Als privat Reisende*r und Reisejournalist*in ist man normalerweise gut auf die geplante Destination vorbereitet. Handy-Roaming, Offline-Karten, Kreditkarten, Fremdwährung, Ladegerät, Steckeradapter und so weiter. Und natürlich liest man sich auch in die Geschichte ein, merkt sich zu besuchende Orte vor, studiert den Wetterbericht – kurz: man stellt sich auf Land und Leute ein. Pustekuchen. Bei meiner Reise nach Sarajevo, in die berühmte Metropole in Bosnien-Herzegowina, zelebrierte ich nicht nur meine 50. besuchte Nation, sondern wurde gleich mehrfach auf dem falschen Fuß erwischt. Und machte das Beste draus.
Wetterkapriolen
Gleich nach der Ankunft am Sarajevo Airport entpuppte sich der in der Wettervorhersage als Nieselregen angekündigte Niederschlag tatsächlich als Kategorie „Schusterbuben“. Nicht optimal für einen Städtetrip, aber mit festem Schuhwerk und Schirm normalerweise kein Problem. Doch kaum nach einer zähen Taxifahrt durch den Freitagnachmittagsverkehr im Hotel angekommen, änderte sich der Aggregatszustand des mittlerweile von starkem Wind in horizontale Richtung angetriebenen Regens in fluffige Schneeflocken. Und das blieb für die nächsten zwölf Stunden so. Ans Ausrücken zwecks Stadtrundgang war somit nicht mehr zu denken, stattdessen: Wellnessbereich im Hotel, dann Netflix am Zimmer und Nachtruhe.
Am Morgen präsentierte sich die Stadt dann tiefwinterlich – gut 20 Zentimeter Neuschnee hatten Sarajevo in eine weiß angezuckerte (umliegende Hügel und Häuser) bzw. graue, schneematschige (Straßen und Gehwege) Kulisse verwandelt. Auf Nachfrage beim Concierge musste ich daher einen Punkt von meiner Erkundungsliste streichen: die Tour zu den Überresten der Anlagen für die Olympischen Winterspiele 1984, die in und um Sarajevo stattfanden. Übrigens ein Tiefpunkt für die Alpenrepublik: Gerade einmal eine (!) Bronzemedaille durch Jimmy Steiner war damals die Ausbeute. Diese Anlagen – von der Bobbahn bis zur Sprungschanze – sind heute komplett verfallen und nicht zuletzt eine Folge des Bosnienkrieges, in dem sie als Stellungen für die Belagerung Sarajevos durch serbische Einheiten dienten und teilweise vermint sind. Eine Besichtigung wird daher nur mit Guide empfohlen – aber bitte nicht bei Sauwetter.
Dunkles Vermächtnis
Stichwort Bosnienkrieg. Dieses vermutlich längste, grausamste und verlustreichste Kapitel der Jugoslawienkrise in den 1990er Jahren belastet speziell in Sarajevo immer noch ganze Generationen und wirkt sich auch heute noch auf die Republik aus. Hier kommen wir auch gleich zum nächsten überraschenden, in den Reisevorbereitungen übersehenen Fakt: zufälligerweise fiel der Tag meiner Ankunft exakt auf das 30-jährige Jubiläum des Friedensabkommens von Dayton, das offiziell das Ende des Bosnienkrieges und den Grundstein der heutigen Republik markierte. Eigentlich markierte es auch das Ende der Belagerung Sarajevos, faktisch endete diese jedoch erst ein paar Monate später. Und wurde so mit 1.425 Tagen die längste Belagerung einer Hauptstadt in der Neuzeit. Mit mehr als 10.000 Toten, darunter viele Zivilisten und Zivilistinnen, und erheblichen strukturellen Schäden, liegt immer noch ein dunkler Schatten über der Stadt.
Im historischen Zentrum und rund um moderne Infrastruktur freilich ist davon kaum noch was zu sehen, aber an den Fassaden von Altbauten und Plattenbauten der Peripherie sind die Narben des Krieges noch immer nicht verheilt. Bauwerke wie die UNITIC-Zwillingstürme, das einstige Holiday Inn – damals Nervenzentrum der internationalen Berichterstattung – oder die Brücke von Suada und Olga mahnen trotz Restaurierung immer noch stumm an die schweren Zeiten. Die ewig lange Straße Zmaja od Bosne ist heute eine belebte Hauptverkehrsader, nichts erinnert mehr an ihr berüchtigtes Pseudonym „Sniper Alley“, der durch Heckenschützen-Feuer einst gefährlichste Ort der Stadt.
In der Vijećnica, einst Rathaus und Nationalarchiv und eines der schönsten Gebäude der Region überhaupt, befindet sich heute eine Dauerausstellung zur Landesgeschichte, dem Bosnienkrieg und zum Massaker von Srebrenica sowie dessen juristische Aufarbeitung. Definitiv ein Must-See, architektonisch wie inhaltlich!
Wenn man durch das historische Viertel mit Bazar und dem historischen Sebilj, einem hölzernen Brunnen aus dem 18. Jahrhundert, spaziert und dabei einen Blick auf die umliegenden Hügel wirft, wird einem die einzigartige Lage und Schönheit der Stadt bewusst.
Dunkles Vermächtnis II
Wenn man von der Vijećnica nur knapp 400 Meter Richtung Stadtzentrum geht (oder so wie ich durch den Schnee stapft), kommt man an den wahrscheinlich bedeutsamsten Ort der Stadt, und das auf einer globalen Skala. Denn an einer unscheinbaren Hausecke, gegenüber der osmanischen Lateinerbrücke über den Stadtfluss Miljacka, stand am 28. Juni 1914 der junge Student Gavrilo Princip und tötete mit zwei Schüssen den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie – und löste somit in weiterer Folge den Ersten Weltkrieg aus. Der Rest der Geschichte ist hinlänglich bekannt.
Buntes Treiben
Man ist natürlich ob der vielfältigen historischen Last versucht, mit einer gewissen Schwermut durch die Stadt zu spazieren, dafür gibt es aber als Bosnier*in oder als Tourist*in keinen Grund. Denn wenn man durch das historische Viertel mit Bazar und dem historischen Sebilj, einem hölzernen Brunnen aus dem 18. Jahrhundert, spaziert und dabei einen Blick auf die umliegenden Hügel wirft, wird einem die einzigartige Lage und Schönheit der Stadt bewusst. Villen und Häuser, die sich an die Hänge schmiegen, die Gelbe Festung, die majestätisch drüber thront; aber auch die vielen Minarette der unzähligen kleinen Moscheen ergeben eine interessante Mischung, die sich so gesehen als der uns am nächsten liegende Schnittpunkt zwischen Okzident und Orient entpuppt. Nicht zuletzt auch daher, weil man statt dem angenommenen Bild der klimatisch milden Balkanmetropole ganz schnell in alpine Moods kommen kann, wie ich jetzt weiß. Hätte ich mir aber auch denken können, wenn hier mal für ein paar Wochen in den 1980ern das Highlight des Wintersports stattfand. Das Maskottchen von damals, Vučko, findet sich übrigens auch heute noch oft im Stadtbild: auf Souvenirs und Graffitis.
Sarajevo liegt nur eine Flugstunde von Wien entfernt und verbindet auf einzigartige Weise osmanisches Erbe, österreichisch-ungarische Geschichte und moderne Balkanmetropole. Trotz der sichtbaren Spuren des Bosnienkrieges präsentiert sich die Stadt heute lebendig, vielschichtig und voller Kontraste.
Reiseinfos: Die Austrian Airlines fliegen täglich direkt von Wien nach Sarajevo und retour. Vom Flughafen ist man mit dem Taxi oder Bus je nach Verkehrslage in rund 20 Minuten im Stadtzentrum, hier lassen sich die meisten interessanten Orte zu Fuß oder per Tram erkunden. Während Kontaktlos- bzw. Kartenzahlung in Shops und Hotels durchaus funktionieren, empfiehlt es sich, gleich am Flughafen ein paar Bosnische Mark Bargeld abzuheben, z. B. fürs Taxi. Vor der Heimreise rechtzeitig zurück tauschen, in Österreich kann man kaum wo wechseln! Bosnien-Herzegowina ist darüber hinaus nicht Teil der EU oder Schengenzone, man benötigt zwar kein Visum, aber ein entsprechendes Roaming-Paket für das Handy.
Hoteltipp: Das sehr zentral gelegene Swissôtel Sarajevo liegt unübersehbar ideal für einen Städtetrip. Das Fünfsternhaus verfügt über spektakuläre Panoramalifte und bietet von den oberen Stockwerken einen tollen Rundumblick über die Stadt. Großzügige Zimmer sowie ein schicker Wellnessbereich machen auch bei Schlechtwetter den Aufenthalt sehr angenehm, ein kompetenter und freundlicher Front Desk sowie ein üppiges Frühstücksbuffet runden den erstklassigen Eindruck ab. Direkt angeschlossen befindet sich die Shopping Mall SCC mit knapp 50.000 m2 und rund 180 Shops plus Foodcourt auf mehreren Etagen. Das Hotel und die Mall sind dry areas, d. h. Alkohol wird im Komplex nicht ausgeschenkt oder verkauft.
Compliance-Hinweis: Der Aufenthalt in Sarajevo von unserem Redakteur Markus Höller erfolgte auf Einladung von Swissôtel Sarajevo, der Flug wurde selbst bezahlt.


Noch kein Kommentar, Füge deine Stimme unten hinzu!