Paul Pizzera: „Sei dankbar für deine Fans!“

Wir rennan nebeneinand’ so wie Hooligans.“ Nein, Paul Pizzera und Otto Jaus sind natürlich keine brutalen Schläger. Aber mit ihrem Lied aus dem Jahr 2017 haben sie eine Freundschaft beschrieben, die ihren Ausgang vier Jahre zuvor ganz zufällig bei einer Rauchpause in der „Langen Nacht des Kabaretts“ in Leoben genommen hatte. Eine Begegnung, die nicht nur das Leben der beiden nachhaltig verändern sollte, sondern auch die österreichische Musiklandschaft.

Denn schon damals, an diesem 21. November 2013, versprachen sie einander, gemeinsam etwas zu machen. Der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt. Und das letzte Kapitel dieser Geschichte rund um das Projekt Pizzera & Jaus ist noch lange nicht geschrieben. Im Gegenteil: Gerade hat wieder ein neues begonnen. Soeben haben die beiden ihre vierte gemeinsame Tour gestartet.

Zum Start der „Jetz’ kummst ma auf de Tour“ treffe ich Paul wieder einmal zu einem Gespräch. Darin erzählt er, dass er Otto auch abseits der Bühne immer noch so oft wie möglich trifft – wenngleich es zeitlich nicht mehr ganz so einfach ist wie früher. Otto hat eine Familie gegründet und im Corona-Jahr 2020 sein erstes Kind bekommen – ein paar Monate, nachdem Paul ein weiteres Langzeitprojekt gestartet hat: Woche für Woche sitzt er seit mittlerweile ziemlich genau sechs Jahren für den Plauder-Podcast „Hawi D’Ehre“ mit Gabi Hiller und Philipp Hansa vor dem Mikrofon.

Außerdem hat er mit Otto zwei Filme gedreht und zwei Bücher geschrieben – zusätzlich zu bisher drei Live-Touren als Pizzera & Jaus sowie zahlreichen Studio-Sessions für Alben, Singles und Musikvideos. 2023 hat Paul dann auch noch gemeinsam mit Christopher Seiler und Daniel Fellner die Band AUT of ORDA gegründet.

„Auf der Bühne bin ich allein für alles verantwortlich“

Sein absoluter Lieblingsort, sagt Paul, ist die Bühne. „Das Podcasten ist total schön. Nora Spitzer – die Frau von EAV-Mastermind Thomas Spitzer – hat uns einmal als Seele-Novela bezeichnet, weil die Leute einfach dazugehören. Wir sind schon so etwas wie ein sozialer Ankerpunkt für eine coole, offene, inklusive, wertschätzende Community.“ Auch seine Ausflüge aufs Filmset für „Pulled Pork“ (2023) und „Neo Nuggets“ (2025) hat er sehr genossen. „Aber wenn du nicht selber das Drehbuch schreibst oder Regie führst, ist es kein wahnsinnig kreativer Beruf. Du wirst in der Früh abgeholt, dann wirst du geschminkt und angezogen, dann sagt dir die Regieassistenz, wie die nächste Szene gewünscht ist, dann probst du sie, dann schießt du sie – und wenn’s nicht passt, kannst du es noch einmal machen. Du bist einfach ein Zahnrädchen, und das ist auch cool, weil du in so einem Angestelltenverhältnis bist. Wenn ich jetzt auf die Bühne gehe – mit dem Otto bei Pizzera & Jaus, mit dem Daniel bei AUT of ORDA oder mit der Gabi und dem Philipp bei ‚Hawi D’Ehre live‘ –, dann bin ich allein für alles verantwortlich.“

Bei Pizzera & Jaus ist die Aufgabenverteilung klar: Seit der Gründung des Duos, das 2016 mit seinem dritten Song „Jedermann“ so richtig durchgestartet ist, komponiert und schreibt Paul alle Lieder, „und der Otto singt auf der Bühne und spielt wie ein Gott Klavier“. Ja, der studierte Germanist aus der Steiermark, der mit zehn Jahren Klavier spielen gelernt hat, um eine Playstation zu bekommen, und mit fünfzehn auf Gitarre umgestiegen ist, weil das bei den Mädels mehr Eindruck machte, bewundert seinen Bühnenpartner, der bei den Wiener Sängerknaben groß geworden ist und später nicht nur das Konservatorium der Stadt Wien, sondern auch die Royal Academy of Music in London sowie Meisterklassen bei Angelika Kirchschlager, Bobby McFerrin und Herman van Veen besucht hat.

Altbekanntes für treue Fans

Auf der aktuellen Tour haben sie diesmal kaum neue Nummern im Gepäck, auch wenn Paul jede Menge Novitäten in Arbeit hat. Warum? Erstens will er sie sich für das nächste Album aufheben, und zweitens wünschen sich die Fans sowieso meist die altbekannten Lieder. Aber braucht man nicht für eine neue Tour eine neue Setliste? „Ich finde es immer spannend, wenn Künstler*innen sich wichtig nehmen und sagen: Das mag ich nicht mehr spielen“, meint Paul. „Ganz ehrlich: Sei dankbar für deine Fans! Du kannst dir alle zehn Finger abschlecken, wenn es Leute gibt, die zum Konzert kommen und deine Musik hören wollen. Da gehört es sich, dass man ihnen gibt, was sie wollen.“

Mit Rücksicht auf Ottos Familie – er ist mittlerweile zweifacher Vater – haben sie beschlossen, dass sie bei dieser Tour weniger Termine machen, diese aber größer. Das erinnert mich an Bruce Springsteen, der einmal scherzhaft (?) gesagt haben soll: „Ich spiele lieber in großen Stadien als in kleinen Klubs, weil ich da für dieselbe Leistung mehr Geld kriege.“ Bei diesem Vergleich muss Paul lachen, spielt doch „The Boss“ finanziell noch einmal in einer ganz anderen Liga als Pizzera & Jaus. Musikerkollege Daniel Fellner von AUT of ORDA hat ihm erzählt, dass ein Springsteen-Konzertticket in New York 1.800 Euro kostet. „Das ist dann schon ein bisserl weit weg von der Working Class, die er besingt. Bei uns ist man um einen Vierziger dabei“, meint Paul schmunzelnd.

„Wir sind die fadesten Leute“

Eine Parallele gibt es allerdings: Pizzera & Jaus sind ebenso weitgehend skandalfrei wie „The Boss“. „Wir sind die fadesten Leute“, meint Paul mit einem Augenzwinkern, „weil wir vor und nach dem Auftritt nix trinken.“ Im Gegensatz zu seinen frühen Zwanzigern, als er nach Soloauftritten gerne noch sitzen blieb und es da nicht bei einem Bier geblieben ist, wie er einst im ORF-Interview verraten hat. Ein Jahrzehnt später fährt Paul sogar auf Gesundheitskuren. Was natürlich nicht bedeutet, dass der durchtrainierte Hüne das restliche Jahr asketisch und abstinent lebt. Aber Eskapaden und öffentliche Sexgeschichten gibt es bei ihm nur auf der Leinwand – in Form von heißen Szenen mit Schauspielkollegin Silvia Schneider – und in seinen Musikvideos (2021 haben Pizzera & Jaus den US-Pornostar Riley Reid für ihren Song „Shotgun“ engagiert).

Überhaupt schützen Paul und Otto ihr Privatleben. So wenig sie darüber verraten, so gern erzählt Paul, dass sie immer noch regelmäßig gemeinsam Urlaub machen. Zwar nicht mehr wochenlang wie früher, sondern meist nur für ein langes Wochenende, aber diese gemeinsame Zeit mit seinem Freund Otto ist Paul wichtiger als alles Berufliche. „Wenn ich vor der Entscheidung stünde zwischen Pizzera & Jaus und Paul & Otto, dann auf jeden Fall Paul & Otto!“ Und er zitiert den Dichter Robert Frost: „Das Glück macht durch Höhe wett, was ihm an Länge fehlt.“

Paul Pizzera
Paul Pizzera © Philipp Hirtenlehner

Es gehört sich, dass du freundlich und höflich durch die Welt gehst. Das hat mir meine Mama beigebracht. Und ich schaue jetzt noch mehr, dass es allen am Tisch gut geht.

Pizzera & Jaus live
Pizzera & Jaus live © Philipp Hirtenlehner

Zwischen Höhenflügen und Tälern der Tränen

Er wäre nicht Paul Pizzera, würde er nicht auch selbst philosophisch werden: „Das Leben ist immer eine Sinuswelle. Dir kann es nicht immer gut gehen, selbst wenn du auf der Donauinsel spielst, die Wiener Stadthalle füllst oder einen Nummer-eins-Hit landest. Du musst dich damit abfinden: Egal, was du erreichst, es wird dir immer auch schlecht gehen.“ Und das war in den vergangenen Jahren mehrmals der Fall, trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – seiner Erfolge. Ein Leben zwischen Höhenflügen und Tälern der Tränen, das auch Otto kennt. Und das beide in Interviews immer wieder ganz offen ansprechen – um im selben Atemzug zu betonen, wie wichtig es für sie ist, sich professionelle Hilfe zu holen. Der Gang zur Psychotherapie darf kein Tabu mehr sein, findet Paul, der dem Thema deshalb bereits zwei Bücher gewidmet hat.

Im Rückblick auf die bald zwanzig Jahre, die er auf der Bühne unterwegs ist – seine ersten Gehversuche machte er ab 2007 als Poetry-Slammer, 2011 gewann er mit seinem ersten Kabarettsolo „Zu wahr, um schön zu sein“ auf Anhieb den Grazer Kleinkunstvogel –, stellt er fest: „Ich bin schon einmal entspannter in die Nebelwand reingerannt, nach dem Motto: Was soll schon sein? Aber wenn du dann etwas hast, auf das du nicht unstolz bist, dann hast du natürlich mehr Angst, es zu verlieren.“

„Nicht unstolz“ kann der Mittdreißiger schon sein: Er hat mit Pizzera & Jaus bisher dreimal Platin eingeheimst, auf der vergangenen „Comedian Rhapsody“-Tour (der dritten mit Otto) mehr als 170.000 Konzerttickets verkauft, als Hauptdarsteller in „Pulled Pork“ (112.000 Kinobesucher*innen) und „Neo Nuggets“ (fast 75.000) an den jeweils zweiterfolgreichsten österreichischen Filmen der Jahre 2023 und 2025 mitgewirkt und mit dem wöchentlichen Plauder-Podcast „Hawi D’Ehre“ (gemeinsam mit dem Ö3-Gespann Gabi Hiller und Philipp Hansa) in sechs Jahren mehr als zehn Millionen Downloads erreicht.

Demut statt Starallüren

Starallüren sucht man bei ihm aber vergeblich – sagt zumindest Paul. Und es klingt glaubhaft, wenn er klarstellt, dass der Satz aus einem Gespräch im Jahr 2019 immer noch stimmt: „Wir sind der Ottl und der Pauli, die Musik machen.“ Heute, meint er, achtet er sogar noch mehr darauf, bloß nicht abgehoben zu wirken. Denn: „Es gehört sich, dass du freundlich und höflich durch die Welt gehst. Das hat mir meine Mama beigebracht. Und ich schaue jetzt noch mehr, dass es allen am Tisch gut geht.“

Deswegen gibt es für Paul und Otto auch dasselbe Catering wie für das Dutzend Crewmitglieder, das mit ihnen auf Tour geht. „Manche Künstler*innen wollen sich da ein paar hundert Euro sparen. Aber wir essen alle immer gemeinsam und haben eine coole, 14-köpfige Truppe, in der jeder jeden gut kennt – und das ist unser Rückzugsbereich und wirklich lustig und schön.“ Nach so vielen gemeinsamen Jahren fühlt es sich fast an wie eine Familie.

Und wie ist das mit lästigen Fans? „Ich kann immer noch in Ruhe beim Spar ums Eck einkaufen gehen“, sagt Paul. „Zu 99 Prozent sind die Leute respektvoll und freundlich und super. Wenn du um vier in der Früh auf dem Heimweg vom Auftritt in eine Polterrunde gerätst, kann es mühsam werden. Aber das liegt vor allem am Alkohol.“ Schlimm findet er es jedenfalls nicht, weltberühmt in Österreich zu sein, wie man so schön sagt. „In Österreich, Bayern und der Schweiz kennt man mich – aber schon ein paar hundert Kilometer weiter in Budapest interessiert sich keine Sau für mich.“

Musikkabarett oder Dialekt-Pop? Eigentlich egal

Umso dankbarer ist Paul, „dass ich meinen kreativen Tuscher auf so vielen Ebenen ausleben kann“. Und das mit prominenten Partner*innen. So auch zum Beispiel mit Michael Niavarani, der mit Paul seine beiden Psychotherapie-Dialogromane „Der hippokratische Neid“ und „Der König der Möwen“ als Hörbücher eingelesen hat. „Der Nia“, wie man ihn in der Szene nennt, kennt Otto schon lange, war dieser doch schon Ensemblemitglied im Kabarett Simpl und hat dort den Petzi in „Krawutzi Kaputzi“ gespielt, als Paul noch gar nicht Kabarett gemacht hat. Und ob als Romeo oder als Amor – bis heute gehört er zum Stammpersonal, wenn Nia eine neue Komödie auf eine seiner Bühnen bringt.

Die Verbundenheit zeigt sich auch darin, dass sie ihre neue Tour am 14. März in Nias Globe begonnen haben, auch wenn selbst dieses als eine der größten Bühnen Wiens mit rund 1.500 Sitzplätzen eigentlich nicht mehr ihrer Dimension entspricht.

Das Projekt der beiden Kabarettisten ist diesem Genre mittlerweile entwachsen. Auf ihrer Website bezeichnen sich Paul und Otto heute als „Österreichs Dialekt-Pop-Duo“, und eigentlich machen sie schon seit 2019 kein Musikkabarett mehr, stellt Paul fest. „Es sind in Wahrheit Konzerte, halt mit humoristischen Einlagen.“ Aber die künstlerische Einordnung ist ihm „tatsächlich egal“, erklärt der Musiker, Kabarettist, Filmschauspieler, Buchautor und Podcaster. „Ganz schön viel – ich bin ein echter Tausendsassa, gell? Eigentlich ein komisches Wort.“ Und da blitzt er schon wieder durch, der sprachverliebte „Magister, aufg’spritzt auf die Halbe“, wie sich der Germanistik-Bachelor selbst ironisch bezeichnet.

Fad wird ihm jedenfalls noch länger nicht werden, dazu hat er zu viele Projekte am Start. Zum Beispiel ist auch ein drittes Buch über mentale Gesundheit und Psychotherapie in Planung. Der Arbeitstitel steht schon fest: „Die Angst vor dem schönen Leben“. Ob es wieder ein Dialog wird, den er dann erneut mit Nia einliest, kann Paul noch nicht sagen. Jetzt ist erst einmal die Konzerttour dran, und parallel dazu arbeitet er an zwei Alben: Im September 2026 soll das neue Album von AUT of ORDA erscheinen, im September 2027 dann das nächste von Pizzera & Jaus. Auch weitere Filmprojekte schließt Paul nicht aus, allerdings wird es sicher keinen dritten Teil zu „Pulled Pork“ und „Neo Nuggets“ geben: „Diese Geschichte ist auserzählt.“

Paul Pizzera ist ein österreichischer Kabarettist, Musiker und Schauspieler, der als Teil des Dialekt-Pop-Duos Pizzera & Jaus große Erfolge feiert. Außerdem ist er auch als Podcaster, Autor und Filmschauspieler aktiv.

Momentan ist Paul Pizzera mit Otto Jaus musikalisch auf Tour, unter anderem am 21. März im Pitztal, am 26. und 27. Mai in Wien, am 30. Mai in Salzburg, am 21. Juni in Gloggnitz, am 25. Juni in München, am 2. Juli in Eisenstadt, am 8. Juli in Linz und am 12. Juli in Klagenfurt.

Pizzera & Jaus 

Oscar Predictions 2026: Mood Swings

Erstaunlicherweise haben dieses Jahr wieder gleich viele Filme den wichtigen Sprung von der gar nicht mal so kurzen Shortlist in die Nominiertenliste geschafft, nämlich 35. Dank der recht gleichmäßigen Verteilung über das Jahr war es auch nicht allzu stressig, in der Zeit zwischen Bekanntgabe und dieser Niederschrift diverse versäumte Filme nachzuholen. Ohne Kurzfilme – die beurteile ich nicht, aus Gründen. Der Unterschied zu 2025: Heuer haben wir keine so umstrittenen Filme wie „Emilia Pérez“ und „Anora“ am Start, dafür aber wieder ganz andere Problembären, cineastisch betrachtet. Ganz vorne dabei als mein persönlicher Ragebait Nummer eins sind die sage und schreibe 16 (in Worten: sechzehn) Nominierungen für „Sinners“. Dieser durchaus solide gemachte Gangster-Vampir-Kracher ist bei näherer Betrachtung zwar nur ein cleveres Mashup von „From Dusk Till Dawn“, „Crossroads“ und etwas „The Faculty“, schlägt aber mit mehr Nominierungen zu Buche als Filme wie „Titanic“, „La La Land“, „Gone with the Wind“ oder „Forrest Gump“. Und mehr als „Ben-Hur“. Ich lasse das mal wirken. „Sinners“ hat zwar in einigen Kategorien ernstzunehmende Chancen (dazu kommen wir noch), aber wirklich ärgerlich ist daran die Tatsache, dass dadurch viele andere Filme mit deutlich mehr berechtigtem Anspruch in einzelnen Kategorien komplett durch den Rost fallen (auch dazu kommen wir noch). Was mich außerdem aufregt, ist die Tatsache, dass ein zwar kurzweiliger und origineller, aber keineswegs herausragender Film wie „Marty Supreme“ vor allem dank cleverem Campaigning in Tinseltown mit neun Nominierungen sein tatsächliches Potenzial um zirka die Hälfte überzogen hat. Und was „F1“ im erlauchten Kreis der zehn Nominierten für Best Picture verloren hat, konnte mir bis heute niemand schlüssig erklären.

Zwischendurch ein kleiner Ausflug in die Arbeit hinter diesem Artikel. Letztes Jahr stellte sich – hochnotpeinlich für die Academy – heraus, dass viele Voter sich nicht die Mühe gemacht haben, tatsächlich alle Filme anzusehen und stattdessen nach Gefühl gestimmt haben. Großes Journalistenehrenwort daher: Ich habe mir alle nominierten Filme in voller Länge angesehen, um mir ein Urteil zu bilden. Und ich habe in die Einschätzung, wer die größten Chancen hat, die Wertungen der anderen wichtigen Filmpreise („Cannes“, „Golden Globes“, „SAG“, „BAFTA“ usw.) berücksichtigt. Was es noch schwieriger machte, denn die total unterschiedlichen Award-Ergebnisse in manchen Kategorien haben mir selbst schon so etwas wie Zweifel an meinem Bauchgefühl und Stimmungsschwankungen beschert. Und dann ist da noch die KI. Ich habe spaßhalber die gängigsten Modelle von ChatGPT, Perplexity, Gemini und Claude in meiner Rolle gegeneinander antreten lassen, und die Ergebnisse könnten unterschiedlicher und konfuser nicht sein. Das liegt daran, dass die KI Filme nicht tatsächlich ansehen und mit der Erfahrung aus vielen Jahrzehnten und tausenden Filmen vergleichen kann, sondern nur bereits veröffentlichte Meinungen anderer scannt und nach mathematischen Modellen gewichtet. Das macht den Unterschied zwischen Mensch und Maschine aus.

Amüsant finde ich die Tatsache, dass die Fortsetzung von „Wicked: Part I“, der letztes Jahr aus zehn Nominierungen immerhin zwei Goldmännchen lukrieren konnte, heuer mit null Nominierungen bedacht wurde. Die Gründe sind wahrscheinlich im ohnehin schon übermäßigen Hype des Vorjahres, der objektiv schlechteren Qualität und – vermutlich am ausschlaggebendsten – der bizarren bis verstörenden Pressearbeit von Cynthia Erivo und Ariana Grande zu verorten. Anyway. Wirklich schräg ist auch die Tatsache, dass Über-Songwriterin Diane Warren, die bisher bei 16 Academy Awards leer ausging und zumindest 2022 mit einem Lebenswerk-Oscar gewürdigt wurde, wohl auch im 17. kompetitiven Anlauf nicht gewinnen wird – und das noch dazu, jetzt kommt’s, in einer Doku über sie selbst. Oh Ironie! Von solchen Kuriositäten aber abgesehen war das Kinojahr 2025 durchaus abwechslungsreich bis lohnend und brachte ausnahmsweise recht viele frische Ansätze statt der ewigen Remake-/Sequel-/Superheld*innen-Suppe. Daher ist speziell in den kreativen und mimischen Fächern das Feld mitunter sehr dicht, und eine treffsichere Vorhersage ist sehr schwierig. Dazu zählt auch die dieses Jahr erstmals zur Wahl stehende Kategorie „Best Casting“. Auch wenn ich nach wie vor der gestrichenen Kategorie „Bester Tonschnitt“ nachweine, ist das eine erfreuliche Erweiterung um einen bisher in seiner Bedeutung sträflich vernachlässigten Baustein der Filmindustrie. Gerade in seinem Premierenjahr aber alles andere als einfach zu bewerten – alle fünf Kandidat*innen sind da wirklich top.

Last but not least sollen in den einleitenden Worten zwei meiner persönlichen Highlights des Jahres und hoffentlich gut abräumenden Streifen nicht unerwähnt bleiben: der stellare „One Battle After Another“, für mich definitiv der Film des Jahres und jetzt schon ein Klassiker. Und aus der immer wieder exquisiten Küche Norwegens hat mir (und hoffentlich auch der Academy) „Sentimental Value“ in vielerlei Hinsicht sehr gemundet.

In diesem Sinne: genug Vorspeise und Suppe – kommen wir zu den Hauptgängen, den Predictions in den einzelnen Kategorien, in der Reihenfolge der Verleihung vom letzten Jahr.

Bester Nebendarsteller

Und hier haben wir auch die erste knifflige Kategorie. Nicht nur, dass gleich zwei Herren aus „One Battle After Another“ nominiert sind, nämlich die beiden Kapazunder und Oscar-Preisträger Benicio del Toro und Sean Penn; nein, es muss ja natürlich auch der schwedische Gigant Stellan Skarsgård für das hochkarätige norwegische Drama „Sentimental Value“ dabei sein. Und dazu die Publikumslieblinge Jacob Elordi in seiner Monster-Rolle in „Frankenstein“ sowie Delroy Lindo für „Sinners“. Wie bitte soll man sich bei diesen durch die Bank erstklassigen Leistungen entscheiden?

Mein persönlicher Favorit ist Penn für seine grotesk komisch-bedrohliche Darstellung des Col. Lockjaw. Aber er ist einer der OG Bad Boys in Hollywood und hat in seiner Karriere schon zwei Goldmännchen (und für diese Rolle heuer Screen Actors Guild Award und British Academy Film Award) gesammelt, daher könnte die Academy etwas sentimental werden und den Veteranen Skarsgård erstmals adeln. Ich hätte gerne Sean, aber Stellan it is.

Bester Animationsfilm

Ok, das ist heuer einfach. Denn so, wie in dieser Kategorie früher Disney eine Bank war, ist es der Animationsgigant heuer nicht mehr. Wie schon seit Jahren übrigens – und das sogar gemeinsam mit Pixar gerechnet. Tatsächlich ist es schon vier Jahre her („Encanto“), ziemlich peinlich für den Krösus des Genres. Noch peinlicher ist nur die Tatsache, dass man 2026 mit sogar zwei Nominierungen, „Elio“ und „Zootopia 2“, vermutlich ebenso chancenlos ist. Filme mit äußerst schütterer Gagdichte und belangloser Musik (dazu kommen wir später noch), bei denen auch keiner so genau weiß, was das Zielpublikum ist.

Die thematisch komplexen und stilistisch hochinteressanten Kandidaten „Arco“ und „Little Amélie or the Character of Rain“ hätten normalerweise ähnlich gute Chancen wie der letztjährige Überraschungssieger „Flow“, aber dieses Jahr führt kein Weg an dem breitentauglichen sowie perfekt animierten, vertonten und geschriebenen „KPop Demon Hunters“ vorbei. Sicherer Sieg.

Bestes Kostümdesign

Dieses Jahr bietet die Fetzen-Kategorie einen bunten Strauß: typisches Theater-Drama à la „Hamnet“, eine Epochen-Studie wie „Sinners“, die schräge Komödie „Marty Supreme“ und die Fantasy-Abteilung von „Frankenstein“. Völlig daneben ist die Nominierung von „Avatar: Fire and Ash“ – was hat ein völlig computeranimierter Film mit der altehrwürdigen Nadel-&-Faden-Zunft Hollywoods zu tun?

Gutes „Stich“-Wort übrigens, denn nach eingehender Betrachtung sind zwar alle anderen Filme ob der perfekten Kostümausstattung wirklich gelungen, letztendlich hat aber „Frankenstein“ die Nase vorn: Hier ist nicht nur das legendäre Monster, sondern auch die Garderobe aller anderen Mitwirkenden am überzeugendsten und interessantesten zusammengeflickt. Ok, ich beende jetzt meine Knopfloch-Kalauer …

Bestes Originaldrehbuch

Original klingt so ähnlich wie originell, und diesbezüglich haben wir heuer in dieser Kategorie ein wenig mit inhaltlichen Scheren zu kämpfen. Mit „Blue Moon“ beispielsweise tue ich mir schwer, denn das fast zwei Stunden dauernde de-facto-Monologisieren des abseits der Branche kaum bekannten Librettisten Lorenz Hart (gespielt von Ethan Hawke) kann man kaum ruhigen Gewissens als Drehbuch bezeichnen, sorry. Auch der wirre Action-Klamauk „Marty Supreme“ lässt es trotz aller Dynamik spürbar an Struktur mangeln.

Da sind die beiden ausländischen Exoten „Sentimental Value“ und „It Was Just an Accident“ mit ihren historischen und soziologischen Ausgangssituationen sowie ihren fein gezeichneten und ausgefüllten Figuren schon um ein Eckhaus kompetenter. Unterm Strich hat aber am Ende wohl „Sinners“ das in Summe – trotz der eingangs erwähnten Anleihen – originellste, spannendste und rundeste Paket am Start.

Ryan Coogler ist hier als Screenwriter/Autor fast auf Augenhöhe mit Paul Thomas Anderson und „One Battle After Another“, was letztendlich den ganzen Abend spannend machen wird.

Ich habe spaßhalber die gängigsten Modelle von ChatGPT, Perplexity, Gemini und Claude in meiner Rolle gegeneinander antreten lassen, und die Ergebnisse könnten unterschiedlicher und konfuser nicht sein. Das liegt daran, dass die KI Filme nicht tatsächlich ansehen und mit der Erfahrung aus vielen Jahrzehnten und tausenden Filmen vergleichen kann. Sondern nur bereits veröffentlichte Meinungen anderer scannt und nach mathematischen Modellen gewichtet. Das macht den Unterschied zwischen Mensch und Maschine aus.

Bestes adaptiertes Drehbuch

Und da sind wir auch schon bei der „anderen“ Drehbuchkategorie. Hier kann der Sieger eigentlich nur „One Battle After Another“ heißen. Klar, „Hamnet“ und „Frankenstein“ bedienen sich, wenn auch grundverschieden, an hoch geschätzter Literaturklassik, „Train Dreams“ arbeitet sich gekonnt an der jungen Geschichte der USA und ihrer stillen Helden ab. Und „Bugonia“ ist einfach nur hinreißend durchgeknallt und mit hysterisch überzeichneten Charakteren besetzt. Formeller Protest an dieser Stelle aufgrund der Nicht-Nominierung von Jesse Plemons, geschätzte Academy!

Letztlich aber ist es der nach heutigen Maßstäben gar nicht sooo absurde Mix aus Plot und Personen mit ihren Schrullen bzw. Background-Storys, der das „One Battle After Another“-Script von Paul Thomas Anderson zur besten Filmvorlage macht, die uns eigentlich Tarantino seit Jahren schuldet.

Bestes Makeup und Haare

Eine Kategorie, in der neben den mehrfach nominierten Blockbustern „Sinners“ und „Frankenstein“ drei sehr, sehr unterschiedliche Solitär-Nominierte durchaus Beachtung verdienen – nicht nur wegen der Maske. „Kokuho“ ist ein absolutes Meisterwerk und hätte eigentlich auch in den Kategorien Bestes Kostümdesign und Bester Internationaler Film eine Nominierung verdient. Das Wrestling-Drama „The Smashing Machine“, wohl anfangs etwas zu enthusiastisch als awardwürdig für Dwayne Johnson gehyped, ist dennoch sein Career Best – und das nicht zuletzt dank der Künstler*innen am Schminktisch. Und „The Ugly Stepsister“, die superweirde Body-Horror-Interpretation des klassischen Aschenputtel-Märchens, zieht hier auch alle Register.

Unterm Strich schaut die Academy aber meist auf Massentauglichkeit am Heimatmarkt, und da ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen „Frankenstein“ und „Sinners“. Im Zweifel Münzwurf: Ersatzteil-Zombie vs. Vampire, Quadratkopf oder Zahn – ich sage „Frankenstein“.

Leonardo DiCaprio in "One Battle After Another"
Leonardo DiCaprio in "One Battle After Another" © Warner Bros. Pictures

Bester Schnitt

Eine der wichtigsten technischen Kategorien – und noch dazu eine mit enormer Bandbreite. Ob hektisch oder ruhig, chronologisch oder nicht-linear: Ein gewisser Schnittstil ist auch immer wie ein Fingerabdruck bei großen Filmemacher*innen verbunden. Schlag nach bei Hitchcock, Scorsese oder Nolan. Daher sind in diesem Jahr in dieser Kategorie auch hervorragende Exemplare nominiert.

„F1“ zum Beispiel, die platte Rennfahrer-Story, die auch in der Kategorie Bester Film nominiert ist – warum, weiß niemand. Die exzellenten Rennmontagen jedoch machen ihn im Fach Schnitt zu einem aussichtsreichen Kandidaten. „Sinners“ – musikgetrieben und spannungsgeladen –, „Marty Supreme“ mit der typisch quirligen Safdie-Handschrift und völlig diametral zum stoischen Schnitt von „Sentimental Value“ sind ebenfalls von Meister*innenhand.

Mein Favorit bleibt aber die Souveränität, mit der „One Battle After Another“ kompetent durch sämtliche Bereiche des Films navigiert, von Action bis Comedy, und stets die Story vorantreibt. Obacht: Gewisse Chancen muss man „F1“ trotzdem einräumen!

Beste Nebendarstellerin

Puh, eine echte Kopfnuss. Fängt schon mal damit an, dass auch hier zwei Schauspielerinnen aus demselben Film nominiert sind: Inga Ibsdotter Lilleaas und Elle Fanning, beide mit unaufgeregten, aber nuancierten Darstellungen, wobei Letztere fast schon etwas farblos wirkt. Hier hätte ich lieber Chase Infiniti aus „One Battle After Another“ gesehen, aber nun ja.

Teyana Taylor springt jedoch für den Film in ihrer Rolle als Perfidia Beverly Hills mehr als würdig ein, wofür sie auch einen Golden Globe einsackte. Der BAFTA in dieser Sparte wiederum ging an Wunmi Mosaku aus „Sinners“, und der prestigeträchtige SAG Award an Amy Madigan als boshafte Hexe in „Weapons“. Da haben wir den Salat – die drei wichtigsten Indikatoren auf die drei Favoritinnen aufgeteilt. Was tun?

Madigan hat sicher den Veteranin-ohne-Oscar-Bonus, aber was sagt das schon „hüstel“ Glenn Close „hüstel“? Taylor ist mein Favorit: jung, wild, charismatisch – und außerdem Schwarz, was in Zeiten vehement geforderter Diversity sicher hilft. Knappe Sache, in dem Fall aber gewinnen für mich die knapp 20 Minuten Screentime von Taylor gegen knapp 15 Minuten von Madigan.

Bestes Szenenbild

Production Design, der stille Held jedes Films. Vom Buttermesser bis zum Raumschiff muss alles aus einem Guss sein, damit sich ein Film „richtig“ anfühlt. Keine leichte Aufgabe, finden doch professionelle Nörgler*innen immer einen Fehler – und sei es nur ein nicht zum Filmjahr passender Kühlergrill.

Anyway, in dieser Kategorie haben wir jetzt erstmals alle „Big Five“ der heurigen Oscar-Saison beieinander, und das mit Recht. Was es nicht einfach macht. Ich sag mal so: Obwohl sowohl „Marty Supreme“, „One Battle After Another“ als auch „Hamnet“ hier alles richtig machen und die jeweiligen Regisseur*innen als extrem genau und detailverliebt gelten, fehlt ein wenig der finale, spektakuläre „Wow“-Faktor.

„Sinners“ und „Frankenstein“ hingegen sind auch ohne Schauspieler*innen im Bild immer eine Augenweide. Knappe Sache – ich sehe aber „Sinners“ hier vorne, da mir der Anteil und die Qualität der CGI bei „Frankenstein“ doch ein wenig zu bequem scheint.

Bester Song

Eine der Kategorien, wo es heuer gar keine Diskussion gibt. Klare Sache für „Golden“ aus „KPop Demon Hunters“. Wer davon noch immer keinen Ohrwurm hat, muss entweder unter einem Stein leben oder taub sein. Oder beides.

Davon abgesehen ist diese Kategorie aber – mit Ausnahme von vielleicht noch „I Lied To You“ aus „Sinners“ – heuer eher matt besetzt. Diane Warrens quasi schon obligatorischer Beitrag, diesfalls für „Diane Warren: Relentless“, ist, wie schon in der Einleitung erwähnt, enttäuschend beliebig. Disney lässt sowieso komplett aus, und „Train Dreams“ aus dem gleichnamigen Film sowie „Sweet Dreams of Joy“ aus „Viva Verdi!“ sind geradezu ermüdend unspektakulär, um nicht zu sagen uninspiriert.

Normalerweise tauchen im Lauf des Jahres zumindest zwei Songs aus dieser Rubrik auch im Radio-/Spotify-Alltag auf – heuer nicht. Irgendwie aber auch ein Zeichen der Zeit, dass im für die allgemeine Öffentlichkeit vermutlich zugänglichsten Segment die üblichen Musikgenres versagen und es der KPop rausreißen muss.

Bester Dokumentarfilm

Traditionellerweise findet sich bei den Dokumentarfilmen immer ein spannender Mix aus explosiven sozialen oder politischen Themen und zutiefst persönlicher Nabelschau. Wobei Letzteres, vertreten durch „Come See Me in the Good Light“, praktisch keine Chance hat. Die filmische Begleitung der letztlich lethalen Krebserkrankung einer non-binären Slam-Poet*in hat dann trotz aller Feels etwas zu wenig Berührungspunkte mit dem Publikum.

„The Alabama Solution“ prangert das unmenschliche, korrupte und profitorientierte Gefängnis-Business in den USA an. Durchaus bemüht, aber: jo, eh. „Mr. Nobody Against Putin“ rollt in einem sehr konservativen Doku-Stil die ideologische Indoktrinierung von Schüler*innen in Russland auf. Auch hier: jo, eh. Und noch dazu kümmert man sich in den USA deutlich weniger um Putin und die Ukraine als hier.

„Cutting Through Rocks“, ein Beitrag über das mühsame Aufbrechen patriarchischer Strukturen in abgelegenen Regionen, wäre wohl auch wenig chancenreich. Da es hier aber um eine Doku über und aus dem Iran geht, könnte die aktuelle Nahost-Situation einen kräftigen Push Richtung Platz Eins bewirken. Der gehört aber meiner Meinung nach „The Perfect Neighbor“. Die kreativ hauptsächlich aus Polizei-Bodycams, Überwachungskameras und privaten Handy- und Doorbell-Aufzeichnungen zusammengestellte Dokumentation über einen tragischen Todesfall legt bei regelmäßigen USA-Reizthemen den Finger in die Wunden: Rassismus, Entitlement und Waffengebrauch in Zusammenhang mit dem umstrittenen „Stand Your Ground“-Gesetz. Aufwühlend.

Bester Sound

Um diese Kategorie aussagekräftig beurteilen zu können, ist der Besuch eines modernen Kinosaals – zumindest aber ein kompetentes Heimkino-System – imperativ. „Sirat“, das nihilistische Roadmovie rund um eine Raver-Partie im marokkanischen Hinterland, baut auf wummernde Bässe. „Frankenstein“, klar: Gewitter, Schneesturm, Steampunk-Gerätschaft und ein mächtiger Score betten die Zuseher*innen und Zuhörer*innen perfekt in die dramatische Story ein. „Sinners“ ist sowieso zu einem satten Anteil um schweißtreibenden, hochenergetischen R&B-Score und Action im letzten Drittel herum konstruiert.

Detto „One Battle After Another“, wo es neben einem tollen Score auch jede Menge Bomben, Granaten und Auto-Verfolgungsjagden auf die Ohren gibt. Aber am Ende ist es dann doch der wenig originelle, aber in Bild und Ton unglaublich präzise geschnittene und mit viel Aufwand authentisch und druckvoll vertonte „F1“, der hier soundmäßig voll abliefert. Beeindruckend.

Beste visuelle Effekte

In einem Jahr, in dem James Cameron wieder einen seiner Blockbuster abliefert, ist das eigentlich ein unfairer Wettbewerb. Überhaupt, wenn wieder mal ein Teil der „Avatar“-Saga zur Wahl steht. Unbestreitbar geht hier der Oscar an „Avatar: Fire and Ash“, auch wenn der Film selbst außer perfektem 3D-Eyecandy wenig Neues zeigt.

Der Vollständigkeit halber seien hier die anderen Teilnehmer „F1“, „Sinners“ und „Jurassic World Rebirth“ noch erwähnt, wobei gerade letzterer im direkten Vergleich zu Camerons Vision fast schon hausbacken wirkt. Eine besonders lobende Erwähnung muss ich noch „The Lost Bus“ aussprechen: Selten sahen in einer mit vergleichsweise kleinem Geld produzierten Verfilmung einer realen Story Feuer und Rauch so realistisch aus. Ironie, dass dieser solide Streifen ausgerechnet im selben Jahr wie das Feuer-Kapitel von „Avatar“ nominiert ist – schade irgendwie.

Aber wer weiß: Vor drei Jahren hat die kleine Independent-Produktion „Godzilla Minus One“ auch die Big-Budget-Hollywood-Blockbuster ausgestochen …

Beste Kamera

Wenn wir gerade bei Eyecandy sind: Punkto Kameraarbeit gab es im verwichenen Kinojahr wieder einige Szenen für die Ewigkeit. Auch in dieser Kategorie sind die Big Five der aktuellen Oscarsaison vertreten – oder? Nein, denn „Hamnet“, der Film der visuell immer trittsicheren Chloé Zhao, fehlt hier; stattdessen schiebt sich die großteils unter dem Radar geflogene Erzählung „Train Dreams“ in den Kreis der Nominierten.

Und obwohl von links und rechts je nach Gusto die anderen Nominierten – „Marty Supreme“, „Frankenstein“, „Sinners“ und „One Battle After Another“ – proklamiert werden, lehne ich mich aus dem Fenster und votiere für den bisher kaum bekannten Brasilianer Adolpho Veloso für seine fast schon an Großmeister wie Deakins oder Lubezki reichende Kameraarbeit in „Train Dreams“. Was für ein wundervoller, Szene für Szene exzellent gefilmter und beleuchteter Augenschmaus.

Bester Internationaler Film

Eine notorisch schwierig vorhersagbare Kategorie. Hier hat man es mit ganz anderen Produktionen und dementsprechend Wahrnehmungen zu tun als bei Hollywoods Own. Zumal sich Filmemacher*innen aus Ländern außerhalb der USA oft wesentlich mehr trauen, was die Academy oft irritiert. „Sirat“ aus Spanien zum Beispiel, die tragikomische Geschichte um Raver auf Irrwegen in der Wüste, scheut nicht davor zurück – Spoilerwarnung – in einem Aufwasch gleich Kind und Hund zu killen. Irre!

Zwei Kandidaten, nämlich „It Was Just An Accident“ (Iran) und „The Voice of Hind Rajab“ (Tunesien), gehen sehr unterschiedlich, aber deutlich mit dem Iran respektive Israel ins Gericht – das könnte sich im Spiegel der aktuellen Ereignisse noch auf die Abstimmung auswirken. Unabhängig davon werden es sich aber wahrscheinlich „Sentimental Value“ (Norwegen) und „The Secret Agent“ (Brasilien) untereinander ausmachen. Wobei ich trotz allem Hype um die brasilianische Produktion und der zugegeben famosen Vorstellung von Hauptdarsteller Wagner Moura der überragenden Ensembleleistung von „Sentimental Value“ den Vorzug gebe.

Beste Filmmusik

Immer dann eine spannende Sache, wenn nicht die üblichen Granden wie Williams oder Zimmer mitmischen – so wie heuer zum Beispiel. Wobei allerdings mit Jonny Greenwood, Ludwig Göransson und Alexandre Desplat drei Schwergewichte der nächsten Generation in den Ring steigen, auch nicht von Pappe.

Der ausgesprochen experimentelle Score von „Bugonia“ (der bei diesen Oscars unabhängig davon weit unter seinem Wert repräsentiert ist) hat hier leider wenig Chancen. Auch die zwar gut passende, aber schon sehr verhaltene musikalische Untermalung von „Hamnet“ greift hier nicht in die Wertung ein. Die Musik zu „Frankenstein“ von Desplat macht zwar dramaturgisch alles richtig, lässt es aber im Vergleich zu Greenwoods Spritzigkeit und Dynamik in „One Battle After Another“ doch deutlich an Charakter vermissen.

Gold holt sich hier aber ziemlich sicher – und zum insgesamt schon dritten Mal – Ludwig Göransson, der entgegen seiner üblichen Brachial-Collagen für „Sinners“ den Blues neu interpretiert. Und wäre nicht der KPop, ginge er vermutlich mit zwei Oscars für Score und Song heim.

Bestes Casting

Bevor wir in die Zielkurve der wichtigsten Oscars des Abends biegen, schiebe ich hier die neue und erstmals vergebene Kategorie „Best Casting“ ein. Kurze Erklärung: Casting Directors und ihre Assistent*innen sind die Schnittstelle zwischen Regie/Produktion und den Schauspieler*innen. Sie kümmern sich darum, die Wunschkandidat*innen der Macher*innen zu gewinnen und in weiterer Folge die Auswahl für mitunter hunderte Nebenrollen zu treffen. Casting hat somit als entscheidender Faktor für die Qualität des Ensembles einen wesentlichen Einfluss auf den gesamten Film.

Und gleich im ersten Jahr haben wir mit den schon öfter bemühten Big Five dieser Saison eine exzellente Repräsentanz des Fachs. „Marty Supreme“ beispielsweise kann auch neben Timothée Chalamet einen ausgesprochen originellen Cast aufwarten, „The Secret Agent“ glänzt mit herrlich schrägen Charakterköpfen. „Hamnet“ bewies bereits mit der Besetzung von Jessie Buckley einen absoluten Goldgriff, und die Starpower von DiCaprio, Del Toro und Penn in „One Battle After Another“ ist für sich schon zum Niederknien.

Unterm Strich aber ist die gesamte Besetzung von „Sinners“ die wahrscheinlich stimmigste und perfekt gelungene. Schon der doppelte Michael B. Jordan ist ein Statement für sich.

Hamnet
"Hamnet" © Focus Features

Bester Schauspieler

Jetzt geht es ans Eingemachte: „Best Actor“, die begehrteste Auszeichnung für die Herren vor der Kamera. Oscar-Preisträger ist wie Olympiasieger – den Titel kann man das ganze Leben vor sich hertragen.

Ein dichtes Feld: Leonardo DiCaprio mit seiner insgesamt siebten Nominierung für die höchst unterhaltsame Vorstellung in „One Battle After Another“, der auch schon zum dritten Mal als Schauspieler (plus zwei Mal fürs Drehbuch) nominierte Routinier Ethan Hawke monologierend für „Blue Moon“, Michael B. Jordan mit seiner ersten Nominierung für die Doppelrolle in „Sinners“, everybody’s darling Timothée Chalamet mit seiner auch schon dritten Nominierung als halbseidener „Marty Supreme“ – wo er auch als Produzent um einen Oscar rittert – sowie der in seiner Heimat mit Preisen überschüttete, in Hollywood aber erstmals aufzeigende Brasilianer Wagner Moura für „The Secret Agent“.

Schwierig. Chalamet hat zu Beginn der Oscar-Campaign groß aufgezeigt, dann aber deutlich an Momentum verloren, vermutlich weil komische Rollen meist links liegen gelassen werden und er immer noch sehr jung ist. Hawke war von Anfang an kopflastiger Außenseiter und Moura kann seinen Latino-Exotik-Bonus wohl auch nicht breitenwirksam ausreizen.

Als bekennender Fanboy würde ich zwar gerne DiCaprio für seine brillante Slacker-Darstellung mit seinem zweiten Oscar sehen, aber es deutet alles auf Jordan hin. Und das ebenfalls durchaus verdient.

Beste Regie

Fünf Kandidat*innen, fünf Stile, fünf exzellente Filme. Man merkt: Hier hat man es mit beständigen Könner*innen zu tun. Zahlreiche Nominierungen in unterschiedlichen Fächern von Regie über Song und Drehbuch bis Produktion – davon gleich zwei Gewinne für Chloé Zhao – kann diese Supertruppe verbuchen.

Auch die Bandbreite ist verblüffend: Josh Safdies erste Regie-Nominierung (plus Produktion, Script und Schnitt) für „Marty Supreme“ steht insgesamt 14 Stück ohne Gewinn von Paul Thomas Anderson gegenüber. Aber wer macht das Rennen? Aller Voraussicht nach Paul Thomas Anderson für „One Battle After Another“.

Als absolute Fixgröße, unter dessen Anleitung sich Gigant*innen wie Daniel Day-Lewis, Joaquin Phoenix, Amy Adams, Philip Seymour Hoffman, Julianne Moore, Burt Reynolds oder Tom Cruise zu absoluten Bestleistungen aufschwingen konnten, ist er schon lange überfällig. Chloé Zhao, die 2021 mit „Nomadland“ gleich einen Oscar-Doppelschlag landete, muss sich mit „Hamnet“ diesmal hinten anstellen. Für Safdies „Marty Supreme“ gilt dasselbe wie für seinen Star Timothée Chalamet: Komödien haben immer das Nachsehen.

Kaum Chancen hat die durchaus tolle Arbeit von Joachim Trier für „Sentimental Value“, wenn man sich die Statistik ansieht. In 97 Oscar-Jahrgängen konnte sich nur ganze zwei Mal ein nicht-englischsprachiger Film den Regie-Oscar sichern: „Roma“ im Jahr 2018 und „Parasite“ im Jahr darauf. Und so sehr „Sinners“ in vielen Bereichen überzeugt – Paul Thomas Anderson hat Ryan Coogler in den letzten Monaten bei praktisch allen relevanten Regie-Awards ausgestochen. Warum sollte gerade jetzt der Lauf enden?

Beste Schauspielerin

Eine ähnlich klare Entscheidung wie beim besten Song wird es in dieser Kategorie für die außergewöhnliche Leistung von Jessie Buckley in „Hamnet“ geben. Damit krönt die zwar respektierte, aber bisher nicht wirklich im Bereich der A-Lister angekommenen Irin nicht nur ihre bisherige Karriere: Ein lupenreiner „Clean Sweep“ aus Golden Globe, Critics‘ Choice, BAFTA, SAG und nun Academy Award für eine Rolle ist wenigen Mimen vergönnt.

Für die übrigen Nominierten dumm gelaufen bei dieser Übermacht. Die schon mehrfach nominierte und zweimal siegreiche Emma Stone mit „Bugonia“ wird sich nicht arg kränken, auch Kate Hudson wird ihre zweite Nominierung für „Song Sung Blue“ ohne Groll abhaken. Zumal diese zwar unterhaltsam gespielte und gesungene Rolle schon eher dem leichten Fach zuzuordnen ist – Oscar-Rollen sehen normalerweise anders aus.

Ob Rose Byrne nach „If I Had Legs I’d Kick You“ oder Renate Reinsve nach „Sentimental Value“ noch einmal die Chance auf den goldenen Glatzkopf bekommen, bleibt fraglich. Ich hoffe schon – wenn nicht, bleibt nur zu sagen: schlechtes Jahr erwischt.

Bester Film

Finally, der Endboss. Die Academy und ich müssen sich unter zehn Nominierten für den besten Film des Jahres 2025 entscheiden. Eines vorweg: Alle haben ihre einzigartigen Qualitäten und sind sehenswert. Nur gibt es eben, so wie überall, relativ viele Inselbegabte und nur sehr wenige Universalgenies – und die gilt es zu finden.

Sieben wir mal aus: „F1“ ist technisch toll, aber kein wirklich guter Film. Weg. „Train Dreams“: schön und berührend, es bleibt aber wenig hängen. Weg. „Bugonia“ und „The Secret Agent“ sind schräg, spannend und toll gespielt, aber will man sie nochmal sehen? Nein. Auch weg. „Frankenstein“ ist trotz technischer Brillanz dann in Summe doch ein sehr übersättigter Stoff. Auch weg. Und weil wir gerade bei Stoff sind: Shakespeare kennen wir alle wirklich zur Genüge, auch wenn „Hamnet“ einen anderen Zugang liefert. Auch weg damit.

Für „Marty Supreme“ und „Sentimental Value“ gilt im Prinzip dasselbe wie für „Bugonia“ und „The Secret Agent“: Unterhaltsam bzw. herausfordernd, toll inszeniert und besetzt, aber am verregneten Sonntag in der Streamingauswahl gibt man dann doch eher dem drölften Rerun eines Bud Spencer-Klassikers den Vorzug. Wisch nach links.

Letztlich läuft es auf eine Entscheidung zwischen „Sinners“ und „One Battle After Another“ hinaus. Hier heißt es jetzt, objektiv zu bleiben: Obwohl ich aus meiner Begeisterung für „One Battle After Another“ keinen Hehl mache, muss ich in der Glaskugel auf andere Dinge achten. In meiner Einschätzung der unterschiedlichen Kategorien liegt „Sinners“ 5:4 vorne. „Sinners“ ist der Liebling einer jüngeren, progressiven Zielgruppe und nicht zu vergessen der POC-Community. „One Battle After Another“ wiederum begeistert ältere Cineast*innen jeder Hautfarbe sowie das Hollywood-Establishment.

Und letztlich hat „Sinners“ zwar in Summe quantitativ mehr Preise eingeheimst, „One Battle After Another“ dafür qualitativ mehr Gravitas am Kaminsims. Egal. Ich sage: „One Battle After Another“ macht das Rennen, und wenn am Ende doch „Sinners“ gewinnt, bin ich auch zufrieden. Mit 6 Siegen aus 16 Nominierungen bzw. 5 Siegen aus 13 Nominierungen hätten sich beide Filme erfolgreich und wacker geschlagen. Und so wie es aussieht, wird der neunfach nominierte „Marty Supreme“ mit null Oscars der große Verlierer des Abends.

Danke für die Aufmerksamkeit. Es war mir das Sichten, Grübeln, Recherchieren und Schreiben wie immer ein Fest – ich hoffe, der geneigten Leser*innen auch die Lektüre!

One more thing: die Liste der Filme der letzten 12 Monate, die es leider zu keiner einzigen Nominierung gebracht haben. Die sollte man auf jeden Fall auch gesehen haben, manchmal sogar dringlicher als den einen oder anderen Nominierten. Und los: „Warfare“, „Sorry Baby“, „Rental Family“, „Springsteen: Deliver Me from Nowhere“, „Eddington“, „Final Destination: Bloodlines“, „Last Breath“, „Companion“, „Caught Stealing“, „Black Bag“, „Honey Don’t!“, „Ballad of a Small Player“, „Anniversary“.

Wir lesen uns wieder, wenn die für 2026 antizipierten Filme hoffentlich die Erwartungen erfüllen, wie zum Beispiel „Project Hail Mary“, „The Devil Wears Prada 2“, „The Odyssey“, „Digger“, „Godzilla Minus Zero“, „Dune: Part Three“ und „The Adventures of Cliff Booth“.

Unsere Vorhersage auf einen Blick

funk tank Vorhersage Oscars 2026
funk tank Vorhersage Oscars 2026
funk tank Vorhersage Oscars 2026

Die 98. Oscar-Verleihung wird in der Nacht von 15. auf 16.  März 2026 ab Mitternacht live auf ORF 1, ORF ON, ProSieben Austria, JOYN und Disney+ übertragen.

Oscars

Asterix in Lusitanien: Melancholie trifft auf Turbokapitalismus

Nur weil ein Buch bunte Bilder und Sprechblasen hat, ist es noch lange kein Kinderbuch.

Es ist wieder Oktober in einem ungeraden Jahr. Seit 2001 bedeutet das für mich: Endlich kommt wieder ein neues Asterix-Album heraus! Und der Stapel in unserer Comic-Bibliothek wird wieder ein klein wenig höher. 41 reguläre Abenteuer sowie einige zusätzlich eingeschobene Sonderbände sind es mittlerweile. Und so halte ich nun endlich „Asterix in Lusitanien“ in Händen: Es geht also diesmal nach Portugal. Und es ist wie Heimkommen: Schon auf der ersten Seite treffen die Gallier einen alten Freund (den phönizischen Händler Epidemais), der gleich einen anderen alten Bekannten mit an Bord hat (den lusitanischen Ex-Sklaven Schnurres, der einst bei der Waldrodung für die Trabantenstadt im Einsatz war).

Und dann natürlich die unvermeidlichen Piraten – wo sich der woke Zeitgeist offenbart: Nach Dutzenden von Begegnungen, in denen der numidische Ausguck Baba mit seinen r-losen Kommentaren über „Gallie und Röme“ für Lacher beim Lesen sorgte, wurde sein chronischer Sprachfehler nun vom aktuellen Asterix-Autor Fabrice Caro alias Fabcaro beseitigt. Natürlich merken die anderen Piraten das sofort. Ja, natürlich ist es politisch unkorrekt und böse, sich Stereotypen und Klischees zu bedienen, und deshalb werde ich mich hier nicht in die Nesseln setzen und das kommentieren. Wobei: Ist es überhaupt Baba? Der dunkelhäutige Pirat sieht sich selbst eigentlich überhaupt nicht mehr ähnlich. Zeichner Didier Conrad hat ihm jedenfalls in Band 41 ein ganz neues, breiteres Gesicht verpasst.

Sprechende Namen, karikierte Gesichter

Ja, und sonst? Sonst bleibt tatsächlich alles beim Alten. Fabcaro erzählt eine solide Geschichte mit einer ausgefeilten Handlung, die Asterix einiges an Spürsinn abverlangt – ich fühle mich an detektivische Abenteuer wie „Die Goldene Sichel“ oder „Der Avernerschild“ erinnert. Diesmal geht es darum, dass ein Garum-Großhändler einen lokalen Erzeuger durch ein Komplott vom Markt verdrängt. (Das aus Fischsud hergestellte Gewürz Garum hatte bei den Römern in etwa den Stellenwert wie unser Maggi.)

Obelix hat wieder eine junge Dame zum Anhimmeln, ist wie immer gedanklich einen Schritt hinterher, stört sich daran aber gar nicht, sondern ist viel zu beschäftigt damit, seine Abneigung gegen Fisch auszuleben. Kein Wunder: Wer täglich mit der verfaulenden Ware von Verleihnix konfrontiert ist, kommt quasi vom Regen in die Traufe, wenn er sich plötzlich in einer Gegend wiederfindet, in Salz eingelegter Kabeljau als Delikatesse gilt. Und wenn Obelix „subtil“ vorgeht, dann weiß man genau, dass ein Zahnstocher zum Baumstamm wird.

Und die aktuellen Asterix-Macher halten sich an das Erfolgsrezept der Gründerväter René Goscinny und Albert Uderzo: Erstens greifen sie aktuelle Themen auf, die in die Antike verpflanzt werden – in diesem Fall den globalisierten Turbokapitalismus (der intrigante Garum-Konzernchef beliefert das gesamte römische Reich) und die Pensionsdebatte. Zweitens karikieren sie bekannte Gesichter – etwa jene des höchst umstrittenen italienischen Langzeit-Premiers Silvio Berlusconi und des britischen Starkomikers Ricky Gervais. Drittens setzen sie auf zahlreiche Wortspiele und sprechende Namen von Mandarfjanix über Schãoprozes bis Fetterbonus. Viertens tauchen sie ein in die jeweilige Landschaft und Mentalität der von ihren Helden besuchten Völker. In diesem Fall sind es die pittoreske Architektur eines beschaulichen portugiesischen Fischerdorfes und die im Fado so oft zum Ausdruck gebrachte Melancholie, die auch als Saudade bezeichnet wird: eine tiefe Sehnsucht nach etwas Verlorenem, um nicht zu sagen ein einziger großer Weltschmerz.

Asterix in Lusitanien: Melancholie trifft auf Turbokapitalismus
Der neue Band 41 © ASTERIX®- OBELIX®- IDEFIX® / © 2025 HACHETTE LIVRE / GOSCINNY-UDERZO

Für Kinder nicht mehr ganz so lustig

All dies haben Conrad in seinem siebenten und Fabcaro in seinem zweiten Asterix-Band wieder zu einem großen Abenteuer verwoben, bei dem sich auch die deutsche Übersetzung nach Kräften bemüht hat, auf dem Weg nichts vom originalen französischen Humor zu verlieren. Allerdings ist genau dieser Humor erwachsener geworden. Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind die Asterix-Alben im Besitz meines Vaters eines nach dem anderen verschlungen habe, wobei man die Hefte mehrmals durchblättern musste: Im ersten Durchgang las man die Geschichte, im zweiten Goscinnys sprachliche Feinheiten und im dritten die vielen Details, mit denen Uderzo seine Bilder gespickt hatte.

Und auch mein inzwischen zwölfjähriger Sohn verkriecht sich immer mal wieder stundenlang mit Asterix-Comics oder lacht sich über die Filme schlapp. Jedoch die neueren Hefte nimmt er nur selten in die Hand. Mit „Asterix in Lusitanien“ war er nach nicht einmal fünf Minuten durch und hat es fast schon desinteressiert wieder weggelegt. Dabei hat dieses neue Album 48 Seiten und gar nicht so wenig Text. Aber während Goscinny offenbar die Kunst beherrschte, bei aller zeitgenössischer Gesellschaftskritik, die er in seine Sprechblasen hineinpackte, trotzdem auch mehr oder weniger subtile Gags für ganz junge Leser*innen unterzubringen, hat sich spätestens mit Fabcaro – zumindest in der deutschen Übersetzung – eine gewisse akademische Schwere eingeschlichen.

Klar, insbesondere die Namen sind ebenso selbsterklärend wie ein Gag mit einem Passwort, das Asterix in der Unternehmenszentrale des Garum-Oligarchen wählen muss. Aber Szenen wie jene in der Marketing-Sitzung, die unsere beiden Gallier crashen, sind tatsächlich nur für gebildete Erwachsene unterhaltsam. Weil man das Bullshit-Bingo, das dort gespielt wird, irgendwann zumindest peripher mitbekommen haben muss, um zu verstehen, warum diese Anspielungen lustig sind. Einmal mehr wird hier deutlich: Nur weil ein Buch bunte Bilder und Sprechblasen hat, ist es noch lange kein Kinderbuch. Einen Vorteil hat es für mich zumindest: Bis mein Sohn alt genug ist, um „Asterix in Lusitanien“ entsprechend würdigen zu können, bleibt mir mehr Zeit, dieses neue Abenteuer in Ruhe zu lesen.

Asterix in Lusitanien: Melancholie trifft auf Turbokapitalismus
Was bei den Avernern Wein und Kohlen waren, sind bei den Lusitaniern Kacheln und Kabaljau © ASTERIX®- OBELIX®- IDEFIX® / © 2025 HACHETTE LIVRE / GOSCINNY-UDERZO

Im 41. Asterix-Band „Asterix in Lusitanien“ (Veröffentlichung 23.10.2025 bei Egmont Ehapa Media) schicken Fabcaro und Didier Conrad die Gallier nach Portugal, wo sie auf Kapitalismus, Melancholie und alte Bekannte treffen. Der Humor ist erwachsener und gesellschaftskritischer geworden – weniger kindlich, aber sprachlich brillant.

Asterix in Lusitanien

Wald4tler Hoftheater: Vom Bauernhof zur Kulturinstitution

Eigentlich war es fast ein kleiner Unfall“, meint Moritz Hierländer, „zumindest war es damals so nicht geplant, dass mein Vater hier ein dauerhaftes Theater gründen würde.“ Inzwischen geht im Wald4tler Hoftheater in Pürbach bei Gmünd die 40. Saison über die Bühne. Das war 1986 definitiv nicht abzusehen, als der Musiker Harry Gugenberger und seine Frau, die Schauspielerin Stella Hierländer, ein bisschen Kultur in den alten Bauernhof bringen wollten, den sie als privaten Rückzugsort im tiefsten Waldviertel, keine zehn Kilometer von der tschechischen Grenze entfernt, erworben hatten.

„Es war eine Art bunter Abend, was sie damals veranstaltet haben. Die Familie war da, viele Leute aus dem Dorf waren eingeladen und saßen auf Heurigenbänken im Stadl, den meine Eltern gemeinsam mit dem Schauspieler Wolfgang Böck und dem Grafiker Reinhold Hartl-Gobl hergerichtet haben“, erzählt Moritz Hierländer, der als Zweijähriger mit großen Augen auf der improvisierten Bühne neben Böck stand, der Texte von Karl Valentin vortrug. „Ich bin um meinen Vater herumgelaufen, der mit seiner Band gespielt hat“, erinnert er sich. Seine Mutter und auch seine Großeltern steuerten schauspielerische Beiträge bei.

120 Kinosessel im Stadl

Weil diese erste Veranstaltung ein so großer Erfolg war, beschloss Gugenberger, sie im folgenden Jahr zu wiederholen – und kaufte dafür gleich 120 alte Kinosessel, die er statt der Heurigenbänke im Stadl aufstellte. Das Waldviertel hatte einen neuen kulturellen Veranstaltungsort, an dem ab 1988 auch die ersten Eigenproduktionen inszeniert wurden. Heute gibt es hier das ganze Jahr über ein Programm mit rund 10.000 verkauften Karten pro Saison.

Theaterleitung in zweiter Generation


Das Publikum im alten Bauernhof ist ein bisschen gemischter als in Wien, meint Intendant Moritz Hierländer, der im Jahr 2016 nach dem Tod seiner Eltern die Leitung des Wald4tler Hoftheaters übernommen hat. „Eigentlich wollte ich mich auf meine Musik fokussieren, aber als mein Vater gestorben ist, war es überhaupt keine Frage, dass ich das Projekt weiterführe“, betont er. „Weil es einfach ein Juwel hier im Waldviertel ist. Der Theatersaal und das ganze Areal sind wunderschön, die Akustik ein Traum. Und meine Eltern haben es geschafft, dass wir gute Förderungen bekommen.“

Die idyllische Landschaft des Waldviertels sowie die Zwanglosigkeit und Gemütlichkeit des Spielorts helfen ihm durchaus, Künstler*innen nach Pürbach zu locken, meint er.

40 Jahre Wald4tler Hoftheater: Vom Bauernhof zur Kulturinstitution – mit Moritz und Caro Hierländer
Moritz und Caro Hierländer © Wald4tler Hoftheater

Ich will nicht nur Komödien machen, sondern jedes Genre bedienen. Wir sehen uns ein bisschen als kleines Landestheater im Waldviertel.

Einzugsgebiet von Linz bis Wien


Im Sommer kommen vor allem Urlauber*innen, übers Jahr gesehen verortet Hierländer sein Publikum zu etwa 60 bis 70 Prozent aus der Umgebung – also aus den Bezirken Gmünd, Waidhofen und Zwettl. Das Einzugsgebiet des Theaters reicht aber von Linz bis Wien. „Auf unserem Parkplatz stehen oft Wohnmobile aus Oberösterreich.“ Dass Pürbach trotz der Nähe zu Tschechien nur eineinhalb Autostunden von Wien entfernt ist und der Bahnhof in zehn Minuten Gehweite liegt, war für seinen Vater einst ein Grund, sich hier anzusiedeln – und kam in der Folge dem Wald4tler Hoftheater zugute.

„Ein bisschen ein kleines Landestheater im Waldviertel“


Gerade in der tiefsten Provinz, wie es so schön heißt, ganzjährig eine Kulturbühne zu führen, ist freilich eine Herausforderung, sagt Hierländer. „Wenn ich ein lustiges Stück mit zwei aus dem Fernsehen bekannten Gesichtern habe, zieht das natürlich mehr Leute an als ein Problemstück, bei dem vielleicht nur 80 der 180 Plätze besetzt sind.“

Aber Hierländer nimmt das bewusst in Kauf und programmiert so, „dass für alle etwas dabei ist. Ich will nicht nur Komödien machen, sondern jedes Genre bedienen. Wir sehen uns ein bisschen als kleines Landestheater im Waldviertel.“

Wie schon seinem Vater steht auch dem Sohn Schauspieler Wolfgang Böck treu zur Seite – er wird die fünfte Dekade des Wald4tler Hoftheaters als eine Art Mentor begleiten. Zwar kommt er nicht mehr so oft nach Pürbach, aber jedes Jahr machen Böck und Hierländer eine gemeinsame Weihnachtsshow: Der Schauspieler liest Weihnachtsgedichte, der Musiker spielt mit seiner Band. „Ich würde ihn gerne auch einmal für ein Theaterstück gewinnen“, sagt Hierländer. Aber der Terminkalender des Intendanten der Kobersdorfer Sommerspiele hat das bisher noch nicht zugelassen. Vielleicht wird es ja was in der 41. Saison …

Das Wald4tler Hoftheater ist seit 40 Jahren eine feste Größe in der niederösterreichischen Kulturszene. Mehr als 400.000 Besucher*innen haben über 3.300 Vorstellungen erlebt. Als Theater in zweiter Generation verbindet der Hof regionale Verwurzelung mit zeitgenössischem Anspruch. 

Am 26. September startet das immersive OFF-Theaterstück „Freibier“. Es folgt Kabarett mit Edi Jäger am 27. und das Bilderbuchkino für Kinder „Glanz. Stücke“ am 28. September. Im Oktober stehen „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ (3.–5. Oktober), Kabarett mit Sigi Zimmerschied (9. Oktober) und das Solo-Stück „Prima Facie“ (11. Oktober) auf dem Programm. Ab 23. Oktober läuft die Uraufführung von „Die Tragik mit der Komik“. Im Dezember sorgen „Die große Weihnachtsshow“ (5. Dezember) und die „Jubiläumsshow – 40 Jahre Hoftheater“ (13. Dezember) für einen festlichen Abschluss des Jahres.

Wald4rtler Hoftheater

Kabarettpreis 2025: Sieger*innen-Portrait Teil 4: Berni Wagner

Dreimal Preisträger beim Österreichischen Kabarettpreis binnen vier Jahren – damit ist Berni Wagner zwar nicht der Einzige, aber in so kurzem Zeitabstand hat es noch niemand sonst geschafft. Die Fachjury aus 13 Kulturjournalist*innen und zwei Bühnenleiter*innen würdigt mit dem Hauptpreis 2025 seinen „scharfen Blick auf die Ausstülpungen unserer Gesellschaft“ und lobt seine „enorme Energie, starke Bühnenpräsenz und hohe Wuchteldichte“, mit denen er sich an aktuellen Themen abarbeitet.

Die Bühne als Ventil

Vor allem die enorme Energie ist es, die in seinem aktuellen Programm „Monster“ besonders stark zu spüren ist. Und je wilder Berni Wagner auf der Bühne agiert, „desto ruhiger und erträglicher werde ich privat“, meint der Kabarettist schmunzelnd im Gespräch mit funk tank. „Da ist etwas, was aus mir raus muss. Mein Umfeld hat festgestellt, dass ich viel nerviger war, bevor ich dieses Ventil bekommen hab – alle paar Tage auf der Bühne zu stehen.“ Früher wollte er das Zentrum jeder Party sein, „jetzt steh ich in der Ecke und hör zu.“

Fünf Soloprogramme hat er bisher auf die Bühne gebracht, von denen „Galápagos“ im Jahr 2022 mit dem Programmpreis ausgezeichnet wurde. Nur zwei Jahre später folgte der zweite Programmpreis, diesmal für „GHÖST – Eine Halloweenshow“. Im Trio mit Sonja Pikart und Christoph Fritz wurden dabei Österreich und seine Bewohner*innen aufs Korn genommen.

Und jetzt eben der vorläufige Höhepunkt: der Hauptpreis für „Monster“. In der Jurybegründung ist nicht nur die Rede von der Dynamik, mit der Berni Wagner „seine Abende über Stand-up weit hinaus hebt“, sondern auch vom Männerbild des gelernten Biologen, das sich von „Schwammerl“ (seinem ersten Solo im Jahr 2013, das ihm gleich einmal den Grazer Kleinkunstvogel bescherte – damals noch ohne wilde Mähne) bis zu „Monster“ gewandelt hat. Zitat der Jury: „Ein von patriarchalen Strukturen und diffusen Ängsten toxisch genährtes Monster! Wie er mit dem Thema Männlichkeit umgeht, lässt einen schaudern, lachen und gelegentlich den Mund offenstehen. Wie es sich für ein gutes Kabarett gehört, verlässt man gut gelaunt das Theater, aber in den nächsten Tagen, Wochen, Monaten fällt einem immer wieder etwas auf – und ein –, was dieser Berni Wagner offengelegt hat.“

„Die Arbeit ist bei weitem noch nicht getan“

Und was sagt der Künstler selbst? Nun, er sieht positive Entwicklungen, gleichzeitig aber auch Strömungen, die immer noch ein problematisches Männlichkeitsbild vermitteln. „Und die Boys werden damit alleine gelassen. Aber es bemühen sich mehr Männer, darauf zu achten, was problematische Verhaltensweisen sein können, was Frauen Angst macht oder sie in unangenehme Situationen bringt.“

Berni Wagner spricht von „extrem reflektierten jungen Burschen, die fähig sind zu emotionaler Regulation, Sanftheit und Zärtlichkeit“, und auch von älteren Männern, die dazulernen wollen. „Ich glaube, da ist schon sehr viel Interesse da. Aber die Arbeit ist bei weitem noch nicht getan.“ Um es kurz zu fassen: „Es ist kompliziert. Aber das ist vielleicht nicht so knackig als Antwort“, meint er schmunzelnd.

In „Monster“ jedenfalls spielt er von Beginn an mit Geschlechterklischees und ergeht sich in hochphilosophischen Betrachtungen, die rasch ins Absurde abgleiten – und doch enorm intelligent und tiefsinnig sind. Zum Beispiel die Frage: Was ist ein echter Mann? Eine letztgültige Antwort findet er nicht, aber auf dem Weg dorthin nimmt er viele Erkenntnisse und Wortspiele mit, wenn er sich über echte Männer lustig macht. Aber nicht nur über die. Berni Wagner spart auch sich selbst nicht aus und schwelgt in Selbstironie.

Der 34-jährige Oberösterreicher Berni Wagner bekommt heuer den Hauptpreis beim Österreichischen Kabarettpreis.
© Ernesto Gelles

Da ist etwas, was aus mir raus muss. Mein Umfeld hat festgestellt, dass ich viel nerviger war, bevor ich dieses Ventil bekommen hab – alle paar Tage auf der Bühne zu stehen.

Lieber Weichei als Hodenkrebs

Es hat hohen Unterhaltungswert, wenn er sich im Geiste einen brutalen Fantasie-Infight mit dem Papst liefert (der – pazifistischer Jesuit hin oder her – jeden schlagen würde, der seine Mutter beleidigt), oder – ganz „Fight Club“-mäßig – eine Kampfsportschule besucht, wo das innere Monster befreit werden soll.

Neben manchen billigen Witzen gibt es auch die oben erwähnten wirklich guten Wuchteln, die eigentlich gar nicht lustig, sondern tief ernst sind: etwa, wenn Berni Wagner genüsslich das Schimpfwort-Repertoire echter Männer zerlegt und schlüssig erläutert, warum er lieber ein Schlappschwanz und Weichei ist, als an Priapismus oder Hodenkrebs zu leiden.

In seinem aktuellen Programm „Monster“ geht es aber nicht bloß um Männlichkeit – das Thema, das er damit eigentlich beleuchten wollte, war das Thema Gewalt. „Aber es hat sich schnell herausgestellt, dass man das nicht behandeln kann, ohne über Männer und Männlichkeit zu sprechen.“

Am Anfang der Entwicklung des Stücks stand ein realer Vorfall, den er auf der Bühne erzählt: Berni Wagner, der 1991 in Oberösterreich geboren wurde, aber seit 2010 in Wien lebt, wurde mitten in Linz auf offener Straße von jemandem ansatzlos in den Rücken getreten. Eine prägende Erfahrung, die ihn einerseits in einen Selbstverteidigungskurs und andererseits zum Schreiben des neuen Solos gebracht hat.

Die Boxhandschuhe benutzt er wirklich

Beides verbindet er in „Monster“, weil er die Boxhandschuhe und die Boxershorts, die er auf der Bühne anhat, tatsächlich auch privat benutzt. „Entsprechend verschwitzt sind sie schon.“

Dazu trägt er ein schwarzes Leoparden-Leibchen unter einem Seidenmantel, der ursprünglich ein Boxermantel war, aber von seiner Schwester umgenäht und mit perchtenhaftem Plüsch versehen wurde – insgesamt ein schrilles, skurriles Bühnen-Outfit, das gerade deshalb zu Berni Wagners Performance passt.

Dass er nicht unbedingt die klassische Boxerstatur hat, auch damit spielt er. Und erzählt im Gespräch mit funk tank die Anekdote, wie er den Mantel gekauft hat: „Die Dame an der Kassa hat mich von oben bis unten angeschaut und gesagt: ‚Viel Glück!‘“

Das braucht er nun auf der Bühne nicht. Da genügt sein Können – das er nun mit „Monster“ eben ein weiteres Mal unter Beweis stellt. Den Hauptpreis beim Österreichischen Kabarettpreis bekommt man schließlich nicht von ungefähr.

Berni Wagner wurde 1991 in Oberösterreich geboren. 2013 gewann er mit Auszügen aus seinem ersten Programm „Schwammerl“ den Grazer Kleinkunstvogel. Beim Österreichischen Kabarettpreis erhielt er zweimal den Programmpreis: 2022 für „Galápagos“ und 2024 für „GHÖST“. Im Februar 2025 hatte sein fünftes Solo „Monster“ im Wiener Stadtsaal Premiere, mit dem er nun auf seine bisher größte Tournee geht.


Der Österreichische Kabarettpreis wird seit 1999 vergeben. Ins Leben gerufen hat ihn damals Wolfgang Gratzl, der damalige Leiter der Wiener Kleinkunstbühne Vindobona. 2010 übernahm ein eigens gegründeter Verein unter dem Vorsitz der Kabarett-Agenturchefin Julia Sobieszek die Verantwortung für den Preis, der mittlerweile in sechs Kategorien vergeben wird:

  • Der Hauptpreis geht an herausragende Künstler*innen.
  • Der Förderpreis ist Nachwuchstalenten gewidmet.
  • Der Programmpreis wird unter allen Kabarettist*innen vergeben, die in den vergangenen zwölf Monaten ein neues Programm auf die Bühne gebracht haben.
  • Der Sonderpreis ist eine Art Würdigung des Lebenswerks: Die Jury widmet ihn Personen oder Institutionen, die sich besonders um das Kabarett im deutschsprachigen Raum verdient gemacht haben.
  • Mit dem Fernsehpreis zeichnet das Publikum in einem öffentlichen Voting die beliebteste Satire-/Comedy-/Kabarettshow im deutschsprachigen TV aus – Streaming-Formate eingeschlossen.
  • Mit dem Online-Preis würdigt das Publikum die beliebtesten Content-Creator im deutschsprachigen Raum.

Die ersten vier Preisträger*innen bestimmt eine Fachjury aus rund einem Dutzend Kulturjournalist*innen gemeinsam mit zwei Bühnenbetreiber*innen als Gastjuror*innen. Das Online-Voting für den Fernseh- und Online-Preis läuft bis 13. September (Frist verlängert!) auf der Website vom Österreichischen Kabarettpreis.

Berni Wagner

„Das Kanu des Manitu“: Bullys Rückkehr in den Wilden Westen

So, jetzt geht noch einmal jeder aufs Klo, und dann reiten wir los.“ – „Ich bin mit der Gesamtsituation unzufrieden.“ – „Grabt den Klappstuhl aus!“ – „Halt doch die Klappe, du Zipfelklatscher!“ Diese Filmzitate aus dem Jahr 2001 haben sich ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation eingebrannt. Nicht umsonst ist Michael Bully Herbigs „Der Schuh des Manitu“ bis heute mit 11,7 Millionen Kinobesucher*innen der erfolgreichste deutsche Kinofilm der Nachkriegszeit. Es war seine zweite große Regiearbeit nach „Erkan & Stefan“ und die erste gemeinsame Komödie mit Christian Tramitz und Rick Kavanian.

Das Trio infernale, das ab 1997 mit der „Bullyparade“ das deutsche Fernsehen eroberte, machte damals genau das, was es auch im zweiterfolgreichsten deutschen Film „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“ (2004) und in einigen weiteren Kinofilmen tat: Es nahm ein bestimmtes Genre – hier die in den 1960ern von Harald Reinl gedrehten „Winnetou“-Filme und andere Western – und zog es erbarmungslos durch den Kakao. Kein neues Konzept (die britische Komikertruppe Carry On hatte das in den 1960ern und 1970ern schon auf die Spitze getrieben), aber sehr erfolgreich.

Der Witz bei „Der Schuh des Manitu“ liegt zum Teil darin, dass Reinl selbst schon einige komische Elemente benutzt hat, mit denen er die von ihm verfilmten Bücher von Karl May ein wenig verändert hat. Obwohl der deutsche Schriftsteller, der nie selbst im Wilden Westen war, in seinen Abenteuerromanen ein Bild von edlen Wilden zeichnete, waren diese in den Büchern viel wilder und brutaler als Pierre Brice (der weiße Franzose, der in den 1960ern den Apachen-Häuptling Winnetou spielte und „Der Schuh des Manitu“ nicht mochte) oder die anderen guten Figuren in Reinls Filmen.

24 Jahre später kehren Bully und seine Mit(st)reiter zurück in den Wilden Westen – allerdings haben sich die Vorzeichen geändert. Denn während im Jahr 2001 höchstens darüber diskutiert wurde, ob die Pointen in dieser Parodie auf Reinls „Winnetou“-Verfilmungen tiefsinnig-witzig oder doch bloß brachial-flach waren, wird heutzutage bereits vor dem Kinobesuch die schwerwiegende Grundsatzfrage gestellt: Darf man im Jahr 2025 überhaupt einen Film zeigen, in dem ein Native American als tuntiger Schwuler dargestellt wird? Und das noch von einem heterosexuellen Cis-Mann? Darf man überhaupt Witze über Native Americans und die Kolonialisierung Nordamerikas durch europäische Siedler und deren Nachkommen machen und dann auch noch das I-Wort in den Mund nehmen? Woher nimmt dieser Herr Herbig aus Bayern überhaupt die Frechheit, sich als Native American zu verkleiden? Rick Kavanians drollig-doofer Grieche Dimitri wurde in den meisten Artikeln zu diesem Thema bisher kaum erwähnt.

Nicht ohne Winnetouch

All diese Debatten prallen an Bully ab – so scheint es zumindest. Weil er von dem überzeugt ist, was er und seine Blutsbrüder hier tun. Deshalb hat der Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller auch „keine Pointe, die wir alle drei genial fanden, gestrichen“. Er betont aber auch, dass es ihm rein um die Unterhaltung geht und nicht um die Provokation. „Wir wollen miteinander lachen und nicht übereinander.“ Das gilt auch für Abahachis schwulen Zwillingsbruder Winnetouch, den Bully als „die liebenswerteste und emanzipierteste Figur im ersten Teil“ beschreibt. Deshalb war klar, dass er im „Kanu des Manitu“ wieder diese Doppelrolle übernehmen würde. Genauso musste auch Rick Kavanians Figur Dimitri mit seinen lustigen, zusammengesetzten Wörtern auf jeden Fall wieder dabei sein. Wenn man „Der Schuh des Manitu“ nochmal genau anschaut, muss man Bully rechtgeben: Winnetouch ist zwar sehr übertrieben dargestellt, und es wäre verständlich, wenn es in der queeren Community Kritik gäbe. Trotzdem ist die Figur viel cleverer als Abahachi und Ranger zusammen. Das wird im „Kanu des Manitu“ noch stärker gezeigt – Winnetouch ist eine coole Persönlichkeit.

Der eigentliche Held im „Schuh des Manitu“ war aber der große Bösewicht. Denn wie Sky du Mont seine Rolle als Santa Maria anlegte, war wirklich ganz großes Kino. Allein die Szene, in der sich der müde John kurz vor dem Aufbruch gegen seinen Bandenführer stellte, und die Gags, die daraus entstanden, machten die Genialität des Drehbuchs deutlich. Umso gespannter durfte man nun sein, wie Bully seinen alten Freund Sky (78) jetzt im „Kanu des Manitu“ einbauen würde, war doch Santa Maria im „Schuh des Manitu“ ja scheinbar verunglückt. Aber wie es halt so ist: Totgesagte leben länger, und der Wilde Westen ist voller Überraschungen.

Wildwest- statt Weihnachtsfilm

Die größte Überraschung ist freilich der Film selbst. Denn dass er jemals eine Fortsetzung drehen würde, damit hatte Bully eigentlich nicht mehr gerechnet – bis zu jenem 11. August 2022, an dem er mit Tramitz und Kavanian einen geplanten Weihnachtsfilm besprechen wollte. Irgendwann im Verlauf des Gesprächs meinte Tramitz, es sei eigentlich schade, dass sie nie einen zweiten Apachen-Film gedreht hätten. Es war eigentlich eine eher beiläufige Bemerkung, „als wenn man sagt: Lasst uns eine Pizza bestellen“, sagt der Ranger-Darsteller im Rückblick. Aber Bully bereitete er damit eine schlaflose Nacht, an deren Ende feststand: Es wird eine Fortsetzung geben, und sie wird „Das Kanu des Manitu“ heißen, weil sich der Titel auf jeden Fall reimen soll. Und neben einem fahrenden Zug und einer Postkutsche spielt eben auch das Wasser eine wichtige Rolle. Aber bis die Idee filmreif war, vereinbarten die drei absolutes Stillschweigen über das Projekt, sodass der Start der Dreharbeiten im vorigen Jahr dann doch eine echte Überraschung war.

Schließlich war dem Trio klar: Wenn sie im Jahr 2025 noch so einen Klamaukfilm bringen wie 2001, dann ist es erstens nicht weit zum woken Shitstorm, und zweitens – was wohl schwerer wog – erwarten ihre Fans etwas wirklich Großes und keinen müden Abklatsch. Das ist ja immer das Risiko bei Fortsetzungen, zumal mit so viel zeitlichem Abstand.

Wir wollen miteinander lachen und nicht übereinander.

Gewohnte Parodien und Referenzen

Diese Gefahr besteht allerdings nicht, weil auch im neuen Film Bullys Liebe zu Zucker-Abrahams-Zucker-Komödien auf Tramitz’ tiefschwarzen Humor und Kavanians Hang zur Stand-up-Comedy trifft. Wer den alten Film mochte, wird auch den neuen mögen. Wenn zwei Bayern in den Weiten der amerikanischen Prärie jodeln, ein Lokomotivführer Lukas heißt und Blutsbrüder mitten im Feuergefecht zanken wie ein altes Ehepaar, dann sind wir mitten in einem Bully-Film. Und zwischen den vielen kleinen und großen Gags sind auch manche Easter Eggs aus anderen Bully-Komödien versteckt. Nur in Sachen Anspielungen auf Native Americans halten sich Bully und sein Team diesmal tatsächlich zurück und parodieren stattdessen lieber einzelne Szenen aus ganz verschiedensten alten und neuen Filmklassikern. Man muss den Film mehrmals sehen, um alle zu erkennen, die Bandbreite reicht von „Hasch mich, ich bin der Mörder“ bis „Ocean’s Eleven“. Natürlich kommen aber auch die Reinl-Vorlagen nicht zu kurz. Und ja, es ist eine Wildwest-Komödie, aber in Wahrheit würde sie auch in einem anderen Genre genauso funktionieren.

Dazwischen ist „Das Kanu des Manitu“ voller Referenzen auf den „Schuh des Manitu“, seitdem sich die Figuren weiterentwickelt haben. Wir erfahren zum Beispiel, was aus Rangers Kind geworden ist, und Dimitri erlebt einen sozialen Aufstieg: Er hat jetzt eine neue, größere Taverne, fährt eine Kutsche statt einen störrischen Esel hinter sich herzuziehen, und kriegt sogar das Mädchen – Jasmin Schwiers drückt als Nachfolgerin von Marie Bäumer dem Film ihren Stempel auf, indem sie so gut wie jede Situation rettet. Und diesmal gibt es noch eine zweite starke Frau: Jessica Schwarz spielt die Anführerin einer aufstrebenden, aber noch namenlosen Bande, die Abahachi und Ranger eine Falle stellt, um selbst endlich zum erhofften Reichtum zu kommen.

Dafür kommt ihnen Friedrich Mücke als einäugiger, aber scharfsinniger Sheriff gerade recht. Wie ernsthaft Bully bei aller Blödelei an seinen Film heranging, wird deutlich, wenn er erzählt, welche Gedanken er sich über Mückes Outfit machte. Er wollte nämlich verhindern, dass dessen Rolle im DDR-Flüchtlingsdrama „Ballon“ (2018) in irgendeiner Form durch den Auftritt im „Kanu des Manitu“ leiden könnte. Ebenso holte er sich erst von der Witwe deren Einverständnis, ehe er die Stimme des 2011 verstorbenen Erzählers von 2001, Friedrich Schoenfelder, mittels KI auch in der Fortsetzung zu Wort kommen ließ. Apropos Produktion: Bemerkenswert ist, dass die Schieß-Spezialeffekte just Dirk Lange beaufsichtigte. Sein Großvater Erwin Lange war der Pyrotechniker der hier persiflierten Reinl-Produktionen, in denen Revolver, Silberbüchse und Henry-Stutzen knallten.

Neu im Kino: „Das Kanu des Manitu“ mit Jessica Schwarz
„Das Kanu des Manitu“ mit Jessica Schwarz © herbX film/Constantin Film/Luis Zeno Kuhn

Ein echter Apachen-Stamm

Genauso kam Redfacing für Bully nicht in Frage. Maskenbildner Georg Korpás sorgte lediglich dafür, dass Tramitz mit seinem ohnehin sonnengegerbten Teint nicht dunkler wirkt als Bully in seinen Apachen-Kostümen. Viel zu tun hatte Korpás auch bei Kavanian, der ebenfalls eine Doppelrolle spielt: Neben Dimitri gibt er auch den sächselnden Deputy des Sheriffs auf einem eigenwillig gebauten Pferd, das eigentlich durch Zufall bei ihm landete, weil es für Bully nicht passte. „Es ist klein, sieht aus wie ein Dackel, aber es passt zu mir.“ Viel reiten muss er darauf aber nicht, im Gegensatz zu Bully und Tramitz. Dass sie es mit ihren 57 beziehungsweise 70 Jahren beide noch draufhaben, beweisen sie in rund 60 Reitszenen. Wenn Bully nicht gerade über einen fahrenden Zug springt.

Die meisten Szenen haben sie im spanischen Almería absolviert (dem Hauptdrehort neben den Münchner Bavaria-Studios), einige aber auch in den USA, konkret im Norden von New Mexico. Denn Bully wollte eine Schlüsselszene unbedingt dort drehen, und zwar mit echten Native Americans. Weil er die kroatischen Komparsen aus den Reinl-Filmen eben nicht mit spanischen Komparsen parodieren wollte. Und so stand in seinem Apachen-Film tatsächlich im Finale ein authentischer Apachen-Stamm vor der Kamera, während Bully einen Weg fand, bei seinen eigenen Filmfiguren den Vorwurf der kulturellen Aneignung zu entkräften. Weil er die Wokeness-Debatte offenbar doch auf seine Weise ernst genommen hat – z. B. wenn ein Bandenmitglied mit Holzprothese Inklusion erfährt, die Bandenchefin um Emanzipation kämpft und Abahachi nicht nur einmal fordert: „Sagen S’ bitte net Indianer!“

Übrigens: Der inoffizielle erfolgreichste deutsche Film aller Zeiten war „Otto – Der Film“ mit knapp 14 Millionen Kinobesucher*innen. Allerdings wurden jene in der DDR im offiziellen Ranking nicht berücksichtigt. Was Otto Waalkes’ Komödie aus dem Jahr 1985 mit dem „Schuh des Manitu“ und dem „Kanu des Manitu“ verbindet: In allen drei ist Sky du Mont zu sehen. Und Bully wie Otto sind ihrem Humor über die Jahrzehnte treu geblieben. Egal, was ihre Kritiker*innen daran auszusetzen haben.

„Das Kanu des Manitu“ (2025) ist die Fortsetzung von „Der Schuh des Manitu“ (2001), dem erfolgreichsten deutschen Nachkriegsfilm, und vereint erneut Michael Bully Herbig, Christian Tramitz und Rick Kavanian. Abahachi, Ranger, Winnetouch und Dimitri kehren in ein neues Wildwest-Abenteuer zurück, in dem eine mysteriöse Bande, eine Falle am Fluss und ein Kanu voller Geheimnisse für Chaos sorgen – und am Ende sogar ein echter Apachen-Stamm eine Schlüsselrolle spielt.

Kinostart: 14. August 2025 in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Das Kanu des Manitu

Kabarettpreis 2025: Sieger*innen-Portrait Teil 2: Der Kuseng

Du hast keine Chance – nutze sie. Das könnte das Motto der Künstlerkarriere von Kian Kaiser alias Der Kuseng sein, dem soeben der Förderpreis beim Österreichischen Kabarettpreis für sein Solodebüt „Hoamatland, Hoamatland“ zuerkannt wurde. Neben Berni Wagner (Hauptpreis) ist er heuer der zweite Preisträger aus Oberösterreich. Dabei, meint er im Gespräch mit funk tank, hatte er jede Menge Startnachteile: mit einer Iranerin als Mutter und einem Vater, der in der Türkei geboren wurde, dessen Eltern aber aus Georgien und Russland stammten.

„Ich glaube, jede Familie hat gewisse Traditionen – und unsere Familientradition ist es offenbar, auf der Flucht zu sein.“ Er sieht darin sogar etwas Positives, „weil es mir zeigt, dass meine Vorfahren optimistische Menschen waren, die sich nicht einfach ihrem Schicksal ergeben haben, sondern nach vorne geschaut haben, nach dem Motto: Hier ist es scheiße, schauen wir, wo es besser ist.“ Natürlich sind die Erfahrungen, die man dann macht, nicht immer positiv – vor allem, wenn man nicht nur Flüchtling, sondern auch noch eine trans* Person ist wie Kian. „Umso schöner fand ich dann den Moment, als ich angerufen und gefragt wurde, ob ich den Kabarettpreis annehmen möchte, weil ich nie wirklich die Zielgruppe für Erfolg war, sondern eher die Fußnote in irgendwelchen Integrationsstatistiken“, sagt der Autodidakt, der auf der Bühne steht – nicht weil, sondern obwohl er so ist, wie er ist. Und bei aller Freude schwingt auch ein bisschen Wehmut mit: „Viele andere mit ähnlich großem Talent werden vielleicht nie entdeckt und bekommen nie diese Chance.“

Vom Rap zum Kabarett

Der Kuseng jedenfalls hat seine Chance genutzt. Nach Poetry-Slam, Rap und einem Buch über die feministisch-queere Hip-Hop-Szene hat der 35-Jährige sich heuer auch auf die Kabarettbühne gewagt. Warum er sich dabei gerade diesen Künstlernamen ausgesucht hat? War es vielleicht gar ein größenwahnsinniger Vorgriff darauf, dass Kian auch gleich Deutschland erobern möchte – und das kann ein Kuseng halt besser als ein Cousin? Kian lacht und erklärt: „Ich bin tatsächlich sehr viel mit deutschem Fernsehen groß geworden, aber mir ging es eigentlich darum, einen Künstlernamen zu finden, der einer gewissen sozialen Klasse zugeordnet wird. Und mit ‚Der Kuseng‘ assoziiert man jetzt nicht unbedingt als Erstes Kabarett, das ja eine Kulturinstitution ist, die doch mittlerweile zur Hochkultur gezählt wird. Ich fand es schön, mit diesem Bruch zu spielen.“

Womit er auch gerne spielt, das ist die Sprache. Schließlich war Kian in der politischen Öffentlichkeitsarbeit tätig, „da waren Sprache und Sprechen immer Werkzeuge für mich“. Von daher war der Schritt zum Kabarett, in dem er eine gewisse Form der politischen Kommunikation sieht, dann gar nicht so ein großer. Es ist für ihn eine politische Waffe „mit einer Schaumstoffspitze – sie tut nicht weh, aber sie trifft trotzdem. Und im besten Fall bringt sie Menschen dazu, eigene Überzeugungen zu hinterfragen.“
„Wenn ich auf einer Bühne stehe, bin ich automatisch politisch“, meint Kian, der Menschen auch Lebensrealitäten zeigen möchte, mit denen sie sonst nichts zu tun haben – aber nicht belehrend, sondern verbindend.

„Gute und schlechte Sprachen“

Sprache ist für ihn ein Schlüssel – und gleichzeitig auch ein Schloss, weil man damit Menschen aussperren kann. Das betrifft nicht nur Nationalsprachen, sondern auch das Niveau, in dem gesprochen wird, „etwa in akademischen Texten oder auch in Kabarettprogrammen“. Darauf versucht Der Kuseng in seinem Bühnenprogramm Rücksicht zu nehmen und benutzt deshalb „kein Vokabular, das nur Migras oder Queere verstehen“, damit sich wirklich alle abgeholt fühlen – auch die, denen die Welt, um die es gerade geht, fremd ist. „Das ist ein zentraler Aspekt meines Stücks: Ich will wirklich Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenswelten zusammenbringen – und wenn die gemeinsam in einem Raum sitzen und gemeinsam lachen können, dann verstehen sie auch einander.“

Geprägt haben ihn dabei seine eigenen Erfahrungen als Ausländerkind: „Es gibt bei uns in den Köpfen der Menschen gute und schlechte Fremdsprachen und gute und schlechte Ausländer*innen – zu Letzteren werden Menschen mit meiner Herkunft eher gezählt. Und wenn ich sage, dass ich Französisch spreche, wird das anders aufgenommen, als wenn ich sage, dass ich Türkisch kann.“
Dazu muss man wissen: Kian, der seit seinem zehnten Lebensjahr die österreichische Staatsbürgerschaft hat, beherrscht insgesamt fünf Sprachen: Persisch, Türkisch, Deutsch, Englisch und Französisch. Die ersten beiden bekam er von daheim mit, die dritte im Kindergarten und die letzten beiden in der Schule. „Verschiedene Sprachen zu sprechen“, ist er überzeugt, „ist der größte Schatz, den man haben kann, weil man damit die Welt aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten kann.“

Ich war nie die Zielgruppe für Erfolg – eher die Fußnote in Integrationsstatistiken.

Ein emotionales Gastspiel

Eine neue Perspektive hat sich Kian auch bei der Suche nach seinem Lebensmittelpunkt gesucht, den er fürs Erste in Wien gefunden hat. Wobei er klarstellt, dass das „Hoamatland“ Oberösterreich ihm sehr oft den Rücken zugekehrt hat. „Ich verbinde damit sehr viel Schönes: die Natur, ich habe mich dort zum ersten Mal verliebt, aber ich habe dort auch zum ersten Mal Rassismus erlebt, als ich ein paar Jahre alt war.“
Er kommt aber immer wieder nach Oberösterreich zurück und hat etwa sein Programm auch in Vöcklabruck in jenem Flüchtlingsheim gespielt, in dem er einst mit seinen Eltern angekommen war. „Das war ein sehr bewegender Auftritt, weil es ein Zurückkommen war, wieder mit einem Koffer in der Hand – aber diesmal haben Menschen dafür bezahlt, dass sie mich sehen. Das war schon sehr emotional.“

Sichere Orte für queere Personen

Und dann ist da noch das zweite große Thema neben Heimat, Integration und Rassismus, dem Der Kuseng in seinem Kabarettprogramm Raum gibt: Dass Kian trans* ist, spricht er nicht nur offen an, sondern er widmet diesem Umstand auch gleich mehrere bissige Pointen. Wer davon irritiert ist, sollte den Kabarettisten fragen, was im Vergleich dazu trans* Personen an Schamlosigkeit serviert bekommen – und zwar nicht auf der Bühne, sondern ganz im Privaten.
Kian macht jedenfalls die Situation queerer Menschen Sorgen, die immer mehr Anfeindungen und Gewalttaten ausgesetzt sind – und zwar nicht nur im Nachbarland Ungarn, wo jüngst die Pride vom Budapester Bürgermeister gegen den autokratischen Premier durchgesetzt wurde und extrem großen Zulauf erfuhr.
„Es braucht solche Veranstaltungen, um aufzuzeigen, dass es sonst keine Räume gibt, in denen sich queere Menschen sicher fühlen können, wenn sie feiern, oder wo sie nicht blöd angeschaut werden, wenn sie Händchen halten und sich küssen. Selbst in der Landeshauptstadt Linz gibt es mittlerweile kein queeres Lokal mehr.“ Und von der Anfeindung ist es kein langer Weg mehr zur Beschneidung der Rechte queerer Personen. „Und wenn ein Menschenrecht für eine Personengruppe verrückbar ist“, warnt Kian, „dann ist es für jeden verrückbar.“

Der Österreichische Kabarettpreis wird seit 1999 vergeben. Ins Leben gerufen hat ihn damals Wolfgang Gratzl, der damalige Leiter der Wiener Kleinkunstbühne Vindobona. 2010 übernahm ein eigens gegründeter Verein unter dem Vorsitz der Kabarett-Agenturchefin Julia Sobieszek die Verantwortung für den Preis, der mittlerweile in sechs Kategorien vergeben wird:

  • Der Hauptpreis geht an herausragende Künstler*innen.
  • Der Förderpreis ist Nachwuchstalenten gewidmet.
  • Der Programmpreis wird unter allen Kabarettist*innen vergeben, die in den vergangenen zwölf Monaten ein neues Programm auf die Bühne gebracht haben.
  • Der Sonderpreis ist eine Art Würdigung des Lebenswerks: Die Jury widmet ihn Personen oder Institutionen, die sich besonders um das Kabarett im deutschsprachigen Raum verdient gemacht haben.
  • Mit dem Fernsehpreis zeichnet das Publikum in einem öffentlichen Voting die beliebteste Satire-/Comedy-/Kabarettshow im deutschsprachigen TV aus – Streaming-Formate eingeschlossen.
  • Mit dem Online-Preis würdigt das Publikum die beliebtesten Content-Creator im deutschsprachigen Raum.

Die ersten vier Preisträger*innen bestimmt eine Fachjury aus rund einem Dutzend Kulturjournalist*innen gemeinsam mit zwei Bühnenbetreiber*innen als Gastjuror*innen. Das Online-Voting für den Fernseh- und Online-Preis läuft von 11. bis 31. August auf der Website vom Österreichischen Kabarettpreis.

Der Kuseng

Kabarettpreis 2025: Sieger*innen-Portrait Teil 1: Simpl

Addiert man die aktuellen Lebensalter der Haupt-, Förder- und Programmpreisträger*innen beim heurigen Österreichischen Kabarettpreis, kommt man ziemlich genau auf jenes des Sonderpreisträgers. Denn das Kabarett Simpl wurde vor 113 Jahren im Souterrain des Hauses Wollzeile 36 gegründet. Folgerichtig hat Julia Sobieszek, langjährige Agenturchefin und Obfrau des Vereins, der hinter dem Preis steht, ihr 2007 erschienenes Buch über fast 100 Jahre Simpl „Zum Lachen in den Keller“ betitelt. Auf 288 Seiten erzählt sie darin von den Anfängen kurz vor dem Beginn des Ersten Weltkriegs unter Egon Dorn mit Stars wie Fritz Grünbaum, von den personellen Einschnitten durch Kriege und Holocaust (vor allem viele jüdische Künstler*innen kamen ins KZ), von der Blütezeit nach dem Zweiten Weltkrieg unter Karl Farkas mit Ernst Waldbrunn und Maxi Böhm und lässt im Vorwort auch den aktuellen Hausherren Michael Niavarani zu Wort kommen. Diesem gehört heute das „größenwahnsinnig gewordene Nudelbrett“ (Zitat Karl Farkas), das er 2019 von Albert Schmidleitner erworben hat, nachdem der Simpl fast seine gesamte Künstlerkarriere begleitet hatte.

Mit nur 23 Jahren machte ihm der damalige Simpl-Chef Martin Flossmann erstmals das Angebot, Künstlerischer Leiter des Hauses zu werden – das für Niavarani zum zweiten Wohnzimmer geworden ist, neben dem von ihm gegründeten Wintergarten Globe und der Sommerloggia Theater im Park. 1993 übernahm Niavarani dann tatsächlich das angetragene Amt an der Seite von Geschäftsführer Albert Schmidleitner und war außerdem bis 2004 Conférencier der Simpl-Revue. Dass er 15 Jahre später in den rot ausgekleideten Keller zurückgekehrt ist und ihn komplett übernommen hat, war eigentlich nur logisch. Denn wie heißt es an einer Stelle im Buch so schön: „Der Simpl frisst einen mit Haut und Haar.“

Der „Bulli“ ist bissiger geworden

Dabei war das Kabarettlokal mit der roten Bulldogge im Logo zu Beginn gar nicht so bissig. Im Gegenteil: In der Vorkriegs-, Weltkriegs- und Zwischenkriegszeit scheute man die Konfrontation mit der Obrigkeit und gab der Zensur oft lieber erst gar keinen Grund für Streichungen. Politische Witze wurden eher vermieden. Der „Bulli“ war damals also eher handzahm – im Unterschied zu heute, wo es eigentlich zum guten Ton jeder Simpl-Revue gehört, in- und ausländische Politiker*innen mit bissiger Satire durch den Kakao zu ziehen.

Den direkten Vergleich der Gags von einst und jetzt liefert Sobieszek in etlichen Auszügen in ihrem lesenswerten Buch, in dem sie auch die Geschichte des „Bulli“ erzählt, den der Simpl von der gleichnamigen Münchner Kabarettbühne übernommen hatte.

Für die Simpl-Revuen von heute bedeuten jedenfalls Regierungswechsel, dass manche Gags umgeschrieben werden, bis ein Jahr nach der Premiere ein völlig neues Programm auf die Bühne gebracht wird, das dann quasi das Grundgerüst jeder Saison bildet. Gerade in der jetzigen Ära Niavaranis gibt es daneben aber nicht nur zahlreiche Gastspiele (auch der Hausherr selbst gibt sein Solo „Homo Idioticus 2.0“), sondern auch verschiedene andere Produktionen – aktuell etwa die Impro-Show „Dem Faust aufs Aug 3 – Movie Edition“ oder die Slapstick-Komödie „Frau Van Helsings Dracula – Die ganze Wahrheit“.

Der Simpl hat zwar heute wie damals eine männliche Führung, aber ist keine Männerbastion mehr, in der die hübschen Damen in erster Linie als optischer Aufputz dienen.

Die Frauen reden heute mehr mit

Was sich noch gegenüber früher verändert hat: Der Simpl hat zwar heute wie damals eine männliche Führung, aber ist keine Männerbastion mehr, in der die hübschen Damen in erster Linie als optischer Aufputz dienen. Die neue Simpl-Revue hat Niavarani gemeinsam mit Jenny Frankl geschrieben, Regie führt er gemeinsam mit Helena Steele, und die Liedtexte hat Sigrid Hauser gemeinsam mit Johannes Glück verfasst.

Nur der Conférencier, der durch den Abend führt, ist mit Joachim Brandl erneut ein Mann. Frauen in dieser Rolle gab es in 113 Jahren lediglich dreimal: Tilde Lechner (1916), Dolores Schmidinger / Steffi Paschke (1999/2000) und Claudia Rohnefeld (2015 bis 2017). Letztere ist mittlerweile selbst zur Theaterleiterin aufgestiegen: Sie hat nach dem Tod von Gerald Pichowetz sein Gloria-Theater übernommen und wagt im Frühjahr 2026 einen Neubeginn beim Floridsdorfer Spitz.

Der Österreichische Kabarettpreis wird seit 1999 vergeben. Ins Leben gerufen hat ihn damals Wolfgang Gratzl, der damalige Leiter der Wiener Kleinkunstbühne Vindobona. 2010 übernahm ein eigens gegründeter Verein unter dem Vorsitz der Kabarett-Agenturchefin Julia Sobieszek die Verantwortung für den Preis, der mittlerweile in sechs Kategorien vergeben wird:

  • Der Hauptpreis geht an herausragende Künstler*innen.
  • Der Förderpreis ist Nachwuchstalenten gewidmet.
  • Der Programmpreis wird unter allen Kabarettist*innen vergeben, die in den vergangenen zwölf Monaten ein neues Programm auf die Bühne gebracht haben.
  • Der Sonderpreis ist eine Art Würdigung des Lebenswerks: Die Jury widmet ihn Personen oder Institutionen, die sich besonders um das Kabarett im deutschsprachigen Raum verdient gemacht haben.
  • Mit dem Fernsehpreis zeichnet das Publikum in einem öffentlichen Voting die beliebteste Satire-/Comedy-/Kabarettshow im deutschsprachigen TV aus – Streaming-Formate eingeschlossen.
  • Mit dem Online-Preis würdigt das Publikum die beliebtesten Content-Creator im deutschsprachigen Raum.

Die ersten vier Preisträger*innen bestimmt eine Fachjury aus rund einem Dutzend Kulturjournalist*innen gemeinsam mit zwei Bühnenbetreiber*innen als Gastjuror*innen. Das Online-Voting für den Fernseh- und Online-Preis läuft von 11. bis 31. August auf der Website vom Österreichischen Kabarettpreis.

Kabarett Simpl

Bitte nicht noch eine Fortsetzung: „Die nackte Kanone“ 2025

Was haben „Die nackte Kanone“ (1988), „Jurassic Park“ (1993) und „Gladiator“ (2000) gemeinsam? Alle drei Kultfilme waren zu ihrer Zeit so erfolgreich und haben sich dermaßen ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation eingebrannt, dass sie nicht nur zum Teil direkte Fortsetzungen im damals üblichen Abstand von drei bis vier Jahren bekamen (zumindest Lieutenant Frank Drebin und Steven Spielbergs Dinos), sondern dass mehrere Jahrzehnte später ein Produktionsteam beschlossen hat: Hey, die Kassen haben damals so laut geklingelt, und Nostalgie geht immer. Wir machen jetzt einfach eine Fortsetzung, weil die Leute haben es damals geliebt – sie werden es jetzt auch tun. Was, die Hauptfigur ist im Film schon verstorben? Der Hauptdarsteller lebt nicht mehr? Ist doch egal, wir nehmen halt einen Sohn, Neffen, Enkel und bauen um den herum eine neue Story. Wir brauchen eine Handlung? Wer hat das gesagt? Wir haben CGI (Computer Generated Imagery, Anm.)! Das muss reichen.

Zugegeben, die letzten Sätze waren sehr zynisch und treffen – aus meiner ganz subjektiven Sicht – tatsächlich nur auf „Jurassic World“ (2015) zu, den handlungstechnisch müden Abklatsch von „Jurassic Park“, in dem es offenbar in erster Linie darum ging, möglichst viele Menschen von möglichst wilden Sauriern fressen zu lassen. Und die Fortsetzung des Sequels, „Jurassic World – The Fallen Kingdom“, wirkte auch irgendwie, als hätte man einfach die Fortsetzung des Originals, „Jurassic Park – The Lost World“, lieblos plagiiert. Über den dritten und vierten „Jurassic World“-Film will ich mich lieber gar nicht erst auslassen. Immerhin hatte der erste „Jurassic World“-Film noch ein paar Easter Eggs für Kenner*innen des Originals zu bieten, wie etwa einen Jeep, der schon in „Jurassic Park“ im Einsatz gewesen war.

Wenn dann auch noch der Regisseur abspringt ...

Bei „Gladiator 2“ (2024) stimmt zwar auch der Teil mit der CGI. Ich meine: Eine Seeschlacht mit Haien im Kolosseum! Nun, Regisseur Ridley Scott hat sich zumindest bemüht, die Fans von früher durch Opulenz zu versöhnen und ein überragend agierender Denzel Washington hat das Seine dazugetan, das Fehlen von Russell Crowe zu kaschieren. Das ist übrigens ein wichtiger Punkt: Im Gegensatz zu Steven Spielberg, der seinen Dinos schon bei „Jurassic Park 3“ den Rücken gekehrt hatte (ebenso wie zuvor seinem „Weißen Hai“ bei der ersten von drei sehr schwachen bis peinlichen Fortsetzungen), war bereits Ridley Scott der Regisseur des Originals.

Bei der „Nackten Kanone“ war das nun freilich nicht möglich, weil nicht nur Hauptdarsteller Leslie Nielsen, sondern auch Kultregisseur Jim Abrahams bereits verstorben sind und die Brüder David und Jerry Zucker ihren letzten Film vor mehr als zehn Jahren gedreht haben. Das legendäre Trio verantwortete nicht nur von 1988 bis 1994 die drei wahnwitzigen Polizei-Klamaukfilme „Die nackte Kanone“, „Die nackte Kanone 2½“ und „Die nackte Kanone 33⅓“, sondern hatte davor bereits 1982 die TV-Serie „Die nackte Pistole“ produziert, die ebenfalls diverse Polizeifilme parodiert hatte. So ist also beim 2025er-Sequel das gesamte Team neu. Nur die Gags sind die gleichen geblieben, zumindest vordergründig wirken manche wie 1:1-Kopien. Allerdings geht Leslie Nielsens Nachfolger Liam Neeson in der Rolle des Sohnes von Anfang an viel direkter, brutaler, düsterer und auch ernsthafter zu Werke. Während Frank Drebin Senior die traumtänzerische Tollpatschigkeit, mit der er etwa unbehelligt mitten durch Schießereien latschte oder Sachen und Menschen kaputtmachte, ohne selbst auch nur das Geringste davon mitzubekommen, förmlich zur Kunstform erhob, begibt sich Frank Drebin Junior teils ganz bewusst in ungute Situationen, denen dann auch zeitweise der entsprechende abmildernde Ulk fehlt. Kein Wunder, hat Liam Neeson doch keine Klamauk-, sondern eine Actionthriller-Karriere in seinem Portfolio stehen. Entsprechend hart legt er seine Rolle an. Dass das Ganze trotzdem bei der Zielgruppe funktioniert, zeigten etliche Lacher in einem Preview. Und während die einen Filmkritiker*innen „eine Verbeugung vor dem großen Vorbild“ loben, werfen die anderen dem Sequel Ideen- und Mutlosigkeit vor, weil es krampfhaft am humoristischen Rockzipfel des Originals hängt, statt Neues zu wagen – eine vergebene Chance also, bei der die Frage zu stellen ist, wer sich das Machwerk anschauen soll: Fans der alten Filme sind mit diesen bestens bedient, und junges Publikum kann mit dem Humor vielleicht gar nichts anfangen. Liam Neeson dürfte jedenfalls nicht der Grund für den Kinobesuch sein. Dann schon eher Pamela Anderson, die ihm als würdige Nachfolgerin von Priscilla Presley in der Rolle der mysteriösen Schönen den Kopf verdreht und zeigt, dass ihre Selbstironie sich sehen lassen kann. Und vielleicht sind es auch die vielen Reminiszenzen an Leslie Nielsen und das damalige Team, die sich an allen Ecken und Enden aufdrängen. Letztlich ist festzustellen: Wer gnädig über gewisse Schwächen hinwegsieht und dem Aufguss eine Chance gibt, bekommt einiges zum Lachen serviert, auch wenn viele Gags aufgesetzter und bemühter wirken als anno dazumal.

Wer gnädig über gewisse Schwächen hinwegsieht und dem Aufguss eine Chance gibt, bekommt einiges zum Lachen serviert, auch wenn viele Gags aufgesetzter und bemühter wirken als anno dazumal.

Vorgeschichte, Nachgeschichte, dieselbe Geschichte

Zugegeben, ich habe hier mit einer Krimikomödie, einem Monsterkracher und einem Römer-Epos drei Filme und ihre Sequels mehr oder weniger zufällig ausgewählt, stellvertretend für die vielen, vielen Fortsetzungen und Remakes, von denen es in Hollywood immer mehr zu geben scheint. Die Liste ist schier unendlich und reicht von „Star Wars“, wo 16 Jahre nach dem Ende der ersten Trilogie George Lucas immerhin selbst Hand anlegte, um endlich auch Episode eins bis drei nachzureichen (ob er sich und der Welt damit einen Gefallen getan hat, darüber scheiden sich bis heute die Geister ebenso wie bei den diversen nachfolgenden Episoden und Franchise-Filmen und -Serien), über „Indiana Jones“, wo sich Harrison Ford für Teil 5 im Jahr 2023 sogar mittels KI verjüngen ließ, bis zu „Der Herr der Ringe“ (2001 bis 2003) und „Der Hobbit“ (2012 bis 2014), wo zunächst ebenfalls Peter Jackson mit zehn Jahren Abstand das Kunststück vollbrachte, ein Buch von weniger als 400 Seiten im Kino genauso lang auszuwälzen wie die dreimal so dicken Hauptbücher, ehe 2022 Amazon noch einmal um einiges langatmiger die Vorgeschichte dieser Vorgeschichte zu erzählen begonnen hat. Es ist stark zu vermuten, dass in vielen Fällen weniger der Drang im Vordergrund stand und steht, endlich Aspekte einer Geschichte zu erzählen, die im Original noch nicht erzählt wurden, sondern dass man einfach noch einmal ordentlich Kasse machen möchte. Besonders stark ist diese Vermutung beim „Harry Potter“-Franchise „Phantastische Tierwesen“, das Autorin Joanne K. Rowling zwar noch einmal einen Geldregen beschert hat, aber nicht von ungefähr kamen letztlich nur drei statt der geplanten fünf Filme ins Kino. Das Publikum lässt sich halt nicht immer mit einem lieblosen Aufguss abspeisen. Überhaupt wäre das Thema Fortsetzungen einen eigenen Artikel wert. Wenige sind genauso gut oder gar besser als der erste Film, viele deutlich schlechter.

Neben Prequels und Sequels sind natürlich auch echte Remakes beliebt. Da kann dann das neue Team zeigen, dass es den Stoff viel besser umsetzen kann als weiland die Altvorderen (oder auch nicht). Davor ist weder ein Captain James Tiberius Kirk gefeit noch ein Danny Ocean (ja, „Ocean’s Eleven“ gab es schon 1960 mit Frank Sinatra und Dean Martin), ein Juda Ben Hur oder ein Willy Wonka (sogar ein Remake und ein Prequel). Und Disney scheint es sich überhaupt zum Sport gemacht zu haben, seine Klassiker als Realfilme oder in hochauflösendem Computer-3D neu zu interpretieren. Zugegeben, der vollanimierte Simba des Jahres 2019, bei dem man jedes noch so kleine Härchen erkennt, mag ästhetisch ansprechender sein als das zum Teil noch handgezeichnete Original von 1994. Aber weit mehr zählt der Tiefgang von Handlung und Dialogen. Und da gilt etwa für „Aladdin“: Ein Will Smith in Full HD (2019) kommt einfach an einen von Robin Williams gesprochenen Dschinni in 2D (1992) nicht heran. Und über „Jumanji“ sprechen wir bitte hier erst gar nicht. Dann schon lieber über einen Film, bei dem das Remaken gerade auf die Spitze getrieben wird: Denn der ersten Mutter-und-Tochter-tauschen-Körper-Komödie „Freaky Friday“ im Jahr 1976 folgten 1995, 2003 und 2018 weitere Adaptionen – und am 8. August kehrt nun die 2003er-Besetzung (Jamie Lee Curtis und Lindsay Lohan) mit „Freakier Friday“ ins Kino zurück.

Indiana Jones 2023 mit Harrison Ford und Phoebe Waller-Bridge © Lucasfilm
„Indiana Jones“ 2023 mit Harrison Ford und Phoebe Waller-Bridge © Lucasfilm

So gut waren die Originale oft auch wieder nicht

Bei aller Kritik an all den cineastischen Trittbrettfahrer*innen, die sich alter Stoffe bedienen und dabei mitunter fast schon Leichenfledderei begehen, muss ich allerdings eines zugeben: Manche Originale, die hier abgekupfert werden, waren bei näherer Betrachtung gar nicht so qualitativ hochwertig. Ja, sie haben mich damals auf der Höhe ihrer Zeit gut unterhalten. Aber das tun manche Sequels und Remakes heute auch, wenn ich ihnen die Chance dazu gebe. Und so schlimm ich etwa den vierten „Indiana Jones“-Film mit der abgedrehten Außerirdischen-Szene im Finale fand: Im Grunde waren die ersten drei auch schon ziemlich gaga. Aber das ist wohl das große Glück des Kinos: Seine Hauptaufgabe ist es, die Menschen zu unterhalten oder an ihren Emotionen zu rühren. Der Qualitätsanspruch ist letztlich zweitrangig, wenn man auch bei einem C-Movie spürt, eine gute Zeit zu haben. Ich bin jedenfalls schon gespannt, ob ich mich in zwei Wochen über Bully Herbigs „Kanu des Manitu“ – 24 Jahre nach „Der Schuh des Manitu“ – zerkugeln oder doch fadisieren werde …

Hollywood produziert weiterhin massenhaft Sequels, Prequels und Remakes – meist getrieben von Nostalgie und Kasseninteresse, selten mit frischen Ideen. Die neue „Nackte Kanone“-Verfilmung mit Liam Neeson ist jetzt in den Kinos und polarisiert durch düsteren Humor statt klassischen Klamauk.

Die nackte Kanone 2025

Kabarettpreis 2025: Junge Wilde und älteste Kabarettbühne

Ein in jüngerer Vergangenheit oft strapazierter Begriff verbindet die drei Personen, die heuer mit dem seit 1999 bestehenden Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet werden: toxische Männlichkeit. An ebendieser arbeitet sich nämlich nicht nur der trans* Förderpreisträger Kian Kaiser alias Der Kuseng im Rahmen seines Debüts „Hoamatland, Hoamatland“ zwischendurch ab – in dem es allerdings in erster Linie um Zugehörigkeit und Integration geht. Die Frage nach Männlichkeitsbildern steht auch im Zentrum des aktuellen Soloprogramms „Monster“ des mit dem Hauptpreis prämierten Berni Wagner. Und auch Antonia Stabinger, die für „Angenehm“ den Programmpreis erhält, macht sich auf ihre ganz eigene, höchst sympathische Weise lustig über Männer, die sich völlig zu Unrecht für die Krone der Schöpfung halten.

Nur das Kabarett Simpl, mutmaßlich Österreichs älteste noch existierende Kabarettbühne, die den Sonderpreis für große Verdienste um die sogenannte Kleinkunst bekommt, wollen wir lieber nicht mit toxischer Männlichkeit assoziieren. Auch wenn die Kellerbühne an der Wollzeile seit ihrer Gründung im Jahr 1912 die meiste Zeit unzweifelhaft männlich dominiert war – in 113 Jahren gab es lediglich drei weibliche Conférencières, in den ersten Jahrzehnten fungierten die „hübschen Damen“ im Ensemble in erster Linie als optischer Aufputz, und lange Zeit bekam die Erste Frau bestenfalls so viel Text zugestanden wie der Dritte oder der Vierte Mann. Aber man täte dieser heute von Michael Niavarani künstlerisch wie wirtschaftlich geführten Institution Unrecht, würde man sie auf diese Vergangenheit reduzieren – hat sie doch dutzende Kabarettlegenden hervorgebracht. Und die vorerst letzte Simpl-Conférencière, Claudia Rohnefeld, ist nun selbst zur Theaterleiterin aufgestiegen und wird ab Frühjahr 2026 das Gloria Theater des verstorbenen Gerald Pichowetz weiterführen.

Publikumsvoting für Fernseh- und Online-Preis

Der Kuseng, Berni Wagner, Antonia Stabinger und das Simpl also wurden von der Jury ausgewählt. Damit stehen aber längst nicht alle Preisträger*innen des heurigen Jahres fest. Denn nun ist das Publikum am Zug. Dieses kann nämlich von 11. bis 31. August auf der Website www.kabarettpreis.at über den Fernseh- und den Online-Preis abstimmen.

Alle sechs Preisträger*innen werden Preisgeld und Trophäen – die heuer ein neues Design haben – im Rahmen einer großen Gala am 24. November im Globe Wien überreicht bekommen. Dass dessen Hausherr Michael Niavarani heißt, ist reiner Zufall und hat bei der Jurysitzung überhaupt keine Rolle gespielt, soviel darf zweifelsfrei festgestellt werden. Wichtiger war der Jury „der unverwechselbare Mix aus politischer Satire, treffsicherem Humor und musikalischem Können“, wie es in der Begründung für den Sonderpreis heißt. „Das Ensemble versteht es heute wie damals, aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen pointiert und zugleich unterhaltsam auf die Bühne zu bringen – stets mit einem feinen Gespür für den Zeitgeist und einer beeindruckenden Wandlungsfähigkeit.“

Der Kuseng wiederum hat die Jury mit seiner Zeitreise zurück in seine oberösterreichische Kindheit – zwischen Landgemeinde, Jugendkultur und iranischem Elternhaus – überzeugt. „Er formt daraus eine pointierte Reflexion über gesellschaftliche Normen, Zugehörigkeit, Identität – und über all das, was uns trotz Unterschieden verbindet. Nie belehrend, stets mit wachem Blick und auf Augenhöhe mit dem Publikum.“ Die Jury lobt sein „feines Gespür für Sprache, Lebenswelten und das richtige Timing“, mit dem er „persönliche Erfahrungen in universelle Erzählungen verwandelt“.

Er formt daraus eine pointierte Reflexion über gesellschaftliche Normen, Zugehörigkeit, Identität – und über all das, was uns trotz Unterschieden verbindet. Nie belehrend, stets mit wachem Blick und auf Augenhöhe mit dem Publikum.

Eine neue Generation

Mit Antonia Stabinger wiederum wird eine „scharfsinnige Beobachterin und absurd-witzige Botschafterin gesellschaftskritischer, heikler Themen“ ausgezeichnet, in der die Jury „eine zentrale Stimme einer österreichischen Kabarettist*innen-Generation“ sieht, für die Begriffe wie politische Unbestechlichkeit, Respekt, Gerechtigkeit und Menschlichkeit keine hohlen Schlagwörter sind, „sondern ein Wertgefüge, dem man mit urkomischer Leichtigkeit ein relevantes Gewicht zu verleihen vermag“.

Zu dieser Generation gehört auch Hauptpreisträger Berni Wagner, der bereits im Vorjahr als Teil des Trios GHÖST beim Österreichischen Kabarettpreis ausgezeichnet wurde und die Jury mit seiner „enormen Energie, starken Bühnenpräsenz und hohen Wuchteldichte“ überzeugt hat. Als gelernter Biologe hat er in seinen bisherigen Programmen einen gewissen Hang zu Natur und Nachhaltigkeit gezeigt – aber auch Nächstenliebe ist ihm ein wichtiges Anliegen. Und von seinem ersten Solo „Schwammerl“ (2013) bis zu seinem aktuellen Programm „Monster“ hat sich sein Männerbild gewandelt, stellt die Jury fest.

Bleibt die Frage, ob die Fachjury beim Gedanken daran, Michael Niavarani den Österreichischen Kabarettpreis zu überreichen, zumindest ein kleines bisschen nervös ist. Denn bei der Verleihung 2010, als er ihn gemeinsam mit seinem Spezi Viktor Gernot entgegennehmen durfte, ist er ihm runtergefallen und in zwei Teile zerbrochen. Das wurde prompt zum Anlass genommen, das Kleinod – damals gab es nur einen Preis für beide gemeinsam – brüderlich aufzuteilen. Ein Schelm, wer beim Gedanken an diese Anekdote die Köpfe im Simpl-Ensemble durchzählt . . .

Die Gewinner*innen des Österreichischen Kabarettpreises 2025 stehen fest – darunter Der Kuseng, Antonia Stabinger, Berni Wagner und das Kabarett Simpl. Thematisch dominieren Fragen nach Männlichkeitsbildern, gesellschaftlicher Zugehörigkeit und der Wandel einer neuen Kabarettgeneration.

Mehr über die Preisträger*innen des Österreichischen Kabarettpreises gibt es in den kommenden Tagen an dieser Stelle zu lesen.

Österreichischer Kabarettpreis