Slow Food Interview Bachlers

Alles begann 1980 im Piemont und bei dem einen oder anderen Glaserl Wein, bei Barolo um genau zu sein. Der Italienische Publizist und Soziologe Carlo Petrini hat damals mit einer Gruppe Weinliebhaber*innen die Gesellschaft der „Freunde des Barolo“ gegründet, um dem Wein der dortigen Gegend mehr Wertschätzung zu zollen. Genau diese Runde sorgte sechs Jahre später für noch mehr Aufsehen. Und zwar mit einem öffentlichen Pasta-Essen an der Spanischen Treppe in Rom als Protest gegen die Eröffnung einer McDonald’s-Filiale in der historischen Innenstadt. Die Slow Food Bewegung war damit geboren, damals noch unter dem Vereinsnamen „Arcigola“, seit 1989 international anerkannt. „Mittlerweile engagieren sich über 1 Million Menschen in mehr als 160 Ländern für eine Esskultur, die Genuss und Verantwortungsbewusstsein vereint – mit dem Ziel, ein gerechteres, besseres und damit zukunftsfähiges Lebensmittelsystem zu schaffen. „Damals wie heute kämpfen wir als Slow Food Expert*innen für regionale Traditionen, gutes Essen, kulinarischen Genuss und ein moderates Lebenstempo“, so das Team von Slow Food Österreich.

Überlegte Gaumenfreuden

Das Kärntner Gastronomen-Paar Ingrid und Gottfried Bachler sind Slow Food Expert*innen erster Stunde. Seit 1989 setzen sich die beiden für gute und saubere Lebensmittel aus der Umgebung ein und prägen bis heute diese Bewegung. Ingrid Bachler ist Obfrau vom Marktplatz Mittelkärnten, ihr Ehemann Gottfried Bachler ist Obmann von Slow Food Kärnten. Ihr 3-Hauben-Restaurant in Althofen haben sie im vergangenen Jahr geschlossen, ihre Genussreisen gehen aber mit Catering, Events, Seminaren und Kochkursen weiter und bleiben somit für die Allgemeinheit erhalten.

Wer einmal zusammen mit Ingrid und Gottfried Bachler Käse gegessen und Wein getrunken hat, will das nie wieder ohne diese Wirtsleute tun. Die Art und Weise, wie sie über Lebensmittel und Produkte sprechen und das Wissen, das sie bei solch einem Tasting vermitteln, lässt jeden noch so ungeschulten Gaumen zu einem Feinspitz werden. Bei unserem Treffen erzählen die beiden private Anekdoten aus ihrem mehr als 40-jährigen Gastroleben und betonen die Notwendigkeit von nachhaltigen Lebensmitteln.

funk tank: Vor rund 37 Jahren haben Carlo Petrini und eine Gruppe von Aktivist*innen die Slow Food Bewegung gegründet, heute engagieren sich mehr als eine Million Menschen für den bewussten Genuss von Lebensmitteln. Was bedeutet Slow Food für Sie, und wie sind Sie zu der Organisation gekommen?
Ingrid & Gottfried Bachler: Über einen Kurgast, der in unserem Ort weilte. Es wollte während seines Kuraufenthaltes ein wenig in einer Profi-Küche „spielen“. Das haben wir mit ihm gemacht. Dann führte das Eine zum Anderen … Als Petrini Slow Food ausrief, wurde damals ein Team vom ORF in Wien nach Bra(tislava) geschickt. Auf der Rückreise war die Regisseurin Traudl Wolfschwenger auf der Suche nach einem heimischen Restaurant mit ähnlicher Philosophie. Ihr Kameramann Roland erzählte ihr von seinem Kuraufenthalt und der Zeit in unserer Küche. Aus Verona – damals gab es weder Handy noch Internet – rief er bei uns an, ob es möglich sei, von einem unserer Bauern etwas geliefert zu bekommen. Wir erklärten uns bereit und besorgten von einem Kleinbauern innerhalb von 5 Stunden eines seiner Milchferkel. Fast zeitgleich kamen dann sowohl das Fernsehteam als auch der Bauer bei uns an. So haben wir von der ganzen Bewegung erfahren und meldeten uns gleich bei Slow Food an. Keine 4 Wochen später kam Carlo Petrini überraschend zu uns, um zu sehen, wo und wie „diese Verrückten“ leben. Damit begann eine mittlerweile sehr lange Freundschaft und unsere ungebrochene Begeisterung für Slow Food.
In Österreich handelt man seit mehr als 20 Jahren nach dem Slow Food Credo „gut, sauber und fair“. Welche Kriterien konkret müssen die Lebensmittelproduzent*innen erfüllen, um als Slow Food Betrieb anerkannt zu werden?
Die Produzent*innen müssen bei Slow Food einfach nach den Richtlinien des guten Gewissens handeln. Respektvoll, nachvollziehbar und mit der ganzen Liebe zur Sache.

Das Essen muss mehr an Stellenwert in der Familie und im Haushalt bekommen.

Auch in der heimischen Gastronomie gibt es ausgezeichnete Slow Food-Betriebe. Wie viele Restaurants kann man mittlerweile bei uns finden, und wie wird der bewusste Zugang von Slow Food in der Branche angenommen?
Es werden immer mehr. Wir in Kärnten versuchen die Idee sehr breit aufzustellen. Dazu geben wir gemeinsam mit der Kärnten Werbung einen mittlerweile nicht mehr wegzudenkenden Slow Food Guide heraus. In diesem finden sich Restaurants, Wirtshäuser, Buschenschenken und Produzent*innen mit einer Reihung und Bewertung nach Schnecken.
Slow Food Bäcker Taupe Mehl
© Elias Jerusalem
Als Obmann von Slow Food Kärnten und Gründerin von Marktplatz Mittelkärnten kümmern Sie sich u.a. darum, erlesene regionale Schätze auf den Tisch der Österreicher*innen zu bringen und Genuss und Verantwortung zu vereinen. Gerade die Kärntner Bewegung hat viele nachhaltige Projekte ins Leben gerufen. Was hat es mit Slow Food Travel und den Slow Food Villages auf sich? Und worauf sind Sie sonst noch besonders stolz?
Slow Food Travel, also echte Reiseziele und Slow Food Village, Orte guten Lebens, sind beide bei uns in Kärnten entstanden. Nach einer gewissen Anlaufzeit sind beide Projekte von Slow Food International übernommen und ausgerollt worden. Besonders stolz aber sind wir, dass es zunehmend in die Mitte der Gesellschaft getragen wird, sich zu engagieren und sein Handeln und Tun den Zielen von Slow Food zu folgen. Denn: Slow Food ist keine Marketing-Idee, es ist eine Haltung.
Ein Fokus von Slow Food Kärnten liegt auch auf der Vermittlung der Philosophie in Kindergärten und Schulen. Wie bringt man wichtige Botschaften dem jungen Publikum näher?
Wir haben mittlerweile 17 Schulen, die bei uns dabei sind. Alle diese Schulen haben eigene Slow Food Verantwortliche. Sie „müssen“ jeweils 1-2 dokumentierte Projekte umsetzen. Die 16 Slow Food Chefs sind angehalten, mit der ihnen zugeordneten Schule ein gemeinsames Projekt umzusetzen.
Leider ist es nach wie vor auch ein finanzielles Problem, ob man sich „Gutes Essen“ leisten kann oder nicht. Wer muss Ihrer Meinung nach etwas tun, um dieses Dilemma zu lösen? Und was kann jede*r von uns tun?
Es ist kein finanzielles Problem, „Gutes Essen“ zu genießen. Es ist vielmehr ein Problem der Wertung. Das Essen muss mehr an Stellenwert in der Familie und im Haushalt bekommen. Das Besorgen von wertvollen Lebensmitteln sollte immer im Vordergrund stehen, abseits von anderen, unnötigen Anschaffungen. Wenn es gelingt, diese Muster zu verändern und bewusster zu machen, dass das, was wir in uns hineinessen wichtiger wäre, dann sollte es gehen. Der Konsument / die Konsumentin ist ein Co-Produzent / eine Co-Produzentin. Mit jedem Griff ins Regal, wo wir bereit sind, unser Geld auszugeben, akzeptieren wir auch die Art der Herstellung.
Ehepaar Bachler
© Elias Jerusalem
Angenommen wir setzen unser Gespräch in 10 Jahren fort. Wo steht die Slow Food Bewegung dann im Optimalfall, und wie gehen die Menschen mit Lebensmitteln in Ihrem Wunschszenario um?
In 10 Jahren werden wir über Slow Food als eine der erfolgreichsten NGOs reden. Es wird selbstverständlich sein, den Produzent*innen „auf die Finger zu schauen“, die Produzent*innen werden wieder stolz auf ihre Produkte sein, da sie zum Glücklichsein ihren Beitrag leisten. Wir werden nur mehr genau so viel einkaufen, wie wir auch wegessen können. Wir werden wieder mit den Nachbarn teilen und nicht über die erfolgreichsten Einkäufe von angesagten Produkten reden, sondern über die sagenhaft guten Dinge, die vor Ort hergestellt worden sind. All das wird die Erde uns allen danken.

Wenn es um nachhaltigen Genuss geht, ist man bei Weinakademikerin Ingrid Bachler und Haubenkoch Gottfried Bachler genau richtig. Die Gastro- und Slow Food Profis aus Kärnten bieten in ihrer Genussschule Tastings, Kochkurse und Seminare an. Außerdem gibt’s bei ihnen professionelles Catering und einen Online-Shop für Kärntner Spezialitäten.

Bachler’s Feinkost, Catering, Seminare

Seit mehr als 25 Jahren ist die Slow Food Bewegung in Österreich tätig. Sie setzt sich für gute und saubere Lebensmittel zu fairen Preisen ein. Beim Dachverband Slow Food Österreich und den 17 Konvivien sowie 9 Gemeinschaften im Land stehen bewusster Genuss und nachhaltige Lebensmittel im Zentrum. Mit Geschmacksschulungen, Verkostungen, Exkursionen zu den Produzent*innen, Kochkursen und anderen Aktionen bringt die Organisation ihre Philosophie der Allgemeinheit näher.

Slow Food Österreich

Queen of Green aus Wien Interview

Die Wiener Label-Betreiberin Julia Schauer entwickelte mit einer Mikrobiologin eine umweltbewusste Lippenpflege. Ihre drei unterschiedlichen Pflegestifte sind vegan, tierversuchsfrei und dank komplett abbaubaren, FSC-zertifizierten und mit Sojatinte bedruckten Kartonhüllen zu 100% plastikfrei. Die Idee vegane Pflegeprodukte herzustellen, kam über Umwege …

funk tank: Ihr Vater ist Apotheker, Sie selbst waren viele Jahre Beauty-Redakteurin – kein klassischer Weg zur Kosmetik-Produzentin, dennoch verfügen Sie über ein großes Know-how in diesem Bereich. Was hat Sie schlussendlich dazu bewegt, „Queen of Green“ zu gründen, und welche Meilensteine haben Sie in den vergangenen 2 Jahren gemeistert?
Julia Schauer: Als Beauty-Redakteurin gingen jahrelang alle Kosmetikneuheiten über meinen Schreibtisch. Natürlich konnte ich nicht alles testen, aber Lippenpflege habe ich immer ausprobiert – wegen meiner trockenen Lippen. Leider hat mich selten ein Produkt komplett überzeugt. Daher habe ich irgendwann beschlossen, es selbst zu machen. Und klar, ich habe mir die Messlatte schon recht hoch gelegt. An meinen Ansprüchen – intensiv pflegend, hochwertig, vegan, plastikfrei und natürlich – wäre ich mehrfach beinahe gescheitert. Angefangen bei der Formulierung mit veganen Wachsen über die perfekte Kartonverpackung bis hin zur idealen Sojatinte und den besten Rohstoffen. Die Reise war voller Hindernisse, aber ich habe auch wirklich viel gelernt.
Einiges würde ich vermutlich heute anders machen, aber dazu sind Erfahrungen ja da.
Portrait Queen of Green Julia Schauer
© Gerhard Merzeder
Die Bezeichnung „Nachhaltige Naturkosmetik“ wird mittlerweile oft inflationär verwendet. Was macht für Sie ein nachhaltiges Produkt aus?
Das perfekt nachhaltige Produkt gibt es nicht. Aber man kann versuchen, zumindest einige Aspekte zu optimieren. Daher habe ich mich gegen die klassische Plastikhülle und für eine Version aus FSC-zertifiziertem Karton entschieden, die sich am Kompost oder in der Erde nach ca. 6 Wochen zersetzt. Um einen Anreiz zu bieten, die leere Hülle auch wirklich einzugraben, habe ich Blumensamen in die Hülle integriert. Welche Blumen das sind, findet man nur heraus, wenn man die Hülle vergräbt. Zusätzlich achte ich bei meinen Rohstoffen auf einen hohen Bio-Anteil – das kommt der Umwelt zugute und uns natürlich ebenso. Wir essen nämlich unbewusst ca. 5 Lippenstifte pro Jahr. Da ist es schon gut, wenn das natürliche und plastikfreie Stifte sind, oder?!
Erzählen Sie uns bitte mehr über Ihre vegane Lippenpflege.
Für meine Pflegestifte verzichte ich bewusst auf tierische Produkte wie Lanolin oder Bienenwachs. Und natürlich auf Tierversuche. Tierleid ist nicht notwendig, um tolle Kosmetik zu machen. Zugegeben, die perfekte Kombination aus den unterschiedlichen veganen Wachsen zu finden, war schon eine ganz schöne Herausforderung.
Lippenpflege Serie von Queen of Green
© Oliver Topf
Das Packaging von Queen of Green fällt auf – verspielt, weiblich, sehr schön anzusehen. Wie wichtig ist die Optik der Verpackung im Zeitalter von Instagram & Co. Ihrer Meinung nach? Wer ist Ihre Zielgruppe?
Ich denke, dass eine ansprechende Verpackung extrem wichtig ist. Dadurch werden die Leute auf das Produkt aufmerksam. Überzeugen muss jedoch schon der Lipbalm selbst, aber Kunden „anlocken“ müssen zuerst mal äußere Werte. Meine Zielgruppe sind zumeist Frauen, die zwar gern nachhaltig kaufen möchten, aber dafür keine Kompromisse bezüglich Pflegewirkung und Design machen wollen.
Apropos Schönheit. Wie definieren Sie Schönheit?
Schön ist, wer glücklich ist und von innen strahlt. Ich sehe so viele faltenlose Gesichter, die nicht mit sich selbst zufrieden wirken und das auch ausstrahlen. Natürlich ist es toll, schöne Haut zu haben, aber man muss sich in dieser auch wohlfühlen.
Model Queen of Green
© Gerhard Merzeder
Spröde Lippen betreffen sowohl Frauen als auch Männer. Könnten Sie sich in Zukunft auch ein breiteres Angebot vorstellen, also auch Männerkosmetik? Wie sehen Ihre Pläne der kommenden Monate aus?
Einige Männer haben mich bereits gefragt, warum es keine „King of Green“ Linie oder zumindest einen Stift für Männer gibt. Darauf antworte ich immer recht rasch, dass dieses Produkt zwar gern von selbstsicheren Männern gekauft und genutzt werden kann, aber auf die weibliche Kundschaft zugeschnitten ist. So viel in unserem Leben ist für Männer designt, bei Queen of Green ist das mal umgekehrt. Aber keine Sorge, es wird trotzdem neue Produkte geben. Ich arbeite gerade auf Hochtouren an einem neuen, größeren Pflegestick. Der pflegt trockene Hautstellen wie Hände, Ellenbogen, Füße, ... besonders intensiv und wird im Winter ein Traum sein!

Wir essen unbewusst 5 Lippenstifte pro Jahr. Da ist es schon gut, wenn das natürliche und plastikfreie Stifte sind.

Was darf in Ihrem Beauty-Case auf Reisen nicht fehlen?
Die Liste wird jedes Jahr kleiner. Nicht weil ich jedes Jahr jünger werde, sondern weil ich immer mehr merke, was ich wirklich brauche. Ich habe immer ein Hyaluronserum und Sonnencreme dabei, ein leichtes Fluid, meinen neuen Ringelblumen-Stick „Helpful Helena“ und natürlich meine drei Lipbalms: die intensive „Caroline“ und die getönte „Rosalie“ für tagsüber und die glättende „Sophie“ für die Nacht.
Der Winter kommt bestimmt … und damit trockene Lippen, Haut und Haare. Wie können wir uns jetzt schon wappnen, um die kommenden Monate Beauty-technisch gut zu überstehen?
Jetzt schon mit reichhaltiger Pflege zu beginnen, ist auf jeden Fall eine gute Idee. Ist die Haut erst trocken und die Lippen spröde, ist es viel schwieriger, sie wieder glatt und weich zu pflegen. Meine Overnight-Pflege „Sleepy Sophie“ ist ideal dafür, weil sie kleine Schäden repariert und dank Hyaluronsäure und Kokosextrakt sogar kleine Fältchen aufpolstert.

Julia Schauer hat 124 Pflegestifte getestet, um ihr Ziel zu erreichen: Herausgekommen sind drei Lippenpflege-Produkte, die vegan, tierversuchsfrei und plastikfrei sind. Über ihre Produkte von Queen of Green sagt sie: „Nachhaltig, natürlich, vegan oder schön? Meine Vision ist es, das oder durch ein und zu ersetzen und Pflege anzubieten, die alles kann, was wir uns wünschen und erträumen.“

Queen of Green

Instagram

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Fairtrade 30 Jahre Interview

Dreißig Jahre „Fairtrade“ in Österreich. Was hat sich durch den Einsatz der Organisation für die Kaffeebäuerinnen und -bauern in den vergangenen Jahren geändert, was soll in den nächsten 30 Jahren geschehen? Wir haben jemanden gefragt, der es wissen muss: Die Kaffeesommelière Alexandra Urban hat sich als Beraterin für Röstereien und als Ausbilderin für Kaffeefachleute einen Namen gemacht. Seit dem Frühjahr 2023 ist sie Kaffeemanagerin bei Fairtrade International.

funk tank: Vor 30 Jahren war Kaffee das erste Fairtrade Produkt in den österreichischen Regalen. Heute werden hierzulande täglich rund 1,5 Millionen Tassen Fairtrade Kaffee konsumiert. Was hat sich dadurch verändert?
Alexandra Urban: Konsument*innen haben durch ihre Kaufentscheidung Macht. Eine Tasse fair gehandelten Kaffee zu trinken, mag nach wenig aussehen. Aber es ist eine bewusste Kaufentscheidung, die – vor allem in der Masse – einen Unterschied macht! 1,5 Millionen dieser Kaufentscheidungen täglich sind gigantisch und haben in den vergangenen 30 Jahren bei den Fairtrade Kaffeebauernfamilien viel bewegt. Die Produzent*innen profitieren am meisten vom fairen Handel, wenn ihre Kooperationspartner*innen ihren Kaffee zu Fairtrade Bedingungen verkaufen können. Deshalb ist es ermutigend zu sehen, wie viele Menschen Wert darauf legen, nachhaltige Entscheidungen zu treffen und dies zu einem Teil ihrer täglichen Routine machen.
Portrait Kaffeesommelière Alexandra Urban
© Anne Barth Photography
Was muss das Ziel von Fairtrade für die nächsten 30 Jahre sein?
Es gibt viele Entwicklungen, auf die wir auch kurzfristig reagieren müssen, wie bereits in der Vergangenheit getan. Die weltpolitische Lage, der Markt, die Anforderungen der Konsument*innen sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen sind stets im Wandel. Wir beobachten, dass die Anforderungen an die Kaffeeproduzent*innen immer größer werden – in Bezug auf Transparenz und Rückverfolgbarkeit, Qualität und Weiterverarbeitungsprozesse, aber auch aufgrund der aktuellen Anforderungen an entwaldungsfreie Lieferketten und den ökologischen Landbau – und natürlich durch die Auswirkungen der Klimakrise. Studien haben vorausgesagt, dass etwa die Hälfte der derzeitigen Kaffeeanbauflächen bis 2050 aufgrund steigender Temperaturen für den Kaffeeanbau ungeeignet sein wird. In Anbetracht all dieser Entwicklungen ist es wichtig, dass die Produzent*innen die finanziellen Ressourcen haben, sich darauf einzustellen, nicht zuletzt durch einen fairen Preis für ihre Kaffeeernte. Aber auch Ertragssteigerungen, eine höhere Produktivität, ein leichterer Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten und die Diversifizierung des Einkommens, um aus Abhängigkeiten herauszukommen, sind anzustrebende Ziele, um nur einige zu nennen. Wir wissen zwar nicht, was in den nächsten 30 Jahren alles passieren wird, aber wir wissen, wie wichtig es ist, dass die Produzent*innen mit am Tisch sitzen, um Entscheidungen zu treffen und um gemeinsam die Zukunft von Fairtrade zu gestalten. Kurz gesagt: Wir sollten mehr vom Gleichen tun, aber intelligenter, gezielter und ressourcenschonender als je zuvor!
Kaffeefarmer Fairtrade
© Christoph Koestlin / Fairtrade
Die Teuerung war und ist noch immer ein globales Problem. Studien haben gezeigt, dass Fairtrade Kleinbauernfamilien Kostenschwankungen besser als Landwirt*innen verkraften, die nicht dem fairen System angehören. Warum?
Die Teuerung hat viele Kaffeeanbauländer stark betroffen. Die Inflationsrate ist zum Teil viel höher als bei uns. Auch haben sich die Kosten für die Kaffeeproduktion durch gestiegene Preise für Düngemittel, Arbeitskräfte, Transport und so weiter enorm erhöht. Der Fairtrade Mindestpreis ist ein wirksames Mittel, um diesem Trend Rechnung zu tragen, denn er gewährleistet Planungssicherheit. Durch dieses Sicherheitsnetz sind Kleinbauernfamilien der Organisation resilienter, da sie mit dem Wissen, dass der Verkaufspreis unabhängig vom schwankenden Weltmarktpreis eine bestimmte Marke nicht unterschreiten wird, planen können. Das ist enorm wichtig!

Wir sollten mehr vom Gleichen tun, aber intelligenter, gezielter und ressourcenschonender als je zuvor.

Stichwort global: Auch die Klimakrise ist ein Problem, das vor niemandem haltmacht. Kaffee ist eine sehr klimasensible Pflanze. Wie begegnen Fairtrade Kaffeebauernfamilien dem Klimawandel?
Fairtrade Kaffeebauernfamilien stehen in punkto Klimawandel an der vordersten Front. Für sie sind die Auswirkungen der Klimakrise tägliche Realität. Einige leiden bereits unter dem Verlust von Land und Ernten und kämpfen um ihre finanzielle Lebensgrundlage. Denn extreme Wetterbedingungen, steigende Temperaturen und die damit verbundenen Veränderungen im Ökosystem beeinträchtigen ihren Ernteertrag und manchmal auch die Qualität des Kaffees. Die Fairtrade Prämie, die zusätzlich zum Fairtrade Mindestpreis gezahlt wird, kann für Projekte eingesetzt werden, die der Anpassung an den Klimawandel dienen. Dies können Baumpflanzungen zur Vermeidung von Bodenerosionen, Bewässerungsprojekte, die Diversifizierung von Anbauprodukten und die Verjüngung der Kaffeebäume sein, abhängig von den lokalen Gegebenheiten und Bedürfnissen.
Kaffeebauern Fairtrade bei der Arbeit
© Rosa Panggabean / Fairpicture Fairtrade
Fairtrade Kaffee wird mittlerweile international geschätzt und nachgefragt, und die Spezialitätenkaffees nehmen regelmäßig an Wettbewerben teil. Wie unterstützt die Organisation das Qualitätsbewusstsein der kooperativen Mitglieder?
Wir haben beispielsweise auf der SCA-Messe in Portland und der World-of-Coffee-Messe in Athen zwei öffentliche Verkostungen der Gewinner der nationalen Golden-Cup-Wettbewerbe organisiert. Das war eine schöne Möglichkeit, um die Vertreter*innen der Kooperationspartner*innen und potenzielle Käufer*innen zusammenzubringen und auch einfach „die Tasse sprechen zu lassen“. Die Besucher*innen der Messe konnten Kaffees verkosten und sich selbst ein Bild von der überragenden Qualität machen. Zu sehen, wie so hochwertige Qualitäten angenommen werden und dass man dafür auch eine zusätzliche Qualitätsprämie erhalten kann, ist natürlich für die Produzent*innen ein enormer Anreiz. Auch dadurch wird ihr Qualitätsbewusstsein gefördert.
Kaffeebohnen mit Hand
Milo Miloezger / Unsplash
Gibt es neue internationale Kaffeetrends, die auch für die Konsument*innen in Österreich spannend sind?
Vielleicht nicht das, was Sie unter einem Trend verstehen. Doch die Entwicklung, die wir derzeit beobachten, ist die weitere Verbreitung von vermeintlichen Nachhaltigkeitssiegeln, die keine wirksamen Standards mit sich bringen. Das ist für viele Konsument*innen ein Problem, da es oft schwer zu wissen ist, worauf sie vertrauen können. Umso wichtiger wird zukünftig das Fairtrade Siegel mit seinen hohen Bekanntheits- und Vertrauenswerten sein, gestützt durch umfangreiche Standards sowie regelmäßige und unabhängige Kontrollen. Aber auch neue gesetzliche Bestimmungen wie das geplante EU-Lieferkettengesetz werden hoffentlich dazu beitragen, die Wettbewerbsbedingungen anzugleichen. So kann sichergestellt werden, dass beim Kauf von fairen Produkten die Produzent*innen wirklich profitieren und die Konsument*innen nicht in die Irre geführt werden. Bei Qualitätswettbewerben wie bei der Taza Dorada („Goldene Tasse“) schicken Fairtrade zertifizierte Kooperationspartner*innen ihre besten Kaffees ins Rennen – ein großer Ansporn für die Produzent*innen, höchste Qualitäten anzubauen und eine tolle Wertschätzung ihrer Arbeit.

Alexandra Urban ist diplomierte Politologin und Wirtschaftsgeographin mit Schwerpunkt Lateinamerika und seit über zehn Jahren in unterschiedlichen Funktionen in der Fairtrade Kaffeewelt zu Hause. Sie hat Erfahrung in der Qualitätskontrolle, im Rohkaffeeeinkauf sowie in der Abwicklung von Direktimporten für verschiedene Röstereien und schult Kaffeefarmer*innen, -röster*innen und -händler*innen. Seit Anfang des Jahres arbeitet sie als Kaffeemanagerin im Team Global Products, Programs & Policy von Fairtrade International.

Fairtrade

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