Hautpflege mit Haltung im Familienunternehmen Dr. Joseph

Seit 1986 steht TEAM DR JOSEPH für Naturkosmetik mit Qualität, Wirksamkeit und Verantwortung. Gegründet von Erb. Dipl. Dr. Joseph Franz, ist die Marke heute ein internationales Familienunternehmen, das hochwertige Hautpflege mit Forschung und der Kraft der Natur vereint.

Lena Franz, Tochter des Gründers, leitet zentrale Bereiche des Familienunternehmens und repräsentiert gemeinsam mit ihren Brüdern Fabian und Viktor die nächste Generation. Im Interview erzählt sie, wie es ist, in einem Umfeld groß zu werden, in dem Familiengeist und unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Ein Gespräch über Transparenz, wirksame Inhaltsstoffe, individuelle Pflege und darüber, warum Nachhaltigkeit für die Unternehmer*innen kein Trend, sondern gelebte Haltung ist.

funk tank: TEAM DR JOSEPH ist ein Familienunternehmen. Welche Vorteile bringt das und wo wird das zur Herausforderung?

Lena Franz: Es ist herausfordernd, aber es hat definitiv mehr Vorteile als Nachteile. Klar gibt es Familien, die sich nicht verstehen. Bei uns ist es so, dass wir uns gut kennen und uns gegenseitig vertrauen. Dadurch können wir auch schneller Entscheidungen treffen.

Natürlich gibt es Reibungen, die gehören dazu. Manchmal ist eine Diskussion emotional aufgeladener, aber als Familie verzeiht man sich auch vieles schneller.

Wir ergänzen uns gut, weil wir aus total unterschiedlichen Bereichen kommen. Mein ältester Bruder Fabian hat ursprünglich Architektur studiert. Viktor hat Marketing und Wirtschaft gelernt und ich komme aus einem ganz anderen Bereich – ich habe Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert und einen Master in Philosophie. Wien war übrigens auch elf Jahre lang mein Lebensmittelpunkt.

Unser Vater ist das beste Beispiel für Vielfalt: Er ist klassischer Betriebswirt, aber gleichzeitig ausgebildeter Pflanzenheilkundler, er hat Erboristeria in Italien studiert. Das sind vermeintliche Gegensätze, die sich bei uns treffen. Ich finde das sehr fruchtbar, weil unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen ins Unternehmen eingebracht werden. Wenn alle das Gleiche studiert hätten und in die gleiche Richtung schauen würden, hätte man viele blinde Flecken. So wird alles aus unterschiedlichen Richtungen diskutiert und am Ende kommt meist eine Lösung heraus, von der wir alle überzeugt sind.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Ihrem Vater, der die Marke gegründet hat?

Er hat uns immer komplett freie Hand gelassen und das ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Wir kennen viele Beispiele, wo der Senior bis 90 im Unternehmen sitzt und alles entscheidet. Da haben wir wirklich großes Glück.

Ihn hat immer mehr die Forschung interessiert – welche Pflanzen verwendet man wofür und diese Dinge. Er ist ein sehr großer Forscher. Wenn ihn ein Thema begeistert, findet man ihn hinter Büchern mit Stapeln an Informationen und Wissen.

Wir Kinder haben uns die Bereiche aufgeteilt, jede*r hat eigene Verantwortlichkeiten und das funktioniert gut. Die Übergabe war fließend und ungezwungen. Von der Seite unseres Vaters gab es nie den Druck, dass wir das Unternehmen weiterführen müssen. Es war ein freiwilliger Prozess.

Ich glaube, man verbringt einen Großteil seines Lebens bei der Arbeit. Und dort etwas Sinnvolles zu machen, etwas Eigenes, hinter dem man zu 100 % stehen kann – das ist für mich persönlich sehr wichtig. Unsere Philosophie ist uns in die Wiege gelegt worden.

Nachhaltigkeit war bei Ihnen sehr früh Thema, lange vor dem heutigen Hype.

Ja, das wurde uns gewissermaßen auch in die Wiege gelegt. Unser Vater hat das Unternehmen 1986 gegründet und damals war Naturkosmetik noch in den Kinderschuhen. Naturkosmetik wurde da eher belächelt.

Man merkt diesen Pioniergeist im Unternehmen bis heute. Da ist ein Gründer, der sehr lange gegen den Strom geschwommen ist und davon überzeugt war, dass das für ihn der richtige Weg ist. Für uns ist das daher die natürliche Richtung.

Wir haben das Glück sagen zu können, dass wir ein Unternehmen sind, das nicht auf einen Trend aufgesprungen ist, sondern seit Beginn aus tiefster Überzeugung so arbeitet. Das war viele Jahre nicht einfach, auch weil Rohstoffe extrem limitiert waren. Heute ist das Spektrum breiter, weil der Markt sich verändert hat.

TEAM DR JOSEPH ist Viktor Franz, Lena Franz, Joseph Franz und Fabian Franz
TEAM DR JOSEPH ist Viktor Franz, Lena Franz, Joseph Franz und Fabian Franz © TEAM DR JOSEPH

Das neue Buzzword ist für mich nicht mehr Nachhaltigkeit, sondern Transparenz. Nachhaltig ist inzwischen irgendwie jede*r – der Begriff ist überstrapaziert und fast schon leer. Transparenz hingegen ist entscheidend. Genau daran haben wir in den letzten Jahren sehr intensiv gearbeitet.

Welche Rolle spielt Südtirol für Ihre Marke?

Südtirol ist für uns der Ort, wo wir hineingeboren wurden und geblieben sind. Hier fühlen wir uns wohl, hier sind unsere Mitarbeiter*innen, hier ist unser Ursprung. Die Region steht für Handwerkskunst, Qualität und Präzision, das prägt uns.

Was wir aber nicht sind, ist alpine Kosmetik. Wir beziehen unsere Roh- und Wirkstoffe dort, wo die Pflanzen heimisch sind, weil sie dort ihre intensivste Kraft entwickeln. Die alpine Region bietet spannende Rohstoffe wie Edelweiß, aber diese sind limitiert. Deshalb arbeiten wir mit einem sehr breiten Wirkstoffspektrum.

Südtirol begeistert natürlich auch unsere Kundinnen und Kunden, wir sind primär in der DACH-Region präsent. Der ganze Spa- und Wellness-Bereich kommt aus der alpinen Region, daraus haben wir uns ja auch ursprünglich heraus entwickelt.

Wo sind Ihre Produkte erhältlich?

Zum Beispiel in Wien bei Staudigl, außerdem in 4- und 5-Sterne-Hotels, bei Kosmetikinstituten, ausgewählten Retail-Partnerinnen und Partnern und natürlich in unserem Online-Shop.

Wir haben ja schon kurz über Nachhaltigkeit gesprochen. Sie veröffentlichen jährlich einen Nachhaltigkeitsbericht, das ist schon next level. Wo sehen Sie sich als Vorreiter und wo gibt es noch etwas zu tun?

Nachhaltigkeit ist ein Bereich, in dem immer Luft nach oben ist. Wir arbeiten daran aber schon sehr lange, seit den 1980er-Jahren. Und auch wir haben da sicher nicht immer alles richtig gemacht. Packaging ist da ein großes Thema, das erst ein jüngeres Phänomen ist.

International positioniert uns die Vielzahl unserer Zertifizierungen. Die Kombination aus B Corp, PETA, COSMOS, Plastikneutral und Net-Zero ist in der Kosmetikbranche selten. Die B Corp-Zertifizierung ist eine Unternehmenszertifizierung und muss alle drei Jahre erneuert werden – mit verbessertem Punktestand. Da wären wir wieder bei der Luft nach oben.

Wir arbeiten mit Plastic Bank, wo Menschen in Entwicklungs­ländern Plastik sammeln und gegen Einkommen tauschen können. Außerdem mit dem Green Future Project, wo wir unsere CO₂-Emissionen tracken und kompensieren.

Unsere oberste Prämisse ist immer: zuerst reduzieren, dann kompensieren. Unsere eigene Produktion in Südtirol läuft zu 100 % mit erneuerbarer Energie.

Wie wichtig ist Nachhaltigkeit für Ihre Kundinnen und Kunden?

Wenn ein Produkt nicht wirkt, hilft auch Nachhaltigkeit nichts. Hautpflege wird wegen ihrer Funktion gekauft. Wenn das passt, wird Nachhaltigkeit für viele zur Entscheidungshilfe.

Für uns war Nachhaltigkeit lange selbstverständlich, deshalb haben wir sie wenig kommuniziert. Heute sehen wir, dass Zertifizierungen auch Orientierung für Käufer*innen bieten.

Das neue Buzzword ist für mich nicht mehr Nachhaltigkeit, sondern Transparenz. Nachhaltig ist inzwischen irgendwie jede*r – der Begriff ist überstrapaziert und fast schon leer. Transparenz hingegen ist entscheidend. Genau daran haben wir in den letzten Jahren sehr intensiv gearbeitet. Gerade im Greenwashing-Dschungel stellt sich die Frage: Wie differenzieren wir uns wirklich? Nicht indem wir lauter behaupten, nachhaltig zu sein, sondern indem wir es belegen – mit Zertifizierungen, Daten und einer offenen, transparenten Datenlage. Wer wirklich interessiert ist, kann bei uns tief eintauchen und findet keine versteckten Leichen, sondern einfach noch mehr Informationen.

Welches Produkt erzählt Ihre Geschichte am besten?

Unsere absoluten Bestseller sind die „Age Repair Miracle Drops“. Das Produkt, das unsere Geschichte am besten erzählt, ist aber wahrscheinlich das „Ultra Hydration Serum“. Feuchtigkeit braucht jede Haut. Man spürt die Textur, die Wirkstoffdichte und unsere 40-jährige Erfahrung.

Wer ist Ihre typische Kundschaft?

Unsere Hauptzielgruppe liegt zwischen 35 und 60 plus, überwiegend weiblich, aber auch immer mehr Männer greifen zu unseren Produkten. Wir machen genderneutrale Kosmetik, weil es nicht die eine Haut gibt. Auch Männerhaut ist sensibel, Männerhaut ist auch reif, Männerhaut kann auch unrein sein. Da wir aus dem Institutsbereich kommen, haben wir ein extrem breites Sortiment an Produkten, das wirklich auf jedes einzelne Hautbedürfnis individuell eingehen kann.

Was halten Sie von Kinderkosmetik?

Kinder brauchen per se keine Kosmetik, außer mineralischen Sonnenschutz. Der Trend zu Kinderkosmetik entspricht nicht unserer Philosophie. Da geht es mehr um Gewinnmaximierung.

Sie sprechen von „Well-Aging“ statt „Anti-Aging“. Warum?

Altern ist ein biologischer Prozess. „Anti“ suggeriert Kampf. Well-Aging bedeutet, schön und gesund älter zu werden. Unsere Produkte können unterstützen, aber keine Creme ersetzt Sport, Ernährung oder soziale Beziehungen.

Wie definieren Sie die perfekte Beauty-Routine?

Die perfekte Beauty-Routine gibt es für mich nicht. Es gibt immer nur die Routine, die für den einzelnen Menschen wirklich gut funktioniert. Sie hängt von vielen Faktoren ab: Hautzustand, Alter, Wohnort, Klima und Jahreszeit.

Ich selbst habe eine eher trockene, sensible Haut. Meine ideale Morgenroutine ist deshalb bewusst einfach: Ich reinige nur mit Wasser, verwende anschließend einen Toner, ein Serum und danach eine feuchtigkeitsspendende oder reichhaltige Creme. Eines meiner Lieblingsprodukte ist unsere „Couperose-Creme“, da ich leichte Couperose habe.

Und ein ganz zentraler Punkt ist Sonnenschutz. Das habe ich ehrlich gesagt auch erst in den letzten Jahren wirklich verinnerlicht. Konsequent jeden Tag SPF 50 zu tragen, macht einen enormen Unterschied für die Haut, bei jedem Wetter!

Welche Themen werden die Beautybranche künftig prägen?

Ich glaube, ein zentrales Thema wird Hautgesundheit sein, eng verbunden mit Longevity, also der Frage, wie wir die Lebensqualität verlängern können, nicht nur die Lebensdauer. Dabei wird die belegte Wirksamkeit von Produkten immer wichtiger, denn Konsumentinnen und Konsumenten haben genug von großen Versprechen, die sich auf ihrer Haut nicht zeigen.

Ein weiterer Treiber ist die Individualisierung. Die eine Creme für alle gibt es nicht – Nutzer*innen wünschen sich Pflege, die wirklich auf ihre persönlichen Hautbedürfnisse eingeht, zum Beispiel auf trockene Wangen oder feine Linien im Augenbereich. Hier helfen modulare Produktlinien, gezielte Kombinationen und maßgeschneiderte Behandlungsmethoden. In unserer Schulungsakademie arbeiten wir mit Konstitutionstypen: Druck, Geschwindigkeit und Technik der Behandlung werden an den einzelnen Menschen angepasst – manche mögen intensive Berührungen, andere sanfte Streichungen.

Auch Technologie wird eine größere Rolle spielen, etwa durch künstliche Intelligenz in der Analyse. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach Menschlichkeit: echte Berührung und persönliche Zuwendung bleiben entscheidend.

Die spannende Herausforderung für die Zukunft liegt darin, Technologie, Nachhaltigkeit und Transparenz zu verbinden – in der Produktentwicklung, im Packaging und in der Behandlung.

Gründer Dr. Joseph Franz von TEAM DR JOSEPH
Gründer Dr. Joseph Franz von TEAM DR JOSEPH © TEAM DR JOSEPH

TEAM DR JOSEPH ist ein familiengeführtes Naturkosmetik-Unternehmen aus Südtirol, das seit 1986 für hochwertige, wirksame Hautpflege steht. Die Marke verbindet Tradition, Forschung und Nachhaltigkeit und legt großen Wert auf Transparenz, Individualisierung und Hautgesundheit. Die Produkte von DR JOSEPH sind weltweit in ausgewählten Apotheken, Spas, Hotels und online erhältlich.

TEAM DR JOSEPH

Christof Spörk mit neuem Programm „Maximo Lieder“

Verbissen entschlossen schaut er drein, aber zugleich doch auch ein bisschen schelmisch. Für das Pressefoto zu seinem neuen Kabarettsolo „Maximo Lieder“ hat sich Christof Spörk entsprechend in Szene gesetzt. Gleichsam selbst ein „Big Leader“ sitzt er da im weißen Uniformrock, die rechte Hand – wie weiland Napoleon persönlich – in die Knopfleiste gesteckt. Daneben prangt sein Nachname in einem Schriftzug, der sehr stark an das „SPQR“ („Senatus Populusque Romanus“) der antiken römischen Republik erinnert.

Eigentlich drückt schon dieses Pressebild so viel aus, weil Spörk hier das Konzept des „größten Führers“ gleich mehrfach bricht. Steht doch das „SPQR“ für das genaue Gegenteil, nämlich eine republikanische Demokratie (oder was man halt im Antiken Rom darunter verstand, bevor sich ein gewisser Julius Caesar zum Diktator und ersten Kaiser aufschwang) und nicht für das, was die mächtigen Männer von Donald Trump bis Viktor Orban gerne hätten. Kubas 2016 verstorbener „Máximo Líder“ Fidel Castro als Namenspate für das neue Programm ist bei Spörk aufgelegt. Schließlich hat der gebürtige Steirer, der heute im Südburgenland lebt, ein ganz besonderes Naheverhältnis zu der Karibikinsel, auf der er während seiner Studien der Politikwissenschaft seine spätere Ehefrau kennenlernte.

Im Interview spricht der Musiker und Kabarettist darüber, welche Rolle sein Blick auf den sogenannten Hinterhof der USA in seinem neuen Programm spielt. Außerdem geht es um seine Wahrnehmung von Wokeness und Rassismus sowie um den Song Contest in Kiew, bei dem er Österreich vor 21 Jahren vertreten hat.

funk tank: Dein neues Programm heißt „Maximo Lieder“. Du wirst also vermutlich wieder sehr viel singen. Worüber?

Christof Spörk: So war es geplant. Und so ist es. Das vorige Programm „Eiertanz“ war eher wortlastig. Jetzt bin ich zu meinen Wurzeln zurückgekehrt. Und sehr glücklich damit.

„Maximo Lieder“ war ja auch schon der Titel eines Musikprojekts von dir, das vor 25 Jahren entstanden ist?

Genau, damals habe ich als Journalist gekündigt und dieses Bandprojekt gegründet, zeitgleich mit „Global Kryner“. Damals ist auch das Wortspiel mit dem „Maximo Lider“ Fidel Castro auf Kuba entstanden, der da noch gelebt hat.

War die Weltlage damals eine andere als heute?

Man hatte damals auch schon das Gefühl, man lebt in einer Krise. Aber das ist menschlich, dass man immer dorthin schaut, wo es gefährlich werden könnte. Das, was sich seither wirklich geändert hat, ist die Schnelligkeit der Informationsweitergabe. Deshalb, glaube ich, sind wir heute noch mehr im Alarmmodus. Daran müssen wir uns wohl gewöhnen, an diesen Dauer-Alarmismus. Aber einen Dritten Weltkrieg will in Wahrheit niemand, weder Donald Trump noch Wladimir Putin.

Mich hat die Politikwissenschaft stärker geprägt, als mir lange bewusst war. Deshalb tue ich mir auch so schwer, mit gewissen rechts-, aber auch linkspopulistischen Tendenzen, wenn ich mir denke: Hallo, das haben wir doch längst ausdiskutiert. Dahin müssen wir nicht mehr zurück.

Du hast eine ganz besondere Beziehung zu Kuba. Als Ehemann einer Kubanerin hast du sicher auch einen ganz speziellen Blick auf den sogenannten Hinterhof der USA.

Venezuelas früherer Präsident Hugo Chávez war kein Guter, und sein Nachfolger Nicolás Maduro ist ein noch viel Schlechterer. Auch was auf Kuba passiert, ist furchtbar. Das System dort nennt sich Kommunismus, ist aber eine mafiöse Struktur, in der einige Familienclans Macht und Reichtum unter sich aufteilen. Man sieht ja, wie viele Menschen aus Kuba flüchten, die Bevölkerung ist von elf auf neun Millionen geschrumpft. Die Situation ist katastrophal, und in Venezuela ist es nicht viel besser. Insofern freut man sich, wenn sich etwas ändert. Auf der anderen Seite: Wenn jetzt der mächtigste Akteur der Welt nach Gutdünken einen Regierungschef entführen lässt, dann ist das ein Präzedenzfall, wo ich mir nicht ausrechnen will, wo es hingeht.

Würde allerdings Donald Trump die Mullahs im Iran stürzen, dann gäbe es wahrscheinlich schon viel Applaus. Und es waren wohl auch viele beim Sturz von Saddam Hussein im Irak nicht unbedingt dagegen. Natürlich, die Folgen, die dieser Regime Change für den Irak hatte ...

Ich bin damals, als Saddam gestürzt wurde, gerade von Kuba zurückgekommen, und habe mir auch gedacht: Es ist moralisch tatsächlich ein Dilemma, wenn den Menschen unter der Knute eines Militärregimes nicht geholfen wird. Da gibt es zwar viele, die sagen, die Unterdrückten müssen sich von den Unterdrückern selbst befreien. Aber wenn man sich anschaut, was jetzt im Iran passiert mit den tausenden Toten. Da ist es zynisch, zu sagen: Das geht uns nichts an. Die Frage ist natürlich immer, wer was und vor allem mit welcher Begründung macht. Wenn das ein Donald Trump ist, dessen Einwanderungsbehörde gleichzeitig eine Mutter von drei Kindern erschießt, weil sie mit dem Auto reversiert, und das mit „inländischen Terrorismus“ begründet, dann bin ich schon sehr skeptisch.

Andererseits wird es die EU zum Beispiel nicht machen.

Das kann sie auch gar nicht. Allerdings muss man der EU zugestehen, dass sie das erfolgreichste politische Projekt der vergangenen Jahrzehnte ist, das zu Unrecht oft schlechtgeredet wird. Es ist nirgendwo so viel positiv weitergegangen wie im europäischen Raum. Nur sehen wir in Europa das oft nicht. In meinem Programm „Maximo Lieder“ geht es auch um den Trend zum Autoritären, den ich stark kritisiere. Die jetzige Situation lässt viele ratlos zurück. Dabei leben wir historisch nach wie vor auf dem höchsten Level. Uns geht es in Summe so gut wie keiner Generation vor uns: Wir leben so lang wie noch nie, haben ein tolles Gesundheitssystem, können uns frei bewegen und unsere Meinung frei äußern. Trotzdem kippt ein Teil unserer Gesellschaft ab, aus Panik, irgendwas zu verlieren. Da stellt sich dann schon die Frage: Was bringt eigentlich Wirtschaftswachstum, was bringt Wohlstand, wenn es beim ersten Knacksen im Gebälk eine politische Entwicklung gibt, die es früher in Zeiten gegeben hat, als es wirklich schwierig war, in den 1920ern und 1930ern? Heute hingegen ist es nicht wirklich schwierig – wir haben nur Angst, den Vorrang zu verlieren. In Europa macht man sich Sorgen, wenn wir mit sieben Prozent der Weltbevölkerung nicht mehr ein Viertel des globalen BIP generieren. Gerecht wäre die Welt, wenn in jedem Land die Wirtschaftsleistung in etwa der Bevölkerung entspräche. Aber wenn wir uns darüber beschweren, dass wir nur noch fünfmal so reich sind wie andere Staaten, dann frage ich mich: Wo ist das Problem?

Ein aktueller Krisenherd ist die Ukraine. Die Hauptstadt Kiew, die von russischen Luftangriffen nicht verschont geblieben ist, kennst du aus eigener Erfahrung, weil du dort vor 21 Jahren für Österreich mit „Global Kryner“ beim Song Contest gestartet bist. Warst du seither noch einmal dort?

Nein, leider. Ich war damals sehr beeindruckt von dieser Stadt. Das ist auch wieder so typisch. Wir schauen hier in Mitteleuropa immer nur nach Westen. Aber dass es im Osten solche Städte gibt wie Kiew, das zurecht auch das Paris des Ostens oder das Jerusalem des Nordens genannt wird, mit wunderschönen Kirchen, ist vielen nicht bewusst. Im Zuge des Ukraine-Krieges ist das im deutschen Feuilleton selbstkritisch diskutiert worden: Wie nehmen wir die Ukraine wahr? Man hat zum Beispiel immer so ein Schuldgefühl gegenüber Russland wegen der NS-Verbrechen in der Sowjetunion. Und dabei vergisst man, dass sehr viele Gräuel in der Ukraine stattgefunden haben.

Und dass die „Russen“, die Österreich und Deutschland von den Nazis befreit haben, in der Mehrzahl Ukrainer waren.

Genau. Wo ich überhaupt nicht mitkomme, sind Diskussionen, wo es eigentlich nur um Einflusssphären geht. Also was gehört den USA und was gehört Russland – und es wird ausgeblendet, dass die Ukraine ein eigenständiger Staat ist, der ja wohl bitte selbst entscheiden kann, ob er zum Beispiel der EU oder der Nato beitreten will. Warum sollte sie da einen großen Bruder fragen müssen?

Zurück zum Song Contest: Wie hast du die Teilnahme erlebt?

Es war ein Höhenflug, der dann mit dem Ausscheiden im Halbfinale abrupt geendet ist. Man wird medial in die Höhe gehoben und hat das Gefühl, das ist alles normal so – nein, es ist natürlich nicht normal. Die Stimmung vor Ort war jedenfalls echt toll. Auch wenn ich den Song Contest bis dahin nicht so verfolgt hatte.

Viele nehmen ihn ja auch nicht wirklich ernst.

Der Song Contest ist rein musikalisch gesehen sicher von manchmal zweifelhafter Qualität. Aber er ist einfach ein Fest der Liebe, der Freude, der Belanglosigkeit, des Menschseins. Am Song Contest geht die Welt jedenfalls nicht zugrunde.

Er wird sie aber auch nicht verbessern.

Das nicht, aber diese Banalität des friedlichen Zusammenseins und Feierns hat in Zeiten wie diesen schon an Relevanz gewonnen, finde ich.

War der Absturz durch das frühe Ausscheiden für dich schlimm?

Jede ernstzunehmende Person in der Kunst hat einmal eine Krise, und meine war nach dem Song Contest 2005. Da habe ich gute drei Jahre lang schon sehr daran gekiefelt.

So lange?

Jaja, da kommt halt vieles zusammen. Weil wenn du so hinaufgehoben wirst, und dann lieferst du nicht – es ist zwar ein Musikfestival, aber letztendlich ist es wie beim Skirennen: Als 27. gehörst du zwar zu den 30 Besten der Welt, aber es zählen halt nur die ersten drei. Das spürt man dann schon.

Hast du danach den Song Contest trotzdem noch verfolgt?

In der ersten Zeit habe ich ihn völlig ignoriert. 2014 war es dann lustig. Da habe ich mir am Computer den Song Contest angeschaut, weil es geheißen hat, Österreich könnte gewinnen – und sehe, dass auf ORF III gerade parallel die Wiederholung von „Christof Spörk – Sommerkabarett“ läuft. Das hat an diesem Abend wirklich kein einziger Mensch geschaut. Nicht einmal ich selbst.

Bist du mittlerweile mit dem Song Contest versöhnt?

Ja. Insgesamt war die Teilnahme eine schöne Erfahrung. Ich durfte bei einer der größten Fernsehshows der Welt mitmachen. Und ich darf immer noch auf der Bühne sein, und zwar mit etwas, das mir Spaß macht. Das ist auch ein Privileg.

Kabarettist und Musiker Christof Spörk
© Wolfgang Hummer
Du bist seit Jahrzehnten hauptberuflicher Kabarettist. Wie viel Politologe steckt eigentlich noch in dir?

Sehr viel. Ich merke einfach: Was man als junger Mensch als Ausbildung macht, prägt einen fürs ganze Leben. Ich habe mir früher immer gedacht: Warum schreibt man bei einem 60-Jährigen dazu, was er studiert hat? Das ist doch Jahrzehnte her. Jetzt verstehe ich es. Mich hat die Politikwissenschaft stärker geprägt, als mir lange bewusst war. Deshalb tue ich mir auch so schwer, mit gewissen rechts-, aber auch linkspopulistischen Tendenzen, wenn ich mir denke: Hallo, das haben wir doch längst ausdiskutiert. Dahin müssen wir nicht mehr zurück.

Deine Ehefrau ist gebürtige Kubanerin. Haben deine Ehefrau und/oder eure vier Kinder in Österreich Rassismus erlebt?

Ja, leider, und er wird meiner Beobachtung nach schlimmer.

Dabei sollte man meinen, dass unsere Gesellschaft aufgeklärter, moderner und weltoffener wird.

Ich habe zwei Kinder im jungen Erwachsenenalter und zwei, die um die zehn Jahre jünger sind. Und da muss ich sagen: Der Alltagsrassismus an den Schulen ist im vergangenen Jahrzehnt in meiner Wahrnehmung eklatant gestiegen. Ich will nicht sagen, dass die Leute rassistischer geworden sind, aber die Rassisten und Rassistinnen halten sich nicht mehr zurück. Man kann wohl von dem, was Kinder sagen, darauf schließen, was zuhause gesprochen wird. Und da hat sich etwas verschoben.

Ist dieser neue Rassismus eine Gegenbewegung, weil ein Teil der Gesellschaft immer woker wird?

Ich glaube, den Höhepunkt der Wokeness haben wir längst überschritten. Vermutlich erleben wir gerade einen Backlash, weil gewisse Diskussionen und Differenzierungen sich so losgelöst haben, dass sich „normale“ Menschen abgehängt und unverstanden fühlten. Und die sind teils mit offenen Armen aufgefangen worden von Ideologen und Ideologinnen und Politikern und Politikerinnen, die es nicht so gut meinen. Es sind auch nicht alle, die jetzt nach rechts abdriften, schlechte Menschen. Sie arbeiten fleißig, engagieren sich zivilgesellschaftlich, ob bei der Feuerwehr oder der Rettung, helfen ihren Nachbarn und Nachbarinnen – also eigentlich Bürger*innen, wie man sie sich nur wünschen kann. Aber sie fühlen sich unverstanden und bevormundet. Und bei denen schlägt jetzt das Pendel in eine andere Richtung aus. Ich will der Wokeness-Bewegung nicht unterstellen, dass sie schuld an Donald Trump ist. Aber es ist halt leider ein dialektischer Prozess.

Also eine Kritik an „woken Gutmenschen“, wie sie Trump gerne nennt?

Nein, im Gegenteil: Ich bedaure, dass es überhaupt diesen Kampfbegriff „Gutmensch“ gibt. Wenn man einen Heuchler meint, dann kann man ihn ja auch Heuchler nennen. Aber dass man Menschen, die Gutes wollen, und nur manchmal ein bisserl naiv und patschert daherkommen, denunziert, finde ich nicht gut. Ich habe unlängst gelesen, dass die neue Denkart, die von Trump und den rechtspopulistischen Personen ausgeht, lautet: Alle Menschen sind schlecht. Die Einzigen, die gut sind, sind diejenigen, die zugeben, dass sie schlecht sind. Und jeder Versuch, moralisch zu leben, wird hinweggefegt. Das finde ich schlimm. Diese neue Geopolitik, die wir jetzt erleben, ist ja genau das. Trump gibt ja selbst zu, dass es ihm in Venezuela nicht um die Demokratie geht, sondern ums Öl. Das kann man ehrlich nennen, aber ich finde es vor allem katastrophal.

Christof Spörk wurde 1972 in Voitsberg (Steiermark) geboren. Nach der Matura studierte er Politikwissenschaften und gründete nebenbei 1992 die Band „Die Steirische Landstreich“. Es folgten ein Erasmus-Aufenthalt in Spanien, ein Chile-Aufenthalt für seine Diplomarbeit mit dem Titel „Zivil-militärischen Beziehungen in der chilenischen Transition“ sowie ein Kuba-Aufenthalt für seine Dissertation zu „Musik & Politik in Kuba 1959 bis 1999“. Auf der Karibikinsel lernte Spörk seine spätere Ehefrau kennen. Beruflich widmete er sich kurz dem Journalismus, ehe er komplett auf Musik (vor allem mit „Global Kryner“) und Kabarett umsattelte. Der Erfolg – in Form von „Salzburger Stier“, „Österreichischem Kabarettpreis“ und anderen Kleinkunstauszeichnungen – gibt ihm Recht. Mit „Maximo Lieder“ bringt Spörk nun sein bereits achtes Kabarettprogramm auf die Bühne. Premiere ist am 28. Jänner 2026 im Wiener Stadtsaal.

Christof Spörk

Christoph Mayer: Zwischen Laufsteg und Werkbank

Christoph Mayer wuchs in einer Schuhmacher*innenfamilie auf. Nach der Ausbildung zum Schuhmacher und einem Abstecher zu Armani kehrte er zurück zu seinen Wurzeln – zum Handwerk, zu echtem Leder, präzisen Leisten und klaren Prinzipien. Heute führt er Think!, eine Marke, die Nachhaltigkeit lebt und Schuhe produziert, die nicht immer den Trends folgen, aber konsequent durchdacht sind …

funk tank: Sie stammen aus einer Schuhmacher*innenfamilie. Wodurch und wann war für Sie klar, dass Sie auch diesen Weg einschlagen?

Christoph Mayer: Das Schuhmachen ist mir quasi von Anfang an mitgegeben worden – es lag einfach in der Familie und lag regelrecht in der Luft. Ich war als Kind ständig im Schuhgeschäft meiner Eltern, und für mich stand schon früh fest, dass ich in der Schuhbranche bleiben und diesen Weg weitergehen werde.

Da ich das Geschäft meiner Eltern übernehmen wollte, stellte mein Vater eine klare Bedingung: die Lehre zum Schuhmacher zu absolvieren. Sein Grundsatz war: Man muss wissen, wie ein Schuh gemacht wird, bevor man ihn verkaufen darf. Im Anschluss besuchte ich dann das College an der LDT Nagold.

Sie haben das Handwerk mit allem, was dazugehört gelernt: Leder, Leisten, Maschinen. Später waren Sie bei Armani. Wie verändert sich der Blick auf Form und Material, wenn man zwischen Werkbank und Mailänder Laufsteg pendelt?

Bei meinem früheren Arbeitgeber steht das Markenimage in der Kommunikation im absoluten Mittelpunkt. Für mich waren und sind das Material und das Handwerk das eigentliche Herzstück – das, was mich an Schuhen wirklich fasziniert und antreibt.

Als Think! auf Sie zukam, wussten Sie sofort: Das passt. Sie haben Armani den Rücken gekehrt und sind wieder zurück zu den Wurzeln gegangen. Eine unkonventionelle Entscheidung …

Ich war wirklich seit jeher ein Fan der Marke Think!, bereits zu meinen Zeiten im Schuhhandel. Mich hat die eigenständige, unverwechselbare Designsprache begeistert und ich war von der Qualität überzeugt – vom ersten Schnitt bis zur letzten Naht, kompromisslos gedacht.

Jeder Schuh durchläuft bis zu 200 Arbeitsschritte. Viele davon sieht man nicht, aber man spürt sie. Welche dieser Schritte bedeuten Ihnen persönlich am meisten?

Schwierig, diese Frage auf einen einzigen Moment zu reduzieren. Jeder Arbeitsschritt ist wichtig, aber einer der grundlegendsten ist für mich das Stanzen – dieser Moment, in dem das Leder sauber und präzise fällt. Ein weiterer maßgeblicher Schritt ist, wenn Schaft und Sohle endlich zusammenkommen. Dann sieht man sofort, ob das Design, die Form und die Proportionen harmonieren. Das ist für mich immer ein beinahe magischer Moment.

Schuhherstellung bei Think!
© Think Schuhwerk GmbH

Für mich waren und sind das Material und das Handwerk das eigentliche Herzstück – das, was mich an Schuhen wirklich fasziniert und antreibt.

In Ihrer Arbeit steckt viel Konsequenz – zum Beispiel bei der Barfußsohle mit Null-Sprengung oder der Haltung, keine Absätze über 3,5 cm zu machen, weil das orthopädisch gesehen ungesund ist. Sind diese Vorgaben manchmal auch schwierig einzuhalten?

Unsere Schuhe folgen klaren, ehrlichen Prinzipien. Wir wollen wirklich das Beste für die Füße unserer Kundinnen und Kunden. Dazu gehört die richtige Bauweise, inklusive durchdachter Sprengung, um Fußprobleme zu vermeiden. Wir legen größten Wert auf Passform und Komfort. Denn im Gegensatz zu einem T-Shirt, bei dem ein schlechter Sitz kaum Konsequenzen hat, kann ein falsch konstruierter Schuh den ganzen Alltag ruinieren.

Sie produzieren „Problemlöser, die gut aussehen“. Was muss ein Schuh können?

Der Schuh muss perfekt passen und seinem Träger/seiner Trägerin ein gutes Gefühl schenken. Entscheidender Faktor ist unter anderem die richtige Materialwahl für ein gutes Fußklima.

Think! und Vega Nova arbeiten eng zusammen. Zwei Bereiche, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben: Möbel und Schuhe. Was verbindet die Unternehmen?

Auch bei Vega Nova wird unsere Philosophie gelebt, denn gesundes Gehen, Sitzen und Schlafen beeinflussen das gesamte Körpergefühl. Mit den richtigen Produkten kann man seinem Körper tatsächlich etwas Gutes tun.

Sie arbeiten mit natürlichen Materialien wie Schafwolle, Loden, pflanzlich gegerbtem Leder, Naturlatex. Wonach wählen Sie aus? Wer und wo sind Ihre Partner*innen?

Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Partner*innen unsere Qualitätsansprüche teilen. Bei allen Kooperationen achten wir auf höchste Zertifizierungen und die Erfüllung unseres strengen Kriterienkatalogs.

Für unsere Lodenfutter verwenden wir ausschließlich Loden Steiner-Produkte aus Österreich. Unser Leder wird unter den strengen Standards der Leather Working Group (LWG) gefertigt. Und unsere Sohlenhersteller*innen sind etwa bei unserer Naturlatexsohle FSC-zertifiziert. So können wir die beste Materialauswahl garantieren und sicherstellen, dass unsere Produkte unseren ethischen und ökologischen Standards entsprechen.

Nachhaltigkeit bedeutet für Sie nicht nur Material, sondern auch Langlebigkeit, Reparaturfähigkeit, Transparenz. Wie konsequent lässt sich das im Alltag der Produktion durchziehen?

Nachhaltigkeit wird bei uns wirklich durchgehend gelebt. Wir achten von der Materialauswahl und der Verpackung bis hin zur Energieversorgung in unserem Gebäude darauf. Wir nutzen ressourcenschonende Logistik, wie etwa mit dem Einsatz von Gitterboxen im Versand und setzen auf Langlebigkeit.

Unser Engagement für Nachhaltigkeit geht weit über das Übliche hinaus: Wir setzen uns sowohl im sozialen Bereich als auch für den Umweltschutz ein. So arbeiten wir beispielsweise eng mit der Lebenshilfe Oberösterreich zusammen und übernehmen Patenschaften für regionale Bienenschutzprojekte.

Und unser hauseigener Reparaturservice unterstützt diesen nachhaltigen Gedanken maßgeblich. Allein im Oktober konnten wir mehr als 150 Paar Schuhe wiederbeleben – das erfüllt uns jedes Mal aufs Neue.

Think! arbeitet u. a. mit der Lebenshilfe OÖ zusammen
Think! arbeitet u. a. mit der Lebenshilfe OÖ zusammen © Think Schuhwerk GmbH
In Tokio stehen Ihre Schuhe im teuersten Kaufhaus der Stadt …

Diese Wertschätzung bedeutet uns wirklich enorm viel, weil wir wissen, dass echtes Handwerk in Japan noch einmal auf einem völlig anderen Level wahrgenommen wird als anderswo. Wir sind wirklich stolz, in Tokio so prominent und hochwertig präsentiert zu sein.

Wenn Sie sich einmal nicht mit Kollektionen, Materialien oder Lieferketten beschäftigen, sondern sich die Frage stellen, warum Sie das alles eigentlich machen. Was antworten Sie?

Weil ich Schuhe liebe! Selbst im Urlaub oder auf Städtetrips führen mich meine Wege fast automatisch in Schuhgeschäfte – das ist einfach Teil von mir. Das ist meine Leidenschaft. Für mich ist klar: Ein Schuh definiert einen Look und macht das Outfit wirklich erst komplett.

Think! Schuhe
© Think Schuhwerk GmbH

Christoph Mayer ist Schuhmacher aus Tradition und Geschäftsführer von Think!. Nach seiner Ausbildung und Erfahrungen bei internationalen Marken kehrte er zu seinen handwerklichen Wurzeln zurück und verbindet heute Qualität, Präzision und Nachhaltigkeit in jedem Schuh.

Think! ist eine österreichische Schuhmarke, die hochwertige, nachhaltige Schuhe produziert. Sie legt Wert auf sorgfältig ausgewähltes Leder, präzise Leisten und zeitloses Design, das Komfort und Langlebigkeit miteinander vereint.

Think! Schuhe

„In die Sonne schauen“: Wie wir weniger allein sein könnten

Emma ist enorm gefasst. Ihre Gesichtszüge entgleiten ihr genauso wenig, wie auch nur eine Haarsträhne aus ihrem festen Knoten. Doch ab und zu überkommt sie ein Würgereiz – beinahe lautlos und nur ganz kurz, es dauert kaum eine Sekunde. Wenn sie ihre Hand reflexartig zum Mund führt, um ihn zu verbergen, ist es schon wieder vorbei. Welche Worte, Gedanken, Impulse schluckt Emma – herausragend von Susanne Wuest verkörpert – da hinunter? Und welche Erinnerungen werden die kleine Alma begleiten, die auf dem Vierkanthof in der Altmark in den 1910er-Jahren aufwächst – und nicht nur ihre Mutter beobachtet, wie sie ihre Emotionen unterdrückt, wie sie schweigt?

In einer anderen Szene nageln die Töchter die Holzpantoffeln der Magd am Boden fest – und kichern herzhaft, als diese beim Hineinschlüpfen nach vorne kippt. „Ich erinnere mich, dass Mutti nie wusste, wann sie lachen soll“, sagt die Jugendliche Angelika (auch sehr genial: Lena Urzendowsky), die am selben Hof in den 1980er-Jahren mit ihrer Familie lebt. Was hatte sie erlebt? Oder: Was hatten ihre Mutter, Großmutter oder Urgroßmutter dort erlebt?

Mascha Schilinski und Louise Peter spürten für „In die Sonne schauen“ in jahrelanger, akribischer und feinfühliger Arbeit Frauenleben nach und schrieben ein Drehbuch, das durch vier Epochen führt. Nicht nacheinander, die Szenen greifen ineinander, sodass man nach dem Kinofilm manchmal gar nicht mehr genau weiß, welche Frau was erlebte. Das ist kein Zufall. Ebenso wenig, dass sich während man zusieht, völlig unerwartet eigene Lebensszenen dazu mengen – und das Bedürfnis, danach auch diesen Erinnerungen Raum zu geben. „In die Sonne schauen“ erhielt den Großen Jury-Preis in Cannes, er ist der deutsche Oscar-Vorschlag für die Kategorie Bester Internationaler Film – und Kritiker*innen schreiben Lobeshymnen.

funk tank: Schon während ich gefesselt im Kino saß, tauchten parallel eigene Erinnerungen auf, die mich auch danach beschäftigten. Eine intensive und erstaunliche Erfahrung. Welche Reaktion wünschst du dir für deinen Film?

Mascha Schilinski: Genau das, was du gerade gesagt hast. Wir haben versucht, Gefühle einzufangen, die ein Echo ergeben, damit die Menschen sich selbst erinnern und anfangen zu sprechen. Es ist ein riesiges Geschenk, dass wir erleben dürfen, wie sie sich berühren und – auch verdrängte – Bilder auftauchen lassen.

Selbst von Publikum mit 80 plus hören wir: „Ah, diese eine Geschichte hatte ich völlig vergessen …“ Da sage ich am liebsten: Schreibt sie alle auf, damit sie nicht verloren gehen.

Schön ist auch die Reaktion von vielen Männern, die teilweise sehr berührt auf uns zukommen und sagen: Sie verstehen sich ohnehin als Feministen, aber sie haben erst jetzt durch den Film kapiert, was es in bestimmten Momenten heißt, eine Frau zu sein.

Die Mädchen- und Frauengeschichten, schöne und dramatische, die humorvollen und die traurigen Szenen, die ihr auf so besondere Weise miteinander verknüpft, habt ihr zum Großteil auf einem Vierkanthof in der Altmark gedreht. War der Hof auch Inspiration?

Meine Co-Autorin Louise Peter und ich haben uns schon lange mit Sachen beschäftigt, die aus dem Benennbaren dieser Welt herauskippen. Mit feinstofflichen Fragen, für die man wie in einen Puls eines Menschen hineinkriecht, um seine leisen inneren Beben ausfindig zu machen, wo im Geheimen etwas zu Bruch ging. Das können auch kleine Dinge sein, aber vielleicht so schambehaftet, dass sie nie wieder erzählt werden. Was schreibt sich in unseren Körper? Was bleibt? Warum fühlen wir uns manchmal als Stellvertreter im eigenen Leben und wissen vielleicht nicht einmal für wen?

Es geht hier um transgenerationale Weitergabe von Traumata. Wir haben viele Phänomene und Geschichten zusammengetragen, beispielsweise Träume, von denen sich herausstellt, dass die Großmutter oder der Großvater die Geschichten eins zu eins erlebt haben. Wir haben uns dabei immer wieder gefragt: Wie sollen wir das in einen Film packen, wo es manchmal auch nur um ein Gefühl geht?

Dann kam Corona und wir sind aus Berlin auf diesen Hof geflüchtet, den ich schon zuvor kannte.

Filmemacherin Mascha Schilinski
Filmemacherin Mascha Schilinski © Fabian Gamper

Plötzlich war der Gedanke da: Ihr wärt alle viel weniger alleine, wenn ihr voneinander wissen würdet. Wir alle.

Ein spannender Ort, der teilweise seit Jahrzehnten unberührt leerstand …

Dort hat mich eine alte Kindheitsfrage erwischt: Wer saß schon einmal genau an dieser Stelle, wo ich gerade sitze? Was erlebte diese Person, was dachte sie – und was hat das mit mir zu tun? Wir verbrachten dort viel Zeit und fanden eine alte Fotografie von drei Frauen, drei Mägden. All das zusammen wurde zum Startschuss, diesen Hof als eine Art Gefäß zu nehmen, um sichtbar zu machen, was durch die Zeit kommt. Wir wollten nie eine Hauptfigur, die wie eine Detektivin durch die eigene Geschichte geht, uns ging es um die Momente, in denen man sich fast von seinem Körper verraten fühlt, in denen man sich fragt: Woher kommt das denn jetzt?

Der Film öffnet unter anderem die Tür dazu, in das Leben von Mägden einzutauchen. Das sind beinahe unerträgliche Dinge. Wie waren die Recherchen dazu?

Wir hatten zunächst auch männliche Figuren und gar nicht die Intention, den Film aus einer fast rein weiblichen Perspektive zu erzählen. Wir haben zwei Jahre lang eine Materialschlacht gemacht, aus unserem inneren Material, aus Interviews, die wir in der Region geführt haben, wir haben die Stadtbibliothek in Stendal geplündert und unter anderem minutiös erzählte Beschreibungen von Männern entdeckt, wie ein Hof geführt wurde. Dann fanden wir zwei Bücher von Frauen, die in einem Bullerbü-artigen Ton von ihrer Kindheit und dem verlorenen Paradies erzählten, die eine Landidylle beschrieben. Mittendrin, im gleichen Ton und fast aus einer kindlichen Perspektive, fanden wir dann Halbsätze, die total verstörend sind. Da stand dann etwa: Die Magd müsse erst „gemacht“ werden, damit sie für den Mann ungefährlich ist.

Wir haben dann die Recherchen über Mägde ausgeweitet, auch auf Österreich und die Schweiz. Was wir da fanden, war so finster, dass es finsterer gar nicht geht. Egal wo die Mägde lebten, sie galten nicht als Personen, sondern als eine Sache. Sie hatten kein Leben, im Gegensatz zu den Knechten hatten sie nicht einmal einen freien Abend, und sie lebten immer im Bangen darum, dass sie ausfallen könnten, wenn sie krank oder schwanger werden, und dann vom Hof verscheucht werden.

Wir konnten im Einzelnen gar nicht die ganze Bedeutung dieser „Halbsätze“ herausfinden, und nahmen sie auch genau aus dem Grund hinein: weil da offenbar Wissen verloren gegangen ist, weil etwas so schambehaftet war, dass es nicht weiter erzählt wurde. Wir ließen dann mit Hilfe der Figuren fast halluzinativ Bilder aufsteigen und verknüpften sie miteinander.

Es geht uns auch darum, wie Erinnerung und Vorstellung ineinander greifen. Die Bilder, die wir nicht sehen, sind eigentlich noch wichtiger: Wo wurde etwas abgespalten, worauf haben wir keinen Zugriff mehr, wo musste etwas ertränkt werden, damit man weiterleben kann.

Filmstill aus "In die Sonne schauen" mit Susanne Wuest
Filmstill aus "In die Sonne schauen" mit Susanne Wuest © Studio Zentral
Das heißt: Anfangs waren auch die Geschichten der Männer stärker integriert, die Frauen haben sich dann aber sozusagen im Zuge eurer Prozesse den Raum genommen?

Ja. Irgendwann wurde uns klar: Der Unterschied besteht darin, dass Frauen bestimmten Blicken unterzogen sind, die Männer einfach nicht kennen. Punkt (sic!). – Welche Blicke sind das? Und wie blicken die Frauen zurück? Diese Blicke einmal in hundert Jahren Leben der Frau anzuschauen holen wir jetzt ins Zentrum.

Manchmal handelt es sich dabei um Sekunden, die einen im Kino wie ein Stromschlag treffen: Wenn beispielsweise ein Mädchen aus der „Jetzt-Zeit“ bemerkt, wie sie von einem Freund ihrer Eltern angesehen wird. Am liebsten hätte ich ihr einen Pulli übergezogen, was natürlich ein Fehler wäre, es geht ja um SEINEN Blick.

Diese Dinge passieren bis heute. Wir werden uns in unserer westlichen Bubble zumindest bewusster darüber.

Einerseits. Und andererseits haben wir festgestellt, dass sich bestimmte Sachen weiterhin loopen. Viele, die wir befragt haben, wo es in der Familie Traumata gab, wollen sich lieber von ihren Vorfahren entkoppeln, sie wollen nichts damit zu tun haben, sich lieber abgrenzen und alles anders machen, das kennen wir natürlich auch.

Es ist aber ganz oft nicht der Vorfall allein, der etwas kaputt macht, sondern der Umgang danach, das Isoliertsein mit dem Trauma. Den Zugriff darauf verliert man, weil es tabuisiert ist.

Umso schöner war es im Film, als wir gemerkt haben, dass diese Frauen über die Epochen wie in einem Kreis zusammenstehen, sie geben sich gegenseitig Schutz. Plötzlich war der Gedanke da: Ihr wärt alle viel weniger alleine, wenn ihr voneinander wissen würdet. Wir alle.

Die deutsche Filmemacherin Mascha Schilinski wurde 1984 in Berlin geboren. Ihre berufliche Laufbahn startete sie bei einer Kinder- und Jugend-Castingagentur für Film, ehe sie für Jahre auf Reisen ging und zu schreiben begann. Sie absolvierte die Drehbuch-Masterclass an der Filmschule Hamburg und machte später das Regiestudium an der Filmakademie Baden-Württemberg. Ihr preisgekrönter Kurzfilm „Die Katze“ entstand bereits im zweiten Studienjahr, ihr erster Spielfilm „Die Tochter“ wurde ebenfalls vielfach ausgezeichnet und lief auf internationalen Festivals.

Bei „In die Sonne schauen“ führte Mascha Schilinski Regie, das Drehbuch schrieb sie gemeinsam mit Louise Peter. Kinostart in Österreich war am 7. November 2025. Großartig in den Hauptrollen sind u. a. Lena Urzendowsky, Luise Heyer, Laeni Geiseler und Susanne Wuest.

Mascha Schilinski – IMDb

Kulisse Wien: Klasse statt Masse

Seit 1. Jänner 2022 ist Alexa Oetzlinger die Hausherrin in der Wiener Kulisse, die heuer ihr 45-jähriges Bestehen feiert. Mitten in der Corona-Pandemie hat sie das Bühnenwirtshaus in der Rosensteingasse 39, in dem sie davor schon ein halbes Jahr tätig war, von ihrer Vorgängerin Doris Ringseis übernommen. Sie ist also nicht die erste Frau in dieser Position. Bereits an der Gründung der Kulisse am 8. Oktober 1980 waren zwei Damen beteiligt: Beatrix Alsner und Eva Trauner bildeten gemeinsam mit Fritz Aumayr, Andreas Elsner und Wolfgang Kalal ein Betreiberkollektiv, das schließlich Kalal die Leitung der Bühne überließ, bis er diese 1995 an Ringseis übergab. Im funk tank-Interview zieht Alexa Oetzlinger eine bisherige Bilanz ihrer Tätigkeit und verrät den Grund ihrer Übernahme.

funk tank: Du bist jetzt seit fast vier Jahren in der Kulisse die Chefin. Wie ist es dazu gekommen?

Alexa Oetzlinger: Ich war immer schon theater- und kabarettaffin. Ich habe mehrere Berufsausbildungen und bin schon sehr lange selbständig. Ich habe im Bereich Event gearbeitet, inszenierte Erlebniswelten für große Unternehmen, war im Bereich Neuromarketing für Shoppingcenter tätig, habe eine Sozialarbeiterausbildung gemacht und in einer Drogenberatungsstelle gearbeitet. 2018 habe ich eine Agentur für Kulturmanagement und Kommunikation gegründet – und dann kam 2020 Corona. Da hat man uns Agenturen am Anfang der Pandemie gesagt, dass wir nicht direkt betroffen seien. Damit haben wir keine Unterstützung bekommen. Was aber vollkommen durchgeknallt war.

Warum?

Agenturen buchen Termine ein bis zwei Jahre im Vorhinein. Ich hatte meine Agentur erst 2018 gegründet. Das heißt, die meisten der Termine, die ich da für meine Klienten und Klientinnen gebucht hatte, sind genau in die Zeit ab 2020 gefallen, wo alle Bühnen geschlossen waren. Somit haben diese Termine alle nicht stattgefunden – die Agenturen werden aber erst beim Auftritt der Künstler*innen auf Provisionsbasis bezahlt. Ich habe de facto für zwei Jahre Arbeit kaum Geld bekommen.

Während der Pandemie wollte ich aber nicht den ganzen Tag daheim sitzen und von meinen Ersparnissen leben, sondern habe mir sofort einen Job gesucht, und zwar wieder in der Sozialarbeit. Auch, weil ich wusste, dass diese Gruppe besonders rasch die Covid-Impfung bekommt. Und so habe ich in einem Langzeitarbeitslosenprojekt in Wien gearbeitet. Gleichzeitig hat mich die damalige Kulisse-Chefin Doris Ringseis, die während der Pandemie die meiste Zeit auf Kreta verbracht hat, gefragt, ob ich nicht auf ihr Haus aufpassen möchte, bis das Gröbste vorbei ist.

Und dann bist du von der Haussitterin zur Hausherrin geworden.

Genau. Weil mich das einfach gereizt hat, selbst eine Bühne zu führen. Weil eines der schönsten Dinge dabei ist, dass man gestalten kann. Und wenn ich schon so viele Stunden dort verbringe und so viel investiere, dann will ich, dass dabei auch was für die Gesellschaft herauskommt. Die Kulisse war immer schon politisch sehr weit links. Ich habe es in die Richtung weitergetrieben, dass ich viele Politikformate gemacht habe: „Geheimnisverrat im Salon Pilz“, die „Dunkelkammer“ mit Stefan Kaltenbrunner, Michael Nikbakhsh und Peter Hochegger, „Feminismus für alle“ mit Barbara Blaha. Eine meiner großen strategischen Ausrichtungen ist – ich hasse den Begriff, aber er passt halt gut – politisches Infotainment.

Hast du mehr Frauen als Männer auf der Bühne?

Das nicht, aber im Vorjahr hatte ich den höchsten Frauenanteil von allen Kabarettbühnen. Und die Kulisse war das erste Haus, wo Denice Bourbon mit dem PCCC (Wiens erstem politisch korrekten Comedy Club, Anm.) auftreten konnte. Und daraus hat sich entwickelt, dass die ganzen Leute aus dieser Szene bei mir ihre Premieren feiern und eng ans Haus gebunden sind, wie etwa der Kuseng, der heuer beim Österreichischen Kabarettpreis gewonnen hat.

Mir ist wichtig, dass marginalisierte Gruppen – und da gehören leider auch Frauen immer noch dazu – auch den ihnen gebührenden Platz haben. Ein kleines Haus wie die Kulisse hat die Verpflichtung, nicht immer nur abzuschöpfen mit den Großen und Bekannten, sondern man muss auch den Jungen die Möglichkeit geben, sich auszuprobieren und zu wachsen. Und da bin ich den Superstars dankbar, dass sie bei mir spielen, weil sie mir sozusagen querfinanzieren, dass ich mir das leisten kann.

Kulisse Wien
© Christopher Glanzl

Ein kleines Haus wie die Kulisse hat die Verpflichtung, nicht immer nur abzuschöpfen mit den Großen und Bekannten, sondern man muss auch den Jungen die Möglichkeit geben, sich auszuprobieren und zu wachsen.

Welche Bilanz ziehst du insgesamt nach fast vier Jahren als Kulisse-Chefin?

Es waren die anstrengendsten vier Jahre meines Lebens, die mich vermutlich auch einiges an Lebensjahren gekostet haben (lacht). Als ich übernommen habe, hat es geheißen, die Pandemie ist vorbei. Und was war? Schon wieder ein Lockdown. Dann kam der Ukraine-Krieg, danach die Teuerung. Wirtschaftlich waren die vergangenen Jahre die Hölle. Aber gleichzeitig waren es die lustigsten vier Jahre meines Lebens.

Ich muss jedoch zugeben: Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich das Haus nicht übernommen. Es war auch sehr lange nichts renoviert worden, somit ist ein Teil nach dem anderen eingegangen. Erst voriges Jahr haben wir die Klos um viel Geld runderneuert. Immer, wenn ich glaube, jetzt haben wir’s, wird wieder irgendwas kaputt, wo seit 25 Jahren oder länger nichts gemacht wurde.

Deshalb bin ich den Künstlerinnen und Künstlern unendlich dankbar, weil sie mich unterstützen. Alfred Dorfer hat mir unzählige Vorstellungen geschenkt, damit ich Sachen renovieren kann. Josef Hader und Peter Klien haben Benefizabende gemacht. Auch Klaus Eckel ist immer zur Stelle. Viele Künstler*innen, die das Haus lieben, helfen mir, es zu neuer Blüte zu bringen. Und all diese Stars spielen bei mir nicht, weil sie so viel Geld verdienen, sondern weil sie einfach nette Menschen sind.

Gerade ein Bühnenwirtshaus wie die Kulisse ist wirtschaftlich schwierig, weil es so personalintensiv ist. Wäre es größer und jeden Abend ausgebucht, wäre alles leichter – aber dann könnte ich nicht das Konzept verfolgen, auch den Jungen und Nicht-Arrivierten eine Bühne zu bieten. Und das ist mir schon wichtig.

Was ist aus der IG Kabarett geworden, die du während der Pandemie mitgegründet hast?

Die Idee zur Interessengemeinschaft Kabarett hatte ich, weil ich der Meinung war, dass wir uns als Branche, die sehr solistisch unterwegs ist, in der Krise verbünden müssen. Ich war damals recht neu in der Branche und kannte noch nicht einmal ansatzweise alle. Da habe ich eine*n nach der/dem anderen durchgerufen und gefragt, ob sie mitmachen wollen. Die meisten haben gesagt, sie haben keine Zeit und müssen sich um sich selbst kümmern – bis ich dann Julia Sobieszek angerufen habe, und die hat gesagt: Das machen wir sofort! Wir haben uns dann beide reingehängt, wir haben täglich zigmal telefoniert, teilweise bis zwei, drei Uhr in der Nacht, unfassbar! Wir haben in 48 Stunden eine Website aus dem Boden gestampft und geschaut, was wir politisch bewegen können.

Wenn öffentliche Institutionen den Bildungsauftrag nicht mehr ernst nehmen und Kultur kein wichtiger Teil unserer österreichischen DNA mehr ist, dann geht die Schere immer mehr auseinander.

Das Ziel war eine Stärkung des Kabaretts in der Corona-Krise. Habt ihr das erreicht?

Wir haben schon einiges erreicht. Was nachhaltig wirkt, sind die Kabarettstipendien. Von denen werden immer noch jedes Jahr fünf vergeben, mit jeweils 1.500 Euro monatlich für ein Jahr dotiert vom Kulturministerium. Dass uns das gelungen ist, finde ich wirklich super. Aktuell braucht es die IG Kabarett aber zum Glück nicht mehr. Es liegt jedoch alles in der Schublade und könnte binnen Sekunden wiederbelebt werden.

Wie geht es der Branche jetzt, fünf Jahre nach dem Ausbruch der Pandemie?

Ich glaube, nicht so schlecht. Die Spielstätten sind mehr geworden durch die ganzen Sommertheater und den Wiener Kultursommer, der eigentlich nur für eine Saison gedacht war, aber heuer zum sechsten Mal stattgefunden hat. Die Besucher*innen werden halt nicht mehr, und natürlich zieht das Sommertheater vom Winterbetrieb ab. Aber es wird wieder. Auch in der Kulisse ist die Auslastung nicht so schlecht. Es ist sich bis jetzt immer irgendwie ausgegangen.

Hast du einen konkreten Wunsch an die Kulturpolitik?

Ja, und zwar einen großen: Statt Projektförderungen wäre eine Standortförderung besonders für kleine Häuser wichtig, weil das mehr Sicherheit gibt. Jetzt sperrt ein kleines Theater in Wien nach dem anderen zu: Die Gruam gibt es nicht mehr nach dem Brand, das Theater am Alsergrund hört auf, weil es sich wirtschaftlich einfach nicht mehr rentiert. In Wahrheit gibt es an kleinen Häusern in Wien dann nur noch das Niedermair und die Kulisse. Fakt ist aber, dass gerade die dringend für die ganze Branche notwendig sind, weil die wenigsten Bühnenkünstler*innen als Influencer aus dem Internet raushüpfen und auf Anhieb riesige Häuser füllen.

Wenn wir dieses Kulturgut Kabarett bewahren möchten, dann müssen wir kleine Bühnen als Brutstätte sichern. Mit einer Standortförderung müsste ich mir nicht dauernd den Kopf zerbrechen, welche neuen Projekte ich erfinden muss, um Geld zu bekommen – es gäbe eine langfristige Perspektive.

Aus dem Internet kommt ja jetzt viel Stand-up-Comedy auf die Bühne. Die hat in Österreich noch keine lange Tradition.

Ich weiß nicht warum, aber das Publikum bei uns will das irgendwie nicht so recht. Das funktioniert bei uns nicht so wie in Deutschland. Ich habe auch in der Kulisse unterschiedliche Formate ausprobiert, aber das ist wirklich schwierig.

Allerdings hat während der Pandemie ein Demokratisierungsprozess stattgefunden. Nicht mehr die Bühnenbetreiber*innen alleine entscheiden, wen sie spielen lassen, sondern wir schauen uns natürlich auch die Follower-Zahlen an, und so entscheidet das potenzielle Publikum mit. Aber da ist dann oft das Haupt-Event gar nicht so sehr das, was auf der Bühne passiert, sondern das Rundherum, dass man zum Beispiel Selfies mit der Influencerin macht.

Siehst du da auch einen Wandel im Publikum?

Ja. In meiner Jugend – ich bin fünfzig – sind wir regelmäßig aus Gmunden mit dem Bus zur Staatsoper gefahren, zum Volkstheater, wohin auch immer, haben uns Kabarett angeschaut. Auch meine Kinder, die jetzt Mitte zwanzig sind, waren im Theater der Jugend von der Schule aus, waren im Kabarett. Das fällt jetzt alles völlig flach.

Von der Schule und der Bildungsdirektion kommt gar nichts mehr – mit der Begründung, dass die Eltern kein Geld haben. Wenn öffentliche Institutionen den Bildungsauftrag nicht mehr ernst nehmen und Kultur kein wichtiger Teil unserer österreichischen DNA mehr ist, dann geht die Schere immer mehr auseinander. Die einen wachsen vom Elternhaus her mit Theater, Museen, Musik, Kabarett auf, während die anderen nie damit in Berührung kommen. Und das tut mir leid für diese Kinder, weil ihnen vieles entgeht.

Die Wiener Kulisse ist ein traditionsreiches Bühnenwirtshaus in Wien-Ottakring, das seit 1980 Kabarett, Musik und politisch engagierte Kleinkunst zeigt.

Alexa Oetzlinger ist die Leiterin der Wiener Kulisse, Kulturmanagerin und Produzentin, die das Haus seit 2022 mit Schwerpunkt auf politischem Kabarett und Nachwuchsförderung führt.

Kulisse Wien

Gerd Hermann Ortler und das Orchester der Südtirol Filarmonica

In diesem Werk geht es um das Kind in uns, das seiner Bestimmung folgt und die Entfaltung in Musik sucht – wie ein Zugvogel, der sich unerschrocken südwärts macht.

Einmal im Jahr kehren Südtiroler Musiker*innen, die sonst bei Orchestern wie den Wiener oder Berliner Philharmonikern spielen, zurück in ihre Heimat – und formieren sich zum Orchester der Südtirol Filarmonica.

Heuer gastieren die Künstler*innen am 13. Oktober im Wiener Konzerthaus. Unter dem Titel „Gustav Mahler und Gerd Hermann Ortler treffen sich im Konzerthaus“ begegnen sich an diesem Abend zwei Werke, die exemplarisch für die künstlerische wie biografische Verbundenheit zwischen Südtirol und Wien stehen. Gespielt werden Gustav Mahlers Adagio aus der 10. Symphonie (in Toblach entstanden!), die „Fuga Ricercata“ von Bach in der Bearbeitung von Anton Webern – und als Highlight die österreichische Erstaufführung des neuen Werks „Expedition to Paradise“ von Gerd Hermann Ortler, komponiert für Klarinette, Trompete und Orchester.

Wir haben vorab mit dem Komponisten und Musiker über seine Wurzeln, Einfälle sowie Genie und Wahnsinn in der Kunst gesprochen …

funk tank: Sie sind in Südtirol geboren und wohnen in Wien. Wie unterscheidet sich die Lebensart der beiden Orte und wo und wie empfinden Sie Heimat?

Gerd Hermann Ortler: Südtirol ist ländlich geprägt, besonders der obere Vinschgau, wo ich aufgewachsen bin: atemberaubende Landschaft, Ruhe, Genuss sowie meine Eltern und Brüder in Glurns, einem mittelalterlichen 900-Einwohner-Städtchen.

Wien dagegen ist urban, dynamisch, ein Zentrum der Kunst. Hier findet man renommierte Museen und Konzerthäuser, inspirierende Künstler*innen und Musiker*innen – auch aus der Vergangenheit: Es ist ein Ort, wo Beethoven gewohnt hat, Schubert herumspaziert ist, Mozart gezecht und Brahms ein Würstel gegessen hat. Die eklektische Vielfalt Wiens, die historischen Vorbilder und die zeitgenössischen Künstlerkollegen und Kolleginnen motivieren mich weiterzuwachsen, denn diese Mischung aus Tradition und Offenheit inspiriert mich enorm und gibt mir Raum für künstlerische Entfaltung.

Ich brauche Südtirol und Wien, den Kontrast, den Wechsel, neue Perspektiven, frische Eindrücke, um dadurch ein dreidimensionales Bild der Welt für meine Kreativität zu bekommen. Heimat? Sie ist, wo meine Musik ist. In Klang, nicht in Koordinaten.

Ihre neue Komposition „Expedition to Paradise“ feiert im Wiener Konzerthaus österreichische Premiere. Was war Ihre Inspiration dafür?

Die Initialzündung für dieses Doppelkonzert für Klarinette, Trompete und Orchester kam von Bertold Stecher. Er stammt ebenfalls aus Südtirol und ist Berliner Philharmoniker. Er hatte die Idee, dass ich ein Werk für ihn und Andrea Götsch als Solist*innen komponieren sollte. Auch Andrea ist Südtirolerin und spielt bei den Wiener Philharmonikern.

Ich habe mich gefragt: Was verbindet uns? Die Reise. Vom ersten Tag als Kind mit dem Instrument in der Hand bis zur großen Bühne. Das habe ich „Expedition to Paradise“ genannt. Aber kein Paradies mit Palmen oder pausbackigen Engeln, sondern ein Ort, den wir selbst bauen: eine Welt, in der Musik die Menschen über Grenzen hinweg verbindet und gemeinsame Erlebnisse schafft. Die Solist*innen bringen nicht nur den brillanten Klang ihrer Instrumente ein, sondern ganze Universen: Wiener Glanz, Berliner Dynamik, Südtiroler Bodenhaftung. Dabei webe ich jodelnde Walzer-Techno-Beats in die Komposition ein – wie ein Ruf aus den Bergen, der sich im Wiener Dreivierteltakt dreht und dann von Techno-Druck aufgeladen wird. Dazu lasse ich den facettenreichen Sound des Jazz sowie frische Farben der Neuen Musik einfließen und verschmelze sie zu meiner ureigenen Klangwelt.

In diesem Werk geht es um das Kind in uns, das seiner Bestimmung folgt und die Entfaltung in Musik sucht – wie ein Zugvogel, der sich unerschrocken südwärts macht.

Gerd Hermann Ortler, Andrea Götsch, Michael Pichler, Bertold Stecher (von vorne nach hinten)
Gerd Hermann Ortler, Andrea Götsch, Michael Pichler, Bertold Stecher (von vorne nach hinten) © Lukas Lorenz
Sie haben das Stück speziell für die Südtirol Filarmonica komponiert. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit diesem Ensemble?

Die Südtirol Filarmonica ist eine Initiative von unschätzbarem Wert: Sie bringt Südtiroler Musiker*innen, die in renommierten Orchestern weltweit spielen, einmal im Jahr zusammen. Es ist ein kulturelles Fenster: Südtiroler Perspektiven aus dem Ausland fließen zurück in die Region und umgekehrt tragen wir die Essenz Südtirols als Botschafter*innen in die Welt hinaus. Die Zusammenarbeit mit diesem Orchester ist sehr erfreulich, denn wir teilen die Überzeugung, dass künstlerischer Austausch sehr wichtig ist. Wir sind am stärksten, wenn wir unsere Augen, Ohren und Herzen öffnen, das Schöne und Beeindruckende auch außerhalb unserer Grenzen wahrnehmen, davon lernen und unsere Entwicklung damit bereichern.

Gustav Mahler gilt als visionärer Komponist, irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn. Sehen Sie Parallelen zwischen seiner kreativen Kühnheit und Ihrem eigenen Schaffen?

Ich würde mich nie direkt mit Mahler auf eine Stufe stellen – das wäre anmaßend. Seine Musik inspiriert mich und bewegt mich tief. Aber es gibt wahrscheinlich einige Parallelen: Das Ringen, sein Innerstes in Töne zu pressen, eine ganze Welt in ein Klangbild fassen zu wollen, das innere Kind herauszulassen, Geschichten zu erzählen – nicht mit Worten, sondern mit Musik.

Komponist sein ist ein sehr einsamer Beruf und man muss tief in sich hineinhorchen. Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich nahe beieinander. Ich kann davon berichten, dass zumindest der Wahnsinn schon manchmal an meine Tür geklopft hat!

Gerd Hermann Ortler ist ein Südtiroler Komponist, Dirigent und Musiker, der für seine genreübergreifenden Werke zwischen zeitgenössischer Musik, Jazz und Improvisation bekannt ist.

Das Orchester der Südtirol Filarmonica spielt seit 2019 in wechselnder Besetzung mit international erfolgreichen Südtiroler Musiker*innen, die jährlich für gemeinsame Konzerte in ihre Heimat zurückkehren.

Gerd Hermann Ortler

Südtirol Filarmonica

Anna Buchegger „Mein Salzburgerisch wird auch in Köln verstanden“

Vor vier Jahren hat Anna Buchegger (26) die ORF-Castingshow „Starmania“ gewonnen. Seither hat sie sich als Solokünstlerin eine Karriere aufgebaut. Voriges Jahr ist ihr Debütalbum „Windschatten“ erschienen, auf dem sie sich mit dem Heimatbegriff auseinandergesetzt hat. Nur ein Jahr später legt sie jetzt mit ihrem zweiten Album „Soiz“ (VÖ: 3. Oktober) nach, auf dem sie noch einen Schritt weiter geht. Mit funk tank spricht Anna darüber, was Heimat für sie bedeutet, warum sie so gern im Dialekt singt und wie sie als Künstlerin im Rampenlicht trotzdem ihre Privatsphäre zu schützen versucht.

funk tank: Der Begriff Heimat spielt bei dir eine wichtige Rolle, jetzt widmest du ihm schon das zweite Album!

Anna Buchegger: Das Thema ist für mich spannend, weil ich in meinem Masterstudium in Contemporary Arts Practice dazu geforscht habe. Der Begriff Heimat gewinnt besonders in Zeiten schneller Veränderungen und Entwicklungen an Bedeutung. In solchen Situationen wird häufig versucht, Heimat zu bewahren oder sich von anderen abzugrenzen. Heimat steht zugleich für Gemeinschaft und Abgrenzung – ein Spannungsfeld, das dazu führt, dass sich zunehmend mehr Menschen heimatlos fühlen. Und im Zuge meiner Forschungsarbeit haben mir sehr viele Menschen mit Migrationshintergrund ihre eigenen Geschichten erzählt. Da gibt es die unterschiedlichsten Zugänge.

Und dann gibt es ganz viele mit einer neuen Heimat, in der sie nicht einmal wahlberechtigt sind.

Da ist das Stadt-Land-Gefälle ein sehr wichtiges Thema. Und die Kernfamilie, die auch mit der Heimat zu tun hat: Wer darf überhaupt eine Familie gründen, wie ist das Machtgefüge innerhalb der Kernfamilie?

Der Heimatbegriff reicht ja von „Daham statt Islam“-Wahlplakaten bis zur Tracht auf der Wiener Wiesn.

Ja, Tradition und Brauchtum – das ist auch ein spezielles Thema. Da interessiert mich die Frage: Wird Tradition überhaupt hinterfragt? Und kann man sie wertschätzen und gleichzeitig weiterentwickeln und sich kritisch damit auseinandersetzen? Heimat ist etwas, das nicht einfach statisch ist, sondern einer konstanten Auseinandersetzung unterliegt. Man muss diesen Begriff immer weiterentwickeln, das ist nichts, was stagniert. Das hat mit Wertschätzung und Allgemeinwohl zu tun.

Wie ist das bei dir? Wo bist du daheim?

Naja, ich komme aus einem eher kleinen Ort mit ein paar Tausend Einwohnerinnen und Einwohnern. Und jetzt lebe ich in Wien. Von dem her habe ich sowohl das Ländliche, Kleinbürgerliche als auch das Kosmopolitische in mir. Ich bin Abtenauerin, Salzburgerin, jetzt auch Wienerin, Österreicherin, Europäerin, Weltbürgerin, ...

Zum Thema Heimat passt auch die Frage, in welcher Sprache man singt: ob im eigenen Dialekt, auf Hochdeutsch oder doch auf Englisch.

Das hat natürlich auch immer etwas mit Sprachbarrieren zu tun. Und für viele hat das auch mit Heimat zu tun, wie man miteinander kommuniziert.

Mir kommt auch vor, dass es im Dialekt insgesamt nicht so viele Worte über Gefühle oder Emotionszustände gibt – aber dafür irrsinnig viele über landwirtschaftliche Gerätschaften. Vielleicht redet man ja nicht so gern über Gefühle und lieber über die Arbeit.

Du singst im Salzburger Dialekt. Warum?

Ich mag vor allem diese weichen Vokale, das hat an sich schon was Sängerisches. Jede Dialektvarietät hat ein bisschen andere Vokale, das finde ich sehr schön. Das sollte man auch weitergeben. Die Kunst kann das gut. Sprache ist ja vor allem dafür da, dass man sich austauscht und einander versteht. Aber in der Kunst kann man auch die Sprache weitergeben, die man vielleicht nicht so gut versteht, wo man vielleicht zweimal hinhören muss. Es geht auch viel verloren, wenn man Dialekt ins Hochdeutsche übersetzt.

Umgekehrt habe ich einst – ich glaube, es war in Felix Mitterers „In der Löwengrube“ – den Satz gehört, dass man im Dialekt eigentlich nur schwer „Ich liebe dich“ sagen kann.

Ja, das geht nicht, das ist nicht dasselbe. Mir kommt auch vor, dass es im Dialekt insgesamt nicht so viele Worte über Gefühle oder Emotionszustände gibt – aber dafür irrsinnig viele über landwirtschaftliche Gerätschaften. Vielleicht redet man ja nicht so gern über Gefühle und lieber über die Arbeit.

Im Dialekt zu singen, schränkt auch den Aktionsradius ein, oder? Also in Deutschland ist es schwieriger, denke ich.

Ich habe ein Konzert in Köln gespielt, da haben schon einige nachher gesagt, dass sie meine Texte verstanden haben.

Wer ist deine Zielgruppe?

Jetzt hab ich das schon ein bissl beobachtet bei meinen Konzerten. Meine Musik wird nicht extrem viel gestreamt, und ich habe sicher bisher mehr Menschen live erreicht als digital. Und auf den Live-Konzerten ist mir schon aufgefallen, dass es ein sehr breites Publikum in verschiedenen Altersgruppen ist, in dem auch sehr viele queer sind. In Salzburg waren es viele schwule Männer, in Graz viele lesbische Frauen, und es waren auch trans* Personen dabei. Viele haben gesagt, sie finden es schön, dass ich Heimat thematisiere und sie sich darin auch wiederfinden, weil es nicht ausgrenzend ist.

War das eine Intention von dir, so verbindend zu wirken?

Nein. Ich wollte es hauptsächlich für mich aufarbeiten. Aber ich finde es natürlich sehr schön, wenn sich die queere Community damit identifizieren kann. Vielleicht ist das auch noch ein Erbe meines „Starmania“-Siegs 2021. Ich teile auch einen Freundeskreis mit Tom Neuwirth alias Conchita Wurst, den es auch voll gecatcht hat. Er hat Skizzen von Trachten gemacht und versucht, im Dialekt zu schreiben. Das finde ich cool.

Wie schützt du deine Privatsphäre als Künstlerin, die im Rampenlicht steht und damit in der Öffentlichkeit sichtbar ist?

Ich glaube, ein wichtiger Faktor ist die Kunstfigur, die ich für mich geschaffen habe. Heißt: Sobald ich mein Bühnen-Outfit anhabe, ist klar: Hier kommt nicht die private Anna, sondern ihr Alter Ego.

Da fragt man sich natürlich als Außenstehender: Wo ist die Grenze? Wie viel private Anna steckt in der Kunstfigur?

Ich finde es eigentlich voll spannend, wenn man das nicht so genau weiß. Ich würde aber sagen, das bin alles ich, nur viel verstärkter, viel überzogener. Und mit dem Kostüm kann man das plakativ umsetzen. Sobald ich da hineinschlüpfe, habe ich das Gefühl, ich kann mich ein bisschen abgrenzen, und es ist auch nicht alles gleich so persönlich. Es geht ja schon immer um sehr persönliche Themen, die auch gesellschaftskritisch sind. Aber es hat einfach ein bisschen einen Schutzmechanismus, was ich ganz fein finde. Aber grundsätzlich ist es schon schwierig, die Privatsphäre zu wahren, weil jetzt schon so viele Details öffentlich sind – da kann ich nicht mehr zurückrudern. Aber ich finde, Haltung einzunehmen und für gewisse Werte einzustehen, ist einfacher, wenn man so einen gewissen Schutz hat. Aber vielleicht bilde ich mir den auch nur ein.

Wie sehr musst du trotz allem aufpassen, was du sagst? Wie weit lehnst du dich auch einmal aus dem Fenster?

Ich würde schon sagen, dass ich sehr impulsiv bin. Aber da geht es um Themen, mit denen ich mich auseinandergesetzt habe oder sogar eine wissenschaftliche geschrieben habe, wo ich eine Expertise habe. Und bei anderen Themen, wo ich die nicht habe, traue ich mich zu sagen: Das weiß ich nicht, da kann ich nichts dazu sagen. Ich glaube, das ist sehr wichtig.

Man muss nicht immer zu allem etwas sagen. Aber es kann natürlich immer passieren, dass man etwas sagt, das andere in den falschen Hals bekommen. Ich erinnere mich, dass ich in „Starmania“ auf die Frage, warum ich so gut singen kann, gesagt habe: „Ich hab einfach viel geübt“ – und dann hab ich unbedacht die Redewendung „bis zur Vergasung“ benutzt. Moderatorin Arabella Kiesbauer hat schnell reagiert und gesagt: „Da müssen wir sehr vorsichtig sein.“ Da ist es mir auch selber bewusst geworden. Ich wollte dann nachher online ein Statement dazu abgeben, dass es natürlich keine Absicht war und ich sicher keine Antisemitin bin, aber der ORF wollte das nicht. Ich hab das aber feig gefunden und in der nächsten Show selbst Stellung bezogen – und da hat es dann auf Twitter Leute gegeben, die mit Boykott-Aufrufen reagiert haben. Und andere haben mir tatsächlich Briefe geschrieben, in denen sie erklärt haben, dass es ja eigentlich kein originärer NS-Begriff ist.

Das ist die typische österreichische Reaktion: Die einen buhen dich aus, die anderen feiern dich.

Das Spannende war, wer mich da gecancelt hat. Das waren nämlich keine Linkslinken, sondern eher so Leute mit Pferdebildern, von denen ich das nicht erwartet hätte. Daran hat mich der Skandal um den Song Contest-Gewinner JJ und seine Aussage über Israel und Russland erinnert. Es kann so schnell gehen, dass du plötzlich unten durch bist. Ich habe mich damals sehr geschämt und sogar jüdische Freundinnen und Freunde gefragt, wie sie das denn empfinden. Die haben mich dann wieder beruhigt.

Es zeugt ja auch von Charakterstärke, wenn man Verantwortung übernimmt.

Und man darf nie vergessen, dass politische Korrektheit ein Prozess ist. Es gibt Begriffe, die man immer wieder neu bewerten muss.

Heuer feiert der Film „Sound of Music“ sein 60-jähriges Jubiläum. Ich habe mit diesem Titel lange Falco und nicht die Familie Trapp assoziiert. Du widmest auf deinem neuen Album Maria Trapp einen eigenen Song. Wie hältst du es insgesamt mit diesen Klischees und Stereotypen, die der Film transportiert?

Was mich vor allem an Maria Trapp fasziniert, ist, dass sie nicht wirklich eine Stereotype reproduziert. Im Film und auch im Musical wird sie – ich glaube, durchaus authentisch – als eher crazy dargestellt, als eine Frau, die nicht unbedingt so agiert, wie man es von ihr erwartet. Und sie hat sich relativ früh gegen die Nationalsozialisten aufgelehnt. Das ist auch etwas, was ich am Film schätze: Es ist einerseits Heimatidylle, aber andererseits wird der Nationalsozialismus thematisiert. Das ist eigentlich sehr untypisch fürs Heimatfilm-Genre.

Ich nehme an, eine der nervigsten Fragen ist, ob du von der Musik leben kannst?

Mit dieser Frage bin ich praktisch aufgewachsen. Das werde ich bei jedem Familientreffen gefragt. Manchmal lüge ich dann auch.

Und was ist deine Vision für dich selbst?

Ich denke auf jeden Fall langfristig. Was mich inhaltlich beschäftigt, ist diese unvermeidliche Verbindung von Kunst und Politik, weil die Kunst ja immer gesellschaftliche Veränderungen, Entwicklungen widerspiegelt und für viele ein Medium ist, um individuellen Befindlichkeiten Ausdruck zu verschaffen. Ich denke, es dürfte klar sein, wo ich politisch stehe – ohne mich von einer Partei vereinnahmen zu lassen.

Ich wünsche mir ein solidarisches Miteinander, in dem man einander gegenseitig mehr zuhört und keine Scheu vor Meinungsverschiedenheiten und möglichen Konfrontationen hat.

Ich möchte die Kunst- und Kulturlandschaft mitgestalten und ein Sprachrohr für andere Kunstschaffende sein, weil ich fest davon überzeugt bin, dass dieser Bereich eine enorme gesellschaftliche Relevanz hat. Deshalb brauchen wir Solidarität in der Branche. Die Musikwirtschaft schafft ja irrsinnig viele Jobs, die an so einem Konzert dranhängen und von der Wertschöpfung profitieren, von der Tontechnik bis zum Hotel, in dem das Publikum übernachtet. Ich selbst spiele sehr gerne Konzerte, und nachher mit ein paar Menschen zu plaudern, das macht mir eigentlich mehr Spaß, als lange im Studio herumzutüfteln, was wir für eine Sound-Ästhetik entwickeln sollen.

Ich finde auch die Rahmendetails voll spannend: Wie kann man eine eigene Welt schaffen, wie schaut ein Video aus, was vermittelt ein Video, hat es ein Drehbuch oder ist es nur Ambiente, hat es ein Gefühl – ich finde es geil, wenn man eine eigene Designwelt drumherum bauen kann.

Musikerin Anna Buchegger
© Hadaier/Buchegger

Anna Buchegger ist Musikerin, Dialekt-Liebhaberin und kritische Beobachterin ihrer Heimat. Vier Jahre nach ihrem Starmania-Sieg zeigt sie mit ihrem zweiten Album „Soiz“ (VÖ: 3. Oktober 2025), wie man Tradition, Haltung und Popmusik glaubwürdig vereint. Live zu erleben ist sie u. a. bei der Album-Präsentation am 17. Oktober 2025 im WUK Wien sowie am 20. Februar 2026 im Freiraum St. Pölten und am 4. April 2026 im Grazer Orpheum.

Anna Buchegger

Mireille Ngosso über Gendermedizin, Rassismus und Mut

Sie ist Ärztin, Aktivistin, Autorin – und die erste afro-österreichische Frau im Wiener Landtag gewesen. Mireille Ngosso kennt die Systeme von innen und weiß, wo sie Menschen ausschließen: in der Politik, in der Medizin, im Alltag. Ihr neuestes Projekt: Mit dem Verein MedInUnity setzt sie sich für eine Medizin ein, die gerechter, vielfältiger und sensibler ist. Im Gespräch mit funk tank spricht die 45-Jährige über das Aufwachsen als junges Schwarzes Mädchen in Wien, über die koloniale Geschichte der Medizin und darüber, warum sie sich heute für eine diversitätssensible Gesundheitsversorgung starkmacht, die alle mitdenkt.

funk tank: Du bist mit vier Jahren aus dem Kongo nach Wien gekommen – erinnerst du dich an deine ersten Gefühle und Erlebnisse, die du mit Wien verbindest?

Mireille Ngosso: Meine ersten Erinnerungen an Wien sind stark von Staunen und Fremdheit geprägt. Ich war sehr klein, deshalb erinnere ich mich nur an wenige Szenen. Eine davon ist mir bis heute ganz präsent: wie meine Mutter mich voller Angst vom Schnee weggezogen hat, weil sie nicht wusste, was das ist und ob es gefährlich sein könnte. Meine Eltern waren in dieser Zeit generell sehr gestresst, neu in Wien anzukommen, nachdem wir zuvor im Flüchtlingslager Traiskirchen waren. Gleichzeitig spürte ich schon früh, dass ich „anders“ war – mit meiner Hautfarbe, meiner Sprache, meiner Geschichte. Und doch war da auch viel Neugierde und der Wunsch, schnell zu verstehen, wie dieses neue Leben funktioniert.

Was war als junges Schwarzes Mädchen in Wien das Schwerste – und was hat dir Kraft gegeben?

Das Schwerste war, dazuzugehören. Ich war immer „die Andere“ – wegen meiner Hautfarbe, die man sofort gesehen hat, und, wie ich heute weiß, auch weil ich neurodivergent bin. In der Schule wollte ich einfach untertauchen, so sein wie die anderen Kinder, nicht auffallen. Aber das war unmöglich, egal wie sehr ich mich angestrengt habe. Dieses Gefühl, ständig beobachtet und hinterfragt zu werden, war sehr belastend. Kraft gegeben hat mir vor allem die Musik: Ich habe gesungen, Klavier gespielt und mich generell künstlerisch ausgedrückt. Das war mein Rückzugsort, meine Stärkequelle.

Deine Eltern waren politisch aktiv. Wie war das als Kind für dich? Inwiefern hat das deinen Weg geprägt?

Ich habe sehr früh mitbekommen, dass Politik in unserem Leben immer präsent war – schon allein, weil meine Eltern aus der Demokratischen Republik Kongo fliehen mussten. Wir haben zuhause viel darüber gesprochen. Gleichzeitig wurde mir aber eingeimpft, mich hier zu ducken und bloß nicht aufzufallen. Dieses Spannungsfeld hat mich sehr geprägt: Einerseits zu verstehen, dass Ungerechtigkeit existiert, andererseits das Gefühl zu haben, dass ich sie nicht benennen darf. Dass ich heute genau das tue – meine Stimme erheben – ist auch eine bewusste Gegenbewegung zu dieser frühen Erfahrung

Du hast das Abendgymnasium gemacht, dann Medizin studiert. Du bist eine Kämpferin. Gab es Momente des Zweifels?

Ja, es gab viele Momente des Zweifels. Am Abendgymnasium habe ich oft nach der Arbeit im Klassenzimmer gesessen und war völlig erschöpft, aber wusste, dass ich durchhalten muss. Im Medizinstudium habe ich mich oft allein gefühlt – ich war eine der wenigen Schwarzen Frauen dort und hatte das Gefühl, mich ständig doppelt beweisen zu müssen, um ernst genommen zu werden. Diese Momente haben an mir gezehrt. Aber gleichzeitig haben sie meinen Willen gestärkt: Gerade weil so viele Menschen an mir gezweifelt haben, wollte ich es umso mehr schaffen. Musik und mein künstlerisches Schaffen haben mir in dieser Zeit sehr geholfen, einen inneren Anker zu haben.

Was hat dir in deiner Ausbildung gefehlt – speziell in Hinblick auf Diversität und interkulturelles Verständnis in der Medizin?

In meiner Ausbildung hat mir unglaublich viel gefehlt. Die Medizin, wie ich sie gelernt habe, war fast ausschließlich auf den weißen, männlichen Körper zugeschnitten. Frauen, People of Color oder unterschiedliche kulturelle Hintergründe kamen kaum vor. Und wenn People of Color erwähnt wurden, dann fast immer aus einer eurozentrischen Perspektive – oft exotisierend, selten realitätsnah.

Dahinter steckt auch die koloniale Geschichte der Medizin: Forschung, Lehre und Krankheitsbilder wurden über Jahrhunderte von Europa aus gedacht und geordnet – mit allen rassistischen Verzerrungen, die das mit sich bringt. Und vieles davon wirkt bis heute fort, in den Lehrbüchern, in der Praxis, in der Art, wie wir Patientinnen und Patienten wahrnehmen. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass in der Lehre fast alle Krankheitsbilder nur auf weißer Haut gezeigt wurden – obwohl Krankheiten auf schwarzer Haut oft völlig anders aussehen. Dieses fehlende Wissen kann in der Praxis lebensgefährlich sein.

Für mich wurde damals sehr klar: Wir brauchen dringend eine Medizin, die diese koloniale Geschichte aufarbeitet und Vielfalt endlich ernst nimmt.

Als Ärztin siehst du, wo Systeme Menschen vergessen. Wo spürst du besonders, dass Schwarze Frauen oder migrantische Frauen anders behandelt werden?

Sehr stark sehe ich das in der Gynäkologie. Schwarze Frauen haben zum Beispiel ein deutlich höheres Risiko, Myome zu entwickeln – und trotzdem wird das in Europa kaum thematisiert oder bagatellisiert. Viele Patientinnen leben jahrelang mit Schmerzen, ohne dass sie ernst genommen werden. Auch bei Schmerzen generell sehe ich Unterschiede: Beschwerden von Frauen, vor allem von Frauen of Color, werden oft heruntergespielt oder als „psychisch“ abgetan.

Das hat viel mit dem zu tun, was ich schon im Studium erlebt habe: ein eurozentrischer Bias. Die „Norm“ ist weiß, männlich, europäisch – alles, was davon abweicht, wird kaum beachtet oder falsch eingeordnet. Genau deshalb ist diversitätssensible Medizin für mich so zentral: Sie rettet Leben, weil sie endlich alle Perspektiven ernst nimmt.

Das Team von MedInUnity: Mireille Ngosso, Danielle Diarra, Karin Kapatais, Sibel Ada, Claudia Espinoza.
Das Team von MedInUnity: Mireille Ngosso, Danielle Diarra, Karin Kapatais, Sibel Ada, Claudia Espinoza © Pixelcoma
Du hast dich als Ärztin auf Frauenmedizin und Gendermedizin spezialisiert. Was macht diesen Bereich so spannend und wo gibt es noch Nachholbedarf?

Mich fasziniert an der Frauen- und Gendermedizin, dass sie sichtbar macht, was lange übersehen wurde: dass biologische Unterschiede, Genderrollen und gesellschaftliche Faktoren unsere Gesundheit entscheidend prägen. Ein Herzinfarkt äußert sich bei Frauen oft anders als bei Männern – aber jahrzehntelang galt das männliche Symptomprofil als „Norm“. Ich habe mich auf diesen Bereich spezialisiert, weil ich in meiner täglichen Arbeit gesehen habe, wie viele Probleme dadurch entstehen. Es sind extrem viele Menschen betroffen, die nicht adäquat behandelt werden, weil ihre Lebensrealität oder ihr Körper nicht ins traditionelle medizinische Raster passt.

Nachholbedarf sehe ich überall: in der Forschung, in der Lehre, in den Lehrbüchern und in der täglichen Praxis. Wir brauchen mehr Sichtbarkeit, mehr Empathie und vor allem die Bereitschaft, eine Medizin zu schaffen, die wirklich für alle Menschen da ist.

Gibt es ein Gespräch mit einer Patientin, das dir bis heute nicht aus dem Kopf geht?

Ja, ich erinnere mich an eine Patientin, die immer wieder zu mir kam und sagte: „Ich weiß, dass etwas mit meinem Körper nicht stimmt, aber niemand hört mir zu.“ Sie hatte starke Schmerzen, die lange nicht ernst genommen wurden – bis schließlich ein großes Myom festgestellt wurde. Dieses Gespräch hat sich bei mir eingebrannt, weil es so deutlich zeigt, wie gefährlich es sein kann, wenn Patientinnen nicht gehört werden. Gerade Frauen, besonders Frauen of Color, erleben viel zu oft, dass ihre Beschwerden abgetan oder als übertrieben dargestellt werden. Für mich war das ein Schlüsselmoment: Medizin muss zuhören, ernst nehmen und individuell hinschauen. Nur so entsteht wirkliche Heilung.

2020 hast du Black Lives Matter Wien mitorganisiert. Woran erinnerst du dich am liebsten aus dieser Zeit? Was hat sich seitdem verändert und was konnte bewegt werden?

Es war ein absoluter Mega-Moment. Wir hatten niemals mit so einer großen Anzahl an Menschen gerechnet – und als ich am Omofuma-Platz stand und diese Menschenmenge sah, war das überwältigend. Diese Energie, diese Solidarität, das Gefühl, dass wir nicht alleine sind, werde ich nie vergessen.

Seitdem ist das Thema Rassismus in Österreich sichtbarer geworden. Vor allem finde ich wichtig, dass Betroffene heute viel öfter selbst sprechen und ihre Erfahrungen öffentlich teilen können. Gleichzeitig bleibt aber noch sehr viel zu tun: Einen nationalen Aktionsplan gegen Rassismus gibt es bis heute nicht, und strukturell ist das Thema noch nicht ausreichend verankert.

Ein kleiner Meilenstein für mich persönlich war, dass ich es als Landtagsabgeordnete geschafft habe, am Internationalen Tag gegen Rassismus eine offizielle Veranstaltung im Wiener Rathaus zu organisieren. Das war für mich ein starkes Signal, dass diese Themen auch in den politischen Institutionen Platz haben müssen.

Mireille Ngosso
© Suna Films

Die „Norm“ ist weiß, männlich, europäisch – alles, was davon abweicht, wird kaum beachtet oder falsch eingeordnet. Genau deshalb ist diversitätssensible Medizin für mich so zentral: Sie rettet Leben, weil sie endlich alle Perspektiven ernst nimmt.

Du warst die erste afro-österreichische Frau in der Bezirksvertretung und dann im Wiener Landtag. Ein mutiger, nicht immer leichter Weg. Was nimmst du aus dieser Zeit mit und warum hast du dich schlussendlich aus der Politik zurückgezogen?

Für mich war es ein historischer Moment, in diese Funktionen gewählt zu werden – und gleichzeitig eine große Verantwortung. Ich habe gespürt, dass viele junge Schwarze Menschen und gerade Mädchen auf mich geschaut haben und gesehen haben: „Da ist jemand wie ich, der in den politischen Institutionen sitzt.“ Diese Sichtbarkeit war mir sehr wichtig.

Gleichzeitig war es auch ein sehr harter Weg. Politik in Österreich ist geprägt von starken Machtstrukturen, wenig Diversität und einem Klima, das für Frauen of Color oft besonders belastend ist. Ich habe viel gelernt, aber auch erfahren, wie sehr es an Offenheit fehlt.

Zurückgezogen habe ich mich nicht, weil ich leiser werden wollte – sondern weil ich gemerkt habe, dass ich außerhalb der Parteipolitik manche Themen freier und wirksamer voranbringen kann. Für mich war es eine bewusste Entscheidung, neue Wege zu gehen, ohne meine Stimme zu verlieren.

Eben, du bist nach wie vor laut und sichtbar, daher aber auch angreifbar. Was machst du, wenn dir alles zu viel wird?

Es gibt Momente, in denen mir alles zu viel wird – das gehört dazu, wenn man so sichtbar ist. In solchen Zeiten ziehe ich mich bewusst zurück. Ich verbringe Zeit mit meinen Kindern und engen Freunden und Freundinnen, gehe in die Natur oder spiele Klavier. Die Musik als Kraftquelle ist mir geblieben.

Ich habe auch gelernt, dass ich nicht immer stark sein muss. Pausen, Ruhe und auch das Zulassen von Verletzlichkeit sind genauso wichtig wie das Kämpfen und Lautsein. Das gibt mir die Balance, um wieder mit voller Energie weitermachen zu können.

Dein Lebensmotto?

„Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst.“ Dieses Zitat begleitet mich schon sehr lange. Für mich bedeutet es: Ich kann nicht nur fordern, dass sich Strukturen oder die Gesellschaft ändern – ich muss selbst anfangen, das vorzuleben, wovon ich überzeugt bin. Und manchmal heißt das, unbequem zu sein, laut zu sein oder gegen Widerstände anzukämpfen. Aber es heißt genauso, achtsam mit mir selbst zu sein, Pausen zuzulassen und mir treu zu bleiben. Genau diese Mischung aus Haltung, Mut und Selbstfürsorge ist das, was mich trägt.

Mireille Ngosso ist Allgemeinmedizinerin und Expertin für diversitätssensible Medizin und Gendermedizin. Als Co-Autorin von „Für alle, die hier sind“ & „War das jetzt rassistisch?“, ehemalige Landtagsabgeordnete und Aktivistin (u. a. Black Lives Matter) bringt sie politische Perspektiven in medizinische Räume. Mit dem Verein MedInUnity setzt sie sich für eine Medizin ein, die gerechter, vielfältiger und sensibler ist. Keynotes von MedInUnity zu intersektionaler Gesundheit gibt es live am 10. Oktober ab 17 Uhr in der Wiener Urania.

Mireille Ngosso – Instagram

MedInUnity – Instagram

Dragqueen Tamara Mascara: „Man bemerkt es, wenn Tiefe fehlt“

Was bedeutet Drag im Jahr 2025? Heute ist es viel mehr als Entertainment, Glitzer und Inszenierung – es ist eine vielschichtige Kunstform mit gesellschaftlicher Strahlkraft. Für Tamara Mascara (alias Raphael Massaro) ist es all das und noch viel mehr. In unserem Gespräch erzählt sie, wie sich ihr Zugang zu Drag verändert hat, warum sie politische Verantwortung nie von sich weist und wieso sie die Magie im Spiegel heute noch feiert.

funk tank: Wenn du heute an deinen ersten Auftritt zurückdenkst – wie hat sich dein Zugang zu Drag seither verändert?

Tamara Mascara: Am Anfang ist es jedes Mal sehr aufregend, sich in eine Dragqueen zu verwandeln. Man saugt die Aufmerksamkeit förmlich auf, genießt es, sich völlig anders zu verhalten als im Alltag, und jeder Blick in den Spiegel ist ein Moment der Faszination. Nach 15 Jahren ändert sich das natürlich. Heute gehe ich mit mehr Gelassenheit und Routine an die Sache heran.

Was überwiegt heute, wenn du in Drag bist: Euphorie, Stolz, Verantwortung oder Druck?

Meistens überwiegt der Wunsch, eine gute Show abzuliefern. Das kann man als Druck formulieren, aber auch als professionellen Zugang zur Kunstform Drag und der jeweiligen Performance, die man präsentieren will oder auch abliefern muss.

Hast du heute noch genauso viel Spaß wie früher oder ist das Gefühl ein anderes geworden?

Natürlich macht es mir auch heute noch Spaß, aber genauso wie bei allen anderen Dingen schleicht sich eine gewisse Gewohnheit ein. Ich kämpfe dagegen an, indem ich mir neue Ziele setze. Neue Looks, die ich so noch nie getragen habe, oder wie bei meiner letzten Show nach der Pride im Praterdome – ich hatte noch nie eine so schwierige Choreografie zu tanzen und habe mich in einem Ring an die Decke ziehen lassen. Für diese Show habe ich zwei Monate trainiert und fünf Kilo abgenommen.

Hat sich dein Style verändert oder war das ein natürlicher Prozess?

Der Prozess war, denke ich, organisch. Mode verändert sich mit der Gesellschaft und damit auch der Blick auf Formen, Farben und Ausdruck. Das Endprodukt ist eine stilisierte Form dessen oder eine Antwort auf das, was sich in der Welt um die Künstler*innen abspielt.

Dragstar Tamara Mascara
© Elisabeth Lechner

Wir sollten keinerlei Ungerechtigkeit auf uns sitzen lassen und uns mit aller Kraft dagegen wehren.

In welchen Momenten fühlt sich Drag für dich am kraftvollsten an und warum?

Hier würde ich zwei Dinge unterscheiden: kraftvoll für mich persönlich einerseits und kraftvoll für die LGBTIQ-Community andererseits. Wenn Tamara für die Community spricht, beispielsweise in einer TV-Diskussion gegen einen FPÖ-Politiker auftritt, der nichts Besseres zu tun weiß, als Dragqueens zu verteufeln, zeigt sich Drag von der politischen Stärke. Es ist aber auch kraftvoll, wenn Raphael mit der Malerei an Tamara fertig ist, die Verwandlung perfekt ist und diese ganz gewisse Magie passiert, die Drag so einzigartig macht. Man glaubt fast selbst an die Illusion, die man gemalt hat.

Wie beobachtest du die Entwicklung von Drag in Österreich in den letzten Jahren?

Durch Drag Race kamen sehr viele junge Talente in die Szene. Manche haben es nur kurz probiert, andere sind geblieben und haben sich etabliert. Der Blick auf Drag hat sich ebenfalls stark verändert. Früher war das nicht besonders beliebt, jetzt gibt es kaum ein LGBTIQ-Event ohne Drag-Show.

Wie sicher oder offen empfindest du Wien heute für Drag und queeres Leben generell?

Es hat sich definitiv gebessert, aber wie wir an unserem Nachbarland Ungarn sehen, sind unsere Rechte nicht in Stein gemeißelt. Wir als LGBTIQ-Community müssen stärker zusammenstehen, immer wieder auf absolute Gleichberechtigung pochen und unser Recht darauf niemals vergessen. Wir sollten keinerlei Ungerechtigkeit auf uns sitzen lassen und uns mit aller Kraft dagegen wehren.

Muss Drag politisch sein oder darf es auch einfach nur Entertainment sein?

Ich bestehe darauf, dass es auch einfach nur unterhaltsam sein darf! Aber natürlich ist ein Mann in feminin gelesener Garderobe grundsätzlich ein Statement. Auch Frauen, die Drag machen, sind politisch. Sie nehmen sich ebenso eine Freiheit, die durchaus polarisiert.

Auf welches kommendes Projekt freust du dich besonders?

Ich werde nächstes Jahr das Kostümbild für eine große Theaterproduktion machen.

Gibt es Momente, in denen du stolz an deine Erfolge denkst?

Man vergisst das selbst zu oft. Wenn man dann beispielsweise alte Fotos anschaut und sieht, was man alles auf die Beine gestellt und geschafft hat, ist das schon ein sehr erfüllender Moment.

Welches Feedback auf deine Arbeit ist dir im Gedächtnis geblieben?

Da gibt es so viele! Miss Fame fragte mich, ob das meine echten Augenbrauen sind, und war begeistert. Oder der unglaubliche Mister Pearl, ein Couture-Korsettmacher, hat mir Feedback zu meinen selbstgenähten Korsetts gegeben. Durch meine Arbeit als Dragqueen durfte ich Designer*innen, Stars und Politiker*innen kennenlernen. Ich empfinde das als großes Privileg.

Vielen Menschen gibst du mit deiner Präsenz Mut. Wie gehst du selbst mit dieser Vorbildrolle um?

Das wurde mir erst bewusst, als mir jemand erklärte, er hätte sich vor seiner Familie geoutet, weil er mich immer wieder in Drag gesehen hat und das Selbstbewusstsein von Tamara ihm den Mut dazu gegeben hat. Ich versuche gleichzeitig eine Entertainmentfigur zu sein und trotzdem immer wieder gesellschaftspolitische Themen zu transportieren. Das ist nicht immer einfach. Insgesamt finde ich es unglaublich schön, anderen Mut zu machen und Kraft zu geben.

Wie erklärst du Drag in einem Satz?

Koffer tragen, Schminke checken, Auftritt, Umziehen, Schminke checken, Auftritt, Umziehen, Koffer tragen. (Lacht.)

Was würdest du deinem jüngeren Ich sagen oder jungen Drag Artists, die gerade beginnen?

Dein Drag-Charakter ist eine Kunstfigur. Spiele eine Rolle, das ist Drag. Trainiert eure Unterschenkel, tragt keine zu kleinen Schuhe, überlegt euch, was ihr verkaufen wollt, und seid freundlich und professionell. Zickenterror wie bei Drag Race ist Reality-TV und nicht die Realität.

Was macht für dich heutzutage gute Drag-Künstler*innen aus?

Schauspielerisches Talent, gute Bewegungen, ein großes Wissen über die LGBTIQ-Kultur und ihre Ursprünge. Man bemerkt es, wenn Tiefe fehlt.

Wann ist für dich ein Drag-Moment perfekt?

Wenn der Zauber funktioniert und das Publikum vergisst, welches Geschlecht die Person auf der Bühne hat. Das ist ja auch wirklich ein überflüssiger Gedanke im Angesicht von freier Schönheit.

Tamara Mascara ist Dragqueen, DJ, Modedesignerin und eine der bekanntesten queeren Persönlichkeiten Österreichs. Seit über 15 Jahren steht sie auf Bühnen, legt in Clubs auf, moderiert Events und vereint Glamour und Haltung als Entertainerin. Sie ist Mitbegründerin von The Circus, der größten queeren Partyreihe des Landes, und war 2020 als erste Dragqueen im deutschsprachigen Raum bei Dancing Stars zu sehen. Tamara Mascara steht für Sichtbarkeit, Style und eine klare Botschaft: Drag darf glänzen, empowern und politisch sein.

Live-Termine:

  • 13. September, 25. Oktober – Dragaholic Hosted by Tamara Mascara im Wiener Why Not, Party mit Drag-Auftritten, Free Shots und DJs
  • 11. Oktober – Circus, Österreichs größte Gay Party in der Arena Wien
  • 8., 16., 20., 31. Oktober – Tamara Mascaras Halloween Drag Dinnershows im Schloss Schönbrunn in Wien
  • 8. November – Ay Caramba im Le Meridien Vienna, Latin Dance Party mit Ballroom und Disco Classics Floor
  • 16., 20. November & 2., 22. Dezember – Tamara Mascaras Drag Weihnachtsdinnershow im Schloss Schönbrunn 

Tamara Mascara

Wer sind WIR? Olga Kosanović und „Noch lange keine Lipizzaner“

Achtundfünfzig Tage „zu viel“ verbrachte Olga Kosanović im Ausland. Darunter waren einige Verwandtenbesuche in Serbien, aber vor allem viel Zeit in Deutschland. Ein Auslandsstudium. Schon lange keine Kuriosität mehr für eine Europäerin. Es sei denn, sie möchte die österreichische Staatsbürgerschaft erlangen. Da kann die sonst für junge Menschen hochgelobte Bildung und Lebenserfahrung jenseits der Grenzen schon mal zum Fallstrick werden.

Der Antrag der in Korneuburg geborenen und in Wien aufgewachsenen Filmemacherin mit serbischen Wurzeln wird abgelehnt. Mit Mitte 20 findet sich die Wienerin in einem Informationsabend wieder, wo sie aus dem Staunen nicht herauskommt: „Wirklich aufpassen bei den Strafen. Wenn Sie ein Auto haben: am besten abmelden und drei Jahre stehen lassen“, hört sie den Vortragenden ironisch sagen. Die Kriterien, um hier eingebürgert zu werden, sind so restriktiv, dass Österreich international nur noch von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten überholt wird, weiß Gerd Valchars, Experte für Staatsbürgerschaftsrecht.

Olga Kosanović wollte endlich offiziell dazugehören und wählen gehen dürfen. Die Devise lautete aber vor gut fünf Jahren: Zurück an den Start.

Ihr erster Langfilm hätte gut ein wütender Rachefeldzug werden können. Vermutlich hätten die meisten, die ihre Geschichte hören, sogar Verständnis dafür gezeigt. Die mehrfach preisgekrönte Filmschaffende wählte aber einen ganz anderen Weg: „Noch lange keine Lipizzaner“ wurde ein kluger, mitreißender und gleichsam hinreißender Kinofilm, für den Olga Kosanović mit ihrem Team die Essenz aus rund 50 Gesprächen mit Menschen „von der Straße“ und Expert*innen mit humorvollen, animierten und ästhetisch anspruchsvollen, szenischen Sequenzen verwob. In die Liste der Stargäste reihen sich etwa TikTokerin und Satirikerin Toxische Pommes sowie Autor Robert Menasse ein.

funk tank: Ich komme aus Ungarn und erhielt in den 1990ern die österreichische Staatsbürgerschaft. Ich war sprachlos, als ich deinen Film gesehen habe; mir war nicht klar, wie streng die Kriterien heute sind …

Olga Kosanović: Ich konnte es selbst nicht glauben, als ich mich einbürgern lassen wollte, obwohl ich in Österreich geboren wurde und außer zu meinem Studium immer in Wien gelebt habe. Bis zur Entscheidung, einen Film daraus zu machen, war es trotzdem eine lange Reise. Der Initialmoment war, als ich eine SOS Mitmensch-Kampagne mit einem Video unterstützt habe, in dem ich meine Geschichte erzählt habe, und das völlig ungeplant viral ging. Plötzlich waren da Interviews, Artikel und Tausende Kommentare in verschiedenen Foren – und ich habe mich gefragt: Warum interessiert das so viele Menschen? Welche Emotionen spüren sie dabei – sowohl die Österreicher*innen als auch die Nicht-Eingebürgerten? Ich hatte das Gefühl, alle haben etwas dazu zu sagen, ohne eine Ahnung zu haben, wie auch ich davor. Diese vielen Reaktionen haben mich überrascht.

Eine Aussage hat mich besonders aufgewühlt: auf witzige, absurde und abscheuliche Weise. Ein Forum-User hat geschrieben: „Wenn eine Katze in der Hofreitschule Junge wirft, sind das noch lange keine Lipizzaner.“ – „Noch lange keine Lipizzaner“ wurde unser Arbeitstitel, aber wir haben ihn schließlich nie verändert.

Haben dich die Reaktionen auch gekränkt?

Ich habe mich das erste Mal in meinem Leben richtig fremd gefühlt. Davor war ich immer eine Wienerin, mir war wurscht, was auf meinem Reisepass steht. Plötzlich erfuhr ich Ablehnung, las abschätzige Kommentare, die ich auch alle gespeichert habe, weil ich es nicht anders fassen konnte. All dem so ausgesetzt zu sein, war natürlich auch kränkend. Trotzdem ist mir wichtig zu betonen, dass der Film nicht aus einer Kränkung heraus entstand. Ich möchte viel mehr alle einladen, darüber nachzudenken und darüber zu reden, was die Einbürgerung in Österreich bedeutet. Ich selbst war ja davor völlig blauäugig, ich war mir sicher, dass es in meiner Situation funktionieren muss.

Olga Kosanović und „Noch lange keine Lipizzaner“ – ab 12.9.2025 im Kino.
© Harald Wawrzyniak

Ich bin ein Beispiel für viele, viele Kinder, die in Österreich geboren sind, ausländische Eltern haben und mit beiden Identitäten und in beiden Realitäten aufwachsen.

Warum möchtest du die österreichische Staatsbürgerschaft?

Weil ich hier zuhause bin. Selbst als ich in Hamburg studiert habe, war mir immer klar, dass ich wieder nach Wien zurück möchte, dass dort mein Lebensmittelpunkt ist. Und ebendort möchte ich mitbestimmen dürfen. Ich möchte wählen gehen. Ich war politisch involviert, hatte aber kein Stimmrecht – ich bin jetzt 30, ich will das so nicht mehr. Das hat mich immer gestört.

Und es gab auch Situationen, wo ich mit meinem serbischen Pass benachteiligt war: beispielsweise bei Stipendien oder der Reisefreiheit. Einmal musste ich vom Flughafen wieder nach Hause fahren, während meine Freunde nach London geflogen sind, weil mir zuvor nicht bewusst war, dass ich extra ein Visum gebraucht hätte. Es war zwar ein Stück Papier, trotzdem hat es mir Steine in den Weg gelegt. Dabei bin ich in Serbien Ausländerin, ich habe dort nie gelebt. Ich wollte mich um meine Einbürgerung kümmern, wenn ich unabhängig bin, wenn ich es mir selbst leisten und organisieren kann und nicht meine Eltern irgendwelche Lohnzettel heraussuchen müssen. Als ich dann aber mit dem Studium fertig war, war es wie „zu spät“, weil ich eben davor viel im Ausland war.

Hattest du auch mal das Gefühl, dass dir die österreichische Staatsbürgerschaft „mehr Sicherheit“ bieten könnte?


Auch das tauchte erst später auf, parallel mit den „neuen“ populistischen Strömungen in Europa. Es begann während Corona, als der Bundeskanzler (Sebastian Kurz, Anm.) seine Reden immer wieder explizit an die Österreicherinnen und Österreicher richtete. Anfangs wusste niemand, was kommen wird. Ich bin damals mit meinem Mann auf dem Sofa gesessen – ich bin mit einem Österreicher verheiratet – und habe gesagt: Stell dir vor, es wird entschieden, dass alle, die die Staatsbürgerschaft nicht haben, in ihr Land zurückmüssen. Solche Sorgen kamen seither doch immer wieder. Ich fühlte mich nicht mehr ganz safe.

Kannst du nachvollziehen, dass du deinen serbischen Pass abgeben musst, wenn du die österreichische Staatsbürgerschaft haben möchtest?


Absolut nicht. Ich bin ein Beispiel für viele, viele Kinder, die in Österreich geboren sind, ausländische Eltern haben und mit beiden Identitäten und in beiden Realitäten aufwachsen. Das ist ein Phänomen, das in Österreich durch die Zuwanderung seit mindestens den 1960er Jahren vorherrscht, aber mit dem Einbürgerungsgesetz, sich für das eine oder das andere entscheiden zu müssen, vollkommen negiert wird.

Das bedeutet, dass man etwas zurückgeben muss, womit die eigene Familiengeschichte verbunden ist. Autochthone Österreicher*innen finden oft, das würde bedeuten: Wenn sie nicht ganz zu uns stehen kann, spürt sie uns emotional nicht. Ich bin aber davon überzeugt, dass man beides in sich haben kann. Sogar mehrere Identitäten, ohne dass sich das irgendwie beißt.

Ich selbst muss mir bis heute vorsagen: Zwei „Identitäten“ zu haben, ist kein Defizit, sondern eine Bereicherung …


Genau, und dass man sich dieses Gefühl erarbeiten muss, finde ich ein bisschen unfair. Ich würde mir sehr wünschen, dass es in unserer Gesellschaft ankommt, dass Mehrsprachigkeit und mehrfache Identität für alle eine Bereicherung ist. Ich selbst habe meine serbische Identität oft „weggedrängt“, manchmal habe ich sogar erfunden, dass ich gar kein Serbisch spreche, um ja nicht nicht dazuzugehören. Es dauert lang, bis man das Selbstvertrauen dafür entwickelt, bis man checkt, dass das super ist.

Olga Kosanović im Interview mit funk tank
Olga Kosanović im Interview mit funk tank © Viktória Kery-Erdélyi
Welche Kriterien hältst du für gerechtfertigt, um die Staatsbürgerschaft zu erlangen?


Man hat auch am Filmende kein Einmaleins, nicht die eine Lösung, wie es zu machen ist. Mir ist am wichtigsten, dass man anfängt nachzudenken: Sind diese Gesetze noch zeitgemäß? Passen die noch zu unserer Gesellschaft?

Dieser Katalog an Kriterien, die es in Österreich zu erfüllen gilt, ist sehr umfangreich. Selbst eben für Menschen, die hier geboren wurden. Was ich sofort ändern würde, ist, dass es gehaltsabhängig ist. Ich finde das demokratiepolitisch nicht richtig, dass nur Leute eingebürgert werden, die gut genug verdienen. Ein zweites absurdes Kriterium betrifft die Verwaltungsstrafen. Ein Leumundszeugnis ist schon okay, aber dass man anfängt, Parkstrafen zu zählen?! Was sagt das über einen Menschen aus?

Die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger gibt im Film zu bedenken: Wenn so viele Menschen in Wien nicht wählen dürfen, führt das zu einer Verzerrung der Wahlergebnisse. Die städtische Bevölkerung sei damit unterrepräsentiert, noch dazu die jüngere Bevölkerung – und das wiederum könne dazu führen, dass wichtige Zukunftsthemen nicht abgebildet werden. Wie wichtig war im Film dieser Blick?

Es war für uns eine ganz zentrale Frage in der Recherche, dass die autochthonen Österreicher*innen verstehen: Dieses Thema betrifft wirklich alle. Judith Kohlenberger erklärt sehr gut, was es bedeutet, wenn mehr als ein Drittel der Menschen in Wien nicht wählen kann: nämlich, dass die Stimmen von autochthonen Österreicher*innen in Wien damit prinzipiell weniger wert sind.

Das verkürzte Urteil vieler lautet oft: Dann haben wir zu viele Ausländer*innen in Wien.
Leider, genau das ist das Problem, deswegen ist es auch politisch ein so unbeliebtes Thema, weil es sofort populistisch aufgegriffen wird.

Dabei denken trotzdem viele intuitiv: Wenn jemand viele Jahre in Österreich lebt, arbeitet, Steuern zahlt, darf die Person doch auch wählen gehen – das stimmt aber eben nicht. Wir haben viele, viele Interviews gemacht, auch mit Menschen älteren Semesters, und wir sind auch in Bars gegangen, wo wir sozusagen unsere Bubbles verlassen haben. Mit allen, die sich wirklich darauf eingelassen haben, konnten wir tolle, sehr interessante Gespräche führen. Die Menschen konnten offen ihre Meinung sagen – und es bröckelten auch viele Fassaden-Glaubenssätze.

Wie steht es um deinen Einbürgerungsantrag heute?

Mein Akt wurde an das Verwaltungsgericht weitergegeben, nachdem ich mit einem Anwalt Säumnisbeschwerde eingereicht hatte. Ich bekam dann eine Gerichtsladung – und sollte noch einmal meine sämtlichen Kontoauszüge der vergangenen fünf Jahre einreichen. Das ist schon arg, da sieht man wirklich alles, noch dazu, wenn man wie ich alles mit Karte bezahlt. Der Termin war dann nach acht Minuten vorbei – und ich habe vom Richter die Zusicherung für die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen. Das ist für zwei Jahre gültig. Ich muss nun die serbische Staatsbürgerschaft zurücklegen, das ist auch nicht lustig und kostet noch viel Geld. Und ich muss bis zum Tag der Verleihung weiterhin alle Kriterien aufrechterhalten – ebenso die Verwaltungsstraffreiheit.

Wirst du feiern, wenn es soweit ist?

Dieser Tag am Gericht war absurd. Es hat irrsinnig geschüttet und mein Mann und ein Freund, der auch mit war, und ich sind dann einen Punschkrapfen essen gegangen, um diesen Tag doch speziell zu begehen. Als ich nach dem Gerichtstermin heimgekommen bin, bin ich sofort eingeschlafen, das passiert mir sonst nie. Aber ich war plötzlich so erschöpft. Da war nun etwas erledigt, das fünf Jahre meines Lebens, mal mehr, mal weniger in Anspruch genommen hatte. – Ja, wenn es soweit ist, wenn es eine Verleihung gibt, werden wir feiern (lacht).

Olga Kosanović wurde am 1. April 1995 in Österreich geboren und lebt in Wien. Sie studierte an der HFBK Hamburg und arbeitet heute als Regisseurin und Drehbuchautorin sowie als Lehrkraft an der Graphischen und der Hertha Firnberg Schule in Wien. Ihre Filme liefen auf zahlreichen Festivals und sind mehrfach preisgekrönt; dazu zählen der Kurzfilm Genosse Tito, ich erbe sowie Land der Berg, der u. a. kürzlich mit dem Österreichischen Filmpreis, dem Preis für den besten Nachwuchsfilm bei der Diagonale und mit gleich zwei Preisen beim Filmfestival Max Ophüls Preis ausgezeichnet wurde. Noch lange keine Lipizzaner ist ihr erster Langfilm; Kinostart: 12. September 2025.

Buchtipps:

Olga Kosanović