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Kanadas Manitoba entdecken: Urbanes Leben und Eisbär-Abenteuer

Winnipeg und Churchill könnten kaum unterschiedlicher sein: Eine Hauptstadt unterm Tourismusradar, voller Ideen, indigener Kultur und Kulinarik – und ein abgeschiedener Ort, der gelernt hat, mit seinen wildesten Nachbarn zu leben.
Eisbären in Churchill in Kanada
© Travel Manitoba

Denkt man an eine Reise nach Kanada, kommen meist bekannte Destinationen wie Toronto, Vancouver, Nationalparks wie Banff oder die Niagarafälle in den Sinn. Kanadas Mitte allerdings kommt weniger oft in typischen Reiserouten vor. Winnipeg beispielsweise. Die Hauptstadt der Provinz Manitoba ist oft nur durch ihre Kälterekorde bekannt, die manchmal die Minus-40-Grad-Marke knacken. Wer die Stadt, die von ihren Bewohner*innen scherzhaft als „das oft übersehene mittlere Kind Kanadas“ bezeichnet wird, besucht, stellt bald fest: Winnipeg ist zwar tatsächlich keine klassische Schönheit, doch steckt sie voller Überraschungen.

Eine Stadt der vielen Wurzeln

Winnipeg steckt voller kurioser Anekdoten und Popkultur. Nicht viele kennen z. B. die Verbindung zu einem der berühmtesten Bären weltweit: Als ein kanadischer Soldat aus Winnipeg während des Ersten Weltkriegs einen kleinen Schwarzbären adoptierte, nannte er ihn „Winnipeg“ – kurz „Winnie“ – und brachte ihn später in den Londoner Zoo. Dort inspirierte er Autor A. A. Milne, der hier regelmäßig mit Sohn Christopher Robin herkam, zu einer Geschichte. Schon erraten, wie diese hieß? Richtig, Winnie-the-Pooh. Und genauso wie Poohs Heimat, der Hundertsechzig-Morgen-Wald, ist auch Winnipeg ein bunter Schmelztiegel verschiedenster Charaktere. Manitoba war ursprünglich die Heimat der Algonkin-Völker. Heute stellen indigene Einwohner*innen – First Nations und Métis – rund 14 Prozent der Bevölkerung. Neben ihnen prägen Menschen aus Frankreich, England, Deutschland, Schottland, Island und der Ukraine das kulturelle Gefüge. Diese Mischung ist spürbar in Sprache, Musik, Kunst und vor allem in der Küche.

Hippe Szene auf uraltem Treffpunkt

Winnipeg ist Heimat lebendiger, diverser Viertel und einer der vielfältigsten kulinarischen Szenen des Landes. Der Hotspot: The Forks. Am Zusammenfluss von Red und Assiniboine River trafen sich bereits vor über 6.000 Jahren indigene Völker zum Handel, zu Zeremonien und Austausch. Noch heute ist es das Herz der Stadt: Eine Markthalle mit Streetfood, Bars, Cafés, Galerien und kleine Bühnen schafft eine Atmosphäre, in der Geschichte und Gegenwart nebeneinander existieren. Besucher*innen können geführte Touren buchen oder einfach selbst über das Gelände streifen, vorbei an Kunstwerken renommierter Künstler*innen wie Ai Weiwei. Und selbst bei besagten Kälterekorden kommt hier das urbane Leben nicht zum Erliegen. Dann verwandelt sich der Fluss nämlich in die längste Natureislaufbahn der Welt, man pendelt per Langlaufski oder Schlitten zur Arbeit und Cafés und Restaurants leuchten noch viel einladender in der Winterlandschaft. Gefragt nach den eisigen Temperaturen, zuckt man hier nur kurz mit den Schultern. Minus fünf oder minus vierzig, das sei auch schon wurscht.

Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

Auch in Sachen Kultur kann Winnipeg mit überraschenden Superlativen aufwarten. Das Canadian Museum for Human Rights, das weltweit erste nationale Museum dieser Art, ist ein architektonisches Statement, entworfen von Antoine Predock. Es widmet sich der Geschichte der Menschenrechte, von indigenen Perspektiven bis zu globalen Bewegungen. Gänge aus leuchtendem Alabaster führen durch interaktive Galerien, die vom Dunkel ins Licht verlaufen, inklusive kleinen Verschnaufpausen fürs Gemüt – eine bewusst gewählte Dramaturgie, die Gänsehaut erzeugt. Die Winnipeg Art Gallery beherbergt das weltweit größte öffentliche Archiv zeitgenössischer Inuit-Kunst. Und auf dem Weg dorthin stößt man außerdem auf die Statue von Sir William Stephenson, einem gebürtigen Winnipeger, der als Spion dem britischen Geheimdienst diente. Dort traf er einen gewissen Ian Fleming, der von seinen Fähigkeiten und Manierismen zu einem bis heute berüchtigten Geheimagenten mit der Rufnummer 007 inspiriert wurde.

Der Reiz dieser Stadt liegt wahrlich nicht gleich auf der Hand. Er entsteht viel mehr beim Entdecken, Zuhören und Schmecken. Wer hierherkommt, sollte Zeit mitbringen – für Gespräche mit Köchen und Köchinnen, Künstlern und Künstlerinnen sowie Handwerkern und Handwerkerinnen, für Spaziergänge entlang des Red River. Nicht zu vergessen, dass Winnipeg der Ausgangspunkt ist für eine Reise nach Churchill, einer kleinen Stadt im Norden, in der Menschen und wilde Eisbären gelernt haben, zusammenzuleben.

Jenni Koutni in Manitoba in Kanada
© Jenni Koutni

Willkommen im Reich der Eisbären

Nach Churchill zu reisen, ist ein Abenteuer. In diese Stadt am Rand der Hudson Bay im Norden Kanadas führen keine Straßen, der Flughafen wird ab Winnipeg nur ein paar Mal die Woche von einer Airline angeflogen. Oder man fährt mit dem Zug, der zweieinhalb Tage durch boreale Wälder rumpelt, vorbei an Seen, die gar nicht enden wollen. Den Flieger teilt man sich mit wenigen Leuten, denn gut ein Drittel der Sitze ist mit alltäglichen Waren besetzt, die man im abgeschiedenen Churchill, das lediglich einen Supermarkt hat, dringend braucht. Dennoch: Es gibt Hotels, Restaurants, Streetart, kleine Bars. Eine Mikrogärtnerei, die Churchills Bewohner*innen das ganze Jahr über mit frischem Gemüse und Kräutern versorgt. Schneehasen huschen zwischen den Häusern, Gänse ziehen über den Himmel. Je nach Saison tanzen nachts Polarlichter über der Bucht, während sich im Meer Belugawale tummeln. Aber: noch irgendetwas ist hier anders. Haustüren und Autos werden grundsätzlich nie versperrt, Mülltonnen fehlen, das öffentliche Leben findet drinnen statt. Nicht wegen Kriminalität oder Kälte – sondern wegen der Nachbarschaft. Denn hier lebt man Seite an Seite mit den größten Landraubtieren der Erde.

Leben mit den weißen Riesen

Churchill liegt mitten auf der Migrationsroute von Eisbären. Schilder weisen darauf hin, vorsichtig zu sein oder gewisse Plätze ganz zu meiden. Touris sind angewiesen, nur mit offiziellen Tourguides unterwegs zu sein. Denn, wenn im Frühjahr das Eis der Hudson Bay schmilzt, müssen die Tiere an Land, um zu warten, bis das Meer im Winter erneut zufriert. In dieser Zeit fasten sie und verlieren Gewicht – bis zu ein Kilogramm pro Tag. Sie essen zwar sporadisch Eier oder knabbern an angespülten Walkadavern, doch das ersetzt nicht die fettreichen Robben, auf die sie angewiesen sind. So kommt es, dass die weißen Riesen manchmal auch in der Stadt nach Essbarem suchen, vor allem nachts. Wer großes Glück hat, bekommt sie auch zu sehen, wie sie im Wasser spielen, wittern oder einfach nur stundenlang zwischen den bemoosten Steinen schlafen. Ein unglaublicher Moment, in dem man begreift, dass Bären keine Bestien sind, die Menschen grundlos angreifen. „Dennoch, wir halten Augen und Ohren jederzeit offen, denn zu nahe wollen wir diesen zwei bis drei Meter langen Tieren nicht kommen. Vor allem nicht, wenn sie sich bedroht fühlen“, erklärt Ranger Dave, der für den Touranbieter Discover Churchill mehrmals die Woche Besucher*innen in die Nähe dieser erstaunlichen Tiere bringt. „Wir werden es nie schaffen, dass die Bären uns nicht wahrnehmen, auch wenn wir noch so weit weg sind. Sie wittern uns lange bevor wir sie sehen. Aber wir müssen respektvoll sein, bedrängen sie nicht. Dies hier ist kein Zoo. Es ist auch für uns immer wieder ein Privileg, einen Blick auf Eisbären zu erhaschen.“ Laut Vorschrift muss auch Dave stets ein Gewehr mitführen, wenn er sich mehr als 60 Meter vom Fahrzeug entfernt. Einsetzen musste er es noch nie. Und auch sonst kam es durch die „Benimmregeln“, die alle Menschen hier einhalten müssen, das letzte Mal in den 1980er zu einem Unfall zwischen Mensch und Eisbär.

Indigene Einwohner*innen in Manitoba in Kanada
© Travel Manitoba

Churchill ist ein Ort der Kontraste: zwischen Zivilisation und Wildnis, zwischen Mensch und Tier. Es ist kein Ort für flüchtige Besuche und übergriffigen Tourismus.

Ein Fall fürs Bear Jail

Macht es sich ein Tier doch zu gemütlich in der Stadt, wählt man die Bären-Notfallnummer, und dann heißt es für ihn ab ins sogenannte Bärengefängnis am Stadtrand. „Obwohl wir lieber ‚Bärenauffangstation‘ sagen“, wirft Dave ein. „Früher wurden solche Tiere ‚Problembären‘ genannt und erschossen. Heute wissen wir besser, dass so ein Eisbär nur seinen Instinkten folgt und wir müssen ihn so behutsam, wie es eben geht von unserer 900-Seelen-Gemeinde fernhalten.“ Die Tiere werden dafür betäubt und verbringen dann 30 Tage in der Bärenauffangstation. Dort ist es dunkel, es gibt nur Wasser – ein Bild, das brutal klingt, tatsächlich aber den Alltag eines Eisbären spiegelt. „Eisbären essen nicht täglich, sie müssen dafür ja eine Robbe erwischen. Schwangere Weibchen fasten sogar bis zu acht Monate lang und das während sie die Jungen gebären und säugen! Die meiste Zeit also dösen oder schlafen sie, um wertvolle Energie zu sparen“, sagt Dave. „Es geht ihnen hier nicht schlecht, aber dennoch ist es lang genug, damit sie es nicht zu gemütlich finden.“ Besonders hartnäckige Stadtbesucher werden dann per Helikopter bis zu 50 km entfernt, entlang ihrer natürlichen Route wieder ausgesetzt.

Ein Ort mit Erinnerung

Doch Churchill ist mehr als nur Eisbärenromantik. In Kanada ist es üblich und notwendig, sich zu fragen, auf wessen Land man sich bewegt. Churchill liegt auf dem Territorium der Cree, Dene und Inuit. Die Aufarbeitung der Geschichte der Residential Schools, jener Internate, in denen indigene Kinder ihrer Sprache und Kultur beraubt wurden, ist noch im Gange. Schilder, Gedenktafeln und offizielle Anerkennungen sind ein Anfang, aber sie wiegen nicht auf, was an Schmerz und Verlust geblieben ist. Wer verstehen will, was das bedeutet, sollte eine Tour mit Dene Routes buchen. Florence Hamilton, Nachfahrin der Sayisi Dene, führt Besucher*innen durch ihre Geschichte, erzählt von Jagdmethoden, nomadischem Leben und der Verbundenheit ihres Volkes mit der Tundra. Sie zeigt Werkzeuge, Perlenarbeiten und alte Tagebücher in Dene-Sprache – Zeugnisse einer Kultur, die beinahe ausgelöscht wurde. Die Geschichte ihres Volkes ist eine von Enteignung und Zwangsumsiedlung, aber auch eine von Würde, Vergebung und Überleben. Wer Florence zuhört, erfährt mehr über Nachhaltigkeit und natürliche Kreisläufe als in so manchem Studium.

Zwischen Tradition und Verantwortung

Doch dieses Gleichgewicht ist brüchig. Die Diskussion um die Eisbärenjagd, die einzig für indigene Völker noch legal ist, zeigt beispielsweise das Spannungsfeld zwischen Tradition und Artenschutz. Denn obwohl die Lage der Eisbären in dieser Region noch nicht besorgniserregend ist, zeugen Statistiken von Veränderungen durch den Klimawandel. Laut der in Churchill ansässigen Organisation Polar Bears International wurden in den 80ern noch ca. 1.200 Bären gezählt – 2021 waren es nur noch 618. Die Eisdecke, für die Eisbären das wichtigste Jagdgebiet, ging mittlerweile so weit zurück, dass die Raubtiere einen Monat früher auf Wanderung gehen müssen. Also: Dürfen Außenstehende indigenen Gemeinschaften sagen, dass sie keine Bären mehr jagen sollen, wenn diese Jagd seit Generationen Teil ihrer Kultur ist? Und wer entscheidet, was „Schutz“ bedeutet – jene, die im Süden Gesetze schreiben, oder jene, die im Norden mit den Folgen leben? Die Antwort ist heikel und liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Organisationen wie Polar Bears International arbeiten deshalb eng mit lokalen Gemeinschaften zusammen, um Forschung, Monitoring und Bildungsprogramme zu verbinden – und gleichzeitig jene Stimmen einzubeziehen, die lange übergangen wurden.

Tourismus hin oder her

Churchill ist ein Ort der Kontraste: zwischen Zivilisation und Wildnis, zwischen Mensch und Tier. Es ist kein Ort für flüchtige Besuche und übergriffigen Tourismus. „Natürlich gibt es auch hier bereits Touranbieter, die sich für meinen Geschmack zu nahe an die Bären wagen. Einmal wollte man mir sogar Geld zustecken, damit wir näher rangehen – nur wegen eines Fotos!“, erzählt Ranger Dave nachdenklich. „Das soll nicht die Zukunft von Churchill sein, Tourismus hin oder her.“ Wer hierherkommt, betritt eine Landschaft, die so empfindlich ist wie die Beziehungen, die sie prägen. Es gibt hier so viel mehr als den perfekten Eisbären-Schnappschuss: Eine hohe Chance auf Polarlichter zum Beispiel, oder neugierige Belugawale, die nicht mit Touristenbooten gejagt werden müssen. Das faszinierende Ökosystem von Taiga und Tundra. Und nicht zu vergessen: einzigartige Kulturen, herzliche Menschen und Geschichten vom Zusammenleben, aus denen wir viel lernen können.

Polarlichter in Churchill in Kanada
© Travel Manitoba

Winnipeg überrascht mit einer lebendigen Mischung aus indigener Kultur, kreativer Kulinarik und einer offenen Szene, die ihre raue Winterkulisse mit Humor, Wärme und Erfindungsgeist füllt.

Kulinarische Hotspots in Winnipeg:

  • Resto Gare – französisch-kanadische Küche im alten Eisenbahnwaggon
  • Clementine – beliebte Brunch-Adresse in der Innenstadt
  • Restaurant Nola – kreative Küche von Chefköchin Emily Butcher
  • Feast Café Bistro – indigene Gerichte wie Bison & Bannock (ein einfaches Brot, eingeführt durch schottische Siedler*innen) 

  • Café Sharecuterie – lokale Zutaten, Handwerk & soziale Begegnung
  • Nonsuch Brewing Co. – preisgekrönte, lokale Biere & Workshops

Churchill ist ein abgelegener, intensiver Ort, an dem Menschen und Eisbären Seite an Seite leben – ein einzigartiges Zusammenspiel aus Wildnis, Tradition und Verantwortung.


Indigene Tourenanbieter*innen:

  • Nanuk Operations – natur- und kulturverbundene Erlebnisse
  • Dene Routes – Touren mit tiefen Einblicken in Dene-Geschichte und Tradition

Tourismus Manitoba

Redakteurin Jenni Koutni
Jenni Koutni
sieht sich als Sprachrohr für jene, die etwas Gutes bewirken wollen und darf dabei ihre Leidenschaft fürs Schreiben ausleben.

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