Dokumentarfilm „Requiem in Weiß“ von Harry Putz

„Unsere Gletscher verschwinden. Sie sterben lautlos. Doch was das für uns als Gesellschaft, für uns als Menschheit bedeutet, liegt außerhalb unserer Vorstellungskraft“, sagt Harry Putz. Und deshalb widmet der Innsbrucker Kameramann und Filmemacher mit seiner neuen Doku „Requiem in Weiß“ einem Thema, das ihm als Bergmensch persönlich sehr am Herzen liegt: „Wir müssen erkennen, dass etwas unwiederbringlich verloren geht. Mehr noch: Dass sich etwas verändert – aber wir als Menschheit noch keine Ahnung haben, was durch diese Erderwärmung und den Klimawandel wirklich auf uns zukommt. Die Gletscher sind jedenfalls nur ein Anzeichen der Veränderungen. Mit diesem Film will ich dazu beitragen, die Empathie für unsere Natur zu fördern.“

Das Bewusstsein hat gefehlt

Harry Putz, 51, ist in einer wintersportbegeisterten Familie am Arlberg aufgewachsen, sein Onkel, Gerhard Nenning, feierte im Weltcup unter anderem Siege in Wengen und Kitzbühel und gewann in den 1960ern drei WM-Medaillen. Er selbst tingelte in den 1990ern – wegen seiner auffälligen Dreadlocks bekannt als „fastest Rasta“ – als Snowboard-Rennfahrer rund um den Planeten. „Ich war auf Gletschern im Himalaya-Gebirge, in Neuseeland und in Spitzbergen unterwegs, in den Sommer- und Herbstmonaten habe ich auf Gletschern in Österreich trainiert.“

Schon damals, erinnert sich Harry Putz, habe es erste Diskussionen über einen Rückzug der Gletscher gegeben: „Man dachte aber, das wäre nur ein kurzfristiger Effekt. Wir haben zwar gemerkt, dass sie Jahr für Jahr ein wenig stärker abschmelzen. Aber es war ja trotzdem noch so viel von den Gletschern vorhanden.“ Nachdenklicher Nachsatz: „Mir hat, wie so vielen anderen Menschen, das notwendige Bewusstsein für das Problem gefehlt.“

Warum die Gletscher verschwinden

Für seinen neuen Film, der ab 19. März mit einer Premierentour in die Kinos kommt, besuchte Harry Putz 14 Gletscher in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Südtirol. Und er sprach mit zahlreichen Expertinnen und Experten aus der Klimatologie, der Glaziologie und angrenzender Forschungsfelder: „Die Gletscher zeigen uns ganz klar, was in den vergangenen Jahrzehnten mit dem Klima passiert ist. Das rapide Abschmelzen passiert nicht nur, weil es jetzt so warm ist, sondern weil es im Laufe der vergangenen Jahrzehnte um so viel wärmer geworden ist. Die Effekte treten verzögert ein.“

Gletschereis bildet sich grundsätzlich durch Schneefall im Einzugsgebiet der Gletscher: „Schneeschichten verdichten sich mit den Jahren zu Eis. Durch die Schwerkraft bewegt sich der Gletscher ganz langsam talwärts und schmilzt dort ab, wo es ihm dann zu warm wird. Da jetzt von oben aber nichts mehr nachkommt, weil in den Sommern kein Schnee mehr liegenbleibt, fehlt halt der Nachschub. Dadurch beschleunigt sich das Abschmelzen an der Gletscherzunge. Das Fatale aber ist, dass sich die Einzugsgebiete nicht mehr aufbauen, sondern ebenfalls völlig abschmelzen.“

Die Probleme sind hochkomplex – und die Folgen unabsehbar: „Selbst, wenn wir sofort alle CO2-Emissionen stoppen und ab heute klimaneutral sind, wird dieser von uns initiierte Rückkopplungseffekt die Temperatur weitere 30 bis 40 Jahre steigen lassen.“ Und das heißt, dass lediglich sechs bis zehn Prozent der Gletscher in den Ostalpen bestehen bleiben.

Moodbild Dokumentarfilm „Requiem in Weiß – Das würdelose Sterben unserer Gletscher“ von Harry Putz
© Harry Putz

Wir müssen erkennen, dass etwas unwiederbringlich verloren geht. Mehr noch: Dass sich etwas verändert – aber wir als Menschheit noch keine Ahnung haben, was durch diese Erderwärmung und den Klimawandel wirklich auf uns zukommt. Die Gletscher sind jedenfalls nur ein Anzeichen der Veränderungen.

Wozu wir die Gletscher brauchen

Doch was bedeutet dieses Gletschersterben konkret? Könnten wir nicht einfach einen metaphorischen Mantel des Vergessens über die Geröllfelder werfen, wo einst mächtige Gletscher lagen? „Nein“, sagt Harry Putz. Denn tatsächlich ist unser Leben (und das nicht nur in der Alpenrepublik) auf einen Jahrtausende alten Kreislauf abgestimmt: „Das Gletschereis hält frisch gefallenen Schnee besser am Berg. Wenn der Schnee im Frühjahr und Sommer abschmilzt, führt das zu einem regelmäßigen Abfluss des Wassers über unsere Flüsse.“

An dieses System hat sich unsere Natur im Laufe der Zeit angepasst. „Wenn die Gletscher fehlen, verändert das unser sogenanntes Abflussmanagement ganz entscheidend. Und das wirkt sich auf die Pegelstände der Flüsse ebenso aus wie aufs Grundwasser.“ Neben unabsehbaren Auswirkungen auf die Artenvielfalt erwartet Harry Putz auch ganz konkrete Folgen für viele Haushalte in ganz Österreich: „Wasserkraftwerke, etwa am Inn oder auch an der Donau, werden deutlich geringere Strommengen produzieren, wenn im Frühjahr und Sommer weniger Wasser abfließt und die Flüsse damit deutlich weniger Kraft haben.“

Kein Bashing der Tourismus-Industrie

Dass die UNESCO (die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur) und die WMO (die Weltorganisation für Meteorologie) 2025 zum „Internationalen Jahr der Erhaltung der Gletscher“ erklärt haben, war Harry Putz zu Beginn seiner Arbeit gar nicht bewusst. „Mir ging es ursprünglich um die Frage: Wie gehen wir mit der Natur um. Und da spielt der Tourismus eine entscheidende Rolle, denn die Gletscher werden dafür ausgenutzt.“

Gerade in seiner Heimat werde, laut Harry Putz (der sich in seiner vorangegangenen Produktion „Bis zum letzten Tropfen“ intensiv mit dem Thema „Tirol und die Wasserkraft auseinandergesetzt hat), „die Natur regelrecht prostituiert. Mich stört wahnsinnig, was in der hochalpinen Welt passiert. Aber ich hinterfrage mich natürlich: Ist das nur ein persönliches Gefühl? Gibt es gute Argumente, die rechtfertigen, was auf den Bergen passiert? Dass man die Kapazitäten in den Skigebieten immer weiter ausbaut? Dass man immer größere, breitere Pisten braucht und überall Kunstschneeanlagen errichtet? Dass man neue Gletscher erschließt, die in absehbarer Zeit ohnehin verschwunden sein werden? Warum darf man Skigebiete etablieren, wo noch Wildnis ist?“

Auf der Suche nach Antworten lässt Harry Putz in „Requiem in Weiß“ nicht nur Naturschützer*innen zu Wort kommen, sondern auch – bewusst nicht gegendert – Vertreter des Tourismus und der Seilbahnindustrie, die weiterhin großes Interesse am wirtschaftlichen Ausbau der Gletschergebiete hat: „Mein Film soll kein Bashing der Wintersport- und Tourismusbranche sein.“

Wichtiger ist eine grundlegende Philosophie seines Lebens: „Kampf bringt überhaupt nichts, Lösungen müssen im Dialog gesucht werden. Es ist nicht meine Absicht, für eine der beiden Seiten Werbung zu machen, sondern zu reflektieren: Wie weit kann man gehen mit der Vermarktung unserer Berge, mit dem weiteren Ausbau? Und wo gibt es Grenzen, die man erkennen und neu definieren muss?“

Schmerzhafte Veränderungen

Eine beeindruckende Rolle in dem Dokumentarfilm spielt eine Aktion der NGO „Protect Our Winters“: Umweltaktivistinnen und -aktivisten haben 2023 auf der Pasterze am Großglockner in einer spektakulären PR-Aktion einen Sarg aus Eis symbolisch zu Grabe getragen. „Dieses ‚Gletscherbegräbnis‘ war optisch sehr förmlich, wodurch es verwirrend und ein wenig anstößig wirkte. Der Trauermarsch ist richtig unter die Haut gegangen. Es war aber auch absurd: Die Reden, die hauptsächlich wissenschaftlichen Background vermitteln sollten, wurden direkt auf der Aussichtsterrasse gehalten, wo die Touristen ankommen und einen ersten Blick auf die Pasterze werfen. Motorräder, Kinder, Hunde. Das war ein schöner Kontrast …“

Dass die Pasterze gerade dabei ist, durch das ungebremste Abschmelzen ihren Status als größter Gletscher Österreichs zu verlieren, ist nur ein weiterer Beleg für die Dramatik der Situation. „Ich bin ja grundsätzlich ein zuversichtlicher Mensch“, sagt Harry Putz. „Aber ich mach’ mir nichts vor und stelle mich auf schmerzhafte Veränderungen ein. Dass Anfang Jänner halb Los Angeles brennt, weil es zu trocken geworden ist – das ist doch ein weiteres Zeichen, dass vieles nicht mehr im Lot ist. Wie deutlich müssen diese Zeichen noch werden, bis man endlich reagiert und handelt?“

Moodbild Dokumentarfilm „Requiem in Weiß – Das würdelose Sterben unserer Gletscher“ von Harry Putz
© Tobias Buettel

Verbindung zur Natur finden

Als aktiver Sportler galt Harry Putz selbst in der Welt der lässigen Snowboarder als Rebell. Seit gut 30 Jahren wachsen seine Dreadlocks vor sich hin, aus dem Vegetarier ist längst ein überzeugter Veganer geworden. Er habe einfach irgendwann beschlossen, sich nicht nur bewusster zu ernähren, sondern auch bewusster zu leben. Deshalb hat Harry Putz als Kameramann immer wieder Aufträge abgelehnt, wenn sie seinem Weltbild widersprochen haben: „Ich verzichte lieber auf Geld als auf meine Ideale.“

Dass er mit „Requiem in Weiß – Das würdelose Sterben unserer Gletscher“ nicht reich wird, sei ihm klar. Wichtiger ist es ihm, Bewusstsein für die Probleme zu schaffen, die mit dem Klimawandel einhergehen. Deswegen ist er bei der Produktion eine Partnerschaft mit dem österreichischen und dem deutschen Alpenverein eingegangen: „Wir stellen den einzelnen Sektionen nicht nur den Film, sondern Assets wie Poster oder digitale Medien zur Verfügung, und sie können dann eigene Events mit anschließenden Diskussionsrunden veranstalten.“

Außerdem wird es vom Film eine Kurzversion für den Einsatz in Schulen geben. In dieser Variante wird der Schwerpunkt auf einem verständlichen Zugang zu wissenschaftlichen Fakten liegen, um Diskussionen in den Klassenzimmern anzuregen: „Ich will aufklären und die Menschen sensibilisieren – vor allem junge Leute, die immer seltener rauskommen und dadurch weniger Empathie und Verständnis für die Natur mitbringen.“

„Das sei eben der Lauf“, sagt Harry Putz. Er weiß, dass Jammern und Weinen nichts bringen. Miteinander zu kommunizieren hingegen schon: „Man darf das der jungen Generation nicht übelnehmen, denn wir haben das selbst verursacht. Die digitale Welt hat halt einfach das Naturerlebnis abgelöst. Dabei ist es essenziell, dass wir in Verbindung mit der Natur leben und verstehen, wie die Kreisläufe funktionieren. Nur dann bekommen wir ein Gespür dafür, was man machen muss, um die Natur zu erhalten. Aber generell müssen wir renaturieren, wo immer wir können – und der Natur Raum zurückgeben, damit sie sich erholen kann!“

Harry Putz, Jahrgang 1973, hat seine Karriere als Snowboard-Profi begonnen. Seit 1998 produziert er Bergfilme, 2023 sorgte der Dokumentarfilm „Bis zum letzten Tropfen“ auf internationalen Festivals für Furore. Der Wahl-Innsbrucker ist Mitbegründer, Veranstalter und Kurator des Freeride Filmfestivals, das seit 2010 die besten Ski- und Snowboard-Filme auf die Leinwand bringt. Sein Sohn Vincent, 20, fungierte bei „Requiem in Weiß“ nach der Matura als sein Assistent – „und das macht mich sehr stolz!“

„Requiem in Weiß“ im Kino: Präsentiert wird der 60-minütige Film auf einer Premieren-Tour in Wien (19. März, Stadtkino), Innsbruck (21. März, Metropol Kino), Schlanders (23. März, Basis Vinschgau), München (28. März, Leopoldkino) und Naters (4. April, WNF Konferenzsaal).

Freiluftdoku


funk tank-Gewinnspiel: Für die Premiere von „Requiem in Weiß“ samt Podiumsdiskussion, u. a. mit der Meteorologin und Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb im Wiener Stadtkino am 19. März – Beginn 17:30 Uhr – verlosen wir 2 × 2 Tickets, hier mitmachen!

Oscar Predictions 2025: Buntes Allerlei

Und auch heuer hat sich yours truly in der Zeit zwischen Bekanntgabe der Nominierten bis zur Niederschrift dieser Voraussagen all jene Filme unter die Lupe genommen, die ich nicht ohnehin schon vorab im Kino oder auf der Leinwand gesehen habe. Da kommt bei insgesamt 35 Streifen (Kurzfilme ausgenommen, da ich diese nach wie vor als nicht passend für eine Oscar-Gala erachte) schon ein ganz schönes Pensum zusammen. Danke an der Stelle auch an die Verleihe, die es ermöglichen, noch nicht angelaufene Filme vorab als Screener oder Pressevorführung zu erleben. Leider ist mir auch dieses Jahr eine Nominierung durchgerutscht, die Dokumentation Porcelain War über den Ukraine-Krieg war auf keinem einzigen Kanal verfügbar.

Ungeachtet dessen hat sich dieses Jahr im Vergleich zum alles dominierenden Thema „Barbenheimer“ letztes Jahr das Angebot an hervorragenden Filmen wieder etwas heterogener präsentiert. Ebenso hat sich nach den Vorjahren, als mit Knüllern à la Avatar: Way of the Water oder Oppenheimer das bildgewaltige Erlebnis am Big Screen ein Revival feierte, der Trend wieder hin zu besseren Drehbüchern und weniger Bombast gedreht. Im letzten Kinojahr war es, abgesehen von ein paar famosen Ausnahmen, nicht unbedingt zwingend nötig, sich ein Kinoticket zu kaufen, viele Filme ließen und lassen sich auch ohne format- und raumfüllende Visuals und Sound-Kulisse sehr gut daheim erleben.

Dass mit Wicked: Part 1 und Emilia Pérez heuer gleich zwei Film-Musicals mit beeindruckenden 10 bzw. 13 Nominierungen ins Rennen geschickt wurden, ist acht Jahre nach La La Land ein überraschendes Revival – angesichts der latenten Sehnsucht in Hollywood nach der goldenen Zeit der großen Technicolor-Klassiker aber auch ein regelmäßig wiederkehrendes Phänomen. Speziell im Fall von Wicked: Part 1, wo mit der Vorgeschichte zum Über-Klassiker The Wizard of Oz mit der unvergesslichen Judy Garland ein für den Durchschnittsamerikaner jeder Altersklasse kulturelles Allgemeingut wiederbelebt wird. Gänzlich diametral jedoch stellt sich die Situation rund um Emilia Pérez dar: in einem Anfall von Wokeism, sicher nicht zufällig aufgrund der Wiederwahl Trumps, versuchte man mit einer völlig aus dem Ruder gelaufenen Flut an Nominierungen die Transgender-Akzeptanz bzw. -Toleranz mit Gewalt in die Schädel der Öffentlichkeit zu zimmern. Mit der Aufdeckung der alten, ganz und gar nicht so toleranten Tweets der mexikanischen Hauptdarstellerin und Transfrau Karla Sofía Gascón jedoch ging der Schuss gewaltig nach hinten los. Könnte gut sein, dass das Musical sich mit einem zu erwartenden Rekordverhältnis aus Nominierungen und Nicht-Gewinnen in die illustre Gesellschaft von Filmen wie etwa Die Farbe Lila (11:0), Gangs of New York (10:0) oder The Shawshank Redemption (7:0) einreiht. Dabei aber, objektiv gesehen, qualitativ sowieso eine Liga darunter zu spielen. Schade auch, dass aufgrund dieser Überschüttung mit Nominierungen ein paar andere ausgezeichnete Filme gänzlich durch den Rost gefallen sind, zum auch jedes Jahr prickelnden Thema Snubs komme ich aber am Ende des Artikels noch. Anyway. Kommen wir zu den Kategorien und Predictions!

Bester Film

Zehn Filme stehen traditionell zur Auswahl, wenn es um den Big Mac unter den Oscars geht, und dieses Jahr bereitet mir die Auswahl ein wenig Kopfkratzen. Klar, Geschmäcker sind verschieden, und eine breite Fächerung an Stilen und Inhalten ist absolut wünschenswert, aber eine gewisse Inkonsistenz mit den restlichen Kategorien und ein recht steiles Qualitätsgefälle sorgt hier bei mir für ein wenig Unverständnis. Emilia Pérez zum Beispiel. Mit Sicherheit ein besseres Film-Musical als der völlig verunglückte Joker: Folie à Deux, ja. Aber bester Film? Sicher nicht, vor allem wenn in dieser Kategorie Kaliber wie Conclave, The Brutalist oder Wicked: Part 1 mitspielen. Oder Dune: Part Two, wo parallel die Nicht-Nominierung von Dennis Villeneuve in der Best Director-Kategorie für Unverständnis sorgt. I’m Still Here, A Complete Unknown und Nickel Boys sind zwar auch solide Produktionen, in ein paar Jahren aber vermutlich kaum noch in Erinnerung. Ganz anders der wirklich außergewöhnliche The Substance – für den Grand Prix des Abends vermutlich aber dann doch zu schräg. Am Ende des Tages wird sich die Academy vermutlich auf Anora einigen, ein vor allem mit hervorragenden schauspielerischen Leistungen punktender Film vom sehr talentierten Sean Baker. Verdient durchaus, wobei mir die sehr an Pretty Woman erinnernde Story dann doch ein wenig zu konventionell ist. Ich persönlich hätte hier The Brutalist vergoldet gesehen, aber wer weiß.

Beste Regie

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Via Jacques Audiard mischt hier Emilia Pérez eigentlich unverdient mit und beraubt so den zigfach fähigeren Dennis Villeneuve trotz insgesamt fünf Nominierungen für Dune: Part Two seiner Chancen. Wobei das restliche Feld durchaus stark ist. Brady Corbet liefert mit dem epischen The Brutalist hier eine ebenso beeindruckende Kostprobe seines Könnens ab wie Sean Baker mit Anora. Coralie Fargeat zeigt mit The Substance eindrucksvoll, dass bitterböse Satire und Bodyhorror sich durchaus auf internationalem Niveau vereinen lassen. Lediglich Routinier James Mangold bleibt mir in dieser Kategorie mit dem Bob-Dylan-Biodrama A Complete Unknown ein wenig zu farblos. Eine dieses Jahr also etwas ambivalente Auswahl. Parallel zu Best Picture sähe ich persönlich hier Brady Corbet vorne, allerdings wäre und wird das Votum nach dem Willen der Academy wohl eher zugunsten von Sean Baker ausfallen. Damit kann ich aber nach seinen genialen Vorgängern wie The Florida Project und Red Rocket durchaus leben. Guter Mann!

Beste männliche Hauptrolle

Im nach wie vor leider männerdominierten Hollywood ist Best Actor nach Best Picture die wahrscheinlich meistbeachtete Kategorie, ähnlich wie die Herrenabfahrt im Alpinski oder das 100-Meter-Finale der Herren im Sommer. Warum auch immer. Soll aber das hochkarätige Feld hier keineswegs mindern. Sebastian Stan zeigt als junger Donald Trump in The Apprentice (und im anderswo nominierten A Different Man) überzeugendes Schauspiel und repräsentiert mit dem ebenso feschen wie sympathischen wie talentierten Timothée Chalamet eine talentierte neue Riege an leading men. Letzterer glänzt bei den diesjährigen Oscar-Kandidaten nicht nur mit seiner Nominierung als junger Bob Dylan in A Complete Unknown, sondern auch im schwer unternominierten Dune: Part Two. Auf der anderen Seite haben wir mit Ralph Fiennes in Conclave, Colman Domingo in Sing Sing und Adrien Brody in The Brutalist echte Schwergewichte der etablierten Hollywood-Riege. Letzterer wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch hochverdient den Hauptrollen-Oscar – seinen zweiten nach The Pianist von 2002 – mit nach Hause nehmen.

Beste weibliche Hauptrolle

Letztes Jahr habe ich mich mit meiner Voraussage, man werde wahrscheinlich mit einem Oscar für Lily Gladstone aufgrund der indigenen Abstammung ein gesellschaftliches Zeichen setzen, schwer verschätzt. Letztlich ging das Goldmännchen auch völlig verdient an Emma Stone. Und dieses Jahr hätte ich mich vermutlich auch ein wenig von der latenten Hollywood-Wokeness hinsichtlich der erstmaligen Nominierung einer Transfrau mit Karla Sofía Gascón für Emilia Pérez düpieren lassen. Jedoch: Sie hat sich selbst – und den Großteil der anderen Chancen des Films – ja gründlich ins Aus befördert. Somit bleiben eigentlich nur vier Kandidatinnen übrig: Cynthia Erivo in Wicked: Part 1, Fernanda Torres in I’m Still Here, Mikey Madison in Anora und Demi Moore in The Substance. Realistisch betrachtet ist es aber ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Madison und Moore. Ich persönlich sähe die jahrzehntelang geschmähte Demi Moore in der mutigen Rolle ihres Lebens als Diva auf dem Abstellgleis verdient vorne, allerdings könnte die nicht mal halb so alte Mikey Madison mit ihrer intensiven Performance in Anora ihre noch frische, aber steile Karriere vorläufig krönen. Ich vermute (und hoffe) aber, dass die Academy ganz im Sinne rühriger Hollywood-Geschichten Demi Moore spät, aber doch Anerkennung zollt.

Ich persönlich sähe die jahrzehntelang geschmähte Demi Moore in der mutigen Rolle ihres Lebens als Diva auf dem Abstellgleis verdient vorne, allerdings könnte die nicht mal halb so alte Mikey Madison mit ihrer intensiven Performance in Anora ihre noch frische, aber steile Karriere vorläufig krönen.

Beste männliche Nebenrolle

Wiewohl in dieser Kategorie das Teilnehmerfeld mit Guy Pearce für The Brutalist und Edward Norton für A Complete Unknown zwei Schauspieler eher mehr durch ihre etablierten Namen als tatsächlich herausragendes Spiel hervorstechen, gibt es mit Kieran Culkin in A Real Pain und Jeremy Strong in The Apprentice zwei wirklich starke Performances zu sehen. Yura Borisovs Nominierung wirkt trotz bemühten Spiels in Anora in dem Umfeld ein wenig unpassend (mehr dazu wieder in der Snubs-Abteilung). Holen wird sich den güldenen Glatzkopf hier mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit Kieran Culkin, der als schauspielerischer Widerpart zu und unter Regie bzw. Drehbuch von Jesse Eisenberg vollends überzeugt.

Beste weibliche Nebenrolle

Heuer eine sehr durchwachsene Kategorie. Deutlich zu wenig Screentime (die große Isabella Rossellini in Conclave) sowie zu farblose und routinierte Leistungen von Monica Barbaro in A Complete Unknown und Felicity Jones in The Brutalist lassen wenig Chancen auf einen Oscar zu. Popdiva Ariana Grande hingegen gibt on top zu ihrem makellosen Gesang in Wicked: Part 1 auch eine Kostprobe ihres schon in der Fernsehserie Victorious demonstrierten komödiantischen Talents zum Besten. Haushoher Favorit allerdings ist die jahrelang sträflich unterschätzte Zoe Saldaña für ihre kraftvolle Rolle in Emilia Pérez, die von dem ganzen kontroversen Rummel um den Film als wahrscheinlich einzige Kategorie unbeschadet hervorgeht und völlig zu Recht eine der begehrten Statuen abräumt.

Moodbild Oscars 2025
© Al Seib/A.M.P.A.S.

Bestes Originaldrehbuch

Wie schon eingangs erwähnt, hat sich diesmal die Besinnung auf gute und originäre Scripts gegenüber der lähmenden Sequel/Prequel/Remake-Tretmühle durchgesetzt. The Substance borgt sich zwar, so wie Anora auch, dort und da ein paar beliebte und erfolgreiche Versatzstücke, verquirlt diese aber recht gekonnt zu wirklich fesselnden und unterhaltsamen Geschichten. Ebenso The Brutalist, der mit einer fiktiven Story sehr clever viele sehr reale Themen aufgreift und zu einer faszinierenden 3½-stündigen Langform verknüpft. Ganz und gar real wiederum ist die Grundlage von September 5, der den Ereignissen des Terrors von München 1972 als packender Medienthriller eine völlig neue Perspektive gibt. A Real Pain aus der Feder von Jesse Eisenberg wird aber höchstwahrscheinlich den Oscar gewinnen. Der charmante und hervorragend gespielte Mix aus Roadmovie, Buddy-Comedy und ein wenig Geschichtsaufarbeitung zeigt, dass man auch mit leisen Tönen und einer nuancierten Nachdenklichkeit große Unterhaltung zustande bringt.

Bestes adaptiertes Drehbuch

Fangen wir so an: Emilia Pérez ist raus und hätte trotz der, sagen wir, ungewöhnlichen Story hier eigentlich ein eher dünnes Mandat. Nickel Boys und Sing Sing sind zweifellos sehr gute Aufarbeitungen berührender und wahrer Vorlagen, schaffen dann aber doch zu wenig Anknüpfungspunkte für das durchschnittliche Kinopublikum, vor allem außerhalb der USA. Wie so manch eigentlich solider Film dann doch etwas zu wenig, um in ein paar Jahren noch einen Anreiz zum Wiedersehen zu bieten. A Complete Unknown ist per se zwar eine sehr gute Inszenierung; die Genese des jungen, unbekannten Folk-Sängers Robert Zimmermann zur Über-Ikone Bob Dylan wurde jedoch schon so oft durchgekaut, dass sie kaum Neues bietet. Conclave hingegen bietet den Zuseher*innen mit dem Thema Papstwahl zwar kein Novum, aber einen mit vielen Twists gespickten Thriller, der angesichts der aktuellen, realen Gesundheitskrise des Pontifex Maximus genug Momentum für eine Auszeichnung mitbringt.

Bester internationaler Film

Emilia Pérez? Nein danke. Ungeachtet dieser Panne zeigt aber auch dieses Jahr der Rest der Welt, dass auch außerhalb der USA nicht nur die Bandbreite an Themen und Stilen, sondern auch die Produktionsqualität der von Hollywood um nichts nachsteht. The Girl with the Needle zum Beispiel ist filmisch wie thematisch (nach einer wahren Geschichte!) echt heftiger Tobak aus der bekannt starken dänischen Filmszene. Ebenso wie The Seed of the Sacred Fig, wo sich ausgerechnet Deutschland der beklemmenden Menschenrechtssituation im Iran annimmt. Und auch der zusätzlich in der Kategorie Best Animated Feature nominierte Flow aus Lettland, der gänzlich mit der Gratis-Software Blender erstellt wurde und ohne ein einziges gesprochenes Wort bezaubert, ist wirklich bemerkenswert. Als wohl solidester, relevantester und unterm Strich international in der Oberliga spielender Film muss und wird aber I’m Still Here aus Brasilien rund um die Aktivistenfamilie Paiva und die einstige Militärdiktatur den Auslandsoscar gewinnen.

Bester Animationsfilm

Heuer ein ganz dichtes Feld. Soviel nur dazu: Wenn sich die in dieser Kategorie normalerweise dominierenden Studios wie Pixar/Disney oder Aardman Animations einmal hinten anstellen müssen, will das was heißen. Das soll nicht heißen, dass Inside Out 2 (Pixar/Disney) oder Wallace & Gromit: Vengeance Most Fowl keine guten Animationsfilme sind, ganz im Gegenteil. Aber sie bewegen sich dann doch ein wenig zu sehr auf bewährtem Terrain und bieten den Zuseher*innen tendenziell sowohl visuell als auch inhaltlich nur more of the same. Ganz im Gegensatz zum höchst ungewöhnlichen, komplexen Memoir of a Snail – für einen Oscar dann aber wiederum möglicherweise zu schräg und erwachsen. Wie auch mein persönlicher Favorit Flow, der für jedes Land und jedes Alter ganz ohne Holzhammer universelle Werte und Unterhaltung bietet. Den schwierigen Spagat zwischen Unterhaltung, Message und technischer Brillanz schafft aber zugegebenermaßen, daher auch vermutlich für die Academy relevant, der rührende The Wild Robot.

Bester Dokumentarfilm

Wie gesagt, ging mir Porcelain War leider durch die Lappen, daher erfolgt die Einschätzung nur auf Basis der vier anderen nominierten Filme. Sugarcane behandelt gleich zwei ganz schwierige Themen, die sich ausgerechnet im so friedlichen Kanada grässlich vermengt haben: sexueller Missbrauch durch die katholische Kirche und ethnische Säuberung der indigenen Bevölkerung. Wichtiger Beitrag, aber für einen Oscar möglicherweise doch zu heikel und spezifisch. Soundtrack to a Coup d’Etat dreht sich rund um den komplizierten Weg zur Unabhängigkeit des Kongo, verliert sich aber zu sehr in der musikgetriebenen, nonlinearen und somit für eine Doku viel zu verspielten Inszenierung. Porcelain War dreht sich ja um den aktuellen Ukraine-Krieg, No Other Land um den anderen großen Krisenherd Nahost. Angesichts der aktuellen Lage sicher ein gewichtiger Grund, dort oder da mit einem Oscar ein Zeichen zu setzen. Der Academy ist es zuzutrauen! Für mich persönlich ist aber Black Box Diaries, die aufreibende filmische Begleitung des mutigen und letztlich erfolgreichen Feldzugs der japanischen Journalistin Shiori Itō gegen ihre eigene Vergewaltigung und dieses gesellschaftlich immer noch nicht enttabuisierte Thema.

Beste Kamera

Auch wenn es schon nicht mehr lustig ist: Was zum Geier hat Emilia Pérez hier zu suchen? Und dieselbe Frage stellt sich auch beim generell überbewerteten und zum Glück nicht öfter nominierten Maria, der Biopic-Stangenware mit Angelina Jolie. Da lobe ich mir die Neuinszenierung des Klassikers Nosferatu von Düstermeister Robert Eggers mit seinem bewährten Partner Jarin Blaschke am Okular. Visuell ganz stark, muss sich dieser nur dem ebenso bildgewaltigen The Brutalist mit Lol Crowley an der Kamera beugen. In der optischen Gesamtwertung aber sollte sich Ausnahmekönner Greig Fraser in der fortgesetzten Zusammenarbeit mit Denis Villeneuve für Dune: Part Two über den passenden zweiten Oscar nach Teil Eins freuen können. Alleine die Schwarz-Weiß-Sequenz auf Giedi Prime gehört in jedes Standardwerk zur Kameraarbeit!

Beste visuelle Effekte

Auch in dieser so wichtigen technischen Kategorie geht es dieses Jahr nicht so ganz ohne Fragezeichen. Nein, diesmal spielt Emilia Pérez keine Rolle. Vielmehr stellen sich zwei Fragen. Erstens: Warum ist der eigentlich recht gelungene Alien: Romulus hier nominiert, wenn sogar der Regisseur für die Veröffentlichung auf Streamingplattformen und Blu-ray die seiner Ansicht nach unzureichende CGI (die Szene mit Ash z. B. war wirklich subpar) nacharbeiten ließ? Und zweitens: Wieso ist der in den USA völlig gefloppte Better Man für die Animation von EINEM Affen nominiert, wenn in derselben Kategorie mit Kingdom of the Planet of the Apes auch ein Film nominiert ist, in dem buchstäblich HUNDERTE Affen mit deutlich besserer CGI mitwirken? Spielt aber auch keine Rolle, denn neben dem durchaus auch sauber visuell aufgebrezelten Wicked: Part 1 ist diese Kategorie und somit auch der Oscar fest in der Hand von Dune: Part Two.

Bestes Kostümdesign

Die Kategorie Best Costume Design ist immer von einer gewissen Ambivalenz durchwirkt: Bekommt den Oscar ein Film, dessen Kostüme zwar unauffällig, aber möglichst authentisch die handelnden Personen umschmeicheln? Oder setzt man auf ein Schneiderlein, das mit besonders fantasievollen Kreationen einen Look für die Ewigkeit kreiert? Ich bin ja eher Typ 2. Daher dieses Jahr ein wenig unglücklich mit den Nominierungen für die echt nicht schwierige Mode der 1960er-Jahre in A Complete Unknown bzw. Conclave. Ganz ehrlich, den katholischen Klerus könnte ein Modeschüler/eine Modeschülerin im 1. Semester authentisch kleiden. Auch Gladiator II bringt mit seinem eigenen zweiten und betreffend Römer 1.000. Aufguss echt nichts Neues mehr auf die Leinwand. Nosferatu macht da, trotz sattsam bekannter Vampir-Tropen, alles ein wenig anders und daher richtig, gegen die von Paul Tazewell geschaffene schrille, bunte und unfassbar detailverliebte textile Wucht von Wicked: Part 1 kommt aber heuer niemand an.

Bestes Szenenbild

Best Production Design heißt diese Kategorie im Original, und das trifft es viel besser. Hier geht es konkret um die gesamte Ausstattung und die Art Direction eines Films bis hin zum Zigarettenpäckchen oder dem Segelschiff. Hier punkten die Filme, die einen auch ohne viel CGI im Kino vom Hocker hauen, weil sie mit der schieren visuellen Macht aller Dinge im Bild abseits der Schauspieler*innen betören. Hashtag Ben Hur. Kameraarbeit wirkt hier auch ganz entscheidend mit. Mit The Brutalist, Conclave, Dune: Part Two, Nosferatu und Wicked: Part 1 ist das Feld heuer so dicht wie in keiner anderen Kategorie. Eine schwierige Entscheidung, ich würde ja gerne Dune: Part Two und Wicked: Part 1 ex aequo auf Platz eins sehen, aber das spielt es eben nicht. Mit dem Vorteil des US-amerikanischen Wizard of Oz-Bonus wird dann aber doch wohl Wicked: Part 1 der Academy die meisten Stimmen abringen.

Bestes Makeup und Haare

Man wäre ja versucht, hier eventuell Emilia Pérez leichte Außenseiterchancen einzuräumen. Nosferatu spielt da naturgemäß ganz vorne mit, auch wenn man wie üblich bei Willem Dafoe nicht viel tun muss. A Different Man muss mit der paradoxen Situation leben (und hier ausscheiden), dass Co-Star Adam Pearson WIRKLICH so aussieht wie Sebastian Stan mit Maske. Schwierig. The Substance ist durch und durch perfekt von jeder Haarlocke bis hin in die kleinste Pore der immer grotesker deformierten Demi Moore – aber halt ein wenig zu Cronenberg und Lynch und zu wenig Mainstream, das mag die Academy nicht so. Eher so etwas mit glattem Teint, egal ob grün oder nicht, und die Haare schön. So wie in Wicked: Part 1. Ja, die Haare machen es aus, oftmals wird in dieser Kategorie nämlich viel zu sehr auf nur das Makeup geachtet.

Bester Schnitt

Das beste Drehbuch, die schönsten Kameraeinstellungen und die überzeugendsten Mimen können wirkungslos verpuffen, wenn der Schnitt nicht passt. Tempo und Timing sind sowohl in Drama als auch Komödie die essenziellen Faktoren, und das liegt in der Verantwortung von Cutter*innen. Ob wir vor Spannung mit abgekauten Nägeln am Sofarand kauern oder uns vor Lachen fast anlulu – die Magie des perfekten Schnitts. Wicked: Part 1 macht da einen sehr guten Job, ebenso wie (zugegebenermaßen) Emilia Pérez. The Brutalist mag zwar augenscheinlich nicht spektakulär geschnitten wirken, man muss sich aber vor Augen halten, dass man trotz der linearen Story 3 ½ Stunden keine Hänger bemerkt. Anora ist ein wildes Energiebündel an Film, das nur dank gekonnter Rhythmik vom Schneidetisch genug Luft bekommt. Gewinner für mich, und vermutlich auch für die Jury, ist in der Kategorie aber Conclave. Die Art und Weise, wie hier beispielsweise eine grundsätzlich öde Tätigkeit wie die Stimmenabgabe bei einer Papstwahl auf die Spitze getrieben wird wie ein Einsatz aus Mission: Impossible, ist schlicht meisterhaft.

Filmstill The Substance
The Substance © Universal Studios

Bester Ton

Mittlerweile ist es ja schon fast zum Standard geworden: Wenn ein Film von Christopher Nolan oder Dennis Villeneuve hier nominiert ist, kann man getrost sein Erstgeborenes (Oma, 1 Niere …) drauf verwetten. Diese beiden visionären Filmemacher haben das Thema Sound zur Chefsache erkoren und seither der Bedeutung dieser Kategorie wieder zur nötigen Bedeutung verholfen. Wer bitte soll der akustischen Opulenz, dem Dynamikumfang und dem perfekten Tonschnitt von Dune: Part Two etwas entgegensetzen? Niemand. A Complete Unknown, Emilia Pérez, Wicked: Part 1 und The Wild Robot sind hier chancenlos, sorry.

Beste Filmmusik

Das wäre ja eigentlich auch die Domäne von Dune: Part Two, mit der Handschrift von Hans Zimmer. Dieser wurde aber, kleines Nebenskandälchen, im Vorfeld von der Nominierung disqualifiziert, weil die Themen von Part Two zu Part One ähnlich wären. Komplett lächerlich, der große John Williams war für alle drei Teile der originalen Star-Wars-Trilogie UND die drei Sequels nominiert. Hallo? Aber egal. Die Wirkung der Filmmusik ist – unabhängig von den Songs – immens wichtig für die Stimmung gewisser Szenen. Bei Musicals wie Emilia Pérez oder Wicked: Part 1 geht sowas im Singsang ein wenig unter, bei Slow Burnern wie Conclave wiederum spielt der Score alle Trümpfe aus, wie auch beim wunderschönen The Wild Robot. Am meisten Eindruck macht das Ensemble aus Bildgewalt und unterlegter Komposition aber für mich bei The Brutalist, für mich ein würdiger Sieger anstatt von Leider-Nicht-Zimmer.

Bester Song

Früher mal eine typische Disney-Domäne, muss die Mighty Mouse diesmal in dieser beliebten Kategorie passen. Apropos Disney: Der große Elton John, der seinerzeit für The Lion King gleich für drei(!) Songs nominiert war und einen gewonnen hat, konnte Jahre später mit einem Film über ihn seinen zweiten Oscar in der Kategorie einsacken. Talent? Auf jeden Fall. Unfair? Vielleicht. Aber dieses Jahr erneut für einen Film über ihn, nämlich Elton John: Never Too Late, erneut nominiert zu werden, geht schon ein wenig zu weit. Genauso wie gleich zwei Songs aus Emilia Pérez, diesfalls „El Mal“ und „Mi Camino“, hier mitmachen dürfen. Die Frage ist in allen drei Fällen: Warum? Dass sich die Academy aber nicht ausnahmslos vorwerfen lassen muss, schlecht zu hören, retten immerhin „The Journey“ aus Six Triple Eight und „Like A Bird“ aus Sing Sing. Ich persönlich favorisiere letzteren Song, aber was für „The Journey“ spricht: Er stammt von Super-Songwriterin Diane Warren, die aus sage und schreibe 16(!) Nominierungen nie siegreich hervorging und 2022, einer verschämten Entschuldigung gleich, einen Ehrenoscar erhielt. Es wäre Zeit für einen „Echten“.

So, das wäre es mit meinen Predictions und den entsprechenden Begründungen. Inwieweit die Academy das genauso sieht oder nicht, steht wie immer in den Sternen, ist aber letztendlich auch wurscht. Was zählt, ist, dass Sie, liebe Leser*innen, beim Ansehen der Filme und Lesen dieser Zeile genauso viel Vergnügen hatten wie ich und mich und meine Checkliste in der großen Nacht virtuell begleiten!

Last but not least: Die lange Liste der Filme der letzten 12 Monate, die es aus (für mich) unerfindlichen Gründen zu keiner einzigen Nominierung gebracht haben. Ich sage es ganz ehrlich: Von den oben lang und breit besprochenen Filmen muss man nicht jeden gesehen haben. Folgend aber all jene Streifen, bei denen es sich lohnt, ein paar Stunden zu opfern. Hier ohne bestimmte Reihung, Erläuterung oder Wertung die Best-Of-Leider-Nicht: Juror #2, Monkey Man, Love Lies Bleeding, Kinds of Kindness, The Last Showgirl, Furiosa: A Mad Max Saga, Des Teufels Bad, Civil War und Challengers. Schauen Sie sich das an!

Wir lesen uns wieder, wenn ich nächstes Jahr hoffentlich freudvoll von heiß erwarteten Filmen im kommenden Jahr kommentieren kann, zum Beispiel 28 Years Later, Mission Impossible: The Final Reckoning, Ballerina, Mickey 17, The Black Phone 2 und natürlich Wicked: Part Two.

Unsere Vorhersage auf einen Blick

Kategorie
Film/Name
Film
Anora
Regie
Sean Baker
Hauptdarsteller
Adrien Brody
Hauptdarstellerin
Demi Moore
Nebendarsteller
Kieran Culkin
Nebendarstellerin
Zoe Saldana
Originaldrehbuch
A Real Pain
Adaptiertes Drehbuch
Conclave
Internationaler Film
I’m Still Here
Animationsfilm
The Wild Robot
Dokumentarfilm
Black Box Diaries
Kamera
Dune: Part Two
Visuelle Effekte
Dune: Part Two
Kostümdesign
Wicked: Part 1
Szenenbild
Wicked: Part 1
Makeup und Haare
Wicked: Part 1
Schnitt
Conclave
Ton
Dune: Part Two
Musik
The Brutalist
Song
H.E.R. mit „The Journey“ in Six Triple Eight

Die 97. Oscar-Verleihung wird in der Nacht von 2. auf 3. März 2025 ab Mitternacht live auf ORF 1, ORF ON, ProSieben Austria, JOYN und erstmals auch auf Disney+ übertragen.

Oscars

Julia Kautz: „In jedem Song steckt meine ganze Liebe“

Was haben Popstars wie Wincent Weiss, Tina Naderer, Max Mutzke, Ina Regen, Luca Hänni, Gregor Hägele, Vanessa Mai, Cassandra Steen und Thorsteinn Einarsson gemeinsam? Sie vertrauen auf Songs aus der Feder von Julia Kautz, die das Musikbusiness wie kaum eine Zweite kennt. Denn die gebürtige Wienerin interviewte jahrelang die größten Stars der Welt: „Die Karriere als Journalistin ist mir irgendwie passiert – und ich habe es geliebt! Und doch hat mich diese Karriere letztendlich unglücklich gemacht.“ So riskierte sie mit Anfang 30 alles und kündigte ihren gut bezahlten und höchst spannenden Job beim Jugendmagazin „Bravo“: „Ich wusste, dass ich mich nicht mit meinem Plan B zufriedengeben durfte!“

Erste Lieder mit vier Jahren

Julia Kautz, Jahrgang 1981, hat ihre Liebe zur Musik schon sehr früh entdeckt. Nein, mehr noch: „Ich habe meine Bestimmung gefunden“, sagt Julia Kautz: „Schon als Vierjährige habe ich Lieder über Themen zu schreiben begonnen, die mir wichtig waren – zum Beispiel über meine Katze. Der erste Song, den ich aufgenommen habe, heißt ‚Mein schöner bunter Luftballon‘ – irgendwo am Dachboden meiner Eltern müsste diese Kassette sogar noch liegen.“

Von einer Karriere als Sängerin habe sie damals aber noch nicht geträumt, gesteht Julia Kautz: „Ich bin am Land, in Maiersdorf, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Wiener Neustadt, aufgewachsen. Ich hatte lange Zeit gar keine Ahnung, dass Musikerin überhaupt ein Beruf sein kann. Aber es war mir schon sehr früh ein Bedürfnis, Geschichten mithilfe der Musik zu erzählen und die Menschen in meinem Umfeld zu unterhalten.“

Parallel zur Ausbildung in einem Wiener Neustädter Gymnasium mit Musikschwerpunkt („inklusive Kompositionslehre und tausend Chören“) sang und spielte sie in ganz unterschiedlichen Bands. „Die erste, mit 11 Jahren, hieß Shark Attack und war eine Nirvana-Coverband. Danach war ich in einer Punk-Band, einer Metal-Band, einer Jazz-Band und einer Reggae-Band. Das Genre selbst war nicht so wichtig. Entscheidend war, dass ich Musik machen konnte.“

Servus Rihanna, Hallo Beyoncé

Doch nach der Matura eröffnete sich ein etwas anderer Karriereweg: „In den Journalismus bin ich zufällig hineingerutscht. Meine Schwester Verena hat bei den ‚Niederösterreichischen Nachrichten‘ gearbeitet. Deshalb habe ich dort auch angefangen und durfte kleine Geschichten über lokale Schulbands schreiben.“ Über das (mittlerweile eingestellte) Jugend- und Musikmagazin Rennbahn Express und das Nachrichtenmagazin News führte sie ihr Weg binnen weniger Monate von Wien nach München – mitten hinein in die große Pop-Welt.

„Ich war Anfang 20 und bin für ‚Bravo‘, das damals größte Jugendmagazin Europas, Woche für Woche zu Interviews mit den heißesten Superstars gejettet“, erinnert sich Julia Kautz. Sie traf Beyoncé und Rihanna, Justin Bieber und Bruno Mars, One Direction und Tokio Hotel (und alle anderen namhaften Popstars des 21. Jahrhunderts): „Ich habe 80 Stunden pro Woche gearbeitet und hatte praktisch kein Privatleben mehr. Dennoch war ich nachts noch oft im Studio, um nebenbei eigene Lieder zu schreiben …“

Haarscharf am Leben vorbei

Irgendwann, erinnert sich Julia Kautz, kam dieser Albtraum – der sich in folgenden Monaten nicht nur wiederholte, sondern jedes Mal intensiver wurde: „Ich habe mich als alte Frau am Sterbebett gesehen, die in den Spiegel blickt und mein junges Ich erkennt. Und diese alte Frau hat es so krass bereut, dass ich nicht mutig genug war, meine ganze Kraft und Energie in die eigene Musik zu investieren.“

Der mentale Zusammenbruch kam nach einem Treffen mit Lady Gaga in Berlin: „Es war ein tolles Interview, aber am Rückflug habe ich einen Heulkrampf bekommen: ‚Fuck!‘, habe ich mir gedacht, ‚ich lebe haarscharf an meinem echten Leben vorbei.‘“ Daran konnte selbst ihre eigene Prominenz nichts ändern: „Ich hatte als Journalistin auch eine Karriere. Ich war Chefreporterin, mein Bild war tausendmal im Magazin abgedruckt, ich habe ‚Bravo‘-Web-TV im Internet moderiert und bin auf der Straße angesprochen und um Autogramme gebeten worden.“

Lady Gaga und Julia Kautz
Lady Gaga und Julia Kautz © Julia Kautz

300 Sessions pro Jahr

Aber eben aus den falschen Gründen. „Das Absurde damals war: Ich war beruflich umgeben von Superstars, von Menschen, die mit ihrer Musik unglaublich erfolgreich waren – und damit quasi meinen Traum gelebt haben.“ Dennoch hadert Julia Kautz, die nach ihrem ‚Bravo‘-Abschied weiterhin in München lebt, heute nicht mit den Entscheidungen, die sie als junge Frau getroffen hat: „Ich wollte ursprünglich maximal zwei Jahre als Journalistin arbeiten, daraus sind aber mehr als acht Jahre geworden. Mittlerweile habe ich verstanden, dass ich meine Zeit nicht verschwendet habe. Im Gegenteil: Ich habe sehr viel gelernt und profitiere heute von meinen Erfahrungen.“

Und zwar auf mehreren Ebenen. Denn einerseits wendet sich Popmusik ja oftmals an eine sehr junge Zielgruppe, „und ich habe mich als Reporterin ganz intensiv in die Seelen und Gefühlswelten von Teenagern hineinversetzt.“ Zum anderen hatte sie bei vielen ihrer Interviews nur sehr wenig Zeit, mit ihrem Gegenüber ins Gespräch zu kommen: „All diese Superstars sind extrem verplant. Du bekommst selten mehr als zehn, 15 Minuten für ein Interview. Ich musste also nicht nur die richtigen Fragen stellen, sondern musste auch rasch eine vertrauensvolle Gesprächsbasis aufbauen.“

Und diese Skills, sagt Julia Kautz, sind in ihrem Job als Songwriterin heute mindestens so wichtig wie als Interviewerin der Superstars: „Ich hatte in den vergangenen beiden Jahren jeweils gut 300 Songwriting-Sessions mit ganz unterschiedlichen Musikerinnen und Musikern.“ Und am Beginn einer Session steht immer ein möglichst offenes, tiefgehendes Gespräch: „So können wir herausfinden, was für die Künstlerin oder den Künstler jetzt gerade wichtig ist. Und so können wir ihr oder ihm einen Song auf den Leib schneidern, der sich einfach richtig anfühlt.“

Ein guter Song muss authentisch sein, er benötigt eine Essenz. Und er muss mich berühren, egal, ob er mich zu Tränen rührt oder vor Freude tanzen lässt.

Aufregung um Lucas Fendrich

Was einen guten Song ausmacht, lässt sich wohl kaum allgemeingültig definieren. „Aber ich bin eine große Verfechterin von Emotionen. Von echten Emotionen. Und deshalb sind mir meine ‚Psychotalks‘ zu Beginn der Session so wichtig. Ich weiß nicht, wie viele tausend neue Songs jede Woche auf Spotify veröffentlicht werden – da braucht doch niemand mehr irgendwelches oberflächliches Larifari“, sagt Julia Kautz. Im Gegenteil: „Ein guter Song muss authentisch sein, er benötigt eine Essenz. Und er muss mich berühren, egal, ob er mich zu Tränen rührt oder vor Freude tanzen lässt.“

Ein aktuelles Beispiel für einen dieser authentischen, berührenden Songs ist Lucas Fendrichs „Feuer über Wien“, den Julia Kautz gemeinsam mit Lukas Hillebrand (der – unter anderem – als Co-Komponist und Produzent für mehrere Hits von Julian LePlay verantwortlich ist) und dem Sänger selbst komponiert hat. „Wir haben diese Nummer vergangenen Winter zwischen Weihnachten und Neujahr unter dem Eindruck des Kriegs in der Ukraine, der Auseinandersetzung in Israel und des Klimawandels geschrieben. Wir haben viel über unsere Ängste angesichts all dieser Katastrophen gesprochen. Daraus hat sich die Frage ergeben, wie denn die morbide Wiener Seele mit dem Weltuntergang umgehen würde. Mit dem Ergebnis bin ich hundertprozentig zufrieden, der Song hat sehr viel Tiefgang und gleichzeitig sehr viel Schmäh.“

Dass der Song und das dazugehörige Video eine umfangreiche Diskussion auf Facebook auslöste, amüsiert Julia Kautz: „Lucas wollte eigentlich nie auf Deutsch singen, weil er dann klingt wie sein Vater (Anm.: Austropop-Superstar Reinhard Fendrich). Aber er hat sich dann doch drauf eingelassen.“ Dass die Nummer musikalisch an Fendrich senior ebenso erinnert wie an Falco, Wanda und Bilderbuch, sei natürlich pure Absicht: „Wir haben ‚Feuer über Wien‘ bewusst ironisch auf die Spitze getrieben und deshalb sogar Anleihen beim Wiener Lied und beim Walzer genommen.“

Keine „Quotenfrau“!

Julia Kautz hat eine Gesangsausbildung und spielt Gitarre, Klavier, Ukulele „und im Fendrich-Video sogar Geige – allerdings wirklich nur vor der Kamera“. Sie hat sich ihren Traum erfüllt und kann von der Musik leben: Sie hat einen Vertrag bei einem Musikverlag, dazu kommen regelmäßig Tantiemen, wenn von ihr geschriebene Songs im Radio oder bei Live-Konzerten gespielt werden: „Aber Plays bei Spotify und anderen Streaming-Plattformen kannst du vergessen, da bekommst du für einen Hit vielleicht 20 Euro.“

Einfach war es aber gerade am Anfang nicht, erinnert sich Julia Kautz: „Ich war Anfang 30, und hatte als Journalistin nie das Gefühl gehabt, als Frau im Business benachteiligt zu sein. Ich war Chefreporterin, habe eine krasse Karriere gemacht und sogar mehr verdient als meine männlichen Kollegen.“ Als Sängerin musste sie aber erkennen, dass die Musikbranche sehr wohl männerdominiert ist: „Ich habe mich sehr oft falsch behandelt gefühlt.“

Es beginnt mit Sätzen wie „Schade, dass du keine 21 mehr bist“ und Einladungen als einzige Frau, „als Quotenfrau“, zu Veranstaltungen. „Ich kann mich nicht beschweren, denn viele der Songs, die ich geschrieben habe, laufen gut im Radio. Aber ich habe auf meine eigenen Nummern nicht nur einmal das Feedback bekommen: ‚Frauenstimmen nerven im Radio, sie erinnern uns an unsere Mutter, die uns früher zu Hausaufgaben ermahnt hat. Und deshalb spielen wir nur eine Frau pro Stunde – und das ist halt Katy Perry …‘“

Wunderschön, kunterbunt, verrückt

Entmutigen lässt sie sich von solchen Ansagen jedoch nicht: „Ich bin dadurch zur Kämpferin geworden, zur Amazone.“ Und natürlich verfolgt Julia Kautz, die 2015 als Songwriterin von „Music Of My Life“ der koreanischen Boyband My Name einen Nummer-1-Hit in Japan feiern durfte, immer noch das Ziel einer Solokarriere. Nach zwei EPs (zuletzt 2022 „Immer die Musik“) und einer Vielzahl an Singles (darunter „Bin ich verrückt oder die andern?“ und „Ziemlich beste Freunde – feat. Nico Gomez“, beide 2024) erscheint Anfang 2025 ihr erstes Soloalbum: „Es wird wunderschön, kunterbunt und verrückt. Ich bin jetzt schon sehr stolz auf jeden einzelnen Song.“

Am Tag nach dem Interview mit funk tank flog Julia Kautz übrigens nach Dubai, um mit der dort lebenden deutschen Schauspielerin und Influencerin Fiona Erdmann ein Video zu drehen: „Fiona ist eine meiner allerbesten Freundinnen. Wir haben gemeinsam einen Song über unsere ganz besondere Freundschaft für mein kommendes Album geschrieben und eingesungen. Es sind aber auch noch andere, überraschende Features zu hören.“ Zum Album soll es eine Serie von Auftritten geben, denn natürlich sucht – und liebt – Julia Kautz das Rampenlicht: „Aber ich feiere Songs, die ich für andere geschrieben habe, genauso intensiv wie meine eigenen. Es ist egal, ob ich ihn selbst singe oder jemand anderer: Jeder dieser Songs ist mein Baby, darin stecken meine Worte, meine Melodie – und meine ganze Liebe!“

Katy Perry und Julia Kautz
Katy Perry und Julia Kautz © Julia Kautz

Julia Kautz, 43, traf als Chefreporterin der Jugendzeitschrift „Bravo“ die größten Popstars der Welt. Mittlerweile fokussiert sich die in München lebende Niederösterreicherin auf ihre eigene Karriere als Sängerin, Musikerin und Songwriterin. Anfang 2025 erscheint ihr erstes Soloalbum.

Julia Kautz – Website

Julia Kautz – Instagram

Musikerinnen mit Tiefgang – Teil 2

Sie alle heben sich mit Tiefgründigkeit und außergewöhnlichem Sound von der Masse ab – hier kommt der zweite Teil der funk tank Top 10 Female Artists und damit unsere momentanen Lieblingsmusikerinnen:

eat-girls – Musik für Cineast*innen

Abgeschottet in einem Apartment in Frankreich und mit wenig Equipment produzierten Amélie Guillon und Elisa Artero während des Lockdowns ihre ersten Songs. Mit lässig cooler Attitude sangen sie damals über Liebeskummer, Weltuntergangsstimmung und andere Befindlichkeiten. Mit der Freiheit nach dem Lockdown gesellte sich Maxence Mesnier zum Duo; eat-girls verbinden Pop, Post-Punk, Minimal Synth, Kraut und Dub. Ihre aktuelle Single „Unison“ (VÖ 29. August 2024) erinnert an die Musik von Horrorfilmen à la David Lynch; „Avoid love, abide, fall“ ertönt es am Ende des Songs … eat-girls spielen am 5. September im Café Wolf in Graz, am 6. September am Waves Vienna und am 21. September am Reeperbahn Festival in Hamburg.

Monsterheart – Vom Lieben und Fallen

Anna Attar gründete 2011 die Band Monsterheart, ihr Debütalbum „W“ kam vor 10 Jahren heraus. Was die Wiener Künstlerin ausmacht: Der Hang zum Düsteren, den sie gerne mit Zuckersüßem vermischt. Im Laufe der vergangenen Jahre ist ihre Musik hoffnungsvoller geworden, was auch auf ihr Privatleben zurückzuführen ist, denn mittlerweile ist Anna Mama eines Sohnes und Beziehungen werden neu gedacht, Ansprüche ebenso. Nach einer Schaffenspause ist Monsterheart nach „Drive“ im Frühjahr 2024 jetzt mit einer wunderschönen Nummer retour: Zusammen mit Wolf Lehmann besingt sie in „Circumstances“ die Liebe und den Kummer – verträumt und romantisch! Album in Aussicht!

Panik Deluxe – Baby Melancholie

Lily Elektra aka Panik Deluxe macht laut der Musikerin selbst „Musik für tanzwütige, traurige Nachtschwärmer*innen“. In der Tat schließen sich hier tiefgründige ernste Texte und tanzbarer Sound nicht aus. Ihre aktuelle Single „twigs“ handelt von einer krankhaften Liebe, die kein gutes Ende nimmt. Schrill, ein bisschen verrückt und zugleich sehr eingängig ist dieser Song, künstlerisch und düster das dazugehörige Video – Panik Deluxe ist ein Gesamtkunstwerk, das sehr international wirkt – und in Wien zuhause ist.

Cut me open. Sliced me up. Consumed all of my trust for lunch. (Panik Deluxe/“twigs”)

Sophie Lindinger – Die Vielseitige

Neben ihrem Soloprojekt spielt sie bei den Ösi-Musiker*innen Leyya und My Ugly Clementine – die 32-jährige Sophie Lindinger ist nicht nur Meisterin im Singen, sondern auch im Songwriting, Komponieren und Produzieren. Zusammen mit Marco Kleebauer bringt Sophie als Leyya am 30. August das dritte Album der Band heraus. „Half Asleep“ ist von der Selbstreflexion als Konsequenz innerer Unruhe geprägt. Die Künstler*innen haben sich (wieder) gefunden und verarbeiten im neuen Album „das Gefühl, das halbe Leben verpasst zu haben, dauernd weder wach noch schlafend zu sein, durch die Wochen zu hustlen, ohne dabei etwas zu spüren“. Und kommen an, im Hier und Jetzt, im Melancholischen, Mysteriösen, Intimen.

Ellice – The Voice of Germany

Die Älteren unter uns können mit ihren Texten vielleicht wenig anfangen, für ihre Generation zählt sie zu der neuen Stimme im Deutschpop. 2023 hat Ellice (bürgerlich Ellice Klawon) es bei The Voice Kids ins Finale geschafft, jetzt ist sie 17 Jahre alt und stürmt bereits Charts und diverse Social Media- und Musikstreaming-Plattformen. Ihr Songwriting wird in Musikkreisen hoch gelobt, die Berlinerin selbst wirkt nach wie vor wie das sympathische Mädchen von nebenan, ihr Song „Angst > Liebe“ hatte in kurzer Zeit nach dem Release über 1 Million Views. Im kommenden Jahr tourt die Musikerin durch Deutschland und Österreich, also am besten schon jetzt Karten sichern.

Was für dich real ist, ist für mich nur ’n Rausch. No hard feelings, sind nur Motten in mei’m Bauch. (Ellice/„Angst > Liebe“)

Den 1. Teil unserer Top 10 Female Artists, die momentan Körper, Geist und Seele der Redaktion bewegen, findest du hier!

Buchtipp: Von Hildegard Knef über Madonna bis hin zu Grimes – These Girls – Ein Streifzug durch die feministische Musikgeschichte präsentiert einen bunten Mix an Künstlerinnen, die für die Musikgeschichte prägend waren und sind. Role Models der Musikszene von den 1950ern bis in die 2010er, geschrieben von Journalist*innen, Musiker*innen, Freund*innen und Fans der Künstlerinnen, herausgegeben von Juliane Streich.

Musikerinnen mit Tiefgang – Teil 1

In Zeiten von Streaming-Plattformen gibt es Musik im Überfluss. Geschenk und Fluch zugleich, denn wer auf der Suche nach wahren Schätzen und musikalischen Rohdiamanten ist, muss auch jede Menge durchschnittliche Musik am Weg dorthin über sich ergehen lassen. Wir nehmen dir die Arbeit ab und stellen zehn Musikerinnen vor, die für uns herausragend sind – sowohl musikalisch als auch inhaltlich. Künstlerinnen, die beweisen, dass sich Tiefgang und Unterhaltung nicht ausschließen müssen. Frauen, die Statements setzen und Herz, Hirn und Körper in Bewegung versetzen …

Ankathie Koi – Stimmgewaltige Ekstase

Die Künstlerin kommt aus Oberbayern, lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Wien und hat Jazzgesang studiert. Zuerst war Ankathie Koi mit Judith Filimónova als musikalisches Duo „Fijuka“ unterwegs. Seit 2014 widmet sie sich ihrem Soloprojekt. Wer Ankathie schon einmal live erlebt hat, ist nicht nur von ihrer Stimme geplättet, sondern auch von ihrer Attitude. Sie ist eine verrückte Nudel, eine Grenzgängerin, eine Rampensau – alles im positivsten Sinn. Sie verkörpert puren Sex und repräsentiert gleichzeitig die gemütliche Mama, auf deren Busen man sich gerne ausruht. Ihre Texte sind zweideutig und eingängig. Ihre Musik ist süß und feurig. Ankathie Koi kann alles zugleich sein und feiert das auch auf der Bühne. Ihr drittes Album „Pikant“ ist heuer erschienen.

Jede Schwere mach ich leicht für dich. In jede dunkle Spalte werf ich Licht. (Ankathie Koi/„Tiefer“)

Rahel – Verträumte Realität

Die Waldviertlerin Rahel Kislinger aka Rahel hat diesen Frühling ihr Debütalbum „Miniano“ veröffentlicht. Hier trifft New Wave auf Dream-Pop. Sowohl Rahels Stimme als auch ihre Texte laden zum Träumen ein, ohne dabei oberflächlich zu sein. Aktuell hat sich die Sängerin an die Kult-Nummer „Wir trafen uns in einem Garten“ von 2raumwohnung gewagt – und daraus definitiv einen neuen Hit gemacht.

Aurora – Zwischen Fragilität und Emanzipation

„Aurora“ ist auch als Polarlicht/Nordlicht bekannt. Und wie diese Lichterscheinung ist die gleichnamige norwegische Musikerin ein Lichtblick – in der Musikwelt. Bekannt wurde Aurora mit 18 Jahren durch ihr Lied „Running with the Wolves“ im Jahr 2015. Sie selbst sieht sich als Träumerin und Denkerin. In ihrem aktuellen Album „What Happened To The Heart“ beschreibt sie ihren ganz persönlichen Weg, der immer wieder von Schwäche geprägt war und sie stark machte. Darin behandelt sie auch die großen Fragen rund um die verloren gegangene Empathie und Einfühlsamkeit der Menschen. Aurora Aksnes gastiert am 20. September im Wiener Gasometer.

Cat Burns – Steile Karriere

Von der Straßenmusikerin zum Weltstar: Die britische Popsängerin Cat Burns alias Catrina Keri Oluwaseun Burns-Temison hat als Jugendliche während ihrer Ausbildung auf der BRIT School als Straßenmusikerin ihr Geld verdient, mit zarten 16 Jahren ihre erste EP veröffentlicht und ist mittlerweile mit ihren 24 Jahren eine mehrfach mit Platin ausgezeichnete Künstlerin. Mit ihrer Single „Go“ stürmte sie 2022 die Charts, ihr Debütalbum „early twenties“ ist diesen Juli erschienen und der beste Beweis dafür, dass sich Massentauglichkeit und Qualität nicht immer ausschließen müssen. Cat Burns macht tiefgründige und ehrliche Musik. Ihr Weg im Musik-Business ist bestimmt noch lange nicht vorbei …

I wanna need you 'cause I love you, not love you 'cause I need you. (Cat Burns/“Alone”)

Leila – Musik als Therapie

Die Schweizerin Leila Šurković aka Leila hat ihren Song „Gun to My Head“ 2021 in Eigenregie auf Spotify veröffentlicht, heute hat der Song knapp 2 Millionen Streams und die Sängerin einen Plattendeal mit Grönland Records, dem Label von Herbert Grönemeyer. „Leila steht für eine neue bikulturelle Generation, die laut und bestimmt in der Öffentlichkeit auftritt“, so das offizielle Statement. Für die 22-jährige Leila ist Musik machen die wahre Therapie, denn „happy sounds“ liegen ihr nicht so, sie behandelt in ihrer Musik lieber die Probleme ihrer Generation, die in der Pandemie zu Hause gesessen ist, anstatt zu feiern. Und verarbeitet ihren Weg musikalisch, denn als Kind und Jugendliche war sie meist Außenseiterin, nicht klassisch weiblich, nicht der Norm entsprechend. Spätestens jetzt kommt ihr das zugute. Wer Leila live erleben möchte, kann das heuer z. B. noch beim Hamburger Reeperbahn Festival (18. – 21. September) tun.

Den 2. Teil unserer Top 10 Female Artists, die momentan Körper, Geist und Seele der Redaktion bewegen, kannst du hier lesen!

Buchtipp: Noch mehr Female Power findest du im Buch 250 Komponistinnen – Frauen schreiben Musikgeschichte von Arno Lücker. Eine musikalische Entdeckungsreise in unterschiedlichste Länder und Jahrhunderte. Ideal um Neues kennenzulernen und Altes wiederzuentdecken. 

Über das schöne Enttabuisieren von Rebekka Hochreiter

Moment mal … Das sieht doch aus wie ein Tampon?! Und während ich womöglich einen Augenblick zu lange auf die Kette bzw. den Anhänger von Monika Buttinger starre, fängt die renommierte Kostümbildnerin meinen Blick auf: „Ja, das ist ein Tampon“, lacht sie. „Meine Nichte hat das designt.“
Einige Wochen später bitte ich die Nichte um ein Interview, denn Rebekka Hochreiter bzw. Hochreiterin, wie sie sich auch nennt, schenkt nicht nur blutigen Tampons ein solch ästhetisches Antlitz, dass man sie um den Hals tragen mag. Noch diesen Herbst stellt sie ihre „Lauter laute Fotzen*“-Installation vor das Linzer Rathaus, um ein weiteres Beispiel ihres facettenreichen Tuns zu nennen. Zur Provokation? Auch, aber da steckt viel mehr dahinter, sagt Rebekka im Gespräch, bei dem jeweils eine selbst kreierte Klitoris von ihren Ohren baumelt.

Rebekka Hochreiter wuchs in einem kleinen Ort nahe Lichtenberg im Mühlviertel mit einer jüngeren Schwester auf; als Tochter einer Damenkleidermachermeisterin, die an der Modeschule unterrichtet, und eines bildenden Künstlers. Viele Kreative umgaben sie von klein auf, „die Moni (Buttinger, Anm.) war für mich auch immer ein Vorbild“, erzählt sie. Mit 15 bringt ihr Papa ihr das Schweißen bei, nach der Hauptschule macht sie eine Ausbildung zur Goldschmiedin. Sie mag die Stunden in der Werkstatt, will aber tiefer graben. Sie bewirbt sich an der Linzer Kunstuniversität, beginnt zunächst mit Bildhauerei und wechselt dann zur experimentellen Gestaltung. Parallel dazu fängt sie an, in Theater- und Filmprojekten mitzuarbeiten; mal ist es für ein feministisches Theaterstück von Sina Heiss, mal die Assistenz in der Maske für einen Kinofilm. „Wie bekommt man Zombies mit wenig Budget hin? – Was alles mit unterschiedlichen Materialien möglich ist, hat mich immer interessiert“, sagt Rebekka Hochreiter.

Im Laufe der Jahre knüpft sie sich einen bunten Teppich an Erfahrungen und Fertigkeiten aus zahlreichen Projekten; sie macht ihren Uniabschluss, ihre Arbeiten werden zunehmend politisch – und sorgen live und im Netz für Furore. Wie beispielsweise als sie die feministische Ausstellung „Fotzengalerie“ gemeinsam mit FIFTITU% – dazu später – kuratiert: „In einem rechtspopulistischen Medium gab es viel Aufregung darum, dass öffentliche Fördergelder für so etwas verwendet werden“, erklärt sie. „Diese Ausstellung war aber in der Kunsthalle Linz und die ist 40 mal 40 mal 40 Zentimeter groß. Die Leute, die das kritisiert haben, wussten das nicht einmal, das hat uns amüsiert.“

Portrait Rebekka Hochreiter
© Jakob Gsoellpointner

Goldene Tampons

Rebekka war etwa zehn Jahre alt, als sie festzustellen begann, dass dieses „wir sind alle gleich“ nicht der Realität entspricht. Dazu trugen ihre Mutter „mit einem sehr starken Gerechtigkeitssinn“ und die Lektüre von Waris Diries „Wüstenblume“ bei. Das Model beschreibt darin ihre Beschneidung als Kind und ihren Kampf gegen Genitalverstümmelung. „Ich habe das Wort Feminismus damals noch nicht wirklich gekannt, aber ich habe mich gefragt, warum wir als Mädchen anders behandelt wurden, warum wir über gewisse Sachen nicht sprechen sollten oder warum ein Tampon etwas war, das man möglichst unterm Tisch weitergeben sollte.“

Sie spürt die Ungerechtigkeiten hautnah. Sie erlebt wiederholte Zurechtweisungen, die Frauen* vermitteln, dass ihr Körper nicht ihnen gehört, und sie erfährt selbst sexualisierte Gewalt im öffentlichen Raum. „Viele weiblich gelesene Personen machen ähnliche Erfahrungen: mit Leuten, die dir sagen, was und wie viel du essen sollst, wie du dich kleiden und verhalten sollst, mit Männern, die dich im öffentlichen Raum belästigen.“

Als Künstlerin ergreift sie die Initiative, ohnehin ungeschriebene Regeln um Periode und Co. zu demontieren. Gemeinsam mit Kolleg*in Alice Moe schreibt sie 2015 für das Donaufestival Krems ein Menstruationsmanifest, sie lackieren Tampons golden und verkaufen sie als Ohrringe. „Es wird kaum wirklich über Menstruation geredet. Und wenn, dann heißt es meistens nur: Die Arme hat gerade ihre Tage. Die wenigsten trauen sich sagen: Hey, mir geht’s heute echt nicht gut, weil ich menstruiere.“ Das Festival markierte sozusagen den Start ihrer Mission: „Wie kann ich die Kommunikation im öffentlichen Raum vorantreiben?“

Erst kürzlich fand sie wieder Bestätigung für die Notwendigkeit ihrer Initiativen: „Ich bekam die Möglichkeit, mehrere Biologie-Schulbücher durchzublättern. Ich war neugierig, wie weiblich gelesene Körper dargestellt und wie die Vielfalt der Geschlechter behandelt wird – und wurde ziemlich enttäuscht. Im Prinzip hat ein einziges Buch gut abgeschnitten und selbst da war die Klitoris nicht vollständig abgebildet, das hat mich schockiert.“

Sie experimentiert akribisch, bis ihre Tampon-Schmuckstücke in Haptik und Ästhetik so sind, wie sie sich das wünscht. Der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten, doch Rebekka Hochreiter winkt elegant ab. „Ich mache bis heute nur Einzelstücke auf Anfrage.“

Sie will ihr kreatives Schaffen nicht einengen, sich nicht auf eine Sache allein fokussieren, sondern sucht stets neue Wege. Die Tampons ziehen sich aber wie ein roter Faden durch ihr Tun. „Was mich motiviert, ist mein Ziel: die Ent-Schämung. Ich erlebe es bei mir selbst. Durch die ständige Auseinandersetzung sind diese Themen für mich mittlerweile null schambehaftet. Sehr schön ist außerdem, dass mir die Menschen als Reaktion viele persönliche Geschichten und Erfahrungen schenken.“

Vulva Skulptur von Rebekka Hochreiter
© Rebekka Hochreiter

Ich habe das Wort Feminismus damals noch nicht wirklich gekannt, aber ich habe mich gefragt, warum wir als Mädchen anders behandelt wurden, warum wir über gewisse Sachen nicht sprechen sollten oder warum ein Tampon etwas war, das man möglichst unterm Tisch weitergeben sollte.

Blühende Tampons

Unter dem Titel „dear people who menstruate“ schuf Rebekka Hochreiter einen Animationsfilm, bei dem ein Strauß an Tampons knospengleich aufgeht, nachdem sie sie mit verschiedenen Flüssigkeiten beträufelt: mit Blut, Kunstblut und Wasser. „Spannend: Mit Wasser funktioniert es am besten. Tatsächlich wurden Tampons lange nur mit Wasser getestet“, sagt sie. „Und jetzt kommt man drauf, welche Schadstoffe Tampons enthalten?! Bisher war es nicht wichtig genug, sich damit auseinanderzusetzen, was Menschen in ihren Körper einführen?!“

Eine weitere Ungerechtigkeit, nämlich die mit der Menstruation verbundenen Kosten, macht sie mit „Mary’s Dress“ zum Thema. „Wenn ich in die Arbeit gehe, muss ich nicht fürs Klopapier zahlen, aber für Tampons oder Binden schon.“ Aus rund 10.000 Stück Binden schuf sie eine wundervolle Robe in Weiß, um die Lebensbedarfsmenge zu visualisieren, und parallel eine Verbindung zu Werbeindustrie und dem angeblich schönsten Tag des Lebens herzustellen.

Mary’s Dress von Rebekka Hochreiter
© Rebekka Hochreiter

Ein Panzer aus dem F-Wort

Seit 2020 ist Rebekka Hochreiter stellvertretende Geschäftsführerin von FIFTITU%: „Wir sind die einzige Beratungs- und Vernetzungsstelle für kunstschaffende FLINTA-Personen in ganz Österreich“, erklärt sie (FLINTA* steht für Frauen, Lesben, inter, nichtbinäre, transgeschlechtliche und agender Personen, Anm.).

Der Verein unterstützt Künstler*innen bei rechtlichen Fragen, Projektförderungen und Diskriminierung. Eine Challenge für FLINTA*-Künstler*innen ist zweifellos die Vereinbarkeit zwischen Elternschaft und Kunst, weiß sie. „Die Quote an den Unis wird zunehmend ausgeglichener, aber verhältnismäßig können danach wenig FLINTA*-Personen Fuß fassen bzw. davon leben“, weiß Rebekka. FIFTITU% setzt sich für mehr Sichtbarkeit ein. „Es ändert sich laufend etwas, aber wir müssen uns noch immer fragen: Wer sitzt in den Jurys, leitet Museen oder Galerien?“

Zum Portfolio des Vereins gehören auch Kooperationen für Kunstprojekte. So wird Anfang September ein queerfeministisches Festival in Zusammenarbeit mit Ars Electronica und der Kunstuni Linz über die Bühne gehen. Rebekka baut dafür mit der Szenografin Leonie Reese vor dem Linzer Rathaus ihre drei Mal sechs Meter große, aus mehreren Vulven bestehende Installation auf. Sie trägt nicht ohne Grund den Titel „Lauter laute Fotzen“: Die Künstler*innen Missex, Tonica Hunter und Bana kreieren Beats, die die Vulven in Bewegung bringen.

Der leger anmutende Umgang mit dem abwertenden Wort ist freilich kein Zufall. „Den Begriff Fotze haben ich und viele, die ich kenne oder die mir davon erzählt haben, schon oft abgekriegt. Manchmal einfach so, oder wenn wir zu etwas keine Lust haben. Fotze ist immer eine Beleidigung, es soll uns klein machen. Mein Zugang ist aber: Nimm den Begriff, eigne ihn dir an, das hat mich total immun dafür gemacht. Das wirkt heute wie ein Panzer.“

FIFTITU% gilt als eine bundesweit einzigartige Plattform, die sich für bessere Bedingungen der Frauen* im Kunst- und Kulturbereich engagiert. Die Aktivitäten des Vereins umfassen neben kultur- und frauen*politischer Arbeit, regionaler, nationaler und internationaler Vernetzung und vielfältigen künstlerischen Projekten auch konkrete Beratung und Unterstützung von Kunstschaffenden, beispielsweise bei Förderanträgen. Die Aufnahme von Quotenregelung in der Kunst- und Kulturförderungen oder die Verankerung frauen*politischer Forderungen in Kulturentwicklungsplänen gehören zu ihren Errungenschaften.

Praktisch: die Datenbank New(s)base zu Ausschreibungen, Wettbewerben, Stipendien und Co.

Rebekka Hochreiter ist stellvertretende Geschäftsführerin an der Seite von Geschäftsführerin Oona Valarie Serbest.

Rebekka Hochreiter – Website

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Oscar Predictions 2024: Späte Spannung

Schon seit Jahren ist es Tradition im Hause Höller, ab dem Zeitpunkt der Bekanntgabe alle Oscar-nominierten Filme zu prüfen. Den Großteil davon habe ich grundsätzlich schon im Laufe des Jahres im Kino oder via Streaming gesehen, manche muss ich auf anderem Weg (z.B. via Screener – danke an der Stelle an die Unterstützung der Verleihe) nachholen. Immerhin 38 Filme zählt die Liste der erlauchten Spielfilme (Sorry, aber Kurzfilm ist für mich immer noch keine relevante Oscar Kategorie!). Bis auf die Dokumentation To Kill a Tiger, der einfach nicht zu bekommen war, habe ich mir alle angesehen. Teilweise mehrmals, oft begeistert, manchmal auch mit tiefem Bedauern über die vergeudete Lebenszeit. Zwischenfazit: Wie schon im Vorjahr nach der triumphalen Rückkehr des Big Screens nach der Corona-Pause via Avatar: The Way of Water und Top Gun: Maverick bekräftigt auch heuer wieder das Kino seine Macht als Vermittler von überwältigenden Sinneseindrücken, purem Eskapismus und der eindringlichen Präsentation großer Geschichten. Dass Streaming hier – quasi als Second Screen – auch durchaus seine Berechtigung hat, wenn es um den stillen Genuss von Autor*innenkino, Kinderprogramm und Dokumentationen geht, steht mittlerweile aufgrund der hohen Produktions- und Ausstrahlungsqualität der Eigenproduktionen von Streaming-Anbietern außer Frage. Bis auf Amazon Prime, aber das ist eine andere Geschichte.

Barbie und Oppenheimer haben schon früh das Kinojahr dominiert. Der gleichzeitige Kinostart, die hohe Erwartungshaltung und der folgende „Barbenheimer“-Hype haben die beiden Filme an den Kinokassen in lichte Höhen geführt, Kritiker*innen und Publikum wurden ebenfalls nicht enttäuscht. Und aufgrund des Streiks der Filmschaffenden von Juli bis November, der teilweise antizipierte Starts von potenziellen Blockbustern wie Dune: Part Two, Deadpool 3, Ghostbusters: Frozen Empire und der unvermeidlichen Fülle an Marvel-Filmen auf heuer oder auf noch später verzögerte, wurden die Nominierungsoptionen kräftig durchgemischt. Andererseits öffneten die verschobenen Filmstarts ein Fenster für andere, teilweise höchst bemerkenswerte Streifen, wodurch so manche schon als sicher geglaubte Auszeichnung nochmals in Frage gestellt wurde. Die üblicherweise aus vorher stattfindenden Preisverleihungen (Golden Globes, BAFTA, SAG etc.) abgeleiteten Trends brachten hier quasi in der Rapid-Viertelstunde des Oscar-Rennens noch einige spannende Optionen ins Spiel. Für mich jedenfalls stehen die Gewinner*innen fest. Wer meiner Meinung nach aus objektiven Gründen gewinnen sollte, lest ihr in den folgenden Zeilen nach Kategorien sortiert. Aber auch – falls abweichend– wer vermutlich tatsächlich gewinnen wird, denn manchmal werden die Entscheidungen der Academy von Sentimentalität, Politik, Tagesgeschehen, Lobbyismus und leider zunehmend Wokeism getragen.

Bester Film

Wieder einmal hat die Academy satte zehn Filme in der wichtigsten Kategorie nominiert, und erfreulicherweise sind die Genres breit gefächert. Die kleine, feine Produktionsgemeinschaft A24 (die noch keinen einzigen schlechten Film produziert hat, Anm.) ist hier gleich mit zwei Filmen vertreten, The Zone of Interest und Past Lives – toll, aber zu nischig und daher chancenlos. Ebenso wie der hoffnungslos überbewertete Maestro. Experimentelles Kino wie Poor Things ist für den Grand Prix dann doch auch zu wenig breitentauglich, ebenso wie der brillante Anatomy of a Fall, der uns aus unerwarteter Ecke ein paar der besten Kinomomente des Jahres beschert hat. Mehr dazu später. Routiniertes Big Cinema à la Killers of the Flower Moon hebt sich zu wenig aus dem Feld ab, ebenso wie die charmanten, aber doch mainstreamigen Dramödien American Fiction und The Holdovers. Wie schon früh erwartet, läuft es auf ein Duell zwischen Barbie und Oppenheimer hinaus, und da hat letzterer dann doch die Nase vorne. Denn die USA lieben einfach große Held*innengeschichten, und der „Vater der Atombombe“ wird in den Augen der US-Amerikaner*innen immer ein Nationalheld bleiben. Außerdem haben Dramen immer bessere Chancen als Komödien. Und es ist ironischerweise just die in Barbie angeprangerte Männerdominanz, die hier auch mitspielt.

Beste Regie

Traditionellerweise rittern fünf Regisseur*innen der für „Best Picture“ nominierten Filme um diese Auszeichnung, so auch dieses Jahr. Wobei es hier ein klein wenig Entrüstung rund um die Nicht-Nominierung von Greta Gerwig für Barbie gab und gibt. Die ich – im Gegensatz zu manch entbehrlicher Aufregung – hier vollinhaltlich unterschreibe, denn statt Martin Scorsese für sein allzu routiniertes Werk Killers of the Flower Moon hätte ich hier wirklich lieber die Gerwig für Barbie gesehen. Vor allem, weil im starken und mutigen Umfeld von Justine Triets spannendem Anatomy of a Fall, Yorgos Lanthimos außergewöhnlichem Poor Things, Jonathan Glazers bedrückendem The Zone of Interest und Christopher Nolans überwältigendem Oppenheimer selbst das Erfolgsduo Scorsese & DiCaprio etwas angestaubt wirkt. Am Ende des Tages aber egal, denn niemand hat hier der ebenso präzisen wie leidenschaftlichen Arbeit von Nolan etwas entgegenzusetzen.

Beste männliche Hauptrolle

Zuallererst müssen wir in dieser Kategorie Bradley Cooper in der Titelrolle des Maestro im gleichnamigen, leider ziemlich danebengegangenen Oscar-Bait-Ego-Trips rund um Musik-Genie Leonard Bernstein in die Wüste schicken, Nase hin oder her. Bemerkenswert, aber trotz aller Leidenschaft trotzdem zu wenig spektakulär, Colman Domingo als Bürgerrechtler Rustin, ebenso wie die perfekt süßsaure Performance von Jeffrey Wright in American Fiction. An dieser Stelle ist erwähnenswert, dass mit Ausnahme von Bradley Cooper hier Schauspieler nominiert sind, die bisher keineswegs als „Leading Men“, sondern vielmehr als ausgezeichnete und erfahrene Schauspieler in der zweiten Reihe bekannt waren. So wie Paul Giamatti, der mit einer großartigen Vorstellung in The Holdovers dem schon Cillian Murphy als Oppenheimer sicher scheinenden Oscargewinn ins Wackeln brachte. Letztendlich aber wird dem Iren das Goldmännchen nicht zu nehmen sein, denn die Intensität und Gravitas, mit der er hier fast den gesamten Film über drei Stunden trägt, ist herausragend. Und wie schon erwähnt: 1. US-Held, 2. Drama schlägt Komödie.

Filmstill Oppenheimer
Cillian Murphy als Robert Oppenheimer in „Oppenheimer“ von Christopher Nolan © Universal Studios

Beste weibliche Hauptrolle

Keine leichte Entscheidung. Ungeachtet der Empörung rund um Margot Robbie in Barbie (siehe oben) haben wir es hier mit einem extrem dichten Feld an schauspielerischen Leistungen aus völlig verschiedenen Genres, Alters- und Bekanntheitsklassen zu tun. Angeführt von der ehrenwerten Grande Dame Annette Bening in der Titelrolle als Extremschwimmerin in Nyad, zeigen hier die Oscar-prämierte Emma Stone in Poor Things und die schon mehrfach Oscar-nominierte Carey Mulligan in Maestro überzeugende Kostproben ihres Könnens. Wirklich ganz groß. Dennoch müssen sich diese drei Hollywood A-Listers hier den Schneid von zwei bisherigen Außenseiterinnen abkaufen lassen: von Sandra Hüller in Anatomy of a Fall (die sich in The Zone of Interest eigentlich eine zweite Nominierung verdient hätte) und von der wenig bekannten Lily Gladstone, die in Killers of the Flower Moon selbst Kapazunder wie DiCaprio oder De Niro an die Wand spielt. Auch wenn Hüller hier mit einer mehrsprachigen Vorstellung à la Christoph Waltz jeden Preis der Welt verdient hat, wird wohl die Gladstone abräumen. Denn nicht nur das hervorragende Spiel ist ausschlaggebend, sondern auch die Chance, dass hier erstmals eine indigene, amerikanische Schauspielerin mit einem Oscar ausgezeichnet werden kann. Das sollte sich die Academy aus gesellschaftspolitischen Gründen nicht entgehen lassen.

Beste männliche Nebenrolle

Hier gibt es keine Newcomer. Und ebenso wie in der Kategorie der besten Hauptdarsteller steht hier das Feld praktisch Kopf. Denn mit Ausnahme von Sterling K. Brown in American Fiction finden wir hier ausschließlich Oberliga „Leading Men“, die sich hier in einer Nebenrolle mehr als wohlfühlen. Und alle spielen völlig entgegen ihren charakteristischen Standard-Charakteren. Mit Ausnahme von De Niro, der in Killers of the Flower Moon nun ja eben den üblichen De Niro gibt. Bisschen langweilig. Mark Ruffalo als öliger Möchtegern-Playboy in Poor Things zum Beispiel, oder Ryan Gosling als einfältiger Ken in Barbie sind einfach nur königlich gut. Am überraschendsten und beeindruckendsten aber gelingt diese Übung Robert Downey Jr. als Oppenheimer Widersacher Lewis Strauss. Wie der einst gefallene Hollywood-Jungstar und Troublemaker nach seinem fulminanten Comeback via Marvel hier mühelos mit glaubwürdiger Seniorität vom ewig leichtfüßigen Mr. Charming ins ganz ernste Fach wechselt, ist oscarwürdig – ohne Diskussion.

Beste weibliche Nebenrolle

Lange sah es ja so aus, als würden sich Emily Blunt in Oppenheimer oder America Ferrera in Barbie aufgrund ihrer Vorstellungen in einem sehr dichten Feld an schauspielerischen Glanzleistungen die Goldglatze in der Kategorie beste weibliche Nebenrolle ausschnapsen. Zwei Nominierte sind wohl chancenlos: Danielle Brooks in der (entbehrlichen) Musical-Neuverfilmung The Color Purple bleibt zu wenig in Erinnerung, Jodie Foster als Nyad-Sidekick zwar gewohnt gut, bleibt aber von ihren persönlichen Karriere-Highlights dann doch weit zurück. Vorhang auf für Newcomerin Da’Vine Joy Randolph, die quasi wie aus dem Nichts mit ihrer wohldosierten, sarkastischen und einfühlsamen Vorstellung als Schulköchin in The Holdovers Publikum und Kritiker*innen im Sturm überzeugte. Neben der vermutlich im Hauptfach siegenden Lily Gladstone ein erfreuliches Signal aus Hollywood, sodass a) nicht nur der Nachwuchs bei den Damen gesichert ist, sondern b) auch Diversity nicht mehr nur ein Lippenbekenntnis bleibt.

Filmstill "Killers of the Flower Moon"
Lily Gladstone und Leonardo DiCaprio in „Killers of the Flower Moon“ von Martin Scorsese

Bestes Originaldrehbuch

Es gibt sie noch, die frischen Ideen. Trotz aller berechtigten Unkenrufe rund um die Marvelisierung der Kinowelt, schier endlose Reigen an Sequels und Prequels und die fast immer hochnotpeinlichen Remakes sitzt jetzt gerade jemand an den Tasten und kreiert ein neues, originelles und unterhaltsames Drehbuch. Wie im Fall von Past Lives zum Beispiel, der berührenden koreanischen Expat Romance, oder dem bewusst kontroversen Beziehungsdrama May December, das aber hart an den Kriterien zu adaptiertem Drehbuch schrammt und sich zu wenig zwischen Provokation und Routine entscheiden kann. Ebenso wie Maestro, der als Biopic völlig versagt, indem er dem Werk im Verhältnis zu privaten Extravaganzen einfach zu wenig Platz einräumt. Originell und anders ist halt nicht immer gut. The Holdovers hingegen kann mit seiner Balance aus Nostalgie, Weltschmerz, Coming-of-Age und letztendlich mit exzellenter Situationskomik sowie geschliffenen Dialogen voll und ganz überzeugen. Nur noch geschlagen von Anatomy of a Fall, der aufgrund von perfekten mehrsprachigen Dialogen, messerscharfen Timings für Rückblenden und mehrmaliger wechselnder Perspektiven eigentlich aus einem Fernsehkrimi-Material ein dichtes, bis zum Schluss spannendes Kriminal-Drama in Hollywood-Qualität strickt.

Bestes adaptiertes Drehbuch

Schwiiiiierig, ganz schwierig! Man ist natürlich versucht, den Jahresknüllern Oppenheimer oder Barbie den Preis umzuhängen, schließlich ist das Skript ja immer die Grundlage für einen tollen Film. Überhaupt bei Barbie, wo die Agenda von Autorin Greta Gerwig so pipifein in Szene gesetzt wird. Doch halt: Ist es nicht auch eine ähnliche Agenda, die im abgefahrenen Poor Things – wenn auch ganz, ganz anders – transportiert wird? The Zone of Interest wiederum, komplett andere Baustelle, führt den Zuseher*innen erneut die Gräuel der Nazis vor Augen. Es nützt sich jedoch die Grundidee schnell ab und überlässt den Film dann großteils sich selbst, sprich den Schauspieler*innen und der Kamera. Das Drehbuch kann hier wenig nachlegen. Isoliert betrachtet ist es hier American Fiction am besten gelungen, eine im Kern wichtige Agenda mittels köstlich überhöhter Sozialkritik, entlarvendem Spott und vor allem ziselierter Charaktere einen Finger auf die gar nicht so neue Woke-Unkultur zu legen – ohne dabei peinlich zu wirken, sondern wirklich zu unterhalten.

Bester internationaler Film

Wieder einmal ein starkes Jahr für die Filmszene abseits von Hollywood. Mit Society of the Snow wurden unter spanischer Regie die tragischen Ereignisse rund um den Flugzeugabsturz in den Anden von 1972 mit dem folgenden, in höchster Not praktizierten Kannibalismus in großem Stil inszeniert. Dringt aber, so wie der japanische Beitrag Perfect Days von Wim Wenders (!), rund um den Alltag eines Toilettenreinigers doch zu wenig in die Herzen der Zuseher*innen vor, um hier abzusahnen. Bedingungsloser Realismus wie im deutschen Mobbing-Drama Das Lehrerzimmer geht dem Publikum dann schon mehr an die Nieren. Hier hapert es aber letztendlich an einigen schauspielerischen Mängeln in den Nebenrollen. Durch und durch eindringlich, sowohl in Produktion als auch in Aktion zeigt Io Capitano aus Italien Einblicke in den Schlepperalltag zwischen Afrika und Europa, wenn auch ein wenig zu hollywoodesk. Unangefochten meisterlich und daher sicherer Anwärter auf den Auslandsoscar ist aber der beklemmende The Zone of Interest, der einen fassungslos auf die Selbstverständlichkeit des Massentötens aus Nazisicht blicken lässt. So ruhig und dennoch schrecklich wurde der Holocaust noch nie kommentiert.

Bester Animationsfilm

Die Mighty Mouse strauchelt weiter. So und nicht anders ist das nun schon länger andauernde Geschwächel in der einstigen Parade, ja fast schon als Abodisziplin von Disney zu werten. Disneys gut gemeinter, aber eben nicht wirklich guter Elemental fällt in dieser Kategorie weit hinter die Mitnominierten zurück. Sei es der sicher auch konventionelle, aber eben knackiger inszenierte Nimona aus dem Stall von Netflix oder der charmante und gänzlich ohne Dialog auskommende spanische Robot Dreams – alles besser. Ganz zu schweigen von Studio Ghiblis Altmeister Hayao Miyazaki, der uns mit The Boy and the Heron ein wundervolles Spätwerk kredenzt. Auch wenn es more of the same ist, viele Ideen kennt man schon aus früheren Filmen der Japaner*innen. Gold kann es beim Animationsfilm aber nur für die äußerst gelungene Fortsetzung des animierten Multiverse-Wahnsinns rund um Alternativ-Spiderman Miles Morales geben. In Spider-Man: Across the Spider-Verse werden die Grenzen des famosen ersten Teils nochmals gedehnt, ohne dabei auf das so wichtige Character Building zu vergessen. Meisterhaft.

Bester Dokumentarfilm

Hier muss ich mich – wie schon erwähnt – für die fehlende Beurteilung von To Kill a Tiger entschuldigen. Spielt aber vermutlich keine Rolle, weil es hier ohnehin nur einen klaren Sieger geben kann: 20 Days in Mariupol hat mich zum Weinen gebracht. Die Schrecken des Ukraine Krieges sind hier so eindringlich wie objektiv dokumentiert, da braucht es kein erzählerisches Format. Gut und kreativ gemachte Dokus wie Four Daughters rund um junge Frauen, die dem Einfluss des IS verfallen sind, oder Bobi Wine: The People’s President mit den politisch- korrupten Wirren in Uganda als Thema wirken dagegen fast schon harmlos und/oder aus der Zeit gefallen. Und wie sich die rührselige Alzheimer-Doku The Eternal Memory in diese hochkarätige Runde verirrt hat, verstehe ich immer noch nicht.

Beste Kamera

Die Künstler*innen hinter der Linse haben uns auch dieses Jahr wieder völlig neue Perspektiven eröffnet (pun intended). Die schräge Polit/Vampir-Gruselkomödie El Conde, von Edward Lachmann durchwegs in schwarz-weiß gedreht, weiß ebenso zu gefallen wie der phasenweise auch monochrome Film Poor Things via Robbie Ryan mit erfrischend unangenehmer Fischaugen-Optik. Gewagt. Deutlich besser jedenfalls als der ebenfalls zwischen Farbe und Nicht-Farbe schwankende Maestro mit Matthew Libatique, der dies aber scheinbar ohne echtes Konzept tut. Killers of the Flower Moon hingegen, das ist großes Kino, das ist Breitwand, wie man sie von typischen Scorsese-Werken kennt, diesfalls mit Rodrigo Pietro am Okular. Großes Kino im besten aller Sinne fand jedoch 2023 im IMAX-Format statt, für Oppenheimer wieder einmal vom Analog-Supersize-Fetischisten Christopher Nolan durchgesetzt und dem unvergleichlichen Hoyte van Hoytema hinter der Kamera. Wahrlich: Ein Fest für die Augen.

Beste visuelle Effekte

Witzigerweise ist Oppenheimer trotz aller visuellen Grandezza nicht für diese Kategorie nominiert, weil fast ausschließlich Practical Effects. Und im Gegensatz zum letztjährigen Gamechanger Avatar: The Way of Water ist die Eye-Candy-Fraktion heuer eher fad. Guardians of the Galaxy Vol. 3 bietet hier ebenso wenig Neues wie Mission: Impossible – Dead Reckoning Part One oder der zwar herrlich retro orientierte, aber letztlich auch schon 1.000 Mal ähnlich erlebte Godzilla Minus One. Über den gründlich misslungenen Napoleon muss man hier auch wenig Worte verlieren. Es bleibt letztlich für mich als Verlegenheitslösung der zwar auch stellenweise dröge, aber zumindest mit interessanten Effekten versehene The Creator in dieser heuer leider völlig verzichtbaren Kategorie. Hättiwari: ohne Hollywood-Streik und mit Dune: Part Two wäre das nicht passiert …

Bestes Kostümdesign

Die authentische Darstellung von Kleidung aus unterschiedlichen Epochen ist zweifellos kein einfaches Unterfangen, überhaupt in Zeiten, wo Profi Pedanten dank High Definition sofort jeden falsch umgelegten Saum und unpassenden Knopf bemängeln. Insofern ist es den Kostümdesigner*innen von historischen Dramen wie Killers of the Flower Moon, Napoleon oder Oppenheimer hoch anzurechnen, dass sie diesbezüglich alles richtig machen. Ist aber halt auch ein wenig langweilig und unspektakulär, dieses Korrekte. Da gibt Holly Waddington mit den Kreationen in Poor Things dem Affen schon mehr Zucker als Jacqueline West, Janty Yates & Dave Crossman und Ellen Mirojnick. So richtig vom Leder ziehen konnte aber genrebedingt Jacqueline Durran in Barbie, und das tat sie mit Humor, Authentizität und Verve. Unschlagbar ist daher der Kostümrausch in Pink, Fake Fur und Neon-Rollerblades!

Bestes Szenenbild

In dieser Kategorie sind exakt die gleichen Filme nominiert wie beim Kostümdesign, und die Wertung lässt sich witzigerweise praktisch 1:1 mit der gleichen Argumentation umsetzen. Also Killers of the Flower Moon, Napoleon und Oppenheimer kreuzbrav und korrekt umgesetzt, wobei sich letzterer allein schon durch die Inszenierung der Bombe (und deren Detonation) deutlich abhebt. Aber dennoch hat Poor Things mit seinen oft grotesken Szenerien und Ausstattungsmerkmalen (Man achte auf die Farben der Rauchfahnen!) hier die Nase vorne, aber natürlich nicht so weit wie Barbie – und zwar sowohl in Barbieland als auch im witzig überzeichneten realen Los Angeles.

Bestes Makeup und Haare

Heikle Sache diesmal. Gleich drei Biopics rund um außergewöhnliche jüdische Persönlichkeiten. Da ist man als Maskenbildner*in aufgrund einschlägiger rassistischer Stereotypen gleich mal in Bedrängnis, wenn man gewisse physiologische Gegebenheiten umsetzen will. Ja, wir reden von Nasen. Ganz schlecht im Sinne von PR-Unglück hat es Bradley Cooper in Maestro erwischt, was aber natürlich nicht alleinig schuld an dem enttäuschenden Gesamtwerk ist. Deutlich besser wurde das mit Helen Mirren in der Titelrolle des Biopics Golda rund um die einstige israelische Premierministerin gelöst. Und bei Oppenheimer hat man auf große Eingriffe via Maske komplett verzichtet und sich einzig auf das famose Method Acting von Cillian Murphy verlassen, alles richtig gemacht. Society of the Snow ist meiner Meinung nach in dieser Kategorie ein wenig deplatziert. Hier haben die Maskenbildner*innen einfach nur ihre Arbeit gemacht, wenig davon ist ausdrücklich erwähnenswert. Umso mehr aber die vielseitigen Ideen in Poor Things. Allein die Tatsache, dass man dem ohnehin schon wie gemacht wirkenden Antlitz von Willem Dafoe noch einen Zacken mehr Irrsinn aufsetzt, ist schon eine Leistung.

Bester Schnitt

Cutter*innen sind die wahrscheinlich wichtigsten Mitarbeiter*innen großer Regisseur*innen, denn sie bestimmen Flow und Rhythmus eines Films, manchmal sogar die gesamte Dramaturgie. Und letztlich entscheidet die Arbeit am Schnittpult darüber, ob sich 90 Minuten wie eine Ewigkeit anfühlen oder drei Stunden wie nichts verfliegen. Zum Beispiel bei Anatomy of a Fall, wo nicht nur clevere Dialoge, sondern vor allem ein raffinierter Schnitt aus Tatort-Material ein Oscar-Drama machen. Oder Poor Things, der die hauptsächlich lineare Erzählweise an exakt den richtigen Augenblicken mit ergänzenden Brüchen perfektioniert. Wo wäre The Holdovers ohne perfektes Gagtiming und gekonnt gesetzten erzählerischen Pausen? Killers of the Flower Moon mit seiner Abwechslung aus epischen Longshots, dramatischer Action und vor allem den Scorsese-typischen Montagen? Alles wirklich erste Sahne. Aber am Ende holt Oppenheimer mit Cutterin Jennifer Lane unter Anleitung von Nonlinear-Obermeister Christopher Nolan das Goldmännchen. Wie schon gesagt: Drei Stunden rund um Persönlichkeiten und Schöpfung eines der bahnbrechendsten Ereignisse der Menschheit in drei Stunden so zu verdichten, dass man fast aufs Atmen vergisst, das ist schon bemerkenswert.

Filmstill „Anatomy of a Fall“
„Anatomy of a Fall“ von Justine Triet © 2023 NEON

Es gibt sie noch, die frischen Ideen. Trotz aller berechtigten Unkenrufe rund um die Marvelisierung der Kinowelt, schier endlose Reigen an Sequels und Prequels und die fast immer hochnotpeinlichen Remakes sitzt jetzt gerade jemand an den Tasten und kreiert ein neues, originelles und unterhaltsames Drehbuch.

Bester Ton

Auch 2024 weine ich immer noch verständnislos der Abschaffung bzw. Integration von Tonschnitt nach. Gerade jetzt wären die so unterschiedlichen Merkmale eine eigene Erläuterung wert. Aber was solls. Wuchtiger Sound dominiert wie so oft diese Kategorie, sei es zünftiger Kawumm wie in Mission: Impossible – Dead Reckoning Part One oder moderne Sci-Fi-Soundkulisse wie in The Creator. Auch Maestro kann in den Konzertsequenzen mit gekonnter Dynamik punkten, wahrscheinlich noch das Beste am Film. Die Entscheidung um den Preis für den besten Ton wird aber sauknapp zwischen zwei Konzepten ausfallen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Oppenheimer mit den Nolan-typischen Soundkaskaden und der oft ohrenbetäubenden Mischung aus Dialog und Ambience, und The Zone of Interest mit der Mischung aus bewusst belanglosen Unterhaltungen und dem nur im Hintergrund wahrnehmbaren Grauen hinter der Mauer. Nie wurde Sound so subtil und gleichzeitig so wirksam eingesetzt. Ich setze zwar konservativ auf Oppenheimer, aber ein Sieg für The Zone of Interest würde mich wenig überraschen.

Beste Filmmusik

Wer bin ich, ein unwürdiger Wurm, um Kritik am einzigartigen, großen John Williams zu üben? Ich krümme mich im Staub wie eine Made, wenn ich‘s schreibe, aber es muss raus: Die 48. Nominierung (ACHTUNDVIERZIG) für die beste Filmmusik ist leider die schwächste in dieser Kategorie – und das ausgerechnet für einen Indiana Jones-Streifen mit Harrison Ford. Der ist aber ein ziemlicher Topfen, das nur nebenbei bemerkt. Jedenfalls sind die Nominierungen für American Fiction, Poor Things und speziell auch Robbie Robertsons Killers of the Flower Moon deutlich spannender als die Kompositionen des Altmeisters. Wahre Größe, und das nicht nur in Dezibel, sondern auch punkto Effektivität, zeigt sich aber in der Musikbegleitung von Oppenheimer, erneut je nach Gusto brachial oder harmonisch umgesetzt von Spezl Ludwig Göransson. Jeder Generation ihren Ludwig!

Bester Song

Das muss man sich mal verinnerlichen: Die erst 22-jährige Billie Eilish wird aller Wahrscheinlichkeit bei der 96. Oscar-Verleihung das erreichen, was Kapazunder wie Elton John, Burt Bacharach oder Henry Mancini erst in weit fortgeschrittenerem Alter geschafft haben: Zwei Auszeichnungen für den besten Song. Nach dem verdienten Sieg vor zwei Jahren mit dem Bond-Titelsong, also mit dem Hit aus Barbie, eine weitere Talentprobe von ihr und Bruder Finneas. Vor allem mit hochkarätigen Mitbewerbern à la John Batiste und seine Film American Symphony, dem anderen Barbie-Song „I’m Just Ken“ von Mark Ronson ist das nochmal höher zu bewerten. Die Titelsongs von Killers of the Flower Moon und Flamin´ Hot sind zwar auch hitverdächtig, aber eben nicht so unter die Haut gehend wie die unvergleichliche Stimme der jungen Amerikanerin.

Das wären also mal alle Nominierten und die von yours truly projektierten Gewinner*innen. Mein Haus versetzen würde ich in so mancher Kategorie dennoch nicht, die Oscars waren noch jedes Jahr für eine oder zwei Überraschungen gut. Als fix darf aber gelten, dass Oppenheimer mit vermutlich acht Siegen aus 13 Nominierungen – darunter bester Film – der große Sieger des Abends wird. Auch Barbie wird mit vermutlich drei Goldmännern keinen Grund zur Klage haben. Killers of the Flower Moon hingegen wird mit „nur“ einem Preis von zehn nominierten Kategorien als großer Verlierer des Abends dastehen, ebenso unglücklich unverdient wie Poor Things mit einer Statue von 11 möglichen. Der Rest wird sich mehr oder weniger fair verteilen. Als große Gewinner*innen dürfen sich dafür Anatomy of a Fall und The Zone of Interest feiern. Zu verdanken haben sie hier vor allem einiges der großen Sandra Hüller – von ihr werden wir hoffentlich noch viel in ebenso spannenden Produktionen sehen.

Zu guter Letzt gibt es da auch noch die Filme aus 2023, die es in der einen oder anderen Kategorie trotz würdiger Leistungen leider nicht unter die Nominierten geschafft haben. Dazu zählen ohne weitere Erläuterung oder Reihung John Wick: Chapter 4, Inside, Dogman, Beau is Afraid und Creed III. Nicht viele, aber das ist wie gesagt auch dem langen, lähmenden Streik zuzuschreiben. Nach den Oscars ist vor den Oscars – ich freue mich jedenfalls schon auf die Ausgabe 2025, wenn heurige Highlights wie Dune: Part Two, Back to Black, Furiosa: A Mad Max Saga, Ballerina, Inside Out 2, Deadpool & Wolverine, Alien: Romulus, Joker: Folie à Deux oder Nosferatu in den Ring steigen.

Unsere Vorhersage auf einen Blick

Kategorie
Film/Name
Film
Oppenheimer
Regie
Christopher Nolan
Hauptdarsteller
Cillian Murphy
Hauptdarstellerin
Lily Gladstone
Nebendarsteller
Robert Downey Jr.
Nebendarstellerin
Da’Vine Joy Randolph
Originaldrehbuch
Anatomy of a Fall
Adaptiertes Drehbuch
American Fiction
Internationaler Film
The Zone of Interest
Animationsfilm
Spider-Man: Across the Spider-Verse
Dokumentarfilm
20 Days in Mariupol
Kamera
Oppenheimer
Visuelle Effekte
The Creator
Kostümdesign
Barbie
Szenenbild
Barbie
Makeup und Haare
Poor Things
Schnitt
Oppenheimer
Ton
Oppenheimer
Musik
Oppenheimer
Song
What Was I Made For? – Billie Eilish (Barbie)

Die 96. Oscar-Verleihung wird in der Nacht von 10. auf 11. März 2024 ab 23:25 Uhr live auf ORF 1, ProSieben und Joyn übertragen.

Oscars

Stefan Csáky / Grainy Day – Der Charme der Langsamkeit

Vorweg ein Hinweis in eigener Sache: Der Csáky und ich, wir kennen (und mögen) einander schon länger. Woher und seit wann genau, wissen wir nicht mehr. Das Wiener Nachtlokal Shelter, das es leider nicht mehr gibt, war eine gemeinsame Heimat, ebenso die Arena, das U4 und das Flex. Überhaupt, der Rock ’n’ Roll, die dunkle Luft, das Oage generell. Zur folgenden Geschichte kam es, weil Stefan für uns Jan Hoša und seine „Do Something Great Society“ fotografiert hat. Er hatte eine seiner alten, schweren Analogkameras mit und nebenbei erwähnt: „Mir taugt’s auch wieder sehr, von diesem Null und Eins der digitalen Welt wegzugehen und zu den Wurzeln des Handwerks zurückzukehren.“ Wir haben darüber nachgedacht, wie eine Geschichte über ihn und seine wieder erwachte Leidenschaft für analoge Fotografie ausschauen könnte, und er hat gesagt: „Komm‘ ins Studio, ich fotografier dich und dabei erzähl ich dir, worum es geht …“

Klack!

Der satte, mechanische Verschluss der Blende steht am Ende einer unveränderlichen Abfolge notwendiger Handgriffe, die exakt eine Minute und 40 Sekunden gedauert hat. Und es ist der krönende Abschluss eines Prozesses, der zuvor eine gute halbe Stunde in Anspruch genommen hat (und noch mehr, wenn man Stefan Csákys Vorbereitung im heimischen Dunkelzelt einberechnet, wo er einzelne Filmblätter – je zwei Stück pro Magazin – händisch in eine Halterung einschieben musste). „Analoge Fotografie entschleunigt“, sagt der 52-jährige Wiener. „Sie fordert aber nicht nur meine vollständige Achtsamkeit, sie verlangt auch von den Menschen vor der Kamera einen klaren Fokus auf den Moment. Wir müssen uns miteinander beschäftigen, um gemeinsam zu einem schönen Ergebnis zu kommen.“

Selbstportrait Stefan Csáky
Stefan Csáky © Stefan Csáky

Eine Art Revolution

Stefan Csáky ist Fotograf aus Leidenschaft. Natürlich, sagt er, arbeitet er auch mit modernstem Digital-Equipment; in vielen Bereichen bringt es durchaus große Vorteile mit sich. Aber seine Liebe gilt eben der analogen Fotografie – und das nicht nur aus Sentimentalität. „So habe ich das Fotografieren erlernt. So habe ich das Handwerk schätzen gelernt. Ich mag das Haptische!“ Und er mag die Philosophie, die überraschenderweise dahintersteckt. „Analoge Fotografie ist eine Form der Revolution gegen unser modernes Gesellschaftsmodell. Heute muss in allen Lebensbereichen immer alles schneller funktionieren. Alles muss sofort fertig und immer und überall verfügbar sein. Und gleichzeitig ist nichts mehr richtig fassbar. Analoge Fotografie ist langsam und aufwendig. Sie ist ein Gegenentwurf zum permanenten Druck. Sie ist ein Aufbegehren gegen die Digitalisierung unseres Lebens.“

Aura der Wertigkeit

Für unser Porträt (eine Hommage an den Sänger Paul Westerberg) schleppt Stefan Csáky seine gut 70 Jahre alte Linhof Technika V ins Studio, in den Keller des Photo Clusters in Wien 7. Seine „Big Mamacita“, wie er die Kamera liebevoll nennt, ist eine massive, robuste Großformatkamera. Sie ist so schwer, dass sie zum Fotografieren auf einem Stativ befestigt werden muss. Kein Plastik, keine Elektronik, keine Sensoren, kein moderner Schnickschack. Natürlich kein Autofokus. Um scharfzustellen, schlüpft er unter ein schwarzes Tuch und begutachtet sein Motiv, das auf der rückseitigen Mattscheibe der Kamera nicht nur auf dem Kopf steht, sondern auch noch spiegelverkehrt dargestellt wird – durch eine Lupe. „Eigentlich“, sagt Stefan Csáky, „sind diese Dinge unglaublich simpel aufgebaut. Vorne wird eine Optik aufgesteckt, hinten kommt der Film hinein. Fertig.“

Und doch umgibt diesen Apparat (ebenso wie eine ähnlich alte japanische Mamiya, die er zur Sicherheit ebenfalls mitgebracht) eine ganz besondere Aura. Eine Aura, die weit über das verklärte Sehnen nach einer besseren Zeit hinausgeht. „Du spürst die Wertigkeit eines Objekts, bei dem vor vielen Jahren jedes Teil mit Liebe zum Detail und höchsten Qualitätsansprüchen hergestellt wurde. Diese Kamera geht einfach nicht kaputt. Und wenn doch etwas passieren sollte, kannst du auch heute noch Einzelteile reparieren oder austauschen lassen.“

Redakteur Hannes Kropik steht Modell für Stefan Csáky
Redakteur Hannes Kropik steht Modell für Stefan Csáky © Dino Rekanović/Photo Cluster
Foto Hannes Kropik © Stefan Csáky
Hannes Kropik © Stefan Csáky

Von der Vision zur Realität

Stefan Csáky verdient sein Geld seit knapp 30 Jahren als Fotograf. Begonnen hat der begeisterte Extremsportler als einer der ersten Snowboard-Fotografen, später zählte er zu den führenden Mode- und Werbefotografen des Landes. „Wobei ich sagen muss, dass mich die Mode selbst nie interessiert hat. Mir war vollkommen egal, ob die Models Gewand von Louis Vuitton oder H&M anhatten. Ich hätte es wahrscheinlich nicht einmal unterscheiden können. Mir ist es immer nur ums Fotografieren selbst gegangen. Und darum, miteinander meine Vision von einem guten, interessanten Foto Realität werden zu lassen.“

Dabei hat Stefan Csáky keine formale Ausbildung genossen. Auf der Graphischen, der Höheren Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt, hat er nach der Matura die Aufnahmeprüfung versemmelt. „Das Jahr in Friedl Kubelkas Schule für künstlerische Fotografie war sehr spannend. Aber da ging es in erster Linie um konzeptionelle Kunstfotografie, und ich wollte doch eigentlich nur Porträts fotografieren …“

Aus Liebe zum Makel

Ursprünglich wollte Stefan Csáky seinem Großvater nacheifern und Arzt werden, doch das Medizinstudium war Anfang der 1990er-Jahre vollkommen überlaufen. „Ich habe es drei Semester lang versucht, aber diese komplett überfüllten Hörsäle waren nicht meine Welt, das Fotografieren hingegen schon. Meine erste richtige Kamera war eine Pentax Super A, die mir mein Vater geschenkt hat.“

Zum Learning by Doing gehörten für den fotografischen Autodidakten viele, viele Stunden in der Dunkelkammer. „Ich habe es geliebt, meine verkaterten Sonntagnachmittage damit zu verbringen, Negative zu entwickeln und Fotos zu vergrößern. Mich hat dieser gesamte Prozess fasziniert – und das tut er immer noch!“

Was ihn außerdem begeistert, ist das Unperfekte in der analogen Fotografie. „Diese Filme haben von Haus aus eine Körnung, die wir bei digitalen Fotos als Makel wahrnehmen würden. Und sie können nicht so viele Nuancen bei Licht und Schatten abbilden wie es Digitalkameras können. Aber gerade dieser klassische ‚cineastische‘ Stil hat aus meiner Sicht viel mehr Charme als die glatte und deshalb zu einem gewissen Grad seelenlose Digitalfotografie. Analog entspricht unseren Sehgewohnheiten. Analog schmeichelt unseren Augen.“

Foto Monki Diamond - Tattoo Artist
Tattookünstlerin Monki Diamond © Stefan Csáky

Bei der analogen Fotografie musst du dich von Anfang an konzentrieren. Du kannst Fehler – etwa bei der Belichtung – nachträglich viel schwerer korrigieren. Du kannst dich nicht durchschummeln. Und das gefällt mir.

Tattoo Artist Steve Littlefingers
Tattookünstler Steve Littlefingers © Stefan Csáky

Ein Blick hinter die Augen

Einen wesentlichen Unterschied zwischen analoger und digitaler Fotografie können wir an dieser Stelle mit einem plumpen „Klasse statt Masse“ zusammenfassen. „Digital schießt du wahnsinnig schnell dutzende, vielleicht hunderte Bilder hintereinander. Und du weißt, da werden schon ein paar sehr gute dabei sei – und notfalls kannst du sie am Computer immer noch nachbearbeiten und durch irgendwelche Filter jagen. Bei der analogen Fotografie musst du dich von Anfang an konzentrieren. Du kannst Fehler – etwa bei der Belichtung – nachträglich viel schwerer korrigieren. Du kannst dich nicht durchschummeln. Und das gefällt mir.“

Analoge Fotografie verlangt aber auch vom Menschen vor der Kamera eine intensive Beschäftigung mit sich selbst. „Du musst wissen, wie du dich präsentieren willst. Denn wir machen eben nur ein oder zwei Fotos. Vielleicht zehn. Auf jeden Fall hilft es uns beiden, wenn wir uns vorher darüber unterhalten, wie das gewünschte Bild aussehen soll. Das macht die Zusammenarbeit zwischen Fotograf und Model viel persönlicher.“

Stefan Csáky versteht sich selbst nicht als Künstler. „Ich habe immer sehr viel Respekt vor der Kunst gehabt, und sehe mich lieber als kreativen Handwerker.“ Mit seinen Bildern will er vor allem den wahren Charakter der Menschen vor seiner Kamera herausarbeiten. „Ich will nicht großspurig vom ‚Spiegel der Seele‘ sprechen, das wäre mir zu esoterisch. Aber durch ein gelungenes Foto, ein gutes Porträt, kannst du ein wenig hinter die Augen einer Person schauen und als Betrachter eine Ahnung von diesem Menschen bekommen.“

Analogfoto Heinz Fischer
Alt-Bundespräsident Heinz Fischer © Stefan Csáky

Kreative Subkultur

Kommerziell wird die analoge Fotografie neben der günstigeren, schnelleren Digitalfotografie in Zukunft nie mehr als eine Nische für Liebhaber sein. „Aber es entsteht gerade eine kreative Subkultur, von der es nicht mehr viele gibt. Es fasziniert mich auch zu sehen, wie viele junge Leute, wie viele Influencer und Content Creators gerade wieder mit analogen Kameras durch die Stadt laufen. Sie haben erkannt, dass sie einen klassischen Look erzeugen können, ohne irgendwelche digitalen Filter zu verwenden.“

„Letztendlich“, sagt Stefan Csáky, „geht es ja gar nicht darum, einer längst verlorenen Zeit und Kultur hinterher zu jammern. Aber wir können uns unserer Tradition bewusst sein und uns auf unsere handwerklichen Fähigkeiten besinnen. Ich denke oft an das Sprichwort, wonach man nicht der Asche huldigen, sondern die Flamme weitertragen soll.“ Für die analoge Fotografie ist Stefan Csáky Feuer und Flamme.

Foto Friedensnobelpreisträgerin Jody Williams
Friedensnobelpreisträgerin Jody Williams © Stefan Csáky

Stefan Csáky verpasste als Windsurfer mit einer Geschwindigkeit von exakt 50,0 Knoten, umgerechnet 92,6 km/h, bei der Lüderitz Speed Challenge 2018 in Namibia den österreichischen Rekord nur um 0,2 km/h. Wenn der Katzenfreund nicht mit irgendwelchen Sportgeräten draußen am Wasser herumtobt, arbeitet er als Fotograf mit Homebase in Wien.

Grainy Day – Stefan Csáky

Barbie, heul leise! Kommentar

Snub. Eines der häufigsten Wörter der letzten Jahre in der Medienbranche. „An act of rebuffing or ignoring someone or something“, weiß das Oxford Dictionary, also die Zurückweisung oder das Ignorieren von etwas oder jemandem. Eine gar nicht so feine reziproke Spielart des ständigen Offended-Seins, das in praktisch allen Bereichen des Lebens um sich greift. Da, wo passende Gefühle als Moralkompass einfacher zu handhaben sind als unangenehme Fakten. Wenn einem also eine Jury-Entscheidung nicht recht ist, wird eben jener Jury ein bösartiger Snub unterstellt. Zum wohl aktuellsten Beispiel zählen die Nicht-Oscar-Nominierungen von Margot Robbie als Leading Actress und Drehbuchautorin und Regisseurin Greta Gerwig als Best Director, beide für den Film Barbie, was die aufgeregte, systematische Misogynie witternde Interneteria dabei noch mehr zur Rage treibt. Ausgerechnet für die Rolle des Ken, der im Film toxisches Patriarchat etablieren will, wurde Ryan Gosling als Best Supporting Actor nominiert – ganz klar aus Sicht der Couchposter, TikToker und sonstigen Filmexperten. Die alten, weißen Männer haben es sich in Hollywood wieder mal gerichtet und vergönnen Frauen rein gar nichts. Was für ein Unfug!

Zahlen lügen nicht – oder doch?

Das oft angeführte Argument, acht Oscar-Nominierungen für den finanziell erfolgreichsten Film des Jahres stehen in keinem Verhältnis zu dem für 13 Nominierungen dritteinträglichsten Film des Jahres Oppenheimer ist völliger Quatsch. Wenn dem so wäre, müsste sich der zweiterfolgreichste Film des Jahres ja bei gefühlten zehn Listenplätzen einpendeln. Jedoch: The Super Mario Bros. Movie ist für gar keinen Oscar nominiert. Man sieht also schon, wie schnell solche Debatten peinlich werden können, wenn man Wunsch und Wirklichkeit vermengt. Die übrigens an Nominierungen fast gleichauf liegenden Filme Killers of the Flower Moon (10) und Poor Things (11) lassen die Diskrepanz zwischen Award-Tauglichkeit und Einspielergebnis noch weiter aufklaffen. Mit Platz 46 respektive 83 im weltweiten Boxoffice-Ranking liegen die beiden nämlich weit hinter – bei Filmpreisen chancenlosen – Cringe-Festivals wie Fast X (Platz 5) oder Meg 2: The Trench (Platz 19).

Sinnerfassendes Lesen

Abgesehen von den schnöden Zahlen sorgen aber vor allem die in der allgemeinen Empörung gerne unter den Teppich gekehrten positiven Faktoren für eine verzerrte Wahrnehmung. Fakt: „Barbie“ ist als einer von zehn Filmen unter hunderten in die letzte Auswahl als „Best Picture“ gekommen, quasi der Grand Prix des Abends. Per Definition also der Film, der der Academy subjektiv am besten gefallen hat. Dieser Preis wird an die Produzent*innen verliehen. Und siehe da: In diesem Quartett finden sich nicht nur zwei männliche Filmschaffende, sondern auch Robbie Brenner, die weibliche Präsidentin von Mattel Films sowie die angeblich so – jetzt kommt’s – gesnubbte Margot Robbie. Auch die teilweise beklagte Nominierung von Greta Gerwig in der gegenüber bestes Originaldrehbuch vermeintlich geringeren Kategorie bestes adaptiertes Drehbuch ist unnötige (und sachlich falsche) Kritik, denn es handelt sich um eine Form des Drehbuchs, bei dem das Skript auf einer zuvor veröffentlichten Publikation beruht. Nun, Barbie-Puppen und ihr zugehöriger Lore sind seit 1959 etabliert, vom Originalstoff sind wir da trotz der durchwegs genialen Interpretation weit entfernt.

Es kann nur eine(n) geben

Bleiben also nur noch die höchst strittigen Kategorien, wo es um große Emotionen, schwer quantifizierbare Handwerkskunst, Publikumsreaktionen und vor allem um eine unschätzbare Steigerung des Marktwertes von Personen in Tinseltown geht. Oscars für bestes Schauspiel oder die beste Regie. Und hier gilt, mehr als in allen anderen Disziplinen, das alte Sprichwort: „Das Glück is a Vogerl.“ Jedem ist die Jahre und fünf Nominierungen dauernde Durststrecke von Leo DiCaprio bis zum begehrten Gewinn des Goldmännchens als bester Mime ein Begriff. Pipifax freilich gegen den großen Peter O’Toole oder auch Glenn Close, die mit je acht Nominierungen und null Siegen ein ganz anderes Lied sangen. Kein Grund zum Jammern also für die erst 33-jährige Margot Robbie. Sie konnte bisher dank ihres Talents sowieso schon zwei Nominierungen einheimsen, allerdings für weit forderndere Rollen. Denn sind wir uns ehrlich: Mit ihrem von Natur aus bezaubernden Aussehen musste sie weit weniger Aufwand in die Rolle der stereotypischen Barbie investieren als die fünf dieses Jahr tatsächlich nominierten Schauspielerinnen. Kurz und gut: Die waren handwerklich einfach einen Ticken mutiger und besser. Was übrigens auch auf den eingangs erwähnten Ryan Gosling in der Rolle des Ken zutrifft. Als üblicherweise waschbrettbäuchiger Beau und wahlweise harter oder zarter Leading Man nuanciert in die Rolle eines ziemlich einfach gestrickten Sidekicks zu schlüpfen, ist schon großes Kino. Und eine kleine, feine Notiz am Rande: Die oft wegen des offenen Jugendwahns in Hollywood bemängelte Praxis, Schauspielerinnen jenseits der Vierzig auf Abstellgleis zu schieben, wird im zwei Mal nominierten Nyad Lügen gestraft. Annette Bening (65) und Jodie Foster (61) geben sich hier in Schwimmkleidung ein völlig natürliches Stelldichein und spielen als nominierte Haupt- bzw. Nebendarstellerin so manches junge Pupperl an die Wand. Just saying.

Filmstill aus "Barbie" mit Ryan Gosling als Ken
© 2023 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. / Jaap Buitendijk

Das oft angeführte Argument, acht Oscar-Nominierungen für den finanziell erfolgreichsten Film des Jahres stehen in keinem Verhältnis zu dem für 13 Nominierungen dritteinträglichsten Film des Jahres ‚Oppenheimer‘ ist völliger Quatsch.

Ein Funken Wahrheit

Letztlich muss aber auch ich alter, weißer Mann dem „Snub! Snub!“ Gemotze in einer Sache recht geben. Denn Greta Gerwig nicht als Best Director zu nominieren, den guten, alten Scorsese Martin für sein Epos „Killers of the Flower Moon“ aber schon, ist völlig unbegreiflich. Denn so wichtig und richtig dieser Film rund um die abscheuliche Ausbeutung der Ureinwohner der USA in der Pionierzeit auch ist, es ist gänzlich uninspiriertes More-Of-The-Same des Altmeisters. Klar holt er wie immer aus Leo das Maximum heraus, dirigiert die bis dahin kaum bekannte Lily Gladstone vom Stamm der Blackfeet zum wahrscheinlich ersten Oscar für eine indigene Schauspielerin (mark my words!) und setzt natürlich auch seinen zugkräftigen alten Spezl Robert de Niro vor die Kamera. Aber das alles zu routiniert, zu sehr – wenn auch handwerklich einwandfrei – Malen nach Zahlen. Im Gegensatz zur sensationell erfrischenden Art, in der Gerwig ihre rosarote Vision umsetzt und dabei nicht nur Ryan Gosling, sondern auch America Ferrera zu höchst mitreißenden Performances motiviert. Eine Entscheidung, die gänzlich unverständlich ist und auch mich dann, trotz der abzusehenden Übermacht von „Oppenheimer“ in der Oscarnacht ein wenig für „Barbie“ leise weinen lässt.

„Barbie“, der erfolgreichste Kinofilm des Jahres 2023, hat acht Oscar-Nominierungen erhalten, darunter u.a. als Bester Film. Die Tatsache, dass ausgerechnet Schauspieler Ryan Gosling für seine Rolle als Ken nominiert wurde, Schauspielerin Margot Robbie als Barbie jedoch nicht, sorgt für Diskussionsstoff. Warum Greta Gerwig nicht für die Beste Regie nominiert wurde, wird außerdem heiß besprochen.

Barbie

Oscars

Ina Regen „Ich will Menschen glücklich machen“ 2024

Was ma heut net träumen“ ist eine Textzeile aus einem gleichnamigen Song, den Ina Regen 2021 erstmals veröffentlicht hatte. Warum es gleichzeitig der perfekte Titel für ihr neues Orchesteralbum ist, erklärt sich daraus, wie dieser Gedanke weitergeht. „Was ma heut net träumen“, singt die Dialektinterpretin nämlich, „des wird morgen net wahr.“ Und tatsächlich waren die Aufnahmen mit einem Orchester ein langgehegter Traum, verrät Ina Regen bei Kaffee und Kuchen im Büro ihres Managers. „Das stand auf meiner Bucketlist utopischer Ideen ziemlich hoch oben …“

Raus aus Conchitas Schatten

Die 39-jährige Oberösterreicherin hat einen etwas ungewöhnlichen Karriereweg gewählt. Schon unter ihrem bürgerlichen Namen Regina Mallinger führte die frühere Klosterschülerin ein erfolgreiches Künstlerleben, das auf einer soliden Ausbildung fußte. Nach ihrem Studium des Jazz- und Populargesangs, das sie mit Auszeichnung an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz absolviert hatte, nahm sie Unterricht in Pop- und Musicalstimmbildung sowie als Schauspielerin. Sie war Mitglied und Komponistin der Band Beatcollective und unterstützte als Background-Sängerin namhafte Kolleginnen und Kollegen wie Songcontest-Siegerin Conchita Wurst und Austropop-Urgestein Marianne Mendt.

Unter ihrem Künstlernamen – einer Abwandlung ihres Vornamens – hat sie erst mit der Veröffentlichung ihrer ersten Solo-Single „Wie a Kind“ 2017 gezielt den Weg ins Rampenlicht gesucht. „Das war für mich eine Zäsur, ein neuer Anfang“, erinnert sie sich heute an eine turbulente Zeit, die 2019 mit dem Amadeus-Award für das Album des Jahres gekrönt wurde. „Ich habe früh gewusst, dass ich auf die Bühne will. Ich bin aber auch zu großer Bescheidenheit erzogen worden. Diese Bescheidenheit wiederum ist meinem feurigen Charakter ein bisschen entgegengestanden. Ich musste meine wahre Künstlerpersönlichkeit erst aus mir herausschälen.“

Ein Kindheitstraum erfüllt sich

„Was ma heut net träumen“ (Veröffentlichungstermin: 16. Februar 2024) ist ein künstlerisch komplett überarbeitetes „Best of“ ihrer ersten drei Alben „Klee“ (2018), „røt“ (2021) und „Fast wie Radlfahren“ (2023). „Es gibt aber zusätzlich drei neue Nummern, die speziell fürs Orchester komponiert und geschrieben wurden“, erzählt Ina Regen.

Zur Zusammenarbeit mit dem niederösterreichischen Tonkünstler-Orchester kam es nach einem gemeinsamen Auftritt bei einem Charity-Event für die Organisation Cape 10 im Sommer des Vorjahres. „Sie waren von diesem gemeinsamen Abend so begeistert, dass sie mich spontan zur Zusammenarbeit im Studio eingeladen haben.“

Für Ina ist damit nicht weniger als ein Kindheitstraum wahr geworden. „Meine früheste musikalische Prägung war das Musical ‚Elisabeth‘, das ich auf einer Kassette meiner Schwester immer und immer wieder gehört habe. Was mich daran so fasziniert hat, war nicht nur der Gesang und die Geschichte, die erzählt wird, sondern auch das orchestrale Klanggewand, das trotzdem noch so spielerisch mit der Popmusik kokettiert. Dass ich jetzt selbst in diese Klangwelt eintauchen darf, gibt mir das Gefühl, als ob sich hier ein Kreis schließt.“

Grundsätzlich optimistisch

Und so wurde das Orchesteralbum für Ina Regen zum unerwarteten, aber willkommenen Anlass für eine künstlerische Zwischenbilanz. „Vor allem, als ich ‚Wie a Kind‘ neu eingesungen habe, sind so viele Bilder, so viele Erinnerungen in mir hochgekommen. Nicht zuletzt, wie es dann all die, die mir vorhin prophezeit haben, wie schwierig alles wird, es dann eh schon immer gewusst haben …“

Noch mehr gilt ihr „grundsätzlich optimistischer“ Blick in die Zukunft. „Vielleicht ist dieses Projekt nach drei Studio-Alben wieder eine notwendige künstlerische Zäsur. Auf jeden Fall hat mich die Arbeit mit dem Orchester sehr neugierig gemacht, was als Nächstes kommen könnte. Ich fühle mich befreit und sehr inspiriert. Es eröffnen sich gerade viele neue Räume für neue Ideen.“

Next Stop: Death Metal?

„Aber könnten Sie sich überhaupt vorstellen, in einer anderen Sprache als im vertrauten heimatlichen Dialekt zu singen?“ „Ich bin nicht mehr so dogmatisch wie früher“, sagt Ina nach einer kurzen Nachdenkpause. „Soweit ich rational denken kann, bin ich sicher, dass ich meinen künstlerischen Ausdruck immer im Dialekt finden werde.“

Und dann taucht wieder dieses freche Blitzen in Inas Augen auf, gefolgt von ihrem ansteckenden, mitreißenden Lachen. „Aber ich genieße mein Leben in einem Möglichkeitsraum, in dem ich alles darf. Und deshalb kann ich mir schon vorstellen, dass es mich einmal in Richtung englischsprachiges Death-Metal-Album zieht.“

Portraitfoto Sängerin Ina Regen 2024
© Carina Antl

Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Ein Herz sagt: Musik muss gar nichts, sie darf reiner Selbstzweck sein. Doch das andere weiß: Für mich persönlich war die Musik immer ein heilbringender Ort, an dem alles gut ist.

Am Wendepunkt

Künstlerisch emanzipiert hat sich Ina Regen jedenfalls längst. Um ihre Ideen unabhängig und selbstbestimmt ausleben zu können, hat sie ihr eigenes Label – Nannerl – gegründet und darauf 2023 ihr jüngstes Studio-Album „Fast wie Radlfahrn“ veröffentlicht. „Ich habe im Lauf der Jahre immer mehr verstanden, dass meine Kreativität von einer verspielten Impulsivität und einem unbeirrbaren Bauchgefühl genährt wird.“

Dass sie ihr Label nach der älteren Schwester von Wolfgang Amadeus Mozart benannt hat, ist natürlich kein Zufall. Denn Maria Anna Mozart, so ihr voller Name, galt ebenfalls als hochtalentierte Pianistin, wurde aber – anders als ihr Bruder – vom Vater nicht gefördert, sondern in Richtung ehelicher Haushaltsführung gelenkt. „Ich hatte das Glück, in eine andere Zeit als ‚Nannerl‘ hineingeboren worden zu sein. Aber die Relikte dieser alten Gesellschaftsordnung spüren wir heute immer noch.“

Ina Regen, die wohlbehütet in einem katholisch geprägten Elternhaus aufgewachsen ist, weiß ihre Privilegien, wie sie sagt, durchaus zu schätzen. „Wir leben an einem Wendepunkt der Geschichte. Es ist noch nicht so lange her, dass Frauen nicht einmal studieren, geschweige denn wählen durften. Ich bin dankbar, dass ich so eine Art Fackelträgerin sein und den gesellschaftlichen Wandel vorantreiben darf. Ich bin dankbar, als Musikerin einen Beruf ausüben zu dürfen, in dem ich mich frei entfalten darf.“

Zwei Herzen schlagen

Musik, sagt Ina Regen, hat jedenfalls einen enorm großen Stellenwert in ihrem Leben. „Jede Künstlerin, jeder Künstler macht die Musik, die genau das in die Welt bringt, was sie für sie oder ihn selbst bedeutet. Meine Musik reflektiert, wie ich lebe und was ich erlebe. Und sie zeigt, wie ich die Welt sehe, nämlich mit dem sehnlichen Wunsch, dass jeder Mensch einen Beitrag für unser aller Zukunft leistet.“

Deshalb möchte sie mit ihrer Musik ihre Zuhörerinnen und Zuhörer unterstützen, auch selbst die Kraft zu finden, die Welt ein Stück weit zu verbessern.“ Und doch will Ina Regen der Kunst nicht zu viel Verantwortung aufladen. „Es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Ein Herz sagt: Musik muss gar nichts, sie darf reiner Selbstzweck sein. Doch das andere weiß: Für mich persönlich war die Musik immer ein heilbringender Ort, an dem alles gut ist.“

Das Schöne weitergeben

Die Musik ist aber nicht nur für sie selbst ein Quell inspirierender Kraft. Sie ist für Ina Regen eine willkommene Möglichkeit, sich für andere Menschen und deren Nöte und Bedürfnisse zu engagieren. Deshalb unterstützt sie immer wieder Benefizaktionen und Einrichtungen wie das oben angesprochen Cape 10. „Ich habe immer das Gefühl, dass ich etwas von dem Schönen, das mir durch die Musik zuteilwird, an andere Menschen weitergeben kann.“

Als erfolgreiche Sängerin, deren ersten beiden Alben in Österreich Platz 1 der Hitparade eroberten, weiß Ina Regen, dass ihr Engagement beachtet wird. „Mir ist bewusst: Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf ein Thema lenke, dann erzeugt das einen Verstärkungseffekt. Im Optimalfall gelingt es mir, auch meine Fans für bestimmte Gedanken und Ideen zu interessieren. Zum Beispiel, wenn ich die Frauenhäuser unterstütze. Viele Menschen können sich ja gar nicht vorstellen, dass häusliche Gewalt leider so oft zum Tagesprogramm gehört.“ Ina Regen will ihre Musik und ihr Talent eben nutzen, um die Welt in einen besseren Ort zu verwandeln. „Ich will die Menschen einfach glücklich machen.“

Sängerin Ina Regen in Grafenegg Live
© Gerd Schneider

Ina Regen, 1984 unter ihrem bürgerlichen Namen Regina Mallinger geboren, ist in Gallspach, im oberösterreichischen Hausruckviertel aufgewachsen. Sie war Ministrantin und besuchte eine Klosterschule. 2017 veröffentlichte die Dialektsängerin, im Alter von 33 Jahren, ihre erste Solo-Single „Wie a Kind“ unter ihrem neuen Künstlernamen. „Was ma heut net träumen“, ihr neues Album mit dem Tonkünstler-Orchester erscheint auf ihrem eigenen Plattenlabel.

Ina Regen