Hätte Michael Mittermeier vorher gewusst, was auf ihn – und vor allem seine Frau Gudrun – zukommen würde, hätte er dann auch zugeschlagen, als ihm der Keller unter dem Wiener Café Prückel angeboten wurde? Bis er in dem Gewölbe mit den Backsteinwänden seinen Lucky Punch Comedy Club einweihen konnte, bedurfte es gut ein Jahr harte Arbeit. „Wir dachten, wir streichen einfach einmal drüber, und zwei Monate später sperren wir auf“, erzählt Gudrun Mittermeier bei der offiziellen Eröffnung. Doch dann tauchten immer neue Herausforderungen auf. „Ich habe mit unserer Architektin fast ein Jahr lang in diesem Keller gewohnt. Ich hatte mit ihr eine engere Beziehung als mit meinem Mann“, scherzt die Sängerin und studierte Physikerin, die sich von den vielen Rückschlägen nicht entmutigen ließ. Und Michael Mittermeier wäre nicht Michael Mittermeier, würde er sich nicht in seiner Dankesrede den Frust auch über die Wiener Behörden mit einem Schuss Humor von der Seele reden: „Ich wusste nicht, dass die TV-Serie ‚MA 2412‘ eine Doku war.“
Alles vergeben und vergessen. Der Ärger mit der Bausubstanz und den Behörden ist ausgestanden, der Keller fertig, das Wiener Pendant zum erfolgreichen Münchner Lucky Punch Comedy Club eröffnet, und der Hausherr, der sich nun öfter nach Wien begeben wird, ist nicht nur erleichtert, sondern auch begeistert, mit welch offenen Armen sein Projekt hier aufgenommen worden ist. Konkurrenzneid? Im Gegenteil, betont Michael Niavarani, der mittlerweile drei Bühnen in Wien betreibt: „Wien hat diesen Comedy-Club dringend gebraucht.“ Deshalb war es auch keine Frage, dass er sich unter die Nachwuchstalente mischte, mit denen Michael Mittermeier die Eröffnung seines Comedy-Club gemeinsam feierte. Nia hatte dabei die kürzeste Anreise, denn sein Kabarett Simpl iegt ums Eck, ebenfalls im Keller.
Eine bayrisch-österreichische Liebesbeziehung
Michael Mittermeier und Österreich: Das ist seit Langem eine Liebesbeziehung. Von Anfang an hat der bayrische Kabarettist immer auch hier gespielt. „Aus Liebe, und weil’s geil ist.“ Obwohl der österreichische Markt nur ein Zehntel des deutschen ist „und ich oft gefragt wurde, warum ich mir das antue“, wie er funk tank verrät. Denn selbst als Bayer wird man in Österreich immer wieder mit jenem Satz konfrontiert, der oft fälschlich Karl Kraus zugeschrieben wird: „Was die Deutschen und die Österreicher trennt, ist ihre gemeinsame Sprache.“ Andererseits ist natürlich gerade diese Attitüde ein gefundenes Fressen für einen Satiriker. Und so zitiert Michael Mittermeier, der Deutsche – äh, Verzeihung: der Bayer – in Wien, am Eröffnungsabend Österreichs einstigen Kanzler Bruno Kreisky, der gesagt haben soll: „Ich mache gern Urlaub in Bayern. Weil da bin ich nicht mehr in Österreich, aber noch nicht in Deutschland.“
Aber lassen wir die Kirche im Dorf: Das mit der trennenden gemeinsamen Sprache muss man relativieren. Denn so wie der eine Michael (Mittermeier) seine Wuchteln („die schönste Bezeichnung für eine Pointe“) über für Deutsche irreführende Wiener Kaffee-Bezeichnungen (Verlängerter, kleiner Brauner) macht und einen „Hausbesorger“ für eine schweinische Angelegenheit hält, hat der andere Michael (Niavarani) eine Bühnenanekdote in petto, in der er als Wiener eine Kärntner Kellnerin missversteht, die ihm „Strankalan“ anbietet – und nein, auch das ist nichts Schweinisches, sondern es handelt sich schlicht um Fisolen, die unsere deutschen Freund*innen grüne Bohnen nennen. Allein diese Beispiele zeigen, wie vortrefflich man auf der Bühne mit dem Werkzeug Sprache Witze über die Sprache machen kann. Und wer das Trennende sucht, wird sicher fündig.
„Mit dem Wiener Meckern komm ich ganz gut zurecht“
Im Keller unter dem Café Prückel hingegen sucht man das Verbindende und findet es auch. Hauke van Göns heißt der Brückenkopf zwischen München und Wien, auf den Michael Mittermeier baut. Der gebürtige Ostfriese hat die vergangenen sieben Jahre im Münchner Lucky Punch Comedy Club verbracht und ist Mitte April nach Wien übersiedelt. Er fungiert hier quasi als Michael Mittermeiers Statthalter. Oder, wie er es selbst formuliert: „Alles zwischen Hausbesorger und Clubleitung“. Wir sehen: Der Ostfriese aus München kennt sich bereits aus mit den Wiener Begrifflichkeiten.
Einen Kulturschock hat er nicht erlitten durch den Ortswechsel. „In Norddeutschland, wo ich herkomme, redet man wenig. In Wien redet man auch eher wenig. Und wenn, dann wird gemeckert. Damit komm ich ganz gut zurecht“, schmunzelt der Hüne aus Ostfriesland, den Michael Mittermeier als „einen der besten Comedy-Hosts von Deutschland“ lobt. Markant ist nicht nur seine Statur, sondern auch seine schnelle Zunge. Gegen ihn wirkt selbst Klaus Eckel bedächtig, der sich übrigens beim Eröffnungsabend ebenfalls ein Bild vom neuen Lucky Punch Comedy Club machte. Was in Deutschland meist stillschweigend hingenommen wird, lässt ihm das Wiener Publikum nicht so leicht durchgehen: „Hier meckert fast jedes Mal jemand deswegen.“
Er findet das irgendwie sympathisch. „Dieses Selbstverständnis der Österreicher ist fantastisch. Ich habe eine Show gespielt, wo sich in der ersten Reihe während meines Auftritts jemand gemeldet hat: ‚Kömma das Licht a bissl runterdrehen?‘ Und ich so: ‚Okay, wenn das der Wunsch ist, dann mach ma das.‘“ Hauke van Göns ist zwar erst seit kurzem in Wien, er fühlt sich aber schon richtig heimisch. „Ich wohne beim Naschmarkt, dort ist es wirklich schön. Oder auch in den verwinkelten Seitenstraßen an der Mahü.“ Ja, die wichtigsten Begriffe hat er tatsächlich schon gelernt. Und wie geht es ihm insgesamt mit diesem Ösi/Piefke-Ding? Er sieht es total entspannt: „Die Wiener*innen sind ja nicht gemein. Es ist einfach ein Spiel, das wir zusammen haben.“
Newcomer*innen neben großen Stars
Zurück zum Wesentlichen. Was hat denn nun der neue Comedy-Club zu bieten? Wie sieht die Programmierung aus? Hauke van Göns, dem Michael Mittermeier bei der Auswahl der Künstler*innen weitgehend freie Hand lässt, erläutert das Konzept: „Wir buchen relativ kurzfristig, so etwa zwei Wochen im Voraus. Deshalb ist jeder Abend ist eine Überraschung.“ Gespielt wird auch den kompletten Sommer über jeden Donnerstag bis Samstag. Neben Newcomer*innen, die sich bei regelmäßigen „Open Mics“ ausprobieren können, ist es durchaus möglich, dass auch einmal ein großer Name für zehn Minuten hereinschaut. „Was ich garantieren kann, ist, dass jeder Abend richtig lustig wird. Es gibt so viele tolle Comedians, die heute noch niemand kennt.“
Genau das ist auch der Grund, warum Michael Niavarani so begeistert von dem neuen Club ist, „weil man hier im Unterschied zu einer Kabarettbühne in einer Mixed-Show zehn bis zwanzig Minuten Programm machen kann. Junge Menschen können hier experimentieren, ohne gleich ein ganzes Programm mit zweimal fünfzig Minuten schreiben zu müssen, was sehr schwer ist. Im Laufe der Zeit können sie sich hier auf Etappen ein Programm erarbeiten.“ Selbst Ikonen wie Ricky Gervais setzen sich nicht zuhause hin und schreiben ein Programm, „sondern der ruft im Comedy-Club an und sagt: ‚Ich brauch bitte in den nächsten Tagen ein paar Zwanzig-Minuten-Slots zum Ausprobieren“, erklärt der erfahrene Satiriker.
Kabarett oder Comedy? Wurscht!
Die Grenze zwischen Kabarett und Comedy zieht Niavarani also weniger beim Inhalt als bei der Form beziehungsweise der Länge. Demnach wären die abendfüllenden Shows eines Mario Barth eigentlich Kabarett und keine Comedy. Aber letztlich ist die in Österreich so oft gestellte Frage nach dem Unterschied zwischen den beiden Humorgattungen entbehrlich. Die einen nennen es so, die anderen so, und jede*r meint dabei etwas anderes. „Man sagt immer, Kabarett sei intelligent und Comedy sei nur Geblödel – das stimmt mittlerweile überhaupt nicht mehr. Es gibt Kabarettist*innen, die nur noch blödeln, und Comedians, die sehr politisch sind“, stellt Nia fest, dem die Unterscheidung genauso wurscht ist wie jene zwischen Komödie, Tragikomödie, komödiantischer Tragödie und musikalischer Komödie, über die sich der von ihm verehrte Shakespeare in „Hamlet“ lustig macht. „Diese Einteilung sollen Theaterwissenschafter*innen machen. Selbst der Unterschied zwischen ‚Othello‘ und ‚Pension Schöller‘ ist gar nicht so groß. In beiden Fällen soll das Publikum eine unterhaltsame Geschichte erzählt bekommen, nur das Werkzeug ist ein anderes.“
Und im englischsprachigen Raum kennt man ohnehin nur Comedy, weil das Cabaret eher eine musikalische Nummernrevue ist. „Da dauert eine Comedy-Show zwischen sechzig und neunzig Minuten ohne Pause“, erläutert Nia. „Das Prinzip mit zwei Hälften gibt es dort nicht.“ Das Spielen am Stück hat den Vorteil, dass die Dramaturgie ein bisschen einfacher ist, weil es nicht wie ein Kabarettprogramm zwei Handlungsbögen braucht, bei denen der erste Abschluss kein echter Abschluss sein darf, aber eine Art Höhepunkt sein sollte.
Das Schöne ist, dass wir jetzt Pingpong spielen können zwischen Wien und München mit unseren Talenten.
Von der Bühne in die sozialen Medien auf die Bühne
Wie nun entscheidet man, wen man auf die Bühne lässt? Für Michael Mittermeier sind die sozialen Medien hilfreich: „Unsere Jung-Comedians machen Stand-up und stellen das auf Instagram“. Dort sieht sie dann der erfahrene Kollege und holt sie auf seine beiden Bühnen. „Das Schöne ist, dass wir jetzt Pingpong spielen können zwischen Wien und München mit unseren Talenten.“ Er hofft dabei auf die Zugkraft seines Namens, „damit die Leute herkommen und die tollen jungen Künstler*innen sehen, die hier auftreten“. Viele von ihnen sind derzeit noch unbekannt. Aber er ist ebenso wie Hauke van Göns überzeugt, dass sich das ändern wird. Gerade als arrivierter Star will Michael Mittermeier etwas für den Nachwuchs tun: „Ich gehe immer gern dahin, wo man etwas aufbauen kann.“
Workshops mit Wildcard
Ein Anliegen ist ihm auch Gleichberechtigung in der Szene. „Wir schauen, dass wir viele Frauen auf die Bühne bekommen. Beim Lucky Punch Comedy Club in München sind 50 Prozent unseres Hosting-Teams weiblich.“ Insbesondere bei den dreitägigen Workshops, die neben dem Programm mit „Open Mics“ angeboten werden, machen junge Frauen mit. Gerade findet wieder einer statt, dessen Teilnehmer*innen am 17. Mai bei freiem Eintritt zeigen werden, was sie gelernt haben. Acht bis zehn Workshops pro Jahr soll es in Wien geben. Wem die Teilnahmegebühr von 160 Euro zu hoch ist, kann sich um eine Wildcard bewerben. Worauf kommt es an? „Das Wichtigste ist der erste Auftritt“, sagt Hauke van Göns. „Ich kann dir alles beibringen, aber auf die Bühne gehen musst du schon selber. Und das kann man üben.“
Irgendwann ist man dann so locker wie Michael Mittermeier, der sich heute noch gerne an einen gemeinsamen Abend mit Michael Niavarani vor knapp zehn Jahren erinnert. „Ein Versuch zweier Herren“ hieß das Programm, das eigentlich gar keines war, denn „wir haben komplett improvisiert. Am Abend vorher haben wir uns zusammengesetzt, aber wir haben dabei mehr getrunken als über den Auftritt gesprochen.“ Das Wiener Publikum war trotzdem begeistert, wie der Autor dieser Zeilen selbst bezeugen kann.
„Ich könnte in der Pause rüberschauen“
Gut möglich, dass es bald wieder ein Zusammentreffen auf der Bühne geben wird. Denn die zwei Minuten zu Fuß zwischen Simpl und Lucky Punch Comedy Club wird Nia in Zukunft öfter gehen, verspricht er: „Es hat mir heute wirklich viel Spaß gemacht. Ich werde sicher öfter einmal rüberschauen und die eine oder andere Nummer hier ausprobieren. Der Michael hat mir mit diesem Projekt einen langjährigen Wunsch erfüllt. Ich könnte eigentlich, wenn ich drüben im Simpl spiele, in der Pause hier kurz auftreten“.
Der Lucky Punch Comedy Club befindet sich im Keller unter dem Café Prückel in der Wiener Innenstadt und bietet von Donnerstag bis Samstag Stand-up-Comedy, Open Mics und Workshops für Nachwuchskünstler*innen. Gegründet wurde der Club von Michael Mittermeier und seiner Frau Gudrun Mittermeier.
Michael Mittermeier zählt zu den bekanntesten deutschen Kabarettisten und ist seit vielen Jahren eng mit Österreich verbunden.


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