Kabarettpreis 2026: Robert Steiner & Rolf Rüdiger im Interview

Seit 21 Jahren beantworten Robert Steiner und Rolf Rüdiger (aka Puppenspieler und Sprecher Stefan Gaugusch) am Sonntagvormittag auf Radio Wien mit viel Humor Quizfragen von Kindern und Erwachsenen. Seit sechs Jahren sind sie auch täglich eine Stunde lang mit verschiedensten (Rate-)Spielen live auf Sendung. Heuer werden sie beim Österreichischen Kabarettpreis dafür mit dem Sonderpreis ausgezeichnet. Ein Gespräch mit zwei Männern und einem Ratz über schwitzende Hände, Robert Steiners Zähne und das Erfolgsgeheimnis ihrer „WOW“-Sendungen.

funk tank: Rolf Rüdiger, die wichtigste Frage zuerst angesichts der Sommerhitze: Ratten können ja nicht schwitzen …

Stefan Gaugusch: Oja, innen können sie schon schwitzen! Wenn man lange genug mit der Hand drinnen steckt. (Lacht.)

Stimmt. Kühlst du dich auch von innen ab, mit Eis zum Beispiel? Hast du eine Lieblingseissorte?

Rolf Rüdiger: Den Klassiker: Erdbeer.

Ich hätte jetzt Cremeschnitten-Eis erwartet.

Rolf Rüdiger: Wenn, dann gleich richtige Cremeschnitten.

Wie habt ihr zwei – oder eigentlich drei – euch gefunden? Rolf Rüdiger, du hast ja 1994 als Sidekick von Confetti im ORF-Kinderprogramm begonnen. Während Confetti TiVi 2008 eingestellt wurde, gibt es dich immer noch an der Seite von Robert Steiner.

Robert Steiner: Wir haben uns vor über 30 Jahren bei Confetti TiVi kennengelernt. Damals war ich bei Ö3 und habe ein Interview mit euch gemacht.

Rolf Rüdiger: Und nach der Ausstrahlung dieses Interviews war er nimmer bei Ö3.

Robert Steiner: Das war tatsächlich so. Ich habe nämlich die beiden am Schluss gefragt, was sie an Ö3 mögen. Und der Confetti hat gesagt: „Ich mag die Musik nicht.“ Und der Rolf Rüdiger: „Ich mag die Moderatoren nicht.“ Das war meine letzte Sendung auf Ö3.

Stefan Gaugusch: Aber damals waren sie auch extrem nervös im ORF wegen der Privatradios. Dein Abgang war nicht das Schlechteste.

Robert Steiner: Das stimmt.

Darf Rolf Rüdiger Dinge sagen und machen, die Robert Steiner und Stefan Gaugusch verwehrt sind?

Stefan Gaugusch: Ja, schon. In so einer Figur lassen sich ganz gut Grenzen ausloten, die bei einem Moderator schon überschritten wären. Aber sie gehören immer wieder abgetastet.

Robert Steiner: Es ist ein bissl Anarchie pur, aber das ist auch gut so.

Rolf Rüdiger: Das Tolle ist, dass wir wirklich machen, was wir wollen. Das betrifft die komplette Sendung. Es gibt keinen Redakteur und keine Redakteurin – die Spiele entwickeln wir selber, oft auch durch Zufall. Und es gibt keine Sitzungen, wo irgendwer sagt: „Das können wir so nicht machen.“ Ich glaube, das gehört zum Erfolgsgeheimnis unserer Sendung. Nur die Musik ist von Radio Wien vorgegeben.

Robert Steiner: Wobei wir da schon freie Hand haben, was davon wir spielen.

Was unterscheidet Robert Steiner von Confetti?

Rolf Rüdiger: In erster Linie die Haare – und die Zähne. (Robert Steiner kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus.) Confetti hatte zwei Zähne, der Robert hat (denkt nach und zählt offenbar) sechsundfünfzig. Und alle oben. Ja, und er hat Haxen, Confetti hatte keine.

Wer hat den besseren Schmäh?

Rolf Rüdiger: Ich.

Robert Steiner: Das war klar, oder?

Habt ihr tatsächlich in der Sendung immer so viel Spaß, wie es sich anhört?

Stefan Gaugusch: Oft schon, aber nicht immer. Wir treffen uns fast häufiger als Ehepartner. Wir kennen uns inzwischen schon sehr gut und können uns gegenseitig prächtig nerven mit Aussagen, die der andere schon in- und auswendig kennt. Wenn zum Beispiel der Robert mich mit Schmähs langweilt, die ich ihm vorher erzählt habe.

Robert Steiner: Aber prinzipiell mögen wir auch dieselben Sachen: Vergnügungsparks, Hochschaubahnen, Musicals, …

Rolf Rüdiger: Ich glaube, ein wesentlicher Erfolgsfaktor von „WOW“ sind gar nicht wir, sondern die Kinder, die Meldungen schieben, die Erwachsene nicht sagen würden und auch viel lachen. Und bei „Die 2 um 2“ ist es vor allem die Nostalgie, die wir mit den Bezügen auf die vielen alten Sendungen bedienen, dieses wohlig-familiäre Gefühl von Wickie, Slime und Paiper.

Trotzdem, sechs Tage die Woche live auf Sendung schaffen nicht einmal die vom Ö3-Wecker oder Armin Wolf.

Stefan Gaugusch: Das hat damit zu tun, dass diese tägliche Stunde in der Pandemie irgendwie passiert ist.

Robert Steiner: „WOW“ am Sonntag gibt es seit 2005 und „Extra WOW – Die 2 um 2“ auch schon seit 2020. Wer macht so lange eine tägliche Sendung?

Stefan Gagausch: Damals hat es funktioniert, weil wir eh sonst nichts zu tun hatten – also eh alle. Für mich war es nur gewöhnungsbedürftig, weil ich bis dahin kein regelmäßiges Engagement hatte und schon gar nicht ein tägliches. Es geht aber auch nur deshalb, weil wir für die Sendung nicht beide im Studio sitzen müssen.

Weil man ja nur eure Stimmen hört und euch nicht sieht.

Stefan Gagausch: Und weil wir die einzige Sendung sind, die nicht der Moderator selbst fährt, wie es im Radio heißt, sondern die technische Betreuung machen die Moderatoren und Moderatorinnen der Sendungen vor oder nach uns oder die Kollegen und Kolleginnen von der Technik. Großes Danke an dieser Stelle!

Schwierig sind wir beide, aber das liegt vielleicht auch daran, dass wir nach 21 Jahren immer noch nicht herausgefunden haben, wer der Chef ist. Einbilden tut es sich jeder von uns. Somit funktioniert es eigentlich ganz gut.

Sind eure Sendungen reine Unterhaltung oder habt ihr auch den Anspruch, einen Bildungsauftrag zu erfüllen oder sonst einen Mehrwert für eure Hörer*innen zu liefern?

Robert Steiner: In erster Linie geht es um die Unterhaltung. Aber als wir in der Pandemie mit der täglichen Sendung begonnen haben, war der ursprüngliche Gedanke ein Verbinden von Großeltern und Kindern, die damals ja nicht zueinander durften. Ich glaube, im weitesten Sinne schaffen wir das bis heute, weil die Sendung so ziemlich alle Zielgruppen hören. Man kann natürlich durch die Quizfragen und Spiele auch etwas lernen. Ich würde es „Edutainment“ nennen, aber der Spaß steht in jedem Fall im Vordergrund. Dann funktioniert es auch besser.

Wie schwierig ist es, lustig und trotzdem kindgerecht zu sein?

Rolf Rüdiger: Es ist nicht ganz easy. Ich bin mir schon bewusst, dass es jeden Tag live ein Drahtseilakt ist. Weil es braucht nicht viel, dass irgendjemand sagt: „So, das war’s jetzt.“ Weil man aus Jux und Tollerei irgendwas Falsches gesagt hat. Ansonsten sind wir unglaublich dankbar, dass wir von den Chefitäten eine lange Leine haben. Weil wir eben keine Redaktion haben, die Angst haben könnte, dass sich irgendwer aufregt. Das ist für den ORF eher ungewöhnlich.

Robert Steiner: Ich habe das Gefühl, dass das insgesamt durch den Rolf Rüdiger gelockert wurde, weil er viel aufgebrochen hat. Ich glaube, am Anfang haben sie sich mehr geschreckt. Aber wir haben natürlich auch dazugelernt, was sich ausgeht und was nicht. Und ich glaube, die Hörer*innen haben sich ebenfalls an uns gewöhnt, indem sie nicht mehr alles so ernst nehmen.

Rolf Rüdiger: Am Anfang gab es sicher Leute, denen wir gehörig auf die Nerven gegangen sind. Da gab es dann schon Briefe, die ich persönlich gekriegt habe, wo drinnen gestanden ist: „Suchen Sie sich doch einen anderen Job!“

Robert Steiner: Aber umgekehrt bekommen wir so viel positives Feedback und so viele liebe Worte.

Stefan Gaugusch: Das macht schon demütig. Weil über eine ORF-Sendung – wurscht, welche – wird ja sonst in erster Linie geschimpft. Aber ich glaube, das ist heute eine Grundhaltung: Wenn man essen geht, regt man sich eher auf, dass es nicht geschmeckt hat, als dass man lobend erwähnt, dass es gut war.

Ich finde es faszinierend, dass auch in Zeiten von ChatGPT das Konzept so gut funktioniert, dass Kinder am Sonntagvormittag einem Mann und einer Ratte Fragen stellen, die dann in schlauen Büchern eine Antwort suchen.

Rolf Rüdiger: Manchmal fragen wir schon, ob wir auch das Internet benutzen dürfen.

Robert Steiner: Ich finde die Kinder spannend, die sich da wirklich reinknien und Sachen raussuchen, wo uns nicht einmal ChatGPT helfen würde.

Rolf Rüdiger: Witzigerweise kommen die meisten Fragen der Kinder aus Büchern.

Robert Steiner: Manchmal kriegen wir natürlich auch Fragen gestellt, wo wir die Antwort sowieso kennen. Diese Fragen überlasse ich meistens dem Rolf Rüdiger, weil ich weiß, dass er dann was Lustiges daherblödelt.

Rolf Rüdiger: Meistens suche ich die Antwort erst gar nicht. Am Sonntag in der Früh bin ich sowieso schon mit Atmen beschäftigt genug.

Deine falschen Antworten sind ja sowieso unterhaltsamer als die richtigen.

Rolf Rüdiger: Aber manchmal passiert es auch, dass die Antwort dann versehentlich richtig ist. Wir haben da zwei unterschiedliche Zugänge: Der Robert nimmt das sehr ernst. Also ich auch, aber ich muss nicht gewinnen.

Es erinnert ein bisschen an die alten Doppelconférencen im Simpl, mit einem Gescheiten und einem Blöden.

Rolf Rüdiger: Meistens war der Blöde der Gescheite, und …

Robert Steiner: Ich sag jetzt nix dazu. (Lacht wieder.) Ich hab jedenfalls ein bisserl das Anliegen, es in aller Kürze radiogerecht so zusammenzufassen, dass alle einen Aha-Moment haben. Ich will nicht unbedingt Punkte machen, aber ich will auch nicht so tun, als wären wir beide nur blöd.

Rolf Rüdiger: Aber verlieren willst du auch nicht.

Robert Steiner: Doch, doch. Aber ich fände es komisch, wenn uns ein Zehnjähriger eine leichte Frage stellt und wir die dann nicht beantworten können.

Rolf Rüdiger: Ich finde es aber auch nicht sympathisch, wenn du jede Frage richtig beantwortest.

Eure Einstellung ist also, ehrlich zu gewinnen und ehrlich zu verlieren.

Robert Steiner: Genau. Und ich weiß, der Rolf Rüdiger würde öfter gern verlieren, weil es ihm wurscht ist …

Rolf Rüdiger: Nein, nicht, weil es mir wurscht ist, sondern weil es mir den Kindern gegenüber unangenehm ist. Aber man muss dazusagen: Sie kriegen ja in jedem Fall einen Preis.

Wir führen hier jetzt ein halbspaßiges Interview mit einem Plüschtier. Aber ich könnte mir vorstellen, dass so eine Figur doch auch ein bisschen ein Eigenleben entwickelt. Robert, machst du von der Herangehensweise her die Sendungen mit Stefan Gaugusch oder mit Rolf Rüdiger?

Robert Steiner: Da habe ich eine ganz klare Antwort: Während die Musik läuft und wir nicht hörbar sind, mache ich sie mit dem Stefan. Und ab dem Zeitpunkt, wo das rote Licht leuchtet, ist es nur noch der Rolf Rüdiger. Ich glaube, es ist mir in 21 Jahren noch nie passiert, dass ich on air versehentlich Stefan zu ihm gesagt habe.

Seid ihr euch beim Humor immer einig?

Rolf Rüdiger: Wir haben zwar ganz unterschiedliche Leben, aber auf der Gefühlsebene passen wir gut zusammen.

Robert Steiner: Ich glaube, wir haben beide ein sehr gutes Timing, das ist das Allerwichtigste. Und wir verstehen, wie wir uns gegenseitig die Sachen servieren.

Rolf Rüdiger: Gerade am Sonntag in der Früh kann es schon einmal so sein, dass einer schwächelt. Und manchmal ist man schon erschöpft, bevor es überhaupt losgeht. Da ist es dann schon super zu zweit, weil immer derjenige, der gerade mehr Energie hat, den anderen mitzieht. Aber es ist auch ein Faktor, dass wir es als unsere eigene Sendung sehen. Wir machen die nicht für andere, sondern für uns.

Das heißt, ihr wollt auch selber Spaß haben.

Rolf Rüdiger: Ja, und wir haben es auch. Also der Robert sowieso, der lacht eh die ganze Zeit. (Robert Steiner lacht schon wieder.)

Stefan Gaugusch: Und ich bin draufgekommen, dass Rolf Rüdiger eher die Sorte von komischer Figur ist, wie es etwa Louis de Funès war. Der ist ja nur grantig herumgerannt und war hysterisch, aber eigentlich nicht lustig.

Robert Steiner: Aber ein bisschen bist du auch der grantelnde Wiener.

Rolf Rüdiger: Ja eh.

Hat sich Rolf Rüdiger in den vergangenen drei Jahrzehnten verändert?

Stefan Gaugusch: Ja, sprachlich zum Beispiel. Er war schon einmal derber. Und früher war es mehr Umgangssprache. Das ist beim Radio ein bisschen anders geworden. Der ehemalige ORF-Unterhaltungschef Edgar Böhm hat einmal gesagt …

Robert Steiner: Das war das schönste Zitat von allen: „A Pupp’n im Radio – wer macht denn sowas?“

Stefan Gaugusch: Aber wie es scheint, funktioniert es.

Was ist eigentlich euer Lieblingsspiel?

Stefan Gaugusch: Meine persönliche Lieblingsnummer hat eigentlich gar nichts mit Rolf Rüdiger zu tun. Das ist unsere Parodie auf Edith Klinger und „Wer will mich?“, die wir irgendwann eingeführt haben. Der Einstieg beruht auf einer Begebenheit, wo sie im hohen Alter in „Willkommen Österreich“ eingeladen war und zwei echt furchtbare Katzen mithatte, die gezwickt und gebissen haben und sie hat die Nerven weggeschmissen und nach dem Besitzer gerufen.

Rolf Rüdiger: Dieses Spiel ist uns echt passiert, indem der Robert gesagt hat: „Rufen Sie uns an!“ Und ich habe das berühmte „Bitte, bitte!“ dazugesagt. Und ich weiß nicht, wer die Sendung damals gefahren hat, aber ich habe spaßhalber gefragt, ob wir „Peter und der Wolf“ haben (die Signation von „Wer will mich?“, Anm.) – und schwupp, ist es gelaufen.
Stefan Gaugusch: Das ist das Geile am Radio, dass man da viel schneller agieren kann als beim Fernsehen. Aber es kann natürlich auch immer etwas passieren. Es wundert mich ja, dass wir nicht mehr Hoppalas haben.

Robert Steiner: Wenn was passiert, habe ich jedenfalls die perfekte Ausrede: Weil dann war es immer der Rolf Rüdiger. Aber zurück zu den Spielen. Mein persönliches Anliegen ist definitiv der Klug-Gneisser, weil ich da jeden Tag irgendwelche Wiener Spezialitäten raussuche und zu vermitteln versuche. Das ist auch etwas, was ich nicht mit ChatGPT machen kann, sondern da muss ich viel draußen recherchieren.

Rolf Rüdiger: Manchmal habe ich ja die Befürchtung, dass wir den Leuten mit unseren täglichen Spielen auf die Nerven gehen. Aber vielleicht liegt das daran, dass es uns geht wie einer Billa-Kassiererin, die den ganzen Tag dieselbe Endlosschleife hört. Das ist bei unseren Hörern und Hörerinnen offensichtlich nicht so.

Eure Stimmen kennen jedenfalls sehr viele Menschen. Das Gesicht ist aber eigentlich nur bei Robert bekannt. Wie geht es dir mit den Fans? Hängt im Supermarkt eine Traube von Kindern an dir? Oder die Mütter der Kinder?

Rolf Rüdiger: Oder die Großmütter?

Robert Steiner: Charmant, danke. (Lacht.) Das hat sich geändert: Früher waren es mehr die Mamas mit den Kindern. Wenn du im Kinderprogramm arbeitest, bist du natürlich vor allem bei einer gewissen Zielgruppe bekannt. Dazu gibt es eine lustige Geschichte: Ich war einmal in einem Einkaufszentrum auf der Toilette, als ein Bub mit seinem Papa hereingekommen ist und mich mit „Grüß dich, Robert!“ gegrüßt hat. Und sein Vater hat ganz böse gefragt: „Wer war das? Der Freund von der Mama?!“

Stefan Gaugusch: Und was hast du gesagt?

Robert Steiner: „Ja.“ Da merkst du halt, dass Väter eher wenig Kinderprogramm schauen. Aber das hat sich mit „Die 2 um 2“ komplett geändert. Wir haben jetzt neben den Kindern auch eine Zielgruppe, die 40/ 50+ ist. Und egal, wo ich einkaufen gehe, es fragen mich immer alle: „Wo ist denn der Rolf Rüdiger?“

Stefan, deine Stimme kennen viele, dein Gesicht nicht. Bist du neidisch oder froh darüber?

Stefan Gaugusch: Es ist mir lange Zeit gelungen, anonym zu bleiben. Ich fand es irgendwie ganz lustig, wenn die Leute nach einer Show versucht haben, einen Blick auf die Person zu erhaschen, die gerade eben den Rolf Rüdiger gesprochen hat. Ich habe ja die Möglichkeit, mich zu outen. Wenn ich höre, dass nachher jemand besonders positiv über die Figur spricht, könnte ich sagen, dass ich das bin. Aber als Puppenspieler ist man sowieso gewohnt, im Hintergrund zu bleiben. Vor allem kann ich in der Figur die Sau rauslassen und sie danach einfach abstreifen. Das ist schon super. Der Robert kann das nicht.

Robert Steiner: Wer sich dafür interessiert, kann ihn ja googeln und findet im Internet all das Großartige, was der Stefan schon alles gemacht hat: Kasperl & Co, Quaxi, den ganzen Confetti-Zirkus – das ist ja österreichische Kinderfernsehtradition.

Stefan Gaugusch: Und ja, meine Stimme wird erkannt. Wenn ich abseits unserer Sendung im Puppentheater spiele, werde ich nachher oft gefragt: „Sie sind der Rolf Rüdiger, gell?“

Robert Steiner: Fragen dich eigentlich auch die Leute: „Wo ist der Robert Steiner?“

Stefan Gaugusch: Nie.

Robert Steiner: Das sollte mir zu denken geben.

Rolf Rüdiger, was wäre schlimmer: ein Leben ohne Cremeschnitten oder keine Sendung mehr mit Robert Steiner?

Robert Steiner: Oje. (Lacht.)

Rolf Rüdiger: (Grübelt.) Ich bin jetzt ein netter Kollege und sage: keine Sendung mehr mit Robert Steiner. Wem würde ich sonst auf den Nerv gehen? (Robert Steiner lacht.) Das passt schon so. Ich hatte schon verschiedene Kolleginnen und Kollegen, da waren schon manche Vögel dabei. Schwierig sind wir beide, aber das liegt vielleicht auch daran, dass wir nach 21 Jahren immer noch nicht herausgefunden haben, wer der Chef ist. Einbilden tut es sich jeder von uns. Somit funktioniert es eigentlich ganz gut. Also, am wenigsten ist die Programmchefin die Chefin. (Beide lachen.) Aber wir erwähnen sie immer wieder, weil das freut sie. Dann wissen die anderen, dass es sie gibt.

Apropos Chef: Welche Wünsche habt ihr an den nächsten ORF-Generaldirektor?

Robert Steiner: Ich glaube, er hat überhaupt keine leichte Aufgabe. Man hört nur von Kürzungen, die Leute sind sauer wegen der Haushaltsabgabe, das Image wurde durch die vergangene Geschäftsführung zerstört. Ich weiß nicht, ob man das noch irgendwie retten kann.

Rolf Rüdiger: Ich bin schon gespannt auf die neuen Dickpics. (Robert Steiner lacht.) Das war jetzt gelogen. Aber ich hätte eine Idee für ein neues Spiel: Dalli-Click-Dickpic. Haha. Das geht aber nicht im Radio, weil man nichts sieht.

Robert Steiner: Eines möchte ich aber schon sagen: Ich bin extrem stolz, dass wir so lange beim ORF sind, weil der als einziger österreichischer Fernsehsender überhaupt ein Kinderprogramm hat.

Stefan Gaugusch: Wobei wir ja nicht beim ORF angestellt sind. Wir sind beide eine Firma, die eine Rechnung schreibt. Und wenn wir krank darniederliegen, dann schreiben wir keine Rechnung. Amen.

Robert Steiner: Und man könnte jederzeit den Vertrag mit uns kündigen.

Cremeschnitten, Schneekugeln, gibt es schon ein Thema für einen dritten Kinderkrimi mit Rolf Rüdiger?

Rolf Rüdiger: Als Nächstes kommen die Hämorrhoiden …

Robert Steiner: Das heißt Memoiren …

Rolf Rüdiger: … mit den ganzen ORF-Geschichten, die wir kennen.

Robert Steiner: Im Ernst, es war ein tolles erstes Buch, das unser lieber Kollege Peter Tichatschek geschrieben hat. Beim zweiten Buch hat dann schon der Verlag mehr mitgeredet. Und immer, wenn mehr Leute mitreden, wird es schwierig.

Stefan Gaugusch: Vielleicht habe auch ich zu wenig mitgeredet. Aber Rolf Rüdiger und Buch, das ist generell ein bisschen schwierig, weil er sich irgendwie durch Spontanität bemerkbar macht und dafür ist ein Buch nicht das geeignetste Medium. Ich kann mir auch schwer Louis de Funès oder Jerry Lewis in einem Buch vorstellen.

Rolf Rüdiger ist seit 1994 an der Seite von Confetti aus dem österreichischen Kinderfernsehen bekannt und seit 2005 gemeinsam mit Robert Steiner auf Radio Wien zu hören. Gespielt und gesprochen wird die grantelnde Ratte vom Puppenspieler und Sprecher Stefan Gaugusch.

Rolf Rüdiger & Robert Steiner

Seit 1999 wird der Österreichische Kabarettpreis vergeben. Von den heurigen Gewinnern und Gewinnerinnen stehen vier bereits fest: Severin Groebner (Hauptpreis für sein Programm „Ich bin das Volk“), Chrissi Buchmasser (Förderpreis für „Zugzwang“), David Scheid (Programmpreis für „The Kabarettist“) und das Radio-Duo Robert Steiner & Rolf Rüdiger (gespielt von Stefan Gaugusch). Die Publikumspreise werden bis zur Verleihungsgala am 13. Oktober im Globe Wien online via Abstimmung auf www.kabarettpreis.at gekürt.

Österreichischer Kabarettpreis

Ibby and Puzz: Slow Fashion mit Achtsamkeit und Geduld

Manche Materialien erzählen ihre Geschichte schon, bevor sie verarbeitet werden. Für Danielle Dahlstrom sind genau diese Stoffe der Ausgangspunkt von Ibby and Puzz. Das Wiener Label fertigt Haarreifen und textile Accessoires in kleinen Serien aus handgewebtem usbekischem Ikat, Kaschmir und Samt. Jedes Stück entsteht in sorgfältiger Handarbeit und trägt im Inneren die Botschaft „Don’t worry, I love you“ – ein Satz aus den Liebesbriefen ihrer Großeltern, der bis heute das Herz der Marke bildet.

Im funk tank-Interview erzählt Danielle Dahlstrom, warum sie bewusst in kleinen Auflagen produziert, was sie an traditionellen Textilien fasziniert und weshalb für sie gerade die Unregelmäßigkeiten eines Stoffes seinen besonderen Wert ausmachen.

funk tank: Wie ist Ibby and Puzz entstanden und warum war der Haarreifen der Anfang?

Danielle Dahlstrom: Die Idee dazu kam mir, weil ich nach etwas gesucht habe, das ich selbst tragen wollte, aber nirgends finden konnte. Ich wollte einen ausdrucksstarken Haarreifen, der selbst das schlichteste Outfit besonders macht. Gefertigt aus Stoffen, die ich seit jeher liebe, insbesondere Kaschmir, Samt und handgewebtem usbekischem Ikat. Die erste Idee habe ich spontan skizziert und kurz darauf gemeinsam mit einer Kunsthandwerkerin in Wien das erste Stück angefertigt.

Der Haarschmuck war von Anfang an der naheliegende Ausgangspunkt, weil er – an guten wie an schlechten Haartagen – ein Outfit sofort verändern kann. Es ist eines dieser seltenen Accessoires, das mühelos wirkt und dennoch jeden Look aufwertet. Genau das ist bis heute das Herzstück unserer Marke.

Sie stammen ursprünglich aus den USA und leben heute in Wien. Wie hat das Ihren Blick auf Mode und Handwerk geprägt?

Obwohl ich aus den USA komme, lebe ich seit mehr als zwanzig Jahren in Wien und habe lange für internationale Unternehmen gearbeitet. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, viele Länder zu bereisen und außergewöhnliche Textilien sowie die Geschichten dahinter kennenzulernen. Mein Blick auf Mode wurde deshalb ebenso von Kulturen und Reisen geprägt wie von Design.

Was ich an Österreich besonders schätze, ist die Wertschätzung für traditionelles Handwerk. Dirndl und Tracht sind weit mehr als Kleidung. Sie erzählen von Identität, Herkunft und Geschichte. Das spricht mich sehr an.

Mich haben immer schon Textilien fasziniert, die von ihrer Herkunft erzählen. Deshalb liebe ich es, unterschiedliche textile Traditionen miteinander in Dialog zu bringen. Genau deshalb fühlte sich usbekischer Ikat für mich so selbstverständlich an. Seine lebendigen Muster und seine handwerkliche Tradition ergänzen die österreichische Kultur auf wunderbare Weise.

Was macht diesen Stoff so besonders?

Das Besondere an usbekischem Ikat ist vor allem seine Herstellung. Anders als bei den meisten Stoffen werden nicht erst die fertigen Gewebe bedruckt oder gefärbt, sondern bereits die einzelnen Fäden, bevor sie überhaupt gewebt werden. Das ist ein langsamer, sehr bewusster und handwerklich anspruchsvoller Prozess.

Mich begeistert vor allem seine Ehrlichkeit. Echten handgewebten Ikat erkennt man an kleinen Unregelmäßigkeiten, an feinen Abweichungen im Muster oder kleinen Stellen, an denen der Stoff auf dem Webstuhl weitergezogen wurde. Für mich sind das keine Fehler, sondern Spuren der menschlichen Hand. Sie erinnern daran, dass Schönheit nicht perfekt sein muss.

Neben Ikat verwenden Sie auch Kaschmir und Samt. Wann ist ein Stoff für Sie nicht nur schön, sondern genau der richtige?

Ein Stoff ist für mich dann der richtige, wenn er nicht nur schön aussieht, sondern auch ein Gefühl vermittelt. Ich möchte, dass man Freude daran hat, ihn zu tragen und seine besondere Haptik zu spüren.

Kaschmir bringt Wärme und Weichheit mit. Samt verleiht Tiefe und Struktur. Handgewebter Ikat wiederum besitzt eine ganz besondere Haptik und Persönlichkeit, die sich nicht künstlich nachahmen lässt.

Am schönsten finde ich das Zusammenspiel dieser Materialien. Jedes bringt etwas Eigenes mit und gemeinsam entsteht eine Harmonie, die zeitlos und besonders wirkt.

Sie produzieren nur in kleinen Serien. Welche Vorteile und Herausforderungen bringt das mit sich?

Ich arbeite ganz bewusst in kleinen Serien, weil auch die Stoffe nur in begrenzten Mengen existieren. Von jedem Muster und jeder Farbe gibt es nur eine bestimmte Anzahl an Metern. Und wenn sie aufgebraucht sind, sind sie aufgebraucht. Mir gefällt der Gedanke, dass gute Dinge Zeit brauchen und nicht unbegrenzt reproduziert werden.

Außerdem ist jedes Stück von Ibby and Puzz einzigartig. Selbst wenn zwei Haarreifen aus demselben Stoff entstehen, unterscheiden sie sich durch den Zuschnitt. Dadurch gleicht kein Stück dem anderen. Natürlich bedeutet das auch, dass ein Design irgendwann ausverkauft ist und sich nicht einfach nachproduzieren lässt. Aber genau darin liegt für mich auch der Zauber.

Ibby and Puzz
© Sigrid Mayer

Mir gefällt der Gedanke, dass gute Dinge Zeit brauchen und nicht unbegrenzt reproduziert werden.

Jedes Stück trägt die Botschaft „Don't worry, I love you“ im Inneren. Welche Bedeutung hat sie?

Das ist das Herz unserer Marke. Ibby und Puzz waren die Spitznamen meiner Großeltern füreinander. Sie schrieben sich ihr Leben lang Liebesbriefe und meine Großmutter beendete sie immer mit den Worten: „Don't worry, I love you.“

Heute sind genau diese Worte – in ihrer eigenen Handschrift – Teil jedes Labels und in jedes unserer Stücke eingenäht. Für mich ist das etwas sehr Persönliches. Jedes Mal, wenn ich diese Worte sehe, denke ich an die Liebe meiner Großeltern. Ich hoffe, dass jeder Mensch, der eines unserer Stücke besitzt, ein kleines Stück dieser Liebe mit sich trägt. Darum geht es bei uns.

Mode wird oft von Perfektion und Druck geprägt. Was bedeutet Mode für Sie?

Unsere Botschaft „Don't worry, I love you“ erinnert daran, dass das, was wir tragen, mehr sein kann als nur ein Trend. Kleidung kann auch Liebe, Erinnerungen und Bedeutung in sich tragen. Wenn wir davon ein kleines bisschen in den Alltag eines Menschen bringen können, dann haben wir etwas Wertvolles geschaffen.

Apropos Wert. Was bedeutet Slow Fashion für Sie?

Slow Fashion bedeutet für mich vor allem Achtsamkeit und Geduld. Das sind zwei Eigenschaften, die heute leicht verloren gehen. Jeder einzelne Schritt bei der Herstellung unserer Stücke verlangt beide. Die bewusste Färbung der Garne, das langsame Weben, der Zuschnitt in unserem Wiener Atelier und schließlich die sorgfältige Verarbeitung von Hand, all das braucht Achtsamkeit und Geduld. Und nichts davon lässt sich überstürzen.

Ich habe immer daran geglaubt, dass die schönsten Dinge im Leben Zeit brauchen. Das gilt auch für das, was wir tragen. Wenn etwas mit Sorgfalt, Geduld und Hingabe entstanden ist, spürt man den Unterschied.

Was ist für Sie das perfekte Stück für warme Sommertage und lange Sommerabende?

Für mich darf der Sommer vor allem Farbe haben. Ein farbenfrohes Accessoire kann selbst den schlichtesten Look verändern, ganz gleich, ob zum Badeanzug, zum Leinenkleid oder nach einem Tag am Meer mit salzigen Haaren. Je farbenfroher, desto besser. Sommer ist die perfekte Zeit dafür. Ein schönes Textil verändert nicht nur ein Outfit, sondern oft auch das eigene Gefühl.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft von Ibby and Puzz und was wünschen Sie sich für die Modewelt?

Auch in Zukunft wird der Haarreifen das Herzstück von Ibby and Puzz sein, ergänzt durch weitere Accessoires. Schals, Haarspangen und Einstecktücher haben wir ja schon, alle aus denselben besonderen Stoffkombinationen. Tatsächlich leiht sich sogar mein 17-jähriger Sohn regelmäßig unsere Schals aus.

Vor allem wünsche ich mir, dass kleinere Manufakturen und unabhängige Kunsthandwerker*innen noch mehr Wertschätzung bekommen. Ich hoffe, dass Menschen sich nicht nur für Modetrends entscheiden, sondern für Stücke mit Geschichte, für echte Handwerkskunst und sorgfältige Verarbeitung. Denn genau solche Stücke begleiten uns oft ein Leben lang.

Ibby and Puzz
© Sigrid Mayer

Ibby and Puzz ist ein in Wien ansässiges Label der Designerin Danielle Dahlstrom, das handgefertigte Haarreifen und textile Stücke in kleinen Serien entwickelt. Im Zentrum stehen usbekische Ikat-Seidenstoffe, die mit Kaschmir und Samt kombiniert werden und durch ihre vor dem Weben angelegte Musterstruktur jedes Stück zum Unikat machen.

Jedes Accessoire trägt im Inneren ein eingenähtes Label mit der Botschaft „Don’t worry, I love you“. Ein Satz aus der Familiengeschichte von Danielle Dahlstrom.

Ibby and Puzz

Kabarettpreis 2026: Gewinner Severin Groebner im Interview

Severin Groebner blickt in „Ich bin das Volk!“ mit gewohnt scharfem Humor auf eine Gegenwart, die ihm manchmal wie eine schlechte Neuauflage einer alten Serie erscheint. Der Kabarettist beschäftigt sich darin mit politischen Stimmungen, gesellschaftlichen Veränderungen und der Frage, wer eigentlich für „das Volk“ sprechen darf. Im funk tank-Interview erzählt Groebner von seinem Programm, biografischen Katastrophen und den Widersprüchen des Lebens.

funk tank: Was war für dich die Motivation, dieses so politische Programm „Ich bin das Volk!“ zu schreiben?

Severin Groebner: Ich hab im Jahr 2025, als ich das Programm geschrieben habe und Premiere hatte, mein 30-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert. 1995 bin ich zum ersten Mal auf einer echten Kabarettbühne gestanden. Im Wiener Kabarett Niedermair natürlich. Normalerweise sollte ich zu so einem Anlass ein Best-of-Programm machen, das ... in Wahrheit niemanden interessiert. Nicht einmal – und das war ausschlaggebend – mich selbst. Das war mir einfach zu langweilig. Deshalb hab ich ein Programm gemacht, bei dem ich lauter Dinge mache, die ich immer schon auf einer Bühne machen wollte. Und die teilweise auch ein bisschen – von den ungeschriebenen Gesetzen der Kleinkunst – „verboten“ sind. Also zum Beispiel: den Text ablesen, sich selbst applaudieren, im Bademantel auf die Bühne (Das durfte nur Udo Jürgens).

Ich war einfach neugierig, ob man das nicht machen kann, und zwar so, dass es trotzdem als Abend funktioniert. Dazu wollte ich immer schon mal einen einzigen Charakter einen Abend lang durchspielen und ein Manifest verfassen. Und tja, plötzlich hat das alles zusammengepasst.

Wen konkret willst du damit erreichen? Wer ist also die Zielgruppe?

Ich wollte das einfach mal alles loswerden. Und zwar so, dass es einfach und verständlich ist. Und das wollte ich auch schon immer mal: die Perspektive wechseln. Also in eine Figur schlüpfen, die nicht auf der politischen Seite steht, auf der ich mich verorte. Nur ab und zu durchzuckt diese Person ja zwischendurch die Erkenntnis, dass das ein Blödsinn ist, was sie da redet. Aber wie das so ist mit den Momenten der Wahrheit: Es sind eben nur Momente. Genau da, glaub ich, treff ich die Menschen im Publikum am meisten. Bei den Widersprüchen. Wir sind ja alle gebaut aus Widersprüchen.

Aber ist es wirklich so einfach für die Feinde der Demokratie, wie du es in deinem Programm skizzierst?

Wenn man ihnen nicht ständig widerspricht und sagt: „Das ist falsch! Das stimmt nicht! Du hast überhaupt keine Ahnung, wovon du redest!“. Dann schon. Und dieses ständige Widersprechen ist ja anstrengend. Es geht eigentlich darum, wer länger durchhält.

Wie zuversichtlich bist du, dass die Freund*innen der Demokratie länger durchhalten?

Am wichtigsten ist es, den Humor zu behalten.

Ehrlich gesagt habe ich mich gerade bei den persönlichen Einschüben – so wie schon früher auch – öfters selbst dabei ertappt, dass ich der Bühnenfigur zustimmen musste. Im Wissen, dass mich das zum bösen, mittelalten, weißen, beziehungsfrustrierten Mann macht. Ich nehme einmal an, ich bin nicht der Einzige und das ist deine volle Absicht?

Willkommen im Club! Anders gesagt, mich hat auch interessiert: Wie ticken eigentlich all die alten weißen Männer, die überraschenderweise so alt sind wie ich, eine ähnliche Hautfarbe haben und auch ein ganz ähnliches Geschlecht? Sind die von Grund auf „böse“? Oder sind die nur gnadenlos enttäuscht? Traurig? Zynisch? Und ist Zynismus nicht nur die böse Maske des frustrierten, naiven Romantikers?

Und wie ticken sie?

Naja, so halt: Tik tok tik tok tik tok. Wobei man aber nicht weiß, ob wie Uhren, die die Zeit messen? Oder wie Zeitbomben?

Wie ehrlich und persönlich darf man eigentlich als Kabarettist auf der Bühne sein?

So sehr man will. Das ändert sich aber auch von Programm zu Programm. Manchmal möchte man etwas von sich erzählen, dann bietet sich das an. Ein anderes Mal geht’s um was anderes. Da ist es dann auch naheliegend, in eine, oder mehrere, Rolle(n) zu schlüpfen.

Du bewegst dich künstlerisch zwischen Österreich und Deutschland, wobei dein Lebensmittelpunkt seit Jahrzehnten in Deutschland liegt. Warum eigentlich?

Eine dunkle Verkettung biografischer Katastrophen. Einerseits. Andererseits war es anfangs für mich schwierig, mit dem Zeug, was ich mache, in Österreich ausreichend Auftritte zu bekommen, damit ich davon leben kann. Da war es dann logisch zu versuchen, das Spielfeld (die steirische Grenzstadt ist nicht gemeint) bei erster Gelegenheit zu vergrößern. Die Gelegenheit hatte ich und habe sie genutzt. Der Rest ist … eine dunkle Verkettung biografischer Katastrophen.

Aber wie das so ist mit den Momenten der Wahrheit: Es sind eben nur Momente.

Wenn du feststellst, dass du in Österreich nicht genug Auftritte bekommen hast, lässt sich daraus schließen, dass Österreich kleingeistiger und Deutschland offener ist? Oder ist das einfach der berühmte Faktor 10? (Deutschland ist zehnmal größer als Österreich, Anm.)

Irgendein schlauer Mensch hat mal gesagt: „Die Leute sind überall dieselben, nur die Landschaft ändert sich.“ Ich würde ergänzen: Und die Architektur. Und die Küche. Und der Dialekt. Und die Vegetation. Und die Religion. Und das Klima. Überhaupt alles! Aber die Leute … nicht so sehr.

Wird Österreich aus der Distanz schöner oder schiacher?

Schöner. Eindeutig. Und bevor es zu schön wird, fahr ich dann wieder hierher, um mir von der herrschenden Realität den Kopf geraderichten zu lassen. Was aber wirklich bemerkenswert ist, wenn ich in Österreich bin: Wie schön Deutschland plötzlich wird!

Drehst du, wenn du dein aktuelles Programm in Deutschland spielst, die Passage um, in der du Frankfurt mit Wien vergleichst und Wien eindeutig besser wegkommt?

Nein. Bleibt so. Anders würde das gar nicht funktionieren. Allein schon aus dem Grund, dass ich überhaupt kein Hessisch kann.

Ich nehme an, die Frage nach deutschem und österreichischem Humor kann ich mir hier sparen?

Ja, bitte. Allein deshalb, weil es „den“ deutschen Humor gar nicht gibt. Das Land ist zu groß und mentalitätsmäßig zu zerklüftet und kleinteilig, als dass man hier alle über einen Kamm scheren könnte. Und dass die Deutschen, die uns vom Schmäh her am ähnlichsten sind, die Bayerinnen und Bayern (also die Alt-Bayerinnen und Alt-Bayern, nicht die bayerischen Schwäbinnen und Schwaben oder gar die Fränkinnen und Franken) sind, ist jetzt auch nicht wirklich so eine Überraschung. Wohnen ja gleich nebenan.

Und dass man natürlich gerade im politischen Kabarett manches adaptieren muss, wenn man in zwei Ländern spielt, liegt auf der Hand. Oder sind die Umstände so ähnlich, dass das bei Deutschland und Österreich gar nicht nötig ist?

Das einzige, was ich ändere, sind die Namen der Fußballklubs, die im Text vorkommen. Womit, glaube ich, die Frage beantwortet wäre. Sagen wir so: Als Österreicher, der den Aufstieg (und Abstieg und Wiederaufstieg und Wiederabstieg und Wiederwiederaufstieg) der FPÖ seit 1986 miterleben durfte, hab ich den Deutschen gegenüber einen Erfahrungsvorsprung. Für die ist das alles neu, ich kenn das schon. Ich hab vielmehr ständig das Gefühl, als wäre ich in einem schlechten Remake einer Serie gefangen, die ich schon im Original überhaupt nicht mochte.

Eine ganz andere Frage betrifft nicht nur dich, sondern eigentlich die gesamte Branche in Zeiten der Nachhaltigkeitsdebatte. Wie reist du von Auftritt zu Auftritt: Auto, Bahn (ist die deutsche echt noch schlimmer als die ÖBB?) oder Lastenfahrrad?

Ich mach keine Witze über die Deutsche Bahn, weil das endloses Drama ist. Und ich bin Teil davon. Verspätung von 137 Minuten? Ich sitz mittendrin. Wagen 23, Sitz 69. Im Ruhebereich. Können Sie lesen? „Ruhebereich“ steht da! Also stecken Sie sich Ihre Bluetooth-Box in den … Ja, ich fahr mit der Bahn. Immer.

Wo kommt die Kabarettpreis-Trophäe hin?

Ins Regal. Gut sichtbar für mich, um jeden Tag daran vorbeizugehen und dadurch an den sich langsam in mir aufbäumenden Ansprüchen innerlich zu zerbrechen.

Apropos zerbrechen: Den letzten Preis hat meine damalige Freundin – unabsichtlich – kaputt gemacht. Jetzt bin ich Single. Ich hoffe also, der hält länger.

Severin Groebner ist seit 1993 Kabarettist, damals tingelte er im Duo mit dem Pianisten Klaus Gröll durch Wiener Kaffeehäuser. 1995 hatte er sein erstes Engagement als Schauspieler beim „Sparverein die Unzertrennlichen“ und wurde noch im selben Jahr beim Grazer Kleinkunstvogel ausgezeichnet. Bis 1999 spielten Gröll & Groebner insgesamt vier Programme, danach stand Groebner alleine auf verschiedenen Bühnen in Österreich und Deutschland. Neben mehreren Soloprogrammen schrieb er jahrelang für die „Wiener Zeitung“, die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und die „taz – die tageszeitung“ und machte Radiobeiträge für WDR, BR und ORF. Anfang der 2000er Jahre zog der in Wien aufgewachsene Groebner zunächst nach München um, später nach Mainz und aktuell lebt er in Frankfurt am Main.

Severin Groebner

Der Österreichische Kabarettpreis wird seit 1999 vergeben. Von den heurigen Gewinner*innen stehen – neben Hauptpreisträger Severin Groebner – auch schon Chrissi Buchmasser (Förderpreis für „Zugzwang“), David Scheid (Programmpreis für „The Kabarettist“) und das Radio-Duo Robert Steiner & Rolf Rüdiger (gespielt von Stefan Gagausch) fest. Die Publikumspreise werden bis zur Verleihungsgala am 13. Oktober im Globe Wien online via Abstimmung auf www.kabarettpreis.at gekürt.

Kabarettpreis 2026: Gewinnerin Chrissi Buchmasser im Interview

Es ist der bereits fünfte Kabarettpreis innerhalb von fünf Jahren für Chrissi Buchmasser: Nach dem Publikumspreis beim Grazer Kleinkunstvogel (2021), dem zweiten Platz bei der Ennser Kleinkunstkartoffel (2022) und dem Jurypreis sowie dem Publikumspreis beim Freistädter Frischling (2023) gewinnt die Steirerin mit ihrem aktuellen Programm „Zugzwang“ nun den Förderpreis beim Österreichischen Kabarettpreis 2026.

Im Gespräch mit funk tank spricht Chrissi Buchmasser, die 1989 in Straden geboren wurde und heute mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Graz lebt, über ihre Anfänge als Kabarettistin, ihre ersten zwei Programme und die Unterschiede, die auf der Bühne noch immer zwischen den Geschlechtern gemacht werden.

funk tank: Wie bist du eigentlich zum Kabarett gekommen?

Chrissi Buchmasser: Ich kann bis heute nicht genau sagen, was mich da geritten hat. Aber ich hatte ganz lang im Hinterkopf die Idee, einmal Kabarett auszuprobieren. Irgendwann hab ich mir dann gedacht: In Graz gibt es den Kleinkunstvogel und ich schreib doch gern, vielleicht könnte das was sein. Ich hatte aber keinerlei Bühnenerfahrung – außer hobbymäßig bei der Blasmusik.

Aber einen Hang zum Schmäh hattest du wahrscheinlich schon?

Ja, und das war wohl ausschlaggebend. Ich habe auch im Fernsehen sehr intensiv Comedy-Formate angeschaut und zum Beispiel bei „Was gibt es Neues?“ in der TVthek auf Pause gedrückt und überlegt, was für lustige Sager mir einfallen würden. Dann habe ich all meinen Mut zusammengenommen und mich für 2021 beim Grazer Kleinkunstvogel angemeldet. Da kann jede*r mitmachen. Die Anmeldung war im Dezember 2020.

Also mitten in der Covid-Pandemie ...

Genau. Und dann ist das zweimal wegen Corona verschoben worden. Das Lustige dabei war: Bei der Anmeldung war ich noch nicht einmal schwanger, aber als dann der Bewerb im Oktober 2021 stattgefunden hat, war das Baby schon da. Ich war also mit meinem ersten Kind gleichzeitig schwanger wie mit meinem Kabarettstart. Und bis einen Tag vor dem Auftritt war gar nicht sicher, ob das funktioniert mit dem zwei Monate alten Baby. Aber es hat ganz gut hingehaut. Ich glaube, die ganze Situation rundherum hat mir eine gewisse Leichtigkeit gegeben, weil dieses Debüt nicht das Ärgste war, was mir in dem Jahr passiert ist.

Hast du beim Kleinkunstvogel schon die ersten Versatzstücke aus deinem späteren ersten Kabarettsolo „Braves Kind“ auf die Bühne gebracht?

Ja. Da ist es um das Baby und meine neue Mutterrolle gegangen, dazu ein paar gesellschaftskritische Sachen. Beim Kleinkunstvogel braucht man ja eine Viertelstunde Programm. Ich habe damit den Publikumspreis gewonnen – und die Siegprämie war, dass ich im Grazer Theatercafé ein abendfülliges Programm aufführen durfte.

Das du aber erst noch schreiben musstest.

Das hat ein gutes Jahr gedauert. In dieser Zeit hab ich sehr viele Mixed Shows gespielt, da zehn Minuten, dort zehn Minuten und immer etwas anderes ausprobiert. Aus diesen Nummern hab ich dann das Programm zusammengestellt. Die Karenz war da ein Vorteil, weil ich mir die Zeit gut einteilen konnte. Und ich habe das Glück, dass auch mein Mann recht flexible Arbeitszeiten hat. Dadurch ist es leichter, wenn ich einmal am Abend weg bin oder mich zum Schreiben hinsetze.

Nach den zwei Jahren Karenz – damals ist „Braves Kind“ schon ein Jahr gelaufen – bin ich dann vor der Entscheidung gestanden: Gehe ich zurück in meinen Bürojob oder starte ich voll als Kabarettistin durch?

Und du hast dich fürs Kabarett entschieden.

Ja, weil es sich gut entwickelt hat. Zeitlich und finanziell war es dann schon wie ein kleiner Teilzeitjob und im Büro hätte ich auch nicht mehr gemacht. Gleichzeitig hab ich gewusst: Wenn ich zurück ins Büro gehe, dann kann ich das Kabarett nicht in der Intensität weitermachen zusätzlich zum Kind. Da hätte mir einfach die Energie dafür gefehlt. So funktioniert es jetzt gut, weil wir uns die Kinderbetreuung gut aufteilen können.

Inzwischen habt ihr zwei Kinder. Schränkt das deinen Bewegungsradius als Kabarettistin ein? Überlegst du dir, wie weit weg von daheim du fahren kannst? Wien ist ja von Graz nur zwei Autostunden entfernt, aber Vorarlberg wird da schon schwieriger.

Es ist halt eine ständige Abstimmung. Ich war aber auch schon einmal länger in Tirol, da war meine Mama mit dem Baby mit. Und das war schon cool. Da sind wir für drei Tage mit dem Zug hingefahren und während des Auftritts hat sie aufs Kind aufgepasst. Es ist echt ein Teamprojekt. Schwieriger finde ich das Fokussieren zwischen Kindern und Arbeit.

Du meinst, dass du dir nicht auf der Bühne nebenher Gedanken machst, ob eh alles mit den Kindern in Ordnung ist?

Genau. Wobei das auf der Bühne weniger ein Problem ist. Aber wenn ich daheim eigentlich schreiben sollte, fallen mir alle möglichen Sachen ein: Arzttermine, die ich ausmachen muss, oder Dinge, die ich für den Kindergarten besorgen muss. Und wenn ich bei den Kindern bin, denke ich wiederum oft über neue Gags nach.

Glaubst du, dass die Vereinbarkeit mit der Familie viele Bühnenkarrieren von Frauen verhindert?

Ich glaube nicht, dass Kinder kriegen oder Kinder haben ein Grund für wenige Frauen im Kabarett ist. Ich glaube, das liegt eher daran, dass es lange keine Vorbilder gegeben hat. Bei mir war es tatsächlich so, dass ich lange gedacht hab: Als Kabarettist*in musst du so ein*e grantige*r Wiener Künstler*in sein, jemand, der ein Sakko trägt und im Kaffeehaus seine Texte in ein Notizbuch schreibt. Das war ganz weit weg von meiner Welt. Aber irgendwann hab ich dann mehr Frauen auf der Bühne gesehen und das hat mich bestärkt.

Was mir auch auffällt: Ich habe früher kaum je einen männlichen Kabarettisten über seine Kinder reden gehört. Die Kollegen in meiner Altersgruppe machen das jetzt schon zum Thema, sodass man merkt, dass sie das beschäftigt.

Die Geschlechterklischees brechen aber nur langsam auf. Vielen Mädchen wird immer noch eingeimpft, dass sie brav und zurückhaltend sein sollen, während Buben laut und wild sein dürfen.

Das ist ein wichtiger Punkt. Es ist ja in anderen Bereichen genauso. Als Jugendliche bin ich auf Konzerte gegangen, da haben Mädchen im Publikum Burschen auf der Bühne zugejubelt. Oder schau dir den Sport an. Das hat sich einfach historisch so entwickelt, dass Frauen Männern zuschauen. Ich bin sehr froh, dass sich das jetzt langsam anders entwickelt.

Aber was ich schon merke, und da geht es vielen Kolleginnen ähnlich: Wenn du als Frau auf der Bühne lustig sein willst, dauert es länger, bis die Leute akzeptieren, dass das Absicht ist und nicht versehentlich passiert. Und ich lese oft auf Facebook Kommentare wie: „Die mag ich nicht, die ist so laut und schrill.“ Und mich reden nach Auftritten öfter einmal Frauen mittleren Alters an und sagen mir: „Das hat mir gefallen. Das war so angenehm, weil du bist nicht so schrill.“

Offenbar sind wir nur lustige Männer gewohnt, aber keine lustigen Frauen. Wenn eine Frau auf der Bühne etwas sagt, was objektiv lustig ist, dann kriegt sie nicht denselben Applaus wie ein Mann.

Gibt es umgekehrt Dinge, die Frauen eher aussprechen können als Männer?

Das ist auch so eine Sache. Es wird oft gesagt: „Frauen haben so einen derben Humor.“ Aber Humor lebt ja von einem gewissen Bruch. Und wie willst du den erzeugen, wenn du dich brav und lieb gibst? Männer gehen da manchmal ins Tollpatschige, „Unmännliche“.

In meinem ersten Programm hab ich auch über Schwangerschaft und Menstruation geredet. Ein Kritiker hat dann sowas geschrieben wie: „Manchmal geht es in Richtung too much information.“ Das hat halt ein Mann geschrieben, der offenbar nicht gewohnt ist, dass über diese Dinge geredet wird – schon gar nicht von einer Frau.

Wenn du als Frau auf der Bühne lustig sein willst, dauert es länger, bis die Leute akzeptieren, dass das Absicht ist und nicht versehentlich passiert.

Hast du Gags wieder aus dem Programm gestrichen?

Natürlich tausche ich manches aus, das nicht so gut funktioniert oder wo mir was Besseres einfällt. Und ich habe auch Dinge wieder weggelassen, bei denen ich gemerkt habe, dass sie nicht so zu mir passen. Am Anfang sammelst du ja einmal alles Mögliche zusammen, was witzig sein könnte. Aber dann musst du deinen persönlichen Stil finden. Am Anfang fühlt sich alles ein bissl komisch und gestellt an – weil es ja auch gestellt ist.

Es ist ein spannender Prozess, wenn du dann mit der Zeit merkst: Was bist echt du, was spricht echt aus dir? Und wo hast du geglaubt, dass du es sagen könntest? Das sind dann Nummern, die ein*e andere*r Kabarettist*in super machen könnte, aber das bin nicht ich.

Was unterscheidet „Zugzwang“ von „Braves Kind“?

„Braves Kind“ war so das erste Ausschütten von allem, was ich einmal gesagt haben wollte in dieser Phase meines Lebens. Ich habe sehr stark ausprobiert in alle Richtungen. Und es war sehr feministisch und gesellschaftskritisch und politisch.

Bei „Zugzwang“ habe ich die Erfahrungen aus dem ersten Programm so einbauen können, dass dieses zweite Programm genau so ist, wie ich es haben will. Es passt jetzt genau zu mir. Ich wollte nicht die Message verlieren, aber es ist insgesamt ein bissl leichtfüßiger. Die kritischen Sachen sind etwas besser verpackt. Und es ist abwechslungsreicher. Das hab ich vom ersten Programm mitgenommen. Ich wollte, dass im zweiten Programm voll viel passiert.

Wie wird das dritte Programm?

Das ist eine tolle Frage (lacht). Das werde ich mir bis Februar 2028 überlegen. Ich bin auf dem Stand, dass wir ungefähr wissen, wann Premiere sein soll. Da ist alles, was bis jetzt fürs dritte Programm existiert.

Der Österreichische Kabarettpreis wird seit 1999 vergeben. Ins Leben gerufen hat ihn Wolfgang Gratzl, der damalige Leiter der Wiener Kleinkunstbühne Vindobona. 2010 übernahm ein eigens gegründeter Verein unter dem Vorsitz der Kabarett-Agenturchefin Julia Sobieszek die Verantwortung für den Preis, der mittlerweile in sechs Kategorien vergeben wird:

  • Der Hauptpreis geht an herausragende Künstler*innen.
  • Der Förderpreis ist Nachwuchstalenten gewidmet.
  • Der Programmpreis wird unter allen Kabarettist*innen vergeben, die in den vergangenen zwölf Monaten ein neues Programm auf die Bühne gebracht haben.
  • Der Sonderpreis ist eine Art Würdigung des Lebenswerks: Die Jury widmet ihn Personen oder Institutionen, die sich besonders um das Kabarett im deutschsprachigen Raum verdient gemacht haben.
  • Mit dem Fernsehpreis zeichnet das Publikum in einem öffentlichen Voting die beliebteste Satire-/Comedy-/Kabarettshow im deutschsprachigen TV aus – Streaming-Formate eingeschlossen.
  • Mit dem Online-Preis würdigt das Publikum die beliebtesten Content-Creator im deutschsprachigen Raum.

Die ersten vier Preisträger*innen bestimmt eine Fachjury aus rund einem Dutzend Kulturjournalist*innen gemeinsam mit zwei Bühnenbetreiber*innen als Gastjuror*innen. 

Heuer geht der Förderpreis an Chrissi Buchmasser („Zugzwang“), der Programmpreis an David Scheid („The Kabarettist“), den Hauptpreis bekommt Severin Groebner („Ich bin das Volk!“). Der Sonderpreis für besondere Verdienste um den Humor im deutschsprachigen Kabarett erhält ein ganz besonderes Duo: Robert Steiner und die Radio-Ratte Rolf Rüdiger (gespielt und gesprochen von Stefan Gaugusch). Bis zur Verleihungsgala am 13. Oktober im Globe Wien werden im August die Sieger*innen der Publikumspreise via Online-Voting gekürt. Mehr dazu auf www.kabarettpreis.at

Chrissi Buchmasser

Cécile Nordegg: Musik als universelle Sprache

Jazzsängerin, Schauspielerin, Songwriterin, Produzentin und Werbegesicht – Cécile Nordegg bewegt sich seit Jahren zwischen Welten, die oft als Gegensätze verstanden werden. Mit „On Tour“ präsentiert sie jetzt ein Doppelalbum, das von Begegnungen lebt und sich bewusst einfachen Einordnungen entzieht. Anlass genug, um mit ihr über die Grenzen von Genres und Rollenbildern zu sprechen und über die Frage, ob Klasse und Masse tatsächlich Gegenspielerinnen sind.

funk tank: „On Tour“ ist kein klassisches Konzeptalbum, sondern eine Sammlung von spontanen Live-Mitschnitten und musikalischen Ideen und Begegnungen. Wie ist dieses Projekt entstanden?

Cécile Nordegg: Jedes Projekt beginnt mit Träumen, also mit Ideen, die im Geist entstehen, mit Gedanken, die sich entfalten, bis der Moment der Umsetzung kommt. Ich reise viel und das Wahrnehmen beginnt mit dem Sehen, Riechen und Hören. Es sind die Lieder, die zu mir kommen, mit Tönen und Farben, die Geschichten erzählen.

Sie haben einmal gesagt, ein Lied sei eigentlich nie fertig. Was passiert mit einem Stück, wenn Sie es mit auf Tour nehmen und immer wieder neu spielen?

Ein Lied hat sein Gerüst, seinen Rahmen. In dieser Struktur entfaltet es sein eigenes Leben. Der Akkord, die Melodie – all das ist geschrieben. Und dann beginnt die Freiheit.

Mir ist es extrem wichtig, dass jede*r Musiker*in auch Solist*in sein kann und sich den eigenen Raum nehmen darf. Denn für mich entsteht Zusammenhalt erst dort, wo Freiheit gegeben wird. Aus dieser Freiheit wachsen Vertrauen, Offenheit und das gemeinsame Musizieren.

Jedes kulturelle Umfeld bringt seine eigenen Instrumente hervor. Und selbst jene Instrumente, die überall auf der Welt gespielt werden, tragen durch ihre Geschichte oft einen ganz eigenen Klang in sich. Momentan bin ich mit dem Programm von „On Tour“ gemeinsam mit fünf senegalesischen Musikern auf der Bühne in Dakar. Dort spürt man das Land – und plötzlich leben die Lieder auf eine neue Weise weiter.

So ist es auch mit dem Hören: Jeder Mensch nimmt ein Lied anders wahr, entdeckt andere Nuancen und verbindet etwas Eigenes damit. Selbst wenn man dasselbe Stück mehrmals hört, verändert sich die Wahrnehmung immer wieder. Nichts bleibt je ganz gleich.

Auf „On Tour“ treffen Musiker*innen aus sehr unterschiedlichen Ländern und musikalischen Welten aufeinander. Wie suchen Sie Ihre Partner*innen aus und wodurch ist Ihnen klar, dass es musikalisch matched?

Es treffen verschiedene musikalische Welten zusammen, aber Musik ist die universelle Sprache, die alle verstehen, weil sie die Sprache der Emotionen ist. So kommen unterschiedliche emotionale Welten auf die Bühne und plaudern über ihre Geschichten. Das bedeutet: sie verbinden sich in einem gemeinsamen Storytelling. Es ist ein musikalisches Gespräch – so treffen sich Musiker*innen, die einfach zusammen reden können.

Sie sind Sängerin, Schauspielerin, Songwriterin, Produzentin und für viele auch „Frau Putz“. Denken Sie selbst in diesen Rollen oder ist das für Sie längst alles dieselbe Person?

Keineswegs! Die Schauspielerin in mir ist Medium für fremde Charaktere, ihre Arbeit besteht darin, einen Menschen zu erschaffen, der ein anderer ist. Bei Sänger*innen, die in eine vorgegebene Rolle schlüpfen, ist es ähnlich. Ich hingegen schreibe meine eigenen Texte, das heißt: Ich schreibe meine eigenen Emotionen, meine eigenen Wahrnehmungen. Deshalb schlüpfe ich hier in keine Rolle. Produzieren ist dann die Weiterführung meiner Arbeit, das Realisieren dessen, was wir beabsichtigen.

Sie stehen für sehr persönliche Musik und sind gleichzeitig als eine der bekanntesten Werbefiguren des Landes sichtbar. Oft wird so getan, als müssten sich Klasse und Masse ausschließen. Wie sehen Sie das?

Klasse und Masse dürfen sich nicht ausschließen! Ich mache verschiedene Dinge, aber als Künstler*innen müssen wir die Demut haben, unser Publikum ernst zu nehmen. Wir stehen auf der Bühne oder in der Werbung, um Emotionen zu erzeugen und das ist mit Respekt und Ernsthaftigkeit zu erfüllen, weil wir der Gefühlswelt des Publikums nahekommen.

Hat die Arbeit in der Werbung Ihren Blick auf Kunst verändert oder hat Ihre Arbeit als Künstlerin Ihren Blick auf Werbung verändert?

Keines von beidem! In der Werbung arbeite ich als Schauspielerin, die vermittelt – auch das ist eine Kunstform. Als Sängerin versuche ich, mein Publikum mit meinen Worten und Melodien aus seiner Welt zu entführen, um Entspannung oder Spannung zu erzeugen … Es sind eben nur verschiedene Kunstformen.

Wobei ich an dieser Stelle kurz etwas über das Wort „Kunst” sagen möchte: Kunst ist für mich in jeder Berufsform zu finden! Der Begriff „Kunst” wird meiner Meinung nach viel zu oft auf den goldenen Sockel gehoben. Jeder gute Bäcker ist ein Künstler, jede Person, die ihre Arbeit mit Liebe macht, ebenso.

Sie sind seit vielen Jahren unterwegs, auf Bühnen, in Studios und zwischen Kontinenten. Gibt es trotzdem noch Momente, in denen Sie überrascht werden?

Oh ja! Jeder Tag birgt Überraschungen: Du wachst auf und dann beginnt der Countdown zum Neuen, zum Ungeplanten.

Cécile Nordegg
© Sonja Piffl

Der Begriff „Kunst” wird meiner Meinung nach viel zu oft auf den goldenen Sockel gehoben. Jeder gute Bäcker ist ein Künstler, jede Person, die ihre Arbeit mit Liebe macht, ebenso.

Die Vielseitigkeit von Ihnen zeigt sich auch an Ihrer Wohnsituation. Sie leben nicht in einer klassischen Wohnung, die privat bleibt, denn dort werden oft auch Lesungen, Proben und diverse Projekte abgehalten. Wie kann man sich das konkret vorstellen?

Wir leben in unserer klassischen Wohnform! Wir haben uns entschlossen, den unvergleichlichen Luxus zu leben, Familie und Arbeit unter einem Dach zu vereinen – das bedeutet auch, nah bei unseren Kindern zu sein. Mein Mann Jonathan Berkh ist bildender Künstler und unser Zuhause ist sein Atelier und sein Atelier ist immer wieder mein Proberaum und mein Proberaum ist immer wieder Begegnungsort für alles Mögliche. Und all das war Spielraum für die Kinder.

Apropos Wohnen, ist Ihnen Einrichtung wichtig? Welches Designstück würden Sie nie hergeben?

Oh, da gibt es viele, an denen ich hänge. Aber trotzdem ist das Leben ein Kommen und Gehen. Meist geht auch ein Stück, wenn ein anderes kommt. Ich sammle Emotionen, die verändern sich …

Wenn keine Bühne, keine Kamera und kein Studio ruft, wie sieht dann Ihr Alltag aus und was bringt Sie runter? Wie erden Sie sich?

Ich habe das unendliche Glück, mich bei meiner Familie erden zu dürfen.

Was bedeutet Musik für Sie und was kann Musik generell?

Durch den Zauber der Musik verbindet sie, wo Verbinden schwer ist. Es sind auch Wellen, die viel tiefer in den Körper eindringen können, als man glaubt und auch unerwartet viel heilen können.

Wenn Menschen nach einem Konzert von Ihnen nach Hause gehen – welches Gefühl und welche Gedanken sollen bleiben?

Ich wünsche mir, dass ich mein Publikum aus dem Alltag entführen kann und es gleichzeitig dadurch auch tiefer in seine eigene Welt wieder hineinführen kann. Und natürlich das oft Gesagte: „Just enjoy life!“

Cécile Nordegg ist eine österreichische Sängerin, Schauspielerin und Songwriterin. Sie arbeitet im Bereich Jazz und populärer Musik sowie als Produzentin und Schauspielerin für Bühne und Bildschirm. Einem breiten Publikum ist sie auch als „Frau Putz“ aus der Lutz-Werbung bekannt. Mit ihrem neuen Album „On Tour“ veröffentlicht sie eine Sammlung von Liveaufnahmen und musikalischen Begegnungen aus verschiedenen Ländern.

Cécile Nordegg

Kristina Miller lässt Oscar Peterson neu aufleben

Manchmal entstehen die spannendsten Kunstprojekte nicht aus Planung, sondern aus Begegnungen. Bei Kristina Miller war es ein Treffen im Café, das den Anstoß gab, eine historische Aufnahme neu zu interpretieren. Im funk tank-Gespräch erzählt sie über ihre intensive künstlerische Reise zwischen Werktreue, Improvisation, Präzision und jazziger Freiheit.

funk tank: Was mich sehr interessiert: Wie seid ihr auf die Aufnahme gestoßen und wie wurde daraus ein gemeinsames Projekt?

Kristina Miller: Niki Neuspiel, mit dem ich das Projekt realisiert habe, habe ich ganz zufällig kennengelernt – obwohl ich nicht wirklich an Zufälle glaube. Es war im Café Brückel. Niki saß dort mit einem sehr guten Freund von mir, mit dem Dirigenten Andreas Stöhr.

Wir haben uns unterhalten und Andreas hat gesagt, dass Nikis Vater ein großer Liebhaber von Oscar Peterson ist. Und ich habe sofort reagiert, weil ich selbst mit dieser Musik aufgewachsen bin. Ich liebe Oscar Peterson seit meiner Kindheit.

Wieso das?

Mein Vater war klassischer Konzertmeister im Orchester, aber zu Hause lief immer Jazz. Er hat das gebraucht – für die Seele, zur Entspannung. Ich bin mit Peterson, Ella Fitzgerald und vielen großartigen Jazzmusiker*innen aufgewachsen. Ich habe es quasi im Blut.

Als ich etwa acht oder neun Jahre alt war, stand schon die Frage im Raum: Klassik oder Jazz? Meine Eltern haben gesagt, die klassische Ausbildung ist die Basis. Ohne diese Schule kann man nicht wirklich frei sein. Das hat übrigens auch Peterson selbst gesagt. Also bin ich bei der Klassik geblieben, aber Jazz war immer im Herzen da.

Irgendwann wollte ich unbedingt Peterson spielen. Es gab aber oft keine Noten, also hat mein Vater gesagt: „Dann mach die Transkription selbst.“ So hat es angefangen. Ich habe Dinge herausgehört, aufgeschrieben und gespielt. Das war zuerst nur für mich, dann für Freund*innen.

Eines Tages hat ein Freund gesagt: „Spiel doch etwas.“ Wir haben das aufgenommen und auf Facebook gestellt und plötzlich hatte das Video über 60.000 Aufrufe. Danach kamen Anfragen von Dirigent*innen und Veranstalter*innen, ob ich das als Zugabe spielen kann. So entwickelte sich das langsam weiter.

Und dann kam dieses Treffen mit Niki. Wir beide hatten diese Liebe zu Peterson. Sein Vater hat 1968 ein Konzert von Oscar Peterson im Wiener Konzerthaus aufgenommen. Diese Aufnahme lag bei ihm zu Hause im Archiv. Er meinte, er hat 25 Jahre darauf gewartet, daraus ein Projekt zu machen und er möchte das mit mir umsetzen. Ich war sofort begeistert. Aber uns war auch klar: Es gibt keine Noten. Alles muss transkribiert werden.

Das klingt nach einer enormen Herausforderung.

Absolut. Solo ist eine Sache, aber Trio-Transkription ist viel schwieriger. Manchmal ist das Schlagzeug sehr laut oder der Bass sehr präsent. Man hört nicht alles klar.

Ich habe gesagt: Es ist eine Challenge, aber ich mache es. Wie genau, wusste ich am Anfang nicht. Ich springe gerne ins kalte Wasser.

Als ich die Aufnahme zum ersten Mal gehört habe, musste ich weinen. Das war so genial gespielt. Peterson war damals Anfang 40, in einer unglaublichen Phase seines Lebens.

Ich musste auswählen, weil ein ganzes Konzert nicht auf eine Platte passt. Also habe ich meine Lieblingsstücke herausgenommen und angefangen zu arbeiten. Niki war damit einverstanden.

Und wie habt ihr die passenden Musiker gefunden?

Das war entscheidend. Peterson hat nur mit Topmusiker*innen gespielt, zum Beispiel mit Bobby Durham und Sam Jones, also mussten wir auch Musiker*innen auf diesem Niveau haben.

Ich bin mit einem der besten Drummer befreundet, Gergö Borlai. Und irgendwo in mir war immer der Wunsch, einmal mit ihm zu spielen. Ich habe ihn angerufen und gefragt und er hat sofort zugesagt. Er hat dann seinen Bassisten Tibor Fonay mitgebracht.

Beide haben eine unglaubliche Fähigkeit: Sie hören etwas ein- oder zweimal und können es sofort nachspielen. Auch technisch das Schwierigste.

Ich habe die Transkriptionen gemacht, sie haben sich die Aufnahmen angehört und dann sind wir ins Studio gegangen.

Wie war die Arbeit im Studio?

Sehr intensiv. Jede*r war perfektionistisch. Der Klang musste stimmen, es sollte möglichst nah an Peterson sein. Aber gleichzeitig muss man auch loslassen und den anderen vertrauen. Jede*r weiß, was er tut. Und dann saßen wir da und haben gespielt und plötzlich haben wir geweint. Vor Freude. Wir haben da sehr viel Liebe reingesteckt. Es ist nicht identisch mit dem Werk von Peterson. Es ist unsere Version.

Wie seid ihr mit der Improvisation umgegangen?

Die Idee war, ein „Replay“ zu machen. Ich habe seine Improvisationen herausgehört und das herausgeschrieben, was nötig war. Gleichzeitig haben meine Kollegen ihre eigenen Improvisationen eingebracht. Wir haben auch andere Tempi gewählt.

Ich habe großen Respekt vor dem Original. Aber es gibt Stellen, wo ich auch eigene Entscheidungen getroffen habe. Manchmal hört man etwas nicht ganz klar. Dann versucht man zu verstehen, was er musikalisch wollte. Wenn man seine Sprache kennt, kann man das nachvollziehen.

Du kommst aus der Klassik. Ist dieser Wechsel schwierig?

Nein, für mich ist das wie zwei Sprachen sprechen. Man schaltet einfach um. Das passiert auch innerhalb der Klassik – Bach, Mozart, Rachmaninoff – das sind alles unterschiedliche musikalische Sprachen.

Wie reagiert das Publikum darauf?

Sehr positiv. Ich bekomme mittlerweile Nachrichten vor Konzerten, ob ich etwas von Peterson spielen kann. Es kommen Dirigent*innen, Veranstalter*innen, Menschen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Diese Musik verbindet.

Was hast du persönlich aus dieser Arbeit gelernt?

Sehr viel. Vor allem Respekt. Wenn man sich so intensiv mit einem Künstler beschäftigt, merkt man, wie tief diese Musik wirklich ist.

Und ich bin Bösendorfer Artist dadurch geworden, weil Bösendorfer das Lieblingsklavier von Peterson war. Ich weiß genau, wieso – wegen dieser phänomenalen Mechanik, die sie haben. Ich war in der Manufaktur von Bösendorfer und dort habe ich zum Spaß Peterson auf einem Flügel gespielt. Plötzlich kam das ganze Team und hat zugehört, auch die Marketingleitung und der Geschäftsführer. Und kurz darauf haben sie mich gefragt, ob ich Bösendorfer Artist werden will. Wieder hat sich alles gefügt.

Was glaubst du, würde Peterson zu eurer Version sagen?

Das ist schwer zu sagen. Aber ich hoffe, er würde spüren, wie viel Liebe darin steckt. Wir wollten ihn nicht kopieren, sondern seine Musik weitertragen.

Kristina Miller und Band
Tibor Fonay, Gergö Borlai, Kristina Miller © Susanne Stuppacher

Nichts kann meine Liebe zur Musik verändern.

Musstest du für deine Karriere auf Dinge verzichten?

Ja, natürlich. Aber ich sehe das nicht als Opfer. Es ist eine bewusste Entscheidung. Ich weiß, dass ich ohne Musik nicht glücklich wäre.

Gibt es trotzdem Ausgleich?

Ja, aber anders. Ich brauche keinen langen Urlaub. Ich habe wirklich schon alles gemacht und bin schon sehr viel gereist, aber drei Tage Urlaub reichen oft schon. Mein Traum wäre ein Haus mit Pool. Ein bisschen Ruhe, ein bisschen Musik, ein bisschen Bewegung.

Du hast vorher auch von großen Vorbildern gesprochen. Was bedeutet dir das Lernen von ihnen?

Sehr viel. Ich denke, wenn man lernen möchte, sollte man von den Besten lernen. Das sind Menschen, die ihr ganzes Leben der Musik gewidmet haben.

Ich sehe Peterson als meinen Mentor, auch wenn ich ihn nicht persönlich gekannt habe. Man kann durch Aufnahmen unglaublich viel lernen. So wie man auch von großen klassischen Pianisten lernt – von Rachmaninoff, Horowitz oder Richter. Das sind Geschenke an die Menschheit. Wenn man sich damit beschäftigt, versteht man erst, wie groß diese Kunst ist.

Es sind oft Männer, die in diesem Bereich genannt werden. Spielt das für dich eine Rolle?

Für mich persönlich nicht. Für mich war das nie Thema. Ich glaube, jede*r versteht, wie schwer diese Musik ist. Und wenn man sich wirklich damit beschäftigt, zählt das Geschlecht nicht mehr, sondern das, was man kann und was man ausdrückt.

Hörst du auf Kritik von außen?

Ja, aber nur auf bestimmte. Ich höre auf Menschen, die wirklich Erfahrung haben und selbst in diesem Beruf stehen.

Aber grundsätzlich weiß ich selbst am besten, wo meine Fehler sind. Nach jedem Konzert gehe ich alles im Kopf durch – wo etwas nicht ganz gestimmt hat, wo ich noch besser sein kann. Das ist automatisch da. Niemand muss mir das sagen.

Ist das nicht auch belastend?

Vielleicht ein bisschen, aber es gehört dazu. Ich denke, wir sind oft unsere größten Kritiker*innen. Aber gleichzeitig weiß ich: Nichts kann meine Liebe zur Musik verändern.

Du hast vorhin gesagt, dass sich Dinge im Leben „fügen“. Glaubst du daran?

Ja, sehr. Ich glaube, dass sich Kreise schließen. Dass Begegnungen nicht zufällig sind. Dieses Projekt ist ein gutes Beispiel dafür. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal so etwas mache, mit so wunderbaren Musikern.

Und wie geht es weiter mit dem Projekt?

Wir planen einen zweiten Teil, weil noch viel Material übrig ist. Und ich habe ständig neue Ideen. Ich höre jeden Tag Musik, die mich inspiriert.

Und ich träume viel. Das hilft mir auch beim Einschlafen (lacht).

Inwiefern?

Ich habe die beste Methode gefunden einzuschlafen: Du musst träumen. Du liegst da und dann träumst du einfach, was du wirklich, wirklich willst. Es dürfen freche und scheinbar unmögliche Sachen sein. Weil wenn wir etwas wirklich wollen, wenn unser Herz wirklich dabei ist, dann kann man es auch realisieren. Und dann schläfst du mit diesen Gedanken ein und wachst mit der besten Stimmung wieder auf.

Kristina Miller ist klassische Pianistin und verbindet in ihrem Projekt „Miller’s Peterson“ ihre Ausbildung mit einer tiefen Verwurzelung im Jazz. Gemeinsam mit Niki Neuspiel interpretiert sie eine historische Live-Aufnahme von Oscar Peterson aus dem Jahr 1968 aus dem Wiener Konzerthaus neu, basierend auf eigenen Transkriptionen.

Mit ihrer Band ist sie mit dem Projekt bereits international auf Tour und spielt unter anderem am 11. Juli in der Helmut List Halle in Graz bei der Styriarte. Parallel dazu ist sie weiterhin als Solistin in der internationalen klassischen Konzertszene tätig und gastiert regelmäßig in renommierten Konzerthäusern und Festivals in Europa und darüber hinaus.

Alle Infos und Termine:

Kristina Miller

Eva Zemanek: „Kabarett muss für alle leistbar bleiben“

Kabarett als verbindende Kraft, große Namen neben vielversprechenden Newcomern und der Anspruch, Kultur für alle leistbar zu halten – dafür steht die Ybbsiade seit Jahrzehnten. Seit Ende 2024 liegt die künstlerische Leitung des traditionsreichen Festivals in den Händen von Eva Zemanek, die bereits seit vielen Jahren hinter den Kulissen mitgestaltet hat.

Im funk tank-Gespräch erzählt sie von ihrem Weg an die Spitze, den Herausforderungen bei der Programmgestaltung, besonderen Begegnungen mit Künstler*innen und warum Humor gerade in unsicheren Zeiten unverzichtbar ist.

funk tank: Wie bist du Intendantin der Ybbsiade geworden?

Eva Zemanek: Ich bin seit 2012 bei der Ybbsiade dabei. Damals hat mich Alexander Goebel als Unterstützung geholt. Das war im Herbst, und wir haben dann sehr schnell ein Programm für den folgenden April auf die Beine gestellt. Ab 2013 war ich dann voll im Einsatz. Nach zwei Jahren folgte auf Alexander Goebel Joesi Prokopetz als Intendant und ich habe die intensive Arbeit im Hintergrund weiterhin mit Begeisterung betrieben. 2022 hat Joesis Fünf-Jahres-Vertrag geendet und wurde nicht mehr verlängert. Wir waren dann drei Jahre lang ein Ybbsiade-Team: Bürgermeisterin Ulrike Schachner, Kulturstadtrat Peter Blessky und ich – bis ich im November 2024 im Gemeinderat einstimmig zur Intendantin gewählt wurde.

Warst du froh darüber, oder hättest du dir doch lieber jemanden als Leiter*in gewünscht, hinter den*die du dich stellen kannst?

Ich habe es eigentlich sehr schön gefunden. Natürlich ist es was anderes, wenn du dann wirklich vorne stehst und dich für alles allein verantworten musst. Und zwischendurch war schon der Gedanke da, dass ich mich lieber verstecken würde. Aber ich glaube, das ist so Kleinmädchen-Denken, das uns Frauen immer noch mitgegeben wird. Als Frau zweifelt man eher, ob man der Aufgabe gewachsen ist. Das Thema der Akzeptanz als Frau an der Spitze, noch dazu als Wienerin, habe ich in Ybbs aber nie gespürt. Meine Arbeit ist von Anfang an geschätzt worden. Es war und ist auch mit viel Engagement verbunden. Ich versuche als künstlerische Leiterin, ein Programm zusammenzustellen, das so bunt ist, dass es möglichst viele Menschen abholt.

Nach welchen Kriterien stellst du das Ybbsiade-Programm zusammen?

Es muss eine Mischung aus Headlinern sein, die erfahrungsgemäß nach wenigen Tagen ausverkauft sind. Und aus Newcomern und Programmpunkten, die eher dem Genre Hochkultur zuzuordnen sind, die ich dem Publikum ebenfalls zeigen möchte.

2025 hatten wir zum Beispiel einen Abend mit Adele Neuhauser und Ursula Strauß. Hier war der Ticketverkauf entgegen meiner Erwartung eher zurückhaltend. Vielleicht, weil Shakespeare im Titel vorkam und die Menschen Sorge hatten, dass es zu ernst oder zu kompliziert wird.

Ich kann aber eines garantieren: Alles, was bei der Ybbsiade zu sehen ist, hat höchste Qualität und ist fantastisch. Und wer jetzt noch nicht so bekannt ist, hat vielleicht in ein paar Jahren einen großen Namen. Wir müssen ökonomisch denken: Uns tut jede nicht-verkaufte Karte weh. Deshalb muss die Mischung stimmen. Dort, wo mehr eingenommen wird, muss manchmal ein Loch gestopft werden. Das bedeutet leider auch häufig einen Männer-Überhang im Programm, weil es einfach nicht so viele Frauen in der Kabarettszene gibt.

Musst du den Künstler*innen nachlaufen oder hat die Ybbsiade mittlerweile ein Standing, wo sie sich um einen Auftritt anstellen? Welchen Stellenwert hat so ein Festival für Künstler*innen, die das ganze Jahr auf Tour sind?

Es gibt beides. Die Ybbsiade besteht ja schon sehr lange – heuer ist es die 37. Ausgabe. Uns wird eigentlich immer vermittelt, dass man gerne zu uns kommt. Wir versuchen, alles zu geben, damit sich unsere Stars bei uns wohlfühlen. Nur beim Mondwasser müssten wir passen (lacht). Diesen Wunsch hatten wir aber auch noch nie. Wir möchten auch immer betonen, wie glücklich wir über die Auftritte sind.

Manchen Acts bin ich natürlich schon über Jahre nachgelaufen, zum Beispiel Kaya Yanar. Ihn habe ich mir eingebildet – und nach fünf Jahren ist es mir gelungen, ihn nach Ybbs zu bringen. Danach ist er sogar ein weiteres Mal zu uns gekommen. Ich arbeite gerade akribisch daran, ihn ein drittes Mal zu kriegen, aber unlängst habe ich gelesen, dass er mit dem Spielen aufhören möchte. Tja, dann war er immerhin auch in Ybbs. Bei Dieter Nuhr hat es sogar zwölf Jahre Geduld gebraucht, bis endlich eine Zusage kam und er 2025 bei uns aufgetreten ist. Auch bei Olaf Schubert hat es länger gedauert. Als er dann 2024 bei uns war, hat es ihm so gut gefallen, dass ich gleich den nächsten Termin eintakten durfte.

Und wann kommt er wieder?

Das verrate ich noch nicht. Die Enthüllung des Ybbsiade-Programms findet ja immer feierlich im November statt, davor wird es penibelst unter Verschluss gehalten.

Wen wünschst du dir noch für die Ybbsiade?

Michael Niavarani war noch nie bei uns. Wenn er wüsste, welche Ideen ich schon hatte, um ihn nach Ybbs zu locken. Da hätte er doch hoffentlich Mitleid mit mir. Aber ich fürchte, sein Management hat ihn damit nicht belastet, daher warte ich immer noch. Auch Josef Hader laufe ich seit Ewigkeiten nach, aber vielleicht klappt es ja zum 40. Jubiläum im Jahr 2029.

Gerade in Zeiten, in denen die Menschen Sorgen und Ängste haben, finde ich es wichtig, wenn man sich um einen fairen Preis einen schönen Abend machen kann.

So weit schaust du in die Zukunft?

Ja, man muss doch mindestens zwei Jahre im Voraus alle Entwicklungen und Geschehnisse im Blick haben. Da werden da und dort schon Einzeltermine eingebucht, bis das Puzzle komplett ist.

Tust du dir als Nicht-Künstlerin schwerer oder leichter damit, ein Kabarettfestival zu leiten?

Ich höre oft, dass es gar kein Nachteil ist, als Intendantin nicht auch Künstlerin zu sein. Ich denke, es hat beides Vor- und Nachteile. Ich bin Lebenskünstlerin (lacht). Nein, Spaß beiseite, ich habe eine Marketing- und Eventagentur, somit bin ich auch ein bunter Vogel, der vielleicht doch einen ganz guten Blick für Organisatorisches und Kreatives hat.

Außerdem bin ich seit meiner Kindheit mit der Kabarettszene vertraut. In meiner Maturazeitung hat man mich als „die Kulturmanagerin“ vorgestellt. Das passt also ganz gut, was ich so mache. Und es bereitet mir vor allem riesengroßen Spaß. Stress ist es schon auch – und zwar ein gigantischer –, aber den kann man gut bewältigen, wenn man an der Arbeit Freude hat und auch einen Sinn erkennt.

Manuel Rubey und Simon Schwarz
Manuel Rubey und Simon Schwarz auf der Ybbsiade 2026 © Ingo Pertramer
Was bedeutet die Ybbsiade für Ybbs?

Die Ybbsiade ist eine eigene Jahreszeit in Ybbs. Das hab ich von Anfang an so gehört und das betont auch unsere Bürgermeisterin Uli Schachner immer. Und das nicht nur wegen der enormen Umwegrentabilität. Es ist auch eine besondere Stimmung im April, das Festival färbt auf die ganze Stadt ab. Es kommen auch viele auswärtige Gäste. Unlängst hat mir jemand erzählt, dass er Ybbsiade-Karten um 1.700 Euro gekauft hat, weil er so viele Auftritte sehen möchte. Das spricht doch Bände, oder? Das heißt, unser Festival hat schon einen gewissen Namen. Auch die Künstler*innen selbst lassen es sich nach dem Auftritt noch in Ybbs gutgehen.

Welche Starallüren hast du da bis jetzt erlebt?

Starallüren überhaupt nicht, manches ist einfach nur lustig. Und ja, natürlich: Künstler*innen möchten sich darauf verlassen dürfen, dass alles da ist, was sie brauchen, damit ihr Auftritt reibungslos abläuft. Aber dafür sind wir schon bekannt, dass man sich bei uns verlassen kann und nicht verlassen ist (lacht).

Manches war schon zum Schmunzeln. Zum Beispiel hat ein Künstler seine eigene Dartscheibe samt Teppich mitgebracht, weil er für einen Wettkampf üben musste. Und ein bekannter Austropopper wollte zehn hartgekochte Eier in einer Glasschale – die waren nach seiner Abreise alle noch da. Manchmal gibt es auch Anweisungen wie „Der Künstler isst Gummibärli, aber nur die grünen“ – das war wohl eher ein Test, ob die Anweisungen gelesen werden.

Dann gab es einen Musiker, für den eine Woche vorher vom Management eine genaue Vorgabe gekommen ist, dass wir ihm nicht zu nahe kommen und ihm auch nicht in die Augen schauen dürfen. Und, dass nur ein Foto erlaubt ist und das mit einem Meter Abstand. So etwas Ähnliches hatten wir auch bei einem deutschen Schauspieler – ich möchte keine Namen nennen: Da hat das Management im Vorfeld alles abgeblockt. Jedes Interview wurde uns verwehrt. Und dann saß er in Ybbs super gesprächig und gut gelaunt auf einer Mauer an der Donau und hat zu mir gesagt: „Ich verstehe das nicht, interessiert sich die Presse überhaupt nicht für mich?“

Lustig war auch eine Geschichte mit der Falco-Band, wo ein Musiker in der Jogginghose angereist und in Ybbs draufgekommen ist, dass er den Koffer mit dem Gewand daheim vergessen hatte. In Ybbs gab es damals zwei Modegeschäfte. Im einen hab ich ihm kurz vor der Show noch schnell eine Hose besorgt und im anderen ein Hemd – nur nach Augenmaß und das Ganze mit einer gebrochenen Zehe. Er hat nachher gemeint, das war das bequemste Bühnen-Outfit, das er jemals hatte. Solche Anekdoten sind natürlich wunderschöne Erinnerungen.

Bedeutet die Teuerung eigentlich auch teurere Ybbsiade-Karten?

Wir haben die Kartenpreise heuer um einen Euro angehoben. Die Karten kosten bei uns zwischen 29 und 62 Euro. Kabarett ist vergleichsweise immer noch günstig. Es muss für alle leistbar bleiben.

Gerade in Zeiten, in denen die Menschen Sorgen und Ängste haben, finde ich es wichtig, wenn man sich um einen fairen Preis einen schönen Abend machen kann. Humor brauchen wir, davon bin ich überzeugt. Gemeinsames Erleben auch, daher ist unser Motto der heurigen Ybbsiade: Besser gemeinsam als einsam!

Die 37. Ybbsiade findet vom 9. April bis zum 2. Mai statt. Seit 1989 veranstaltet die Stadtgemeinde Ybbs an der Donau jährlich ein drei- bis vierwöchiges Kabarett- und Kulturfestival. Gespielt wird in der Ybbser Stadthalle.

Heuer dabei sind unter anderem die Kernölamazonen, Gery Seidl, Roland Düringer, Ernst Molden & Das Frauenorchester sowie Peter Filzmaier & Armin Wolf. Außerdem gibt es einen Zusatztermin im November mit dem TV-Hit „Single Bells“ live auf der Bühne.

Ybbsiade – Website

Abdelkarim: Schleichender Rassismus ist gefährlicher als offener

Wenn Comedian Abdelkarim über das Scheitern spricht, klingt das nicht nach Resignation, sondern nach einer Kampfansage. Zwischen pointierten Alltagsbeobachtungen und klarer Haltung gegen Rassismus zeigt der 44-Jährige, warum Humor mehr sein kann als bloße Unterhaltung – nämlich ein Mittel, um gesellschaftliche Entwicklungen einzuordnen, Widersprüche offenzulegen und dem Publikum zugleich den Spiegel vorzuhalten.

Warum bei ihm selbst Plan Z noch Hoffnung macht, was ein Supermarkt-Missverständnis mit Identität zu tun hat und wieso Meinungsfreiheit keine Bühne für Menschenverachtung ist, hat er funk tank vor seiner Live-Tour erzählt …

funk tank: Dein neues Programm heißt „Plan Z“. Bezieht sich das auf die Gen Z oder darauf, dass alle anderen Optionen schon ausgeschöpft sind?

Abdelkarim: Warum kleine Pläne, wenn man auch mit großen scheitern kann? Das ist mein Lebensmotto. Plan Z zeigt, dass Scheitern im Leben dazugehört. Aber nach dem Scheitern geht’s weiter. Man macht kurz Pause, aber schaltet dann in den Rocky-Modus. Wenn Plan B scheitert, läuft sich Plan Z erst langsam warm.

Wer ist dein Zielpublikum: Migrant*innen, die sich verstanden und abgeholt fühlen, oder sogenannte autochthone Deutsche, die sich in ihrer positiven Einstellung gegenüber Menschen mit Migrationsgeschichte bestätigt fühlen können?

Ich erzähle seit meiner Kindheit gern lustige Geschichten und freue mich über jede*n, die oder der dabei ist. Völlig schnuppe, ob jemand hellweiß oder dunkelschwarz ist. Hauptsache, das Publikum nimmt sich selbst nicht zu ernst.

In Deutschland hat sich die AfD verdoppelt und Platz zwei erreicht, in Österreich ist die FPÖ sogar klar Erste geworden. In deiner Heimatstadt Duisburg kam der AfD-Kandidat in die Bürgermeister-Stichwahl. Machen dir solche politischen Entwicklungen Angst?

Angst allein wird genauso wenig bringen wie eine zu entspannte „Wir beruhigen uns“-Haltung. Wir sollten diese Entwicklungen nicht größer machen, als sie sind, aber auch nicht kleiner. Viel gefährlicher als der offene, laute Rassismus ist der schleichende Rassismus, den wir in die Mitte der Gesellschaft lassen.

Menschen, die Rassist*innen eine Plattform bieten, tun gerne so, als wären sie die letzten Power Rangers, die sich für Meinungsfreiheit einsetzen. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Meinungsfreiheit heißt nicht, dass jede menschenverachtende Position ein Publikum verdient. Rassismus wird nicht harmlos, nur weil er höflich formuliert ist.

Ich meine jetzt nicht Talkshows, die Rassist*innen inhaltlich stellen wollen, sondern Menschen, die freiwillig und stolz mit Rassist*innen rumkumpeln und sich dabei wie die Verteidiger*innen der Freiheit fühlen. Diese Menschen haben das Grundgesetz noch weniger verstanden als die Rassist*innen selbst.

Ein Thema, das sich durch deine Programme zieht, ist der Generationen-Gap: Alte verstehen Junge nicht mehr, Junge finden Alte peinlich. Was können wir Älteren (ich zähle mich mit meinen 44 Jahren dazu) von den Jungen lernen?

Einiges. Ich finde es zum Beispiel immer wieder bemerkenswert, wie junge Menschen es schaffen, Sachen auf den Punkt zu bringen.

Ich habe mal zwei Jugendliche gesehen – etwa 14 Jahre alt –, die auf einer Bank saßen und Papierkrümel in den Mülleimer warfen. Mal trafen sie, mal nicht. Ein älterer Herr fand das nicht in Ordnung und fragte die beiden ernsthaft: „Habt ihr schon mal was von ‚nachhaltig‘ gehört?“ Einer der Jugendlichen antwortete: „Deine Mutter ist nachhaltig.“

War der Satz okay? Nein. Habe ich ihn gefühlt? Ja! Das war einfach eine Kurzversion für: „Werter Herr, gehen Sie bitte weiter.“

Kabarett und Comedy leben von Überhöhung. Aber ist bei den ganzen 
Anekdoten zu Ali, Polizist*innen oder U-Bahn-Fahrgästen überhaupt etwas 
übertrieben?

Das Allermeiste ist tatsächlich so passiert. Aber hier und da muss ich natürlich dramaturgisch würzen – ganz ohne Hollywood geht es nicht.

Gibt es beim Humor eine rote Linie, die für dich nicht überschritten werden darf?

Ich habe keine allgemein gültige Regel für alle Comedians auf der Welt. Ich versuche auf der Bühne, die Comedy so zu gestalten, dass zum Beispiel die Zuschauer*innen, über die ich Witze mache, am meisten Spaß haben. Natürlich kommt es schon mal vor, dass sich jemand angegriffen fühlt.

Man sollte bei Comedy im Optimalfall nicht zu empfindlich sein. Genauso darf man als Comedian aber nicht zu empfindlich reagieren, wenn es Kritik gibt – vor allem dann nicht, wenn die Kritik nachvollziehbar und berechtigt ist.

Wirst du von Fans auf der Straße angesprochen?

Das kommt ab und an vor. Einige grüßen, ab und zu gibt es Smalltalk – und manchmal werde ich verwechselt.

Vor ein paar Tagen stand ich zum Beispiel beim Edeka an der Kasse. Eine Mitarbeiterin sagte zu mir: „Sie haben hier Hausverbot.“ Ich dachte zuerst, sie habe mich als „den Comedian Abdelkarim“ erkannt und macht einen Scherz. Irgendwann trat ihr Kollege hinzu und sagte: „Sie haben gehört, Sie haben hier Hausverbot. Nehmen Sie die Sachen vom Band und verlassen Sie den Laden!“ Ich antwortete: „Cool, ich muss gar nicht zahlen. Ich darf einfach so die Sachen nehmen und gehen?“ Dann sagte die Mitarbeiterin: „Oh, Entschuldigung, ich glaube, ich verwechsle Sie … ja, das tue ich.“ Na toll, dann musste ich doch noch zahlen.

Du erzählst ja auch viel von Polizeikontrollen. Waren diese Geschichten schon einmal ein Thema bei einer privaten Begegnung mit der Polizei?

In München am Hauptbahnhof hat mich mal ein Polizist in Uniform gefühlt eine halbe Stunde lang gemustert. Ich war mir sicher: Okay, gleich werde ich kontrolliert. Irgendwann kam er schließlich zu mir und sagte: „Ich war mir erst unsicher – kenne ich Sie aus dem TV oder hatten wir beruflich schon mal miteinander zu tun?“

Ich nehme an, mit dem deutschen Pass ist es einfacher für dich geworden. Warum hast du ihn dir eigentlich erst voriges Jahr geholt, obwohl du ja in Bielefeld geboren bist?

Ich habe mir lange gedacht, dass der deutsche Pass nichts an meinem Leben ändern würde. Wie andere mich wahrnehmen oder wie ich sie wahrnehme. Irgendwann habe ich aber eingesehen, dass bei den Wahlen doch jede Stimme zählt. Dann habe ich den deutschen Pass beantragt. Ich bin seitdem nicht deutscher oder marokkanischer als vorher, aber ich darf wählen. Und das Reisen ist viel entspannter.

Menschen, die Rassist*innen eine Plattform bieten, tun gerne so, als wären sie die letzten Power Rangers, die sich für Meinungsfreiheit einsetzen. Das ist natürlich völliger Blödsinn. Meinungsfreiheit heißt nicht, dass jede menschenverachtende Position ein Publikum verdient. Rassismus wird nicht harmlos, nur weil er höflich formuliert ist.

Du hast kurz Islamwissenschaft, Germanistik und Jura studiert. Hilft das bei deiner Comedy, wenn es darum geht, Zusammenhänge zu sehen, Dinge in einen Kontext zu setzen und nicht bloß mit einer Pointe Lacher abzuholen, sondern dem Publikum auch ein bisschen Mehrwert an Wissen mitzugeben?

Das Studium hilft mit Sicherheit hier und da. Ich habe es ja nicht ohne Grund erfolgreich abgebrochen. Ich habe auch schon mit Zuschauer*innen gesprochen, die mir Dinge gesagt haben, die ich vorher nicht wusste.

Ich habe zum Beispiel einmal in Wien einen Zuschauer gefragt, aus welcher Ecke der Stadt er kommt. Er sagte: „20. Bezirk.“ Ich habe dann gefragt: „Was kann ich mir unter dem 20. Bezirk vorstellen?“ Darauf rief ein anderer Zuschauer: „Du würdest dich da wohlfühlen.“ Da muss ich unbedingt mal hin.

Apropos Wien: Bei uns in Österreich spricht man seit Jahrzehnten generell vom Kabarett, da ist die Comedy erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten von Deutschland herübergeschwappt. Wie ist das in der deutschen Szene: Gibt es in Deutschland eine klare Trennung zwischen Kabarettist*innen und Comedians? Wo ordnest du dich ein?

Ich habe die Unterscheidung noch nie wichtig gefunden. Hauptsache, ich habe beim Zuschauen Spaß. Und viele machen ja beides. Ich sehe mich als Comedian. Ob ich Comedy oder Kabarett mache, entscheide ich erst nach der Show: Wenn die Zuschauer*innen viel gelacht haben, war es Comedy. Wenn nicht, war es Kabarett zum Nachdenken.

Vor drei Jahren hast du bei „Let’s dance“ mitgemacht. Damals hast du gesagt: „Ich weiß selbst nicht, warum ich da mitmache.“ Weißt du es jetzt im Rückblick?

Ich habe mich fast nicht getraut, weil ich vorher noch nie getanzt hatte. Aber dann habe ich mir gedacht: Ich denke nicht zu viel darüber nach und lasse mich einfach darauf ein. Und es war eine super Entscheidung. Es hat Riesenspaß gemacht, und ganz nebenbei habe ich mit einem Vorurteil aufgeräumt: Man hört ja immer wieder: „Ach, die Südländer, die können sich alle so toll bewegen.“ Seit meiner Teilnahme bei „Let’s Dance“ hört man das nicht mehr so oft.

Abdelkarim (bürgerlich Abdelkarim Zemhoute) ist deutscher Comedian marokkanischer Herkunft, der mit scharfem Humor gesellschaftliche Themen wie Rassismus, Rechtspopulismus und den Generationenkonflikt auf die Bühne bringt.

Am 21. März kommt er mit seinem aktuellen Soloprogramm „Plan Z – jetzt will er’s wissen!“ in den Wiener Stadtsaal. Weitere Termine u. a.: 22. März – St. Pölten, 18. & 19. April – Bonn, 22. Mai – Erfurt, 10. Juni – München.

Abdelkarim – Website

Claudia Rohnefeld: „Mir ist ein Theater in den Schoß gefallen“

25 Jahre ist es her, dass Gerald Pichowetz das Gloria Theater an der Prager Straße in Wien-Floridsdorf gegründet hat. Ein knappes Vierteljahrhundert leitete der Publikumsliebling das Haus, ehe er im Juni 2024 im Alter von 59 Jahren verstarb. Nur wenige Stunden vor seinem Tod stand Claudia Rohnefeld mit Gerald Pichowetz auf der Bühne – nun tritt sie in seine Fußstapfen und läutet mit der Wiedereröffnung am 10. März eine neue Ära ein. funk tank hat sie im Haus beim Floridsdorfer Spitz besucht, das nach eineinhalb Jahren Leerstand nun runderneuert wird.

Ein Gespräch mit der Hausherrin über die Zukunft des Gloria Theaters und Rohnefelds Vergangenheit im Simpl, wo sie auch die erst dritte Conférencière in mehr als hundert Jahren war.

funk tank: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie das Gloria Theater übernommen haben?

Claudia Rohnefeld: Etwa eineinhalb Monate vor seinem Tod hat mich Gerald Pichowetz gefragt: „Magst du’s haben?“ Wir haben aber danach nie wieder darüber geredet. Als er dann gestorben ist, wollte seine ehemalige Freundin Angelika Zoidl, die auch Direktionsmitglied war, das Haus nicht weiterführen. Sie wurde zwar von der Stadt Wien gefragt, hat aber abgelehnt. Und gleichzeitig gesagt: Wenn sie einen Namen empfehlen dürfte, dann wäre es meiner. Da wusste ich noch gar nichts davon. Ich selbst habe nicht aufgezeigt, sondern mir ist ein Theater in den Schoß gefallen.

Eine große Aufgabe.

Da ich aufgrund meiner Tätigkeit als Schauspielerin, Intendantin und Regisseurin wirklich mein Handwerk schon lang genug beherrsche, weiß ich auch hier, was ich tue: nix anderes als das, was ich seit über dreißig Jahren mache, nämlich Theater. Zu mir sagen ganz viele Kolleginnen und Kollegen: „Du bist aber mutig.“ Da kann ich nur sagen: Nein, überhaupt nicht. Ich weiß ja, was ich tue – und das seit 1994. Ich mach nix, was ich nicht schon einmal gemacht hätte. Seit ich meine Schauspielausbildung begonnen habe, weiß ich, was ich auf der Bühne tun muss.

Gab es eigentlich ein Berufsleben vor der Schauspielausbildung?

Nein. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich schon mit drei Jahren wusste: „Ich möchte Schauspielerin werden.“ Ich hatte nie einen anderen Berufswunsch. Ich habe zwar brav die Matura gemacht, weil man es halt so macht, aber sofort danach bin ich in die Schauspielschule Krauss gegangen. Spätestens als ich in den Achtzigern „Cats“ gesehen hab, war klar: Das ist es. Für mich gibt es nix anderes als die Schauspielerei. Zum Bedauern meiner Eltern, glaube ich.

Und jetzt sind Sie sogar Theaterdirektorin.

Ja, verrückt. Das Gute ist, dass ich an meiner Seite einen Theatermanager habe: meinen Co-Direktor Michael Mittermeier, der alles Kaufmännische macht. Und ich übernehme alles Künstlerische. Somit brauche ich mich nicht ums Geld zu kümmern – ist das nicht schön? (Sie schmunzelt.)

Welches Programm dürfen wir im Gloria Theater künftig erwarten? Wird es neue Akzente geben?

Es wird auf jeden Fall meine Handschrift haben, weil ich auch inszenieren werde. Aber es bleibt ein Komödien- und Boulevard-Haus. Das Gloria Theater ist ja das größte Boulevard-Haus Wiens und das soll es auch bleiben. Gerade der Standort hier im Norden der Stadt ist gut und wichtig dafür.

Das Ensemble von "Der nackte Wahnsinn" im Gloria Theater
Das Ensemble von "Der nackte Wahnsinn" im Gloria Theater © Gloria Theater
Das Publikum im Gloria Theater ist doch eher älter. Lässt es sich verjüngen, damit das Haus langfristig eine Zukunft hat?

Mein Anspruch ist, dass sich die Generationen bei uns im Haus überschneiden. Wenn etwas lustig ist, können alle darüber lachen.

Um die Jungen ins Theater zu locken, muss man sie wohl vorher in den sozialen Medien erreichen.

Ja. Wir haben eine eigene Social-Media-Betreuerin. Ich kenne aber auch schon einige Kniffe. Also wenn künftig dort etwas auftaucht, könnte es auch von mir persönlich sein. (Sie schmunzelt wieder.)

Apropos Verjüngung: Das Haus wird gerade runderneuert. Wie groß war der Renovierungsbedarf?

Es ist fast 25 Jahre lang kaum etwas gemacht worden. Bei der jetzigen Übernahme war auch der Vermieter daran interessiert, einige Dinge zu erneuern. Zum Beispiel ist die gesamte Elektrik ausgetauscht worden. Die Sanitärbereiche hat auch der Vermieter neu gemacht. Nach dem Tod von Gerald Pichowetz ist das Gloria Theater leider in eine Insolvenz geschlittert, da kam es dann zu einer Versteigerung. Was wir dabei nicht ersteigern konnten, mussten wir nachkaufen, zum Beispiel das Mobiliar im Zuschauer*innen-Bereich und im Foyer. Die Bestuhlung im Saal ist erhalten geblieben, sie ist Eigentum der Stadt Wien. Wir mussten im Proben- und Bürobereich neue Böden verlegen. Im Foyer haben wir neu ausgemalt. Und es gibt auch eine schöne neue Tapete, auf die ich mich schon sehr freue. Ich hab im Interieur-Bereich eine kleine Ausbildung – da kann ich jetzt meine Kenntnisse nutzen. (Erneutes Schmunzeln.)

So eine Renovierung bedeutet aber auch, dass man erst einmal viel Geld in die Hand nehmen muss, bevor man auch nur einen Cent eingenommen hat.

Das ist richtig. Natürlich muss man Geld in die Hand nehmen, damit sich die Zuschauer*innen ab der Türschwelle wohlfühlen und gerne wiederkommen. Das fängt damit an, dass wir den Barbereich und die Garderobe erneuern, dass sich die Leute vom ersten Achterl, das sie an der Bar trinken, bis zum Stück, das sie sehen, wohlfühlen. Wir schenken übrigens einen Floridsdorfer Wein aus. Ich bemühe mich um Nachhaltigkeit und Regionalität, soweit es die Finanzen erlauben.

Bedeutet Nachhaltigkeit auch, dass das bestehende Ensemble um Christoph Fälbl und Andreas Steppan bleibt?

Unbedingt! Der Altbestand – ich sage das jetzt nicht despektierlich, sondern äußerst liebevoll – bleibt erhalten. Aber es werden auch Kolleginnen und Kollegen hier spielen, die noch nie im Gloria Theater waren. Zum Beispiel Steffi Paschke, die ich aus dem Kabarett Simpl kenne und auf die ich mich wahnsinnig freue. Das sind so meine liebevollen Schätze, die ich ausgrabe und auf die Bühne bringe.

Apropos Simpl, da waren Sie ...

Jaja, ich war die dritte Conférencière. In meinen zwölf Jahren am Simpl habe ich bei sechs Revuen mitgemacht, davon zwei confériert und drei Jahre „Krawutzi Kaputzi“ gespielt. Also ich glaube, die Komödie und den Humor kann ich ganz gut, wenn ich will. (Schmunzelnd.)

Ich hatte nie einen anderen Berufswunsch. Ich habe zwar brav die Matura gemacht, weil man es halt so macht, aber sofort danach bin ich in die Schauspielschule Krauss gegangen. Spätestens als ich in den Achtzigern „Cats“ gesehen hab, war klar: Das ist es. Für mich gibt es nix anderes als die Schauspielerei.

Sind Sie enttäuscht, dass nach Ihnen keine weitere Frau in der Position des Conférenciers nachgekommen ist?

Nein, wir wissen ja nicht, was die Zeit noch bringt. Joachim Brandl, der aktuell Conférencier ist, macht das hervorragend. Und er tut auch das, was ein Conférencier machen muss, nämlich das politische Tagesgeschehen humorig auf die Bühne zu bringen. Das kann der Joachim sehr, sehr gut. Wer ihm nachfolgen wird, wissen wir nicht. Durchaus möglich, dass es wieder eine Frau sein wird, warum auch nicht?

Es ist halt schon was anderes, als „nur“ im Ensemble zu spielen, oder?

Ich war noch unter Direktor Albert Schmidleitner Conférencière. Damals war der Anspruch, dass das eine zwanzigminütige Nummer ist. Und gerade im Simpl ist man durch den wenigen Platz auf der Bühne sehr nah am Publikum. Direkt vor dir sitzen die ersten Zuschauer*innen, direkt hinter dir ist der rote Vorhang. Das Simpl-Publikum ruft auch gern einmal was herein oder redet mit – das ist oft sehr lustig. Und natürlich, wenn jemand zu spät kommt, da hat man sehr viele humorige Anhaltspunkte. Aber es ist auf jeden Fall etwas anderes. Ich glaube, dass man Conférieren und Theaterschauspielen gar nicht miteinander vergleichen kann.

War es eine große Überwindung für Sie?

Nein. Aber man muss sich wirklich extrem mit der Tagespolitik beschäftigen, damit man aktuell bleibt. Und das muss man halt auch können. Ich habe gesagt: „Ich kann das lustig verkaufen. Ich weiß nur nicht, ob ich auch tatsächlich eine Conférence selber schreiben kann.“ Letztlich ist es mir manchmal sehr gut gelungen und manchmal weniger, wie es halt in jedem Job passiert. Natürlich hat mir Michael Niavarani als Künstlerischer Leiter immer geholfen und mir auch ein bisschen auf die Finger geschaut. Und vor allem bei der ersten Conférence hat er geschaut, in welche Richtung es geht. Aber da hat er gesagt: „So viel zu ändern ist da gar nicht.“ Auch Oliver Baier hat sich mit der einen oder anderen Wuchtel eingebracht. Also, ich war nicht alleine.

Gab es Gags von Ihnen, die rausgestrichen worden sind?

Überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Das, was ich geschrieben hab, das ist dann schon so geblieben. Höchstens ergänzt um die eine oder andere Wuchtel. Ich weiß noch, dass ich damals die ersten Dinge über Donald Trump gesagt habe.

Trump-Witze wird es im Gloria Theater eher nicht geben.

Nein. Ich möchte eigentlich auch so wenig wie möglich über ihn reden, weil er eh dauernd präsent ist. Da braucht er nicht auch noch von mir Aufmerksamkeit.

Das erste Stück, das zur Neueröffnung gespielt wird, „Der nackte Wahnsinn“, ist eine sehr entlarvende Komödie über das Theater. Ist die Realität hinter der Bühne tatsächlich so, wie sie Autor Michael Frayn in seinem Stück skizziert?

Es sind natürlich einige Dinge überzeichnet, aber es entspricht schon der Wahrheit. Wir hatten gestern eine erste Probe. Und im Stück spricht der Regisseur den einen Darsteller immer mit „Schatzilein“ an. Nach der Probe hat Christoph Fälbl, mit dem ich seit über dreißig Jahren befreundet bin, angefangen: „Du Schatzilein, hast du schon ...?“ Und ich hab zu ihm gesagt: „Stoffi, wir sind wie im Stück!“ (Sie lacht.) Und ja, im Theater kann es auch die gröbsten Streitereien oder Affären geben.

Wie schaut der weitere Spielplan im Gloria Theater aus?

Gleich im Anschluss an „Der nackte Wahnsinn“ spielen wir „Zwei links, zwei rechts“, eine Verwechslungskomödie mit zwei Ehepaaren in einem englischen Landhaus. Die ist auch wahnsinnig lustig, da hab ich beim Lesen schon so unfassbar viel gelacht. Grundsätzlich werden wir in erster Linie bei Boulevardkomödien bleiben, aber es wird zwischendurch auch wieder eine Musikkomödie geben, weil ich weiß, dass das sehr gut beim Publikum ankommt. Also eine Komödie mit viel Musik, kein Musical.

Werden Sie auch selbst wieder auf der Bühne stehen?

Ich spiele im Mai zweimal mein Duo-Programm „Im Pyjama seiner Majestät“ mit Thomas Schreiweis, das ist eine Krimikomödie. Sonst bin ich jetzt einmal in erster Linie damit beschäftigt, zu inszenieren – und ich bin ja auch noch Theaterleiterin, das allein ist schon ein Fulltime-Job. Aber ich werde mir nächste Saison die Zeit nehmen, auch auf der Bühne zu stehen, damit die Leute sehen, wer da jetzt eigentlich in der Direktion herumsitzt.

"Der nackte Wahnsinn" im Gloria Theater
© Gloria Theater

Claudia Rohnefeld ist Schauspielerin, Regisseurin und Intendantin. Bekannt wurde sie unter anderem als langjähriges Ensemblemitglied des Kabarett Simpl, wo sie als dritte Conférencière in der über hundertjährigen Geschichte des Hauses auftrat.

Das Gloria Theater wird am 10. März neu eröffnet. Das Haus am Floridsdorfer Spitz gilt als größtes Boulevardtheater Wiens und setzt auch mit der neuen Hausherrin Claudia Rohnefeld weiterhin auf Komödien und unterhaltsames Sprechtheater.

Gloria Theater

Hautpflege mit Haltung im Familienunternehmen Dr. Joseph

Seit 1986 steht TEAM DR JOSEPH für Naturkosmetik mit Qualität, Wirksamkeit und Verantwortung. Gegründet von Erb. Dipl. Dr. Joseph Franz, ist die Marke heute ein internationales Familienunternehmen, das hochwertige Hautpflege mit Forschung und der Kraft der Natur vereint.

Lena Franz, Tochter des Gründers, leitet zentrale Bereiche des Familienunternehmens und repräsentiert gemeinsam mit ihren Brüdern Fabian und Viktor die nächste Generation. Im Interview erzählt sie, wie es ist, in einem Umfeld groß zu werden, in dem Familiengeist und unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen. Ein Gespräch über Transparenz, wirksame Inhaltsstoffe, individuelle Pflege und darüber, warum Nachhaltigkeit für die Unternehmer*innen kein Trend, sondern gelebte Haltung ist.

funk tank: TEAM DR JOSEPH ist ein Familienunternehmen. Welche Vorteile bringt das und wo wird das zur Herausforderung?

Lena Franz: Es ist herausfordernd, aber es hat definitiv mehr Vorteile als Nachteile. Klar gibt es Familien, die sich nicht verstehen. Bei uns ist es so, dass wir uns gut kennen und uns gegenseitig vertrauen. Dadurch können wir auch schneller Entscheidungen treffen.

Natürlich gibt es Reibungen, die gehören dazu. Manchmal ist eine Diskussion emotional aufgeladener, aber als Familie verzeiht man sich auch vieles schneller.

Wir ergänzen uns gut, weil wir aus total unterschiedlichen Bereichen kommen. Mein ältester Bruder Fabian hat ursprünglich Architektur studiert. Viktor hat Marketing und Wirtschaft gelernt und ich komme aus einem ganz anderen Bereich – ich habe Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert und einen Master in Philosophie. Wien war übrigens auch elf Jahre lang mein Lebensmittelpunkt.

Unser Vater ist das beste Beispiel für Vielfalt: Er ist klassischer Betriebswirt, aber gleichzeitig ausgebildeter Pflanzenheilkundler, er hat Erboristeria in Italien studiert. Das sind vermeintliche Gegensätze, die sich bei uns treffen. Ich finde das sehr fruchtbar, weil unterschiedliche Perspektiven und Erfahrungen ins Unternehmen eingebracht werden. Wenn alle das Gleiche studiert hätten und in die gleiche Richtung schauen würden, hätte man viele blinde Flecken. So wird alles aus unterschiedlichen Richtungen diskutiert und am Ende kommt meist eine Lösung heraus, von der wir alle überzeugt sind.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Ihrem Vater, der die Marke gegründet hat?

Er hat uns immer komplett freie Hand gelassen und das ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Wir kennen viele Beispiele, wo der Senior bis 90 im Unternehmen sitzt und alles entscheidet. Da haben wir wirklich großes Glück.

Ihn hat immer mehr die Forschung interessiert – welche Pflanzen verwendet man wofür und diese Dinge. Er ist ein sehr großer Forscher. Wenn ihn ein Thema begeistert, findet man ihn hinter Büchern mit Stapeln an Informationen und Wissen.

Wir Kinder haben uns die Bereiche aufgeteilt, jede*r hat eigene Verantwortlichkeiten und das funktioniert gut. Die Übergabe war fließend und ungezwungen. Von der Seite unseres Vaters gab es nie den Druck, dass wir das Unternehmen weiterführen müssen. Es war ein freiwilliger Prozess.

Ich glaube, man verbringt einen Großteil seines Lebens bei der Arbeit. Und dort etwas Sinnvolles zu machen, etwas Eigenes, hinter dem man zu 100 % stehen kann – das ist für mich persönlich sehr wichtig. Unsere Philosophie ist uns in die Wiege gelegt worden.

Nachhaltigkeit war bei Ihnen sehr früh Thema, lange vor dem heutigen Hype.

Ja, das wurde uns gewissermaßen auch in die Wiege gelegt. Unser Vater hat das Unternehmen 1986 gegründet und damals war Naturkosmetik noch in den Kinderschuhen. Naturkosmetik wurde da eher belächelt.

Man merkt diesen Pioniergeist im Unternehmen bis heute. Da ist ein Gründer, der sehr lange gegen den Strom geschwommen ist und davon überzeugt war, dass das für ihn der richtige Weg ist. Für uns ist das daher die natürliche Richtung.

Wir haben das Glück sagen zu können, dass wir ein Unternehmen sind, das nicht auf einen Trend aufgesprungen ist, sondern seit Beginn aus tiefster Überzeugung so arbeitet. Das war viele Jahre nicht einfach, auch weil Rohstoffe extrem limitiert waren. Heute ist das Spektrum breiter, weil der Markt sich verändert hat.

TEAM DR JOSEPH ist Viktor Franz, Lena Franz, Joseph Franz und Fabian Franz
TEAM DR JOSEPH ist Viktor Franz, Lena Franz, Joseph Franz und Fabian Franz © TEAM DR JOSEPH

Das neue Buzzword ist für mich nicht mehr Nachhaltigkeit, sondern Transparenz. Nachhaltig ist inzwischen irgendwie jede*r – der Begriff ist überstrapaziert und fast schon leer. Transparenz hingegen ist entscheidend. Genau daran haben wir in den letzten Jahren sehr intensiv gearbeitet.

Welche Rolle spielt Südtirol für Ihre Marke?

Südtirol ist für uns der Ort, wo wir hineingeboren wurden und geblieben sind. Hier fühlen wir uns wohl, hier sind unsere Mitarbeiter*innen, hier ist unser Ursprung. Die Region steht für Handwerkskunst, Qualität und Präzision, das prägt uns.

Was wir aber nicht sind, ist alpine Kosmetik. Wir beziehen unsere Roh- und Wirkstoffe dort, wo die Pflanzen heimisch sind, weil sie dort ihre intensivste Kraft entwickeln. Die alpine Region bietet spannende Rohstoffe wie Edelweiß, aber diese sind limitiert. Deshalb arbeiten wir mit einem sehr breiten Wirkstoffspektrum.

Südtirol begeistert natürlich auch unsere Kundinnen und Kunden, wir sind primär in der DACH-Region präsent. Der ganze Spa- und Wellness-Bereich kommt aus der alpinen Region, daraus haben wir uns ja auch ursprünglich heraus entwickelt.

Wo sind Ihre Produkte erhältlich?

Zum Beispiel in Wien bei Staudigl, außerdem in 4- und 5-Sterne-Hotels, bei Kosmetikinstituten, ausgewählten Retail-Partnerinnen und Partnern und natürlich in unserem Online-Shop.

Wir haben ja schon kurz über Nachhaltigkeit gesprochen. Sie veröffentlichen jährlich einen Nachhaltigkeitsbericht, das ist schon next level. Wo sehen Sie sich als Vorreiter und wo gibt es noch etwas zu tun?

Nachhaltigkeit ist ein Bereich, in dem immer Luft nach oben ist. Wir arbeiten daran aber schon sehr lange, seit den 1980er-Jahren. Und auch wir haben da sicher nicht immer alles richtig gemacht. Packaging ist da ein großes Thema, das erst ein jüngeres Phänomen ist.

International positioniert uns die Vielzahl unserer Zertifizierungen. Die Kombination aus B Corp, PETA, COSMOS, Plastikneutral und Net-Zero ist in der Kosmetikbranche selten. Die B Corp-Zertifizierung ist eine Unternehmenszertifizierung und muss alle drei Jahre erneuert werden – mit verbessertem Punktestand. Da wären wir wieder bei der Luft nach oben.

Wir arbeiten mit Plastic Bank, wo Menschen in Entwicklungs­ländern Plastik sammeln und gegen Einkommen tauschen können. Außerdem mit dem Green Future Project, wo wir unsere CO₂-Emissionen tracken und kompensieren.

Unsere oberste Prämisse ist immer: zuerst reduzieren, dann kompensieren. Unsere eigene Produktion in Südtirol läuft zu 100 % mit erneuerbarer Energie.

Wie wichtig ist Nachhaltigkeit für Ihre Kundinnen und Kunden?

Wenn ein Produkt nicht wirkt, hilft auch Nachhaltigkeit nichts. Hautpflege wird wegen ihrer Funktion gekauft. Wenn das passt, wird Nachhaltigkeit für viele zur Entscheidungshilfe.

Für uns war Nachhaltigkeit lange selbstverständlich, deshalb haben wir sie wenig kommuniziert. Heute sehen wir, dass Zertifizierungen auch Orientierung für Käufer*innen bieten.

Das neue Buzzword ist für mich nicht mehr Nachhaltigkeit, sondern Transparenz. Nachhaltig ist inzwischen irgendwie jede*r – der Begriff ist überstrapaziert und fast schon leer. Transparenz hingegen ist entscheidend. Genau daran haben wir in den letzten Jahren sehr intensiv gearbeitet. Gerade im Greenwashing-Dschungel stellt sich die Frage: Wie differenzieren wir uns wirklich? Nicht indem wir lauter behaupten, nachhaltig zu sein, sondern indem wir es belegen – mit Zertifizierungen, Daten und einer offenen, transparenten Datenlage. Wer wirklich interessiert ist, kann bei uns tief eintauchen und findet keine versteckten Leichen, sondern einfach noch mehr Informationen.

Welches Produkt erzählt Ihre Geschichte am besten?

Unsere absoluten Bestseller sind die „Age Repair Miracle Drops“. Das Produkt, das unsere Geschichte am besten erzählt, ist aber wahrscheinlich das „Ultra Hydration Serum“. Feuchtigkeit braucht jede Haut. Man spürt die Textur, die Wirkstoffdichte und unsere 40-jährige Erfahrung.

Wer ist Ihre typische Kundschaft?

Unsere Hauptzielgruppe liegt zwischen 35 und 60 plus, überwiegend weiblich, aber auch immer mehr Männer greifen zu unseren Produkten. Wir machen genderneutrale Kosmetik, weil es nicht die eine Haut gibt. Auch Männerhaut ist sensibel, Männerhaut ist auch reif, Männerhaut kann auch unrein sein. Da wir aus dem Institutsbereich kommen, haben wir ein extrem breites Sortiment an Produkten, das wirklich auf jedes einzelne Hautbedürfnis individuell eingehen kann.

Was halten Sie von Kinderkosmetik?

Kinder brauchen per se keine Kosmetik, außer mineralischen Sonnenschutz. Der Trend zu Kinderkosmetik entspricht nicht unserer Philosophie. Da geht es mehr um Gewinnmaximierung.

Sie sprechen von „Well-Aging“ statt „Anti-Aging“. Warum?

Altern ist ein biologischer Prozess. „Anti“ suggeriert Kampf. Well-Aging bedeutet, schön und gesund älter zu werden. Unsere Produkte können unterstützen, aber keine Creme ersetzt Sport, Ernährung oder soziale Beziehungen.

Wie definieren Sie die perfekte Beauty-Routine?

Die perfekte Beauty-Routine gibt es für mich nicht. Es gibt immer nur die Routine, die für den einzelnen Menschen wirklich gut funktioniert. Sie hängt von vielen Faktoren ab: Hautzustand, Alter, Wohnort, Klima und Jahreszeit.

Ich selbst habe eine eher trockene, sensible Haut. Meine ideale Morgenroutine ist deshalb bewusst einfach: Ich reinige nur mit Wasser, verwende anschließend einen Toner, ein Serum und danach eine feuchtigkeitsspendende oder reichhaltige Creme. Eines meiner Lieblingsprodukte ist unsere „Couperose-Creme“, da ich leichte Couperose habe.

Und ein ganz zentraler Punkt ist Sonnenschutz. Das habe ich ehrlich gesagt auch erst in den letzten Jahren wirklich verinnerlicht. Konsequent jeden Tag SPF 50 zu tragen, macht einen enormen Unterschied für die Haut, bei jedem Wetter!

Welche Themen werden die Beautybranche künftig prägen?

Ich glaube, ein zentrales Thema wird Hautgesundheit sein, eng verbunden mit Longevity, also der Frage, wie wir die Lebensqualität verlängern können, nicht nur die Lebensdauer. Dabei wird die belegte Wirksamkeit von Produkten immer wichtiger, denn Konsumentinnen und Konsumenten haben genug von großen Versprechen, die sich auf ihrer Haut nicht zeigen.

Ein weiterer Treiber ist die Individualisierung. Die eine Creme für alle gibt es nicht – Nutzer*innen wünschen sich Pflege, die wirklich auf ihre persönlichen Hautbedürfnisse eingeht, zum Beispiel auf trockene Wangen oder feine Linien im Augenbereich. Hier helfen modulare Produktlinien, gezielte Kombinationen und maßgeschneiderte Behandlungsmethoden. In unserer Schulungsakademie arbeiten wir mit Konstitutionstypen: Druck, Geschwindigkeit und Technik der Behandlung werden an den einzelnen Menschen angepasst – manche mögen intensive Berührungen, andere sanfte Streichungen.

Auch Technologie wird eine größere Rolle spielen, etwa durch künstliche Intelligenz in der Analyse. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach Menschlichkeit: echte Berührung und persönliche Zuwendung bleiben entscheidend.

Die spannende Herausforderung für die Zukunft liegt darin, Technologie, Nachhaltigkeit und Transparenz zu verbinden – in der Produktentwicklung, im Packaging und in der Behandlung.

Gründer Dr. Joseph Franz von TEAM DR JOSEPH
Gründer Dr. Joseph Franz von TEAM DR JOSEPH © TEAM DR JOSEPH

TEAM DR JOSEPH ist ein familiengeführtes Naturkosmetik-Unternehmen aus Südtirol, das seit 1986 für hochwertige, wirksame Hautpflege steht. Die Marke verbindet Tradition, Forschung und Nachhaltigkeit und legt großen Wert auf Transparenz, Individualisierung und Hautgesundheit. Die Produkte von DR JOSEPH sind weltweit in ausgewählten Apotheken, Spas, Hotels und online erhältlich.

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