Wenn Comedian Abdelkarim über das Scheitern spricht, klingt das nicht nach Resignation, sondern nach einer Kampfansage. Zwischen pointierten Alltagsbeobachtungen und klarer Haltung gegen Rassismus zeigt der 44-Jährige, warum Humor mehr sein kann als bloße Unterhaltung – nämlich ein Mittel, um gesellschaftliche Entwicklungen einzuordnen, Widersprüche offenzulegen und dem Publikum zugleich den Spiegel vorzuhalten.
Warum bei ihm selbst Plan Z noch Hoffnung macht, was ein Supermarkt-Missverständnis mit Identität zu tun hat und wieso Meinungsfreiheit keine Bühne für Menschenverachtung ist, hat er funk tank vor seiner Live-Tour erzählt …
Abdelkarim: Warum kleine Pläne, wenn man auch mit großen scheitern kann? Das ist mein Lebensmotto. Plan Z zeigt, dass Scheitern im Leben dazugehört. Aber nach dem Scheitern geht’s weiter. Man macht kurz Pause, aber schaltet dann in den Rocky-Modus. Wenn Plan B scheitert, läuft sich Plan Z erst langsam warm.
Ich erzähle seit meiner Kindheit gern lustige Geschichten und freue mich über jede*n, die oder der dabei ist. Völlig schnuppe, ob jemand hellweiß oder dunkelschwarz ist. Hauptsache, das Publikum nimmt sich selbst nicht zu ernst.
Angst allein wird genauso wenig bringen wie eine zu entspannte „Wir beruhigen uns“-Haltung. Wir sollten diese Entwicklungen nicht größer machen, als sie sind, aber auch nicht kleiner. Viel gefährlicher als der offene, laute Rassismus ist der schleichende Rassismus, den wir in die Mitte der Gesellschaft lassen.
Menschen, die Rassist*innen eine Plattform bieten, tun gerne so, als wären sie die letzten Power Rangers, die sich für Meinungsfreiheit einsetzen. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Meinungsfreiheit heißt nicht, dass jede menschenverachtende Position ein Publikum verdient. Rassismus wird nicht harmlos, nur weil er höflich formuliert ist.
Ich meine jetzt nicht Talkshows, die Rassist*innen inhaltlich stellen wollen, sondern Menschen, die freiwillig und stolz mit Rassist*innen rumkumpeln und sich dabei wie die Verteidiger*innen der Freiheit fühlen. Diese Menschen haben das Grundgesetz noch weniger verstanden als die Rassist*innen selbst.
Einiges. Ich finde es zum Beispiel immer wieder bemerkenswert, wie junge Menschen es schaffen, Sachen auf den Punkt zu bringen.
Ich habe mal zwei Jugendliche gesehen – etwa 14 Jahre alt –, die auf einer Bank saßen und Papierkrümel in den Mülleimer warfen. Mal trafen sie, mal nicht. Ein älterer Herr fand das nicht in Ordnung und fragte die beiden ernsthaft: „Habt ihr schon mal was von ‚nachhaltig‘ gehört?“ Einer der Jugendlichen antwortete: „Deine Mutter ist nachhaltig.“
War der Satz okay? Nein. Habe ich ihn gefühlt? Ja! Das war einfach eine Kurzversion für: „Werter Herr, gehen Sie bitte weiter.“
Das Allermeiste ist tatsächlich so passiert. Aber hier und da muss ich natürlich dramaturgisch würzen – ganz ohne Hollywood geht es nicht.
Ich habe keine allgemein gültige Regel für alle Comedians auf der Welt. Ich versuche auf der Bühne, die Comedy so zu gestalten, dass zum Beispiel die Zuschauer*innen, über die ich Witze mache, am meisten Spaß haben. Natürlich kommt es schon mal vor, dass sich jemand angegriffen fühlt.
Man sollte bei Comedy im Optimalfall nicht zu empfindlich sein. Genauso darf man als Comedian aber nicht zu empfindlich reagieren, wenn es Kritik gibt – vor allem dann nicht, wenn die Kritik nachvollziehbar und berechtigt ist.
Das kommt ab und an vor. Einige grüßen, ab und zu gibt es Smalltalk – und manchmal werde ich verwechselt.
Vor ein paar Tagen stand ich zum Beispiel beim Edeka an der Kasse. Eine Mitarbeiterin sagte zu mir: „Sie haben hier Hausverbot.“ Ich dachte zuerst, sie habe mich als „den Comedian Abdelkarim“ erkannt und macht einen Scherz. Irgendwann trat ihr Kollege hinzu und sagte: „Sie haben gehört, Sie haben hier Hausverbot. Nehmen Sie die Sachen vom Band und verlassen Sie den Laden!“ Ich antwortete: „Cool, ich muss gar nicht zahlen. Ich darf einfach so die Sachen nehmen und gehen?“ Dann sagte die Mitarbeiterin: „Oh, Entschuldigung, ich glaube, ich verwechsle Sie … ja, das tue ich.“ Na toll, dann musste ich doch noch zahlen.
In München am Hauptbahnhof hat mich mal ein Polizist in Uniform gefühlt eine halbe Stunde lang gemustert. Ich war mir sicher: Okay, gleich werde ich kontrolliert. Irgendwann kam er schließlich zu mir und sagte: „Ich war mir erst unsicher – kenne ich Sie aus dem TV oder hatten wir beruflich schon mal miteinander zu tun?“
Ich habe mir lange gedacht, dass der deutsche Pass nichts an meinem Leben ändern würde. Wie andere mich wahrnehmen oder wie ich sie wahrnehme. Irgendwann habe ich aber eingesehen, dass bei den Wahlen doch jede Stimme zählt. Dann habe ich den deutschen Pass beantragt. Ich bin seitdem nicht deutscher oder marokkanischer als vorher, aber ich darf wählen. Und das Reisen ist viel entspannter.
Menschen, die Rassist*innen eine Plattform bieten, tun gerne so, als wären sie die letzten Power Rangers, die sich für Meinungsfreiheit einsetzen. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Meinungsfreiheit heißt nicht, dass jede menschenverachtende Position ein Publikum verdient. Rassismus wird nicht harmlos, nur weil er höflich formuliert ist.
Das Studium hilft mit Sicherheit hier und da. Ich habe es ja nicht ohne Grund erfolgreich abgebrochen. Ich habe auch schon mit Zuschauer*innen gesprochen, die mir Dinge gesagt haben, die ich vorher nicht wusste.
Ich habe zum Beispiel einmal in Wien einen Zuschauer gefragt, aus welcher Ecke der Stadt er kommt. Er sagte: „20. Bezirk.“ Ich habe dann gefragt: „Was kann ich mir unter dem 20. Bezirk vorstellen?“ Darauf rief ein anderer Zuschauer: „Du würdest dich da wohlfühlen.“ Da muss ich unbedingt mal hin.
Ich habe die Unterscheidung noch nie wichtig gefunden. Hauptsache, ich habe beim Zuschauen Spaß. Und viele machen ja beides. Ich sehe mich als Comedian. Ob ich Comedy oder Kabarett mache, entscheide ich erst nach der Show: Wenn die Zuschauer*innen viel gelacht haben, war es Comedy. Wenn nicht, war es Kabarett zum Nachdenken.
Ich habe mich fast nicht getraut, weil ich vorher noch nie getanzt hatte. Aber dann habe ich mir gedacht: Ich denke nicht zu viel darüber nach und lasse mich einfach darauf ein. Und es war eine super Entscheidung. Es hat Riesenspaß gemacht, und ganz nebenbei habe ich mit einem Vorurteil aufgeräumt: Man hört ja immer wieder: „Ach, die Südländer, die können sich alle so toll bewegen.“ Seit meiner Teilnahme bei „Let’s Dance“ hört man das nicht mehr so oft.
Abdelkarim (bürgerlich Abdelkarim Zemhoute) ist deutscher Comedian marokkanischer Herkunft, der mit scharfem Humor gesellschaftliche Themen wie Rassismus, Rechtspopulismus und den Generationenkonflikt auf die Bühne bringt.
Am 21. März kommt er mit seinem aktuellen Soloprogramm „Plan Z – jetzt will er’s wissen!“ in den Wiener Stadtsaal. Weitere Termine u. a.: 22. März – St. Pölten, 18. & 19. April – Bonn, 22. Mai – Erfurt, 10. Juni – München.


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