Was tut sich zwischen Bozen und den Dolomiten abseits der bekannten Südtirol-Bilder? Kunigunde Weissenegger und Anna Quinz geben mit ihren Projekten Einblick in eine Region, in der zeitgenössische Kunst, Design und gewachsene Handwerkstraditionen aufeinandertreffen. Sie erzählen unkonventionelle Geschichten über Südtirol und schaffen Platz für Perspektiven, die sonst leicht übersehen werden. Ein Gespräch darüber, wie Kultur eine Region prägt und was eine lebendige Szene braucht.
Kunigunde Weissenegger: Am besten erklären kann ich es, wenn ich franz mit einem Ökosystem vergleiche, denn wir schaffen und produzieren keine isolierten Inhalte, sondern kulturelle und narrative Kontexte, die sinngebend sind. Die schönsten Geschichten und Projekte entstehen, wenn sich Recherche auf Menschen und Kultur einlässt und Themen vertieft.
Als dieses Kommunikationsökosystem konzentriert sich franz aktuell auf Verlagsprojekte wie JOSEF sowie auf Corporate Publishing, Strategieentwicklung und Textgestaltung. Und unser Motto „more than apples and cows“ prägt alles.
Begonnen hat alles 2010 mit dem deutsch- und italienischsprachigen Online-Magazin franzmagazine.com, das über die Jahre zum Referenzmedium für zeitgenössische Kultur im Alpenraum gewachsen ist. Aus der Redaktion hat sich ein starker Kern formiert, der sich ungefähr 2013 als kreatives Unternehmen franzLAB auf mehrsprachiges, zeitgenössisches Storytelling mit Fokus auf Kommunikationsstrategien, Textgestaltung und verschiedenste Verlagsprojekte spezialisiert hat.
franz steht für die Berge, mit denen wir aufgewachsen sind, genauso wie für die Neugier, mit der wir in die Welt blicken und Neues entdecken. Wir sind gern unterwegs und halten ständig Ausschau nach Spannendem, dabei geht es niemals darum, Glaubenssätze zu schreiben, sondern immer darum, Sichtweisen anzubieten. Organisch hat sich daraus unser erstes Publikationsprojekt entwickelt: JOSEF ist ein dreisprachiges, gedrucktes Reisebuch, das dazu einlädt, Südtirol, Bozen, Meran oder Trient auf andere Art zu entdecken. Durch die Augen von Insidern – einem Netzwerk kreativer, visionärer Menschen, die ihre liebsten Orte, Produkte und lokalen Betriebe empfehlen.
Auch hier steht stark im Vordergrund, dass es unsere, oftmals sehr persönlichen Blicke – von Schreiber*innen, Fotograf*innen, Designer*innen und Kreativen – auf dieses Land sind. In über zehn Jahren Verlagsarbeit haben sich mittlerweile weitere schöne Buchprojekte in Zusammenarbeit mit interessanten Menschen in unsere Verlagsfamilie gereiht.
Als diplomierte Übersetzerin mit humanistischem Background und einer Spezialisierung auf Journalismus haben mich Geschichten von Menschen und ihren Umständen, Leidenschaften, Erlebnissen oder Vorhaben immer schon fasziniert.
Kennengelernt haben wir uns anlässlich des gedruckten, dreisprachigen freepress Magazines „cool_schrank“ für Mode, Lifestyle und Design, das Anna 2007 ins Leben gerufen hat. Über die Jahre sind wir zu einer mutigen, visionären Truppe gewachsen und haben Ende 2009 im wahrsten Sinn des Wortes cool_schrank zu Grabe getragen und sind nach einem halben Jahr Strategieentwicklung am 2. März 2010 total unabhängig mit franzmagazine online gegangen.
Anna und ich sind seit Beginn dabei und die tragenden Säulen dieser Unternehmung. Aber ohne die vielen lieben Menschen, die uns über die Jahre begleitet haben und ihren mega Einsatz, wäre all das nicht möglich gewesen. Dieses Danke geht raus an alle, die Teil der franz-Crew waren und sind!
Die Antwort auf diese Frage könnte vielleicht ein Buch füllen … Denn Sprachen und Worte, also Kommunikation und Kultur, faszinieren mich schon immer. Umso zufriedener macht es mich, dass ich als Kommunikationsexpertin, Mitbegründerin unserer Kommunikationsagentur und unseres Verlags sowie Chefredakteurin unseres Online-Magazins meine Berufung zum Erzählen zum Beruf machen konnte.
Am Übersetzen und Dolmetschen beeindrucken mich die Welten, die sich im Prozess des Übertragens öffnen: Jede Sprache trägt ihre eigene Sicht auf Dinge in sich, im Übersetzen darf ich zwischen ihnen wandern. Kein Wort lässt sich deckungsgleich in eine andere Sprache bringen, gerade in dieser Lücke zeigt sich, wie unterschiedlich wir Menschen die Welt wahrnehmen und beschreiben. Übersetzen heißt für mich, genau hinzuhören, Nuancen zu ertasten und Hände zu reichen.
Historisch gewachsen leben zwischen Reschen und Drei Zinnen, Brenner und Salurner Klause drei Sprachgruppen und Kulturen, zu denen sich viele weitere gesellt haben. Diese kulturelle Vielfalt auf so engem Raum ist sicher bemerkenswert, aber vielleicht nicht einzigartig, um auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben und nicht zu sehr abzuheben.
Diese Grenzregion hat uns stark geformt. Wir sind umgeben von Bergen, Äpfeln und Kühen aufgewachsen, das hat uns geprägt. Aber es gibt hier in Südtirol auch noch anderes – „more than apples and cows“. Und diesem „more“ möchten wir auf franzmagazine Raum geben und darüber erzählen. Denn das alles zusammen macht Südtirol aus. Natürlich haben raue Gegend, Gipfel, Natur und Wetter eine gewisse Sicht auf die Dinge beeinflusst. Das verbindet uns wiederum mit anderen Bergregionen und das ist schön.
Ich liebe, wie gesagt, Sprachen, daher kann ich sie unmöglich als Barriere sehen. Sprachen verbinden absolut – auch wenn sie auf den ersten Blick oder vielmehr Ton das Gegenteil zu tun scheinen, wenn mensch sie zum Beispiel nicht versteht. Sie sind jedoch zweifellos ein Mittel, sich auszudrücken und mitzuteilen. So entsteht ein Austausch, der Verständnis schafft, Vertrauen wachsen lässt, Neugier fördert und Offenheit stärkt. Er eröffnet neue Perspektiven, erweitert Horizonte, lässt uns Gemeinsamkeiten entdecken und fördert Respekt.
Die schönsten Geschichten und Projekte entstehen, wenn sich Recherche auf Menschen und Kultur einlässt und Themen vertieft.
Ursprünglich haben vor allem die geografische Lage und das bäuerliche Umfeld bedingt, dass Menschen in Südtirol sich erfinderisch und geschickt zu helfen wissen mussten. Die Täler waren lange schwer erreichbar, vieles musste selbst hergestellt und repariert werden. Aus Nebenverdiensten wurde ein Gewerbe, aus Geschick ein Handwerk, über Generationen gewachsen und weitergegeben. Es ist nun spannend zu beobachten, wie aufstrebende Designer*innen und Kreative sich mit altem Handwerk beschäftigen, sich hineinknien, um sich das technische und handwerkliche Know-how auf gewisse Weise zu Eigen zu machen und in die eigene Arbeit zu implementieren.
Mit unserem jüngsten franz-Projekt „Sciscioré“, kuratiert von Anna Quinz, möchten wir die Vielfalt und Komplexität des Designs in Südtirol und dem Trentino abseits von Klischees sichtbar machen. Als Zugang hat die Kuratorin das Spiel gewählt. „Sciscioré“ bezeichnet im Ladinischen das Murmelspiel. Das Spiel als Methode, Denkart und kreativer Motor basiert ähnlich dem Entstehungsprozess von Design auf Experiment und Intuition und begleitet Handwerk, Gestaltung und Innovation seit jeher.
Unser Motto „more than apples and cows“ spielt auch hier eine große Rolle: Was den Alpenraum prägt und wir für unsere Leser*innen entsprechend spannend finden, dem geben wir Raum. Natürlich muss bzw. darf es uns auch gefallen – als völlig unabhängiges Medium haben wir diese Freiheit. Bauen und vertrauen können wir auf ein vielgestaltiges, umsichtiges Redaktionsteam, das sich aufmerksam verschiedenen Disziplinen widmet und in zeitgenössischer Sprache über Kunst, Musik, Design, Fotografie, Mode, Esskultur, Theater, Literatur, Film und Architektur schreibt.
Schwierige Frage für eine Person, die hier lebt. SUPER JOSEF, unser Reisebuch über ganz Südtirol, beginnt mit den Worten: „Das ist kein Heimatroman.“ Das bringt mich immer wieder zum Schmunzeln und sagt so Vieles gleichzeitig aus. Südtirol kann ergreifen oder auch erschüttern, manchmal auch langweilen, das ist nur allzu menschlich. Ich finde, beide Orte haben ihren Reiz: In JOSEF beschreiben wir Bozen als „riesigen Marktplatz mit Fernsicht, winzigste Metropole, breiteste Dorfstraße, gnädig und subkulturell …“ und Meran als „… verträumt und rebellisch, Kur und Kultur, hip und charmant …“. Damit hab ich mich anscheinend fein aus der Affäre gezogen (Lacht.). Wobei die Worte ja teils auch aus meiner Feder stammen.
Kreativität brodelt jedenfalls in beiden gleichermaßen, manchmal offensichtlicher, manchmal versteckter, was auch sein Gutes hat. Vielleicht darf ich es so definieren, dass sich die beiden bzw. die Menschen, die dort jeweils etwas veranstalten, wie zwei DJs eine kleine Versus-Battle liefern, Initiativen lancieren, aufeinander reagieren – dabei bringen sich gern auch die anderen Südtiroler Städte und Dörfer ins Spiel.
Ohne Leidenschaft entsteht keine Kultur, davon bin ich überzeugt. Sie ist der Motor, der Ideen anstößt und weitermachen lässt, auch wenn es mühsam wird. Aber Leidenschaft allein trägt nicht lange. Es braucht Menschen, die zuhören und mitdenken, Orte, in denen etwas passieren darf, und Mittel, um die Arbeit fair zu bezahlen.
In einem kleinen Land wie Südtirol sind Kontakte und Netzwerke sicherlich wertvoll: um voneinander zu lernen, sich auszutauschen und sich gegenseitig zu stärken. Politik und Behörden spielen eine wichtige Rolle, weil sie Rahmenbedingungen schaffen können: Planungssicherheit, Förderungen, Räume und die Antwort auf die Frage, welchen Stellenwert Kultur in einer Gesellschaft hat. Kultur ist kein Luxus, sondern Teil dessen, was ein Zusammenleben lebendig und offen hält. Deshalb finde ich es wichtig, sich kulturell zu engagieren, denn Kulturschaffende brauchen eine starke gemeinsame Stimme.
Lass mal rechnen … 2016 sind wir aus unserem alten Büro in der Rosengartenstraße in Bozen ausgezogen – inzwischen sind wir nach etlichen Jahren unter den Bozner Lauben übrigens auf dem Siegesplatz zu finden. Damit ging, im Nachhinein betrachtet, in gewisser Hinsicht eine Ära zu Ende. Denn bis 2016 fanden im von uns so umbenannten Rosengarten-Viertel mehrere Jahre lang das Stadtviertelfest „Rosengarten Festa“ statt, bei dem wir verschiedenste Menschen aus der gesamten Umgebung involviert haben, und im Zentrum von Bozen, mit einer Meraner Ausgabe, das „BUSK Singer Songwriter Festival“.
Das Learning, das ich mit einigen Jahren Abstand daraus ziehen möchte, ist: Fair Pay für alle in der Kreativbranche! Deshalb und aus Gründen der Selbstausbeutung haben wir diese Festival-Ära zu Ende gehen lassen. Leider haben politisch und gesellschaftlich Verantwortliche den Wert solcher Bottom-up-Initiativen nicht verstanden – und tun sich oft auch heute noch schwer damit. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Und ich schweife ab.
Wenden wir uns also Erfreulicherem zu: Seit jeher begleitet uns unsere Neugier und ich hoffe sehr, dass sie uns nie abhandenkommen wird. Neugier auf Projekte und Menschen, Interviewpartner*innen, Kundschaft, Mitarbeiter*innen und einfach Neues. Denn so entstehen die schönsten, spannendsten Projekte.
Beibehalten haben wir trotz schnelllebiger Zeit unseren Newsletter: Seit mehr als 15 Jahren setzen wir auf diesen wöchentlichen Gruß an unsere Leser*innen aus der franzmagazine-Redaktion. Und wenn uns manchmal eine Antwort per Mail oder Postkarte erreicht, freuen wir uns sehr!
Ohne Leidenschaft entsteht keine Kultur, davon bin ich überzeugt. Sie ist der Motor, der Ideen anstößt und weitermachen lässt, auch wenn es mühsam wird.
Nie genug kann ich von den Südtiroler Sommern bekommen, vielleicht auch, weil ich an einem hitzigen Heu- bzw. Groamet-Nachmittag geboren bin. Wer weiß?! Auch wenn ich sehr gern in Städten unterwegs bin und gern unter Leuten bin, werde ich wohl ein ewiges Bergkind bleiben und mich beim Streifen über Wiesen und durch Wälder wohlfühlen. Immer im Blick die Arbeit, die dahintersteckt, und in Gedanken bei den Händen, die diese Kulturlandschaft über Generationen geformt haben.
Wohl am ehesten würde ich mit dem puren Gegenteil tauschen: einem Plätzchen an einem Strand am Meer … Dabei ist das nicht einmal so abwegig, denn der Ort, wo ich aufgewachsen bin – die Dolomiten, waren vor etwa 230 bis 220 Millionen Jahren tatsächlich ein Ozean mit Korallenriffen. Ich schwimme zwar liebend gern, bin aber auch geübte Wiesenhüpferin und Waldläuferin und mag es, hier zu sein.
Oh je, sehr schwierige Frage. Da könnte ich jetzt viele Namen nennen und Geschichten dazu erzählen. Und wenn ich einen einzigen Namen nenne, lasse ich leider viel zu viele andere weg.
Die kulturelle Vielfalt in dieser kleinen Region ist beeindruckend. Und das Reizvolle daran ist, dass es hier, ob Berg oder Tal, Stadt oder Land, für viele Geschmäcker etwas gibt.
Mich persönlich faszinieren vor allem Kontraste und Arbeiten, die verschiedene Zugänge zulassen und es je nach individueller Erfahrung oder Gemütsmoment ermöglichen, sich mit dem behandelten Thema auseinanderzusetzen. Frech und frei würde ich für einen Einblick in die Südtiroler Kulturwelt einfach den Besuch unseres Online-Magazins für zeitgenössische Kultur franzmagazine empfehlen, wenn ich darf. (Lacht.)
Kultur ist für mich alles: Lebenselixier, Resonanzraum, Inspiration und Kompass. Sie wohnt allem inne, wie wir uns bewegen, leben, ausdrücken und miteinander umgehen. Sie findet nicht nur in Museen, Theatern, Konzertsälen oder auf Buchseiten statt. Sie steckt in Begrüßungsriten, in Essens- und Feierkultur, in Sprachen und Landschaft, in Kleidung und Geschichten, in Alltag, Haltung und Beziehung. Kultur entsteht dort, wo Menschen etwas teilen und gemeinsam erörtern.
Kultur ist auch in Südtirol nichts Definitives, sondern darf und muss sich wandeln, reiben und immer wieder neu erfinden. Für mich heißt das vor allem hinschauen, zuhören und erzählen. Wer Kultur ernst nimmt, nimmt Menschen ernst.
Ich engagiere mich ehrenamtlich in diversen Kulturvereinen und bin unter anderem Vorstandsmitglied der „Allianz der Kultur – ADKC“ sowie des Vereins „AEB – Aktive Eltern von Menschen mit Behinderung VFG“, denn die Teilhabe aller Menschen an Kultur ist unbedingt notwendig und wichtig – und außerdem im Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sowie im Artikel 15 des UN-Sozialpakts verankert.
Kunigunde Weissenegger ist diplomierte Übersetzerin, Kommunikationsexpertin und Mitgründerin von franzLAB, das sie gemeinsam mit Anna Quinz aufgebaut hat. Seit 2010 erzählt sie mit franzmagazine dreisprachig Geschichten über zeitgenössische Kultur im Alpenraum; mit Publikationen wie JOSEF und Projekten wie „Sciscioré“ rückt sie kreative Menschen, Design und das Zusammenspiel von traditionellem Handwerk und zeitgenössischer Gestaltung ins Rampenlicht. Dabei geht es ihr nicht um festgeschriebene Bilder von Südtirol, sondern um neue Perspektiven auf eine Region, deren kulturelle Vielfalt ständig in Bewegung ist.
