den Punkt zu bringen.

Ich habe mal zwei Jugendliche gesehen – etwa 14 Jahre alt –, die auf einer Bank saßen und Papierkrümel in den Mülleimer warfen. Mal trafen sie, mal nicht. Ein älterer Herr fand das nicht in Ordnung und fragte die beiden ernsthaft: „Habt ihr schon mal was von ‚nachhaltig‘ gehört?“ Einer der Jugendlichen antwortete: „Deine Mutter ist nachhaltig.“

War der Satz okay? Nein. Habe ich ihn gefühlt? Ja! Das war einfach eine Kurzversion für: „Werter Herr, gehen Sie bitte weiter.“

Kabarett und Comedy leben von Überhöhung. Aber ist bei den ganzen 
Anekdoten zu Ali, Polizist*innen oder U-Bahn-Fahrgästen überhaupt etwas 
übertrieben?

Das Allermeiste ist tatsächlich so passiert. Aber hier und da muss ich natürlich dramaturgisch würzen – ganz ohne Hollywood geht es nicht.

Gibt es beim Humor eine rote Linie, die für dich nicht überschritten werden darf?

Ich habe keine allgemein gültige Regel für alle Comedians auf der Welt. Ich versuche auf der Bühne, die Comedy so zu gestalten, dass zum Beispiel die Zuschauer*innen, über die ich Witze mache, am meisten Spaß haben. Natürlich kommt es schon mal vor, dass sich jemand angegriffen fühlt.

Man sollte bei Comedy im Optimalfall nicht zu empfindlich sein. Genauso darf man als Comedian aber nicht zu empfindlich reagieren, wenn es Kritik gibt – vor allem dann nicht, wenn die Kritik nachvollziehbar und berechtigt ist.

Wirst du von Fans auf der Straße angesprochen?

Das kommt ab und an vor. Einige grüßen, ab und zu gibt es Smalltalk – und manchmal werde ich verwechselt.

Vor ein paar Tagen stand ich zum Beispiel beim Edeka an der Kasse. Eine Mitarbeiterin sagte zu mir: „Sie haben hier Hausverbot.“ Ich dachte zuerst, sie habe mich als „den Comedian Abdelkarim“ erkannt und macht einen Scherz. Irgendwann trat ihr Kollege hinzu und sagte: „Sie haben gehört, Sie haben hier Hausverbot. Nehmen Sie die Sachen vom Band und verlassen Sie den Laden!“ Ich antwortete: „Cool, ich muss gar nicht zahlen. Ich darf einfach so die Sachen nehmen und gehen?“ Dann sagte die Mitarbeiterin: „Oh, Entschuldigung, ich glaube, ich verwechsle Sie … ja, das tue ich.“ Na toll, dann musste ich doch noch zahlen.

Du erzählst ja auch viel von Polizeikontrollen. Waren diese Geschichten schon einmal ein Thema bei einer privaten Begegnung mit der Polizei?

In München am Hauptbahnhof hat mich mal ein Polizist in Uniform gefühlt eine halbe Stunde lang gemustert. Ich war mir sicher: Okay, gleich werde ich kontrolliert. Irgendwann kam er schließlich zu mir und sagte: „Ich war mir erst unsicher – kenne ich Sie aus dem TV oder hatten wir beruflich schon mal miteinander zu tun?“

Ich nehme an, mit dem deutschen Pass ist es einfacher für dich geworden. Warum hast du ihn dir eigentlich erst voriges Jahr geholt, obwohl du ja in Bielefeld geboren bist?

Ich habe mir lange gedacht, dass der deutsche Pass nichts an meinem Leben ändern würde. Wie andere mich wahrnehmen oder wie ich sie wahrnehme. Irgendwann habe ich aber eingesehen, dass bei den Wahlen doch jede Stimme zählt. Dann habe ich den deutschen Pass beantragt. Ich bin seitdem nicht deutscher oder marokkanischer als vorher, aber ich darf wählen. Und das Reisen ist viel entspannter.

Menschen, die Rassist*innen eine Plattform bieten, tun gerne so, als wären sie die letzten Power Rangers, die sich für Meinungsfreiheit einsetzen. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Meinungsfreiheit heißt nicht, dass jede menschenverachtende Position ein Publikum verdient. Rassismus wird nicht harmlos, nur weil er höflich formuliert ist.

Du hast kurz Islamwissenschaft, Germanistik und Jura studiert. Hilft das bei deiner Comedy, wenn es darum geht, Zusammenhänge zu sehen, Dinge in einen Kontext zu setzen und nicht bloß mit einer Pointe Lacher abzuholen, sondern dem Publikum auch ein bisschen Mehrwert an Wissen mitzugeben?

Das Studium hilft mit Sicherheit hier und da. Ich habe es ja nicht ohne Grund erfolgreich abgebrochen. Ich habe auch schon mit Zuschauer*innen gesprochen, die mir Dinge gesagt haben, die ich vorher nicht wusste.

Ich habe zum Beispiel einmal in Wien einen Zuschauer gefragt, aus welcher Ecke der Stadt er kommt. Er sagte: „20. Bezirk.“ Ich habe dann gefragt: „Was kann ich mir unter dem 20. Bezirk vorstellen?“ Darauf rief ein anderer Zuschauer: „Du würdest dich da wohlfühlen.“ Da muss ich unbedingt mal hin.

Apropos Wien: Bei uns in Österreich spricht man seit Jahrzehnten generell vom Kabarett, da ist die Comedy erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten von Deutschland herübergeschwappt. Wie ist das in der deutschen Szene: Gibt es in Deutschland eine klare Trennung zwischen Kabarettist*innen und Comedians? Wo ordnest du dich ein?

Ich habe die Unterscheidung noch nie wichtig gefunden. Hauptsache, ich habe beim Zuschauen Spaß. Und viele machen ja beides. Ich sehe mich als Comedian. Ob ich Comedy oder Kabarett mache, entscheide ich erst nach der Show: Wenn die Zuschauer*innen viel gelacht haben, war es Comedy. Wenn nicht, war es Kabarett zum Nachdenken.

Vor drei Jahren hast du bei „Let’s dance“ mitgemacht. Damals hast du gesagt: „Ich weiß selbst nicht, warum ich da mitmache.“ Weißt du es jetzt im Rückblick?

Ich habe mich fast nicht getraut, weil ich vorher noch nie getanzt hatte. Aber dann habe ich mir gedacht: Ich denke nicht zu viel darüber nach und lasse mich einfach darauf ein. Und es war eine super Entscheidung. Es hat Riesenspaß gemacht, und ganz nebenbei habe ich mit einem Vorurteil aufgeräumt: Man hört ja immer wieder: „Ach, die Südländer, die können sich alle so toll bewegen.“ Seit meiner Teilnahme bei „Let’s Dance“ hört man das nicht mehr so oft.

Abdelkarim (bürgerlich Abdelkarim Zemhoute) ist deutscher Comedian marokkanischer Herkunft, der mit scharfem Humor gesellschaftliche Themen wie Rassismus, Rechtspopulismus und den Generationenkonflikt auf die Bühne bringt.

Am 21. März kommt er mit seinem aktuellen Soloprogramm „Plan Z – jetzt will er’s wissen!“ in den Wiener Stadtsaal. Weitere Termine u. a.: 22. März – St. Pölten, 18. & 19. April – Bonn, 22. Mai – Erfurt, 10. Juni – München.

Abdelkarim – Website

Portrait Redakteur Mathias Ziegler
Mathias Ziegler
ist seit seiner Jugend Stammgast im Kabarett. Der versierte Redakteur und Podcast-Host baute bei der Wiener Zeitung die Kabarettberichterstattung mit auf und ist der Szene stark verbunden geblieben.

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